Archiv März, 2007

Dazu!

Mrz
27

Wütend stand er vor dem Spiegel, sah sich selbst in die Augen und je länger er sich selbst betrachtete umso größer wurde die Wut.
Wo zum Teufel ist die Zeit hin?
Die Fragen donnerten durch seinen Kopf, ließen ihn nicht zur Ruhe kommen, zogen Bahnen in seinen Gedanken und egal, worüber er nachdachte, egal, mit welchem Thema er sich beschäftigte, alles lief auf ein und dieselbe Frage hinaus: Wo ist die Zeit hin?
Verloren, vergangen, weg, nicht mehr da, dahin!
Scheiße!
Er musste sich selbst disziplinieren, um nicht durchzudrehen, denn jeder Versuch diese Frage zu beantworten, mündete in der nächsten, die weitaus schlimmer schien als die erste: Wozu?
Wozu das alles?
Nichts gewonnen und auch nichts verloren, auf den ersten Blick zumindest.
Hatte er nicht alles, was er brauchte oder brauchte er so wenig oder ist das, was er brauchte, nicht das was er hatte, doch er hatte alles, wenn er sich umsah. In der Theorie.
Die Theorie versagt an der Praxis, sie scheitert am Leben, am Sein! Alles ist theoretisch möglich, doch ist nicht praktisch, praktikabel, machbar, umsetzbar, realistisch. Lebbar.
Kann man etwas analysieren, wenn es eigentlich nicht zu analysieren ist? Kann man das Leben rational erklären? Gibt es eine Logik im Handeln eines Menschen? Lassen sich Emotionen mathematisch darstellen? Kann man einen Beweis für das Dasein führen?
Eindeutige Lösungen, nein eineindeutig.
Eine Lösung.
Und dann?
Ein Ergebnis mit dem man nichts anfängt, aber ein Ergebnis. Welch glorreiche Errungenschaft des Denkens!
WOZU?
Seine Blicke schweifen über seine Besitztümer, sein Eigentum und er sieht nichts als Objekte der Vergänglichkeit. Nützlich, hübsch und wertvoll. Absolut wertlos, beim näheren hinsehen.
Objekte des Neides anderer Personen, die gerne hätten, was sie nicht haben, nur um zu besitzen, damit sie eine Definition ihrer selbst finden in einem Raum aus Käuflichem.
Er muss lachen. Es ist lächerlich.
„Sie haben keine Ahnung, was sie mir neiden! Sie wissen nichts! Laufen nahezu abstrusen Zielen hinterher, deren Bedeutung ihnen selbst manchmal nicht klar ist. Welch Primitivität, je länger man darüber nachdenkt. Aber sie laufen!“
Sie laufen ohne zu denken, sie tun ohne sich darum zu scheren was sein wird, Konsequenz als Fremdwort, nein als Unwort. Die große Unbekannte. Streich die verschissene Variable aus der Gleichung und so wird halt aus 1x = 1 dann ist 1 = 1 und wenn nicht, dann ist x = 1. Wen kümmert es schon und welche Bedeutung hat schon x! Zwei Striche.
Wo ist sie hin?
Kann man Zeit damit verbringen über die Berechtigung einer Variablen in einer Gleichung nachzudenken? Hat sie eine Daseinsberechtigung und wenn ja, welche?
Zeitverschwendung, wenn man am Ende feststellt, dass die Gleichung keinerlei Relevanz hatte. Gleichung gelöst und das Ergebnis ist eindeutig nichts sagend, unwichtig, uninteressant, gefällt nicht. Aber gelöst. Wie beruhigend. Ende.
Wozu?
War da nicht noch etwas? Eine Ungereimtheit, etwas übersehen vielleicht. Nein, nichts. Rational betrachtet Nichts. Trotzdem ist Nichts etwas oder nicht? Wenn aber Nichts ist, dann muss zwangsläufig etwas da gewesen sein, das zu Nichts werden konnte, aber wann ist das passiert und wieso? Was will man denn mit Nichts, wenn man scheinbar alles hat? Nichts! Nichts zu haben, nichts zu brauchen, nichts zu wollen, nichts zu wünschen, nicht zu fühlen, nicht zu sein!
Verfluchte Scheiße, wo ist sie hin?
Macht es Sinn etwas zu verstehen, zu erklären, was man nicht ist nur um zu wissen? Ein nutzloses Wissen, wenn es keine Anwendung findet. Im ersten Moment.
Wozu?
Einer Erkenntnis reicher zu sein ist Reichtum, ist Erfahrung, ist der Beweis gelebt zu haben ohne Bewertung des Lebens selbst.
Genau hierzu!
Da ist sie hin!
Einen Verlust verspürt man doch erst dann, wenn man zuvor etwas besessen hat. Besitz verpflichtet und Verpflichtungen schränken ein und Einschränkungen hindern einen, sie beschränken, Beschränkungen bedeuten Verzicht!
„Wo ist sie hin?“ ist die falsche Frage!
Auf was hast du verzichtet?
Auf was hast du die ganze Zeit verzichtet und wozu?
Mit einem Schmunzeln griff er zu Autoschlüssel und Geldbeutel. Jetzt!

(für C.H.)


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Beruhige Dich, Gewissen!

Mrz
27

Starr den Blick zur Decke, so lag er schon seit Stunden da und dachte über die letzten Monate nach, in denen er Entscheidungen getroffen hatte, weil er sie treffen musste, aber nicht wollte.
War es richtig gewesen? Hatte er wirklich das getan, was zu tun gewesen war?
Er wusste es nicht und was viel schlimmer war, er würde es so schnell nicht erfahren, wahrscheinlich nie.
Alles, was ihm nun geblieben war, war sein Gewissen, das er so lange, wie es ihm nur möglich war geschützt hatte. Er wollte keine Schuldgefühle, er wollte auch keine Angst, keine Vorwürfe.
Keiner war da gewesen um ihn zu bestätigen in seinem Handeln. Keiner wollte diese Entscheidungen treffen.
Es fühlte sich an wie freier Fall ohne den Boden zu sehen und neben dir eine Stimme, die immer und immer wieder fragt: „Wie und wann möchtest du aufschlagen?“
„Beruhige dich!“ war das einzige, was er sich entgegnen konnte in dem Irrgarten aus Fragen, die gegen sein Hirn schlugen im Rhythmus seines Herzens.
Die Scheuklappen wollten nicht helfen und so schloss er die Augen um das zu sehen, was er nicht wollte.
Die Tränen liefen wie heißes Wasser über die Wangen, als er es schreien hörte. Er konnte es nicht schützen und es drang in seine Gedanken mit all seinen Zweifeln und Vorwürfen.
„Hast du richtig entschieden? Du hättest warten sollen!“
„Nein, ich konnte nicht warten. Sie wollten die Entscheidung. Ich musste was tun!“
„Du weißt aber gar nicht, ob dies nicht voreilig war!“
„Du doch auch nicht, also schweig!“
Und so ging es und schwieg, denn es wusste es wirklich nicht, aber es wanderte unablässig in seinen Gedanken und brannte Furchen in seine Seele und so lag er ausgemergelt auf dem Bett und hörte auf die Vorwürfe seines Ichs, die ihn fallen ließen in die Bodenlosigkeit des Zweifels.
„Beruhige dich, Gewissen!“
„Ich kann nicht!“
Dann schlug er auf und die Stille dröhnte in seinen Ohren, aber es schwieg.
(Für K.K.)


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Der nutzlose Wunsch

Mrz
27

Letztendlich nur eine Zahl auf dem Papier. Schwarz auf weiß. Viele Nullen. Nüchtern betrachtet zu viele Nullen.
Wie kann denn eine Ziffer mit dem Wert Null eigentlich eine große Menge definieren? Je mehr Nichts, umso mehr von Etwas. Ihre Gedanken schweiften ab.
Abwesend ließ sie das Schreiben samt Umschlag auf den Wohnzimmertisch fallen, genauso wie den Autoschlüssel. Die Handtasche landete auf dem Boden, blieb neben den dort ausgezogenen Schuhen liegen. Die Jacke des Business-Kostüms landete auf einem der Stühle.
Langsam bewegte sie sich durch die dämmerige Wohnung. Sie wollte kein Licht machen, den Fernseher nicht laufen lassen, kein Radio, nichts. Stille.
Fast schon in Trance griffen ihre Hände in der Küche nach der Kühlschranktür, zogen die Flasche Weißwein heraus, griffen nach der Schublade, dem Flaschenöffner. Alles passierte automatisch, wie gesteuert, während sie vor dem geistigen Auge das Schreiben der Versicherung sah.
Mit der geöffneten Weinflasche kehrt sie ins Wohnzimmer zurück. Ein Glas aus der Vitrine, das Schreiben in der anderen Hand, fällt es ihr schwer die Balkontür zu öffnen.
Abendluft.
Solche Abende gibt es nur im Spätsommer, warme Luft in der immer früher einsetzenden Dämmerung, gemischt mit der ersten Kühle des Herbstes. Aromen von Laub und Ernte.
Die Welt steht.
Langsam lässt sie den Wein aus der Flasche in das filigrane Glas fließen.
Die Welt steht.
Die hölzerne Bank ist bequem, die Lektüre umso weniger. Schnell führt sie das Glas an die Lippen, nimmt einen tiefen Schluck. Säuerlicher Geschmack im Mund.
„Bitter wäre angebrachter!“, schießt es ihr durch den Kopf.
Wieder muss sie die Zeilen lesen, wieder betrachtet sie die Ziffern auf dem Papier. So viele Nullen. Eine unwirkliche Zahl. Viele Nullen hinter einer „2“. Die Summe ist zu groß, auch wenn sie zu klein ist. Es sind nur Ziffern. Ziffern, die einen Wunsch niemals erfüllen wollten. Es hat immer an den Nullen gemangelt. An Nullen ist es gescheitert. Unerfüllter Lebenswunsch, Lebenstraum, nur wegen Nullen. Nullen auf Papier.
Wie oft hatte sie gesagt, dass es nicht weiter schlimm ist? Wie oft hatte sie getröstet? Wie oft hat sie aufgemuntert und gut zugesprochen? Von neuen Chancen erzählt.
„Wenn nicht dieses, dann ein anders. Warte doch mal ab. Sei nicht traurig. Ihr findet bestimmt eins. Es ist doch jetzt wirklich nicht so tragisch. Das nächste Mal klappt es mit Sicherheit!“
In ihrem Kopf führt sie wieder die alten Gespräche, sieht wieder in das traurige und enttäuschte Gesicht. Sieht den Frust und das Unglück in den Augen und versteht es nicht.
War nicht ihr Traum. Vielleicht deswegen.
Noch ein Glas.
Geleert.
Noch eins!
Das Papier in ihren Händen zittert. Wieder schaut sie auf die Zahlen, die Ziffern, die Nullen. Verdammt seien die Nullen, verdammt sei der Wert. Verdammt sei das ganze System dahinter. Nullen. Schwarze Ziffern auf weißem Papier. Nichts wert, einen Wert darstellend, aber selbst nichts wert. Massenbestellung, Massendruck, Massenabfertigung und Massenzustellung. Ein Schreiben mit vielen Nullen, die einst einen Lebenstraum nicht wahr machen wollten.
Jetzt stehen sie da. Schwarz auf weiß.
Wie lange hatte sie diesen Traum verfolgt? Schon immer? So lange wie sie sich daran erinnern konnte. Es ist immer an Ziffern gescheitert.
Der Traum vom eigenen Haus, der eigenen Wohnung mit Garten. Das war ihr Traum gewesen. Jedes Mal wenn es um die Finanzierung ging, haben sie es nicht auf die Reihe bekommen. Irgendwas war immer. Immer wieder haben sie ihre Traumhäuser angeschaut, jedes Mal die Finanzierung rechnen lassen und jedes Mal wollte es nicht reichen. Egal welche Kompromisse man einging.
Jedes Mal war ihre Mutter traurig.
Jedes Mal sprach sie ihrer Mutter gut zu.
Jedes Mal sah sie das Unglück in den Augen ihrer Mutter und jedes Mal tröstete sie.

Nun, hier waren sie. Diese Zahlen, die den Wert eines Lebens angaben. Hier war jetzt die Summe, die man brauchte um den Lebenstraum wahr zu machen. Einer Finanzierung würde nichts mehr im Wege stehen. Der Traum wird endlich wahr. Endlich! Nach so langer Zeit wird der Lebenstraum erfüllt werden können. Keine Einschränkung mehr, nicht mal einen Kompromiss muss man eingehen. Alles wird funktionieren. Nach so langer Zeit kann man endlich diesen einen Herzenswunsch erfüllen. Welch Glück!
„Hey Schatz. Was machst Du hier draußen?“
Die Männerstimme klingt besorgt, aber ruhig.
Mit Tränen in den Augen wendet sich Sonja ihrem Mann zu, schaut langsam hoch in sein Gesicht. Verunsichert betrachtet Rüdiger seine Verlobte.
„Sonja, was ist denn? Was ist passiert? Mit dem Vater alles in Ordnung?“
Stumm reicht sie ihm das Schreiben und während er den Brief liest, füllt sie ihr Weinglas ein drittes Mal.
„Ist das nicht toll? Jetzt kann Mama sich endlich ihren Wunsch vom eigenen Haus erfüllen. Jetzt!“
Rüdiger geht um den kleinen Tisch herum auf dem die halb leere Flasche Wein steht und der Umschlag des Schreibens, setzt sich langsam neben Sonja und legt zärtlich den Arm um sie.
Der Weinkrampf kommt sofort, als sie ihr Gesicht gegen seine Brust drückt, um das laute Schluchzen zu unterdrücken.

Sehr geehrte Frau Fischer,

zum plötzlichen Ableben Ihrer Mutter möchten wir Ihnen unser Beileid aussprechen.

Laut Vertrag vom 01.12.1980 wird im Falle eines Ablebens während der Laufzeit eine garantierte Leistung in Höhe von EUR 100.000,00 fällig.
Auf Grund des Versterbens durch Unfallfolge erfolgt eine Auszahlung der doppelten Summe.

Die Versicherungsleistung in Höhe von EUR 200.000,00 ist bereitgestellt. Bitte teilen Sie uns die Bankverbindung…

Den anderen Arm um seine Frau legend lässt Rüdiger das Schreiben fallen.

(Für S.L.)


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Schmerz

Mrz
27

Hat es wehgetan?
Nein, in diesem Augenblick hat das nicht mehr weh getan, denn alles war Schmerz! Schmerz und Angst. Dieses Gefühl der Machtlosigkeit und Verlust der Kontrolle und Realität.
Wenn alles andere unendlicher Schmerz ist, dann ist das nichts weiter als ein Mückenstich, den man im Schlaf nicht spürt.
Wenn der Schlaf der einzige schmerzfreie Zustand ist, den du spürst, dann ist ein Schnitt lediglich ein kleiner Kratzer. Mehr nicht.
Ein Messer ist nicht scharf. Die Zeit nicht wichtig. Der Ort egal und das Sein unerheblich. Die Welt, wie sie ist, ist nicht. Es ist nur noch panischer Schmerz.
Mit einem Mal ist alles so klar und einfach. Eine Lösung, die durchführbar scheint und es auch ist. Nicht in ein paar Tagen, Wochen, irgendwann. Jetzt und hier und sie ist machbar.
Das Licht ist klar und hell. Der Kopf mit einem Mal auch. Jemand hat einen Schalter umgelegt und die Wirklichkeit ausgeblendet.
Das Messer liegt sicher in der Hand.
Wie einfach es doch geht. Fast nur ein leichter Druck. Die Haut des Handgelenks teilt sich.
Rot ist eine so warme Farbe. Und warm läuft das Rinnsal den Unterarm runter.
Wärme. Was für ein schönes Gefühl nach einer eingebildeten Ewigkeit der lähmenden Panik. So viel schöner als Schmerz. Noch mal und noch mal. Immer wieder!
Ich brauche mehr Wärme. Der Schmerz vergeht langsam. Ganz langsam. Unmerklich.
Die Farbe rot hat viele Nuancen am Unterarm. Wie witzig. Schau den Weg an, den die Wärme nimmt. Sie trifft auf das kalte Weiß unter mir. Warum ist es auf einmal so kalt? Ist Weiß immer kalt?
Wenn doch alles nur so einfach wäre.
Angst? Nein, Angst ist es nicht. Mehr die Sicherheit endlich was getan zu haben. Ein Erwachen aus einer vernichtenden Erstarrung des Nichtstuns.
Das ist gut! Es ist getan!
Dunkelheit ist Endgültigkeit.
Der Schmerz ist weg. Die Wärme auch. Alles ist weg. Alles ist schwarz. Alles steht! Stille kehrt ein. Der Kopf ist leer.
Es ist getan.
Es ist vorbei.
Ich höre meinen Namen.
Was habe ich getan? Oh mein Gott! Was habe ich getan?


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Ignorier mich!

Mrz
26

Fast verloren stand sie in der Halle des Flughafens und wartete. Nervös ließ sie das Band ihres Handys immer wieder durch die Finger gleiten.
Würde er wirklich kommen oder hatte er sie nur auf den Arm genommen?
Plötzlich kam sie sich vor wie ein junges Mädchen, wie damals mit fünfzehn, als sie zu ihrer ersten Verabredung ging.
Jetzt stand sie am Flughafen im teuren Business-Anzug und wartete auf einen Mann, den sie nicht wirklich kannte.
Sie wusste noch nicht mal den wahren Grund, warum sie hier war und noch weniger verstand sie, warum er kommen sollte.
Die Erinnerung an ein kurzes Gespräch schoss ihr durch den Kopf.
„Heute erzähle ich nur Mist“, hatte sie gesagt. „Ignoriere mich einfach.“
Doch noch bevor er überhaupt antworten konnte, hatte sie „Oder küss mich.“ angehängt.
Seine Antwort war einfach und direkt: „Ich nehme das zweite Angebot an.“
Allein beim Gedanken an diesen Gesprächsfetzen musste sie schmunzeln. Hier stand sie nun schon seit 15 Minuten und wartete auf einen Fremden.
Sollte es die pure Neugier sein? Warum rief er nicht an?
Wahrscheinlich war es wirklich nur ein Scherz gewesen und sie hatte sich auf ein Jugendspiel eingelassen. Kopfschüttelnd stand sie da und musste über sich selbst lachen.
Sie wandte sich einem der Hauptausgänge zu. Ein junger Mann erschien in ihrem Blickfeld, der geradewegs auf sie zukam, ohne zu schauen, wohin er lief, er tippte irgendwas in sein Handy, schon wollte sie ihm ausweichen, als sie erkannte, dass er es war und in dem Augenblick klingelte das Telefon in ihrer Hand und ihre Blicke trafen sich.
Beide blieben stehen, in die Augen des Anderen versunken, während er sein Handy ans Ohr hielt und ihres immer wieder eine Melodie spielte, leerte sich die Abflughalle des Flughafens, kein Geräusch war zu hören außer dem Klingeln ihres Telefons.
Er fing an zu schmunzeln.
„Willst Du nicht rangehen?“, fragte die ihr bekannte Männerstimme.
„Willst Du nicht auflegen?“
Nun wusste sie, dass er sie nicht belogen hatte. Er war tatsächlich spontan vorbei gekommen um sie endlich einmal zu sehen.
Geschäftsleute und Reisende liefen an ihnen vorbei, während in regelmäßigen Abständen Durchsagen der Flughafeninfo zu hören waren. Der Flughafen platzte vor Leben, Hektik und Geschäftigkeit an diesem Freitagnachmittag. Jeder wollte nach Hause oder weg.
Ihr Handy verstummte, während sie dastand und seine Augen mit ihrem Blick nicht losließ. Kurz musste sie wegschauen und erneut kopfschüttelnd leise lachen.
„Was ist los?“, wollte er wissen.
„Nichts!“, gab sie ihm vertraut zurück. „Ignorier mich einfach.“
„Deswegen bin ich aber nicht hergekommen.“
Seine Blicke wurden herausfordernd. Er kam ihr näher, sodass sich ihre Gesichter zu berühren schienen, als sie wieder zu ihm aufschaute.
In seine Augen blickend kamen die Worte fast flüsternd über ihre Lippen.
„Dann küss mich!“
Sanft berührten sich ihre Lippen. Sie konnte die Kälte des Herbstes auf ihnen spüren, die er mitgebracht hatte, sie verband sich mit der Wärme ihrer eigenen. Für einen kurzen Moment hielten sie inne und mussten beide lächeln, bevor sich ihre Lippen ein zweites Mal trafen. Erst kaum spürbar, dann mit leichtem Nachdruck. Beide forderten einander heraus, bis sie in einem innigen Kuss versanken, der sie für einige Momente die Welt vergessen ließ, bis sie sich lösten und einander klar in die Augen sahen.
„Ich muss los“, sagte er mit ruhiger Stimme, während er eine Haarsträhne vorsichtig aus ihrem Gesicht nahm.
„Ja. Ich weiß. Muss auch weiter“, gab sie leicht schüchtern und doch verschmitzt zurück.
Sie lösten sich voneinander und verließen nebeneinander die Halle. Die kalte Luft dieses Oktoberabends brachte sie in die Wirklichkeit zurück.
„Wirst du mich nun das nächste Mal ignorieren, jetzt da du weißt, wie es ist?“, wollte sie von ihm wissen.
Noch einmal kam er auf sie zu, berührte liebevoll ihren Mund mit seinen Lippen, bevor er sich endgültig verabschiedete.
„Ich werde dich immer küssen.“


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