Archiv März, 2007

Nachtfahrt

Mrz
26

Mit beiden Händen das Lenkrad haltend, sitze ich neben dir und starre auf die unendlich scheinende Straße. Den ganzen Tag haben wir schon geredet und es wurde nicht langweilig und nun auch noch die Nacht.
Wir reden über Gott und die Welt. Eigentlich reden wir nur über die Welt, über unsere Welt. Wir reden über unsere Welten.
Zeit scheint keine Rolle zu spielen heute Nacht, sie ist irrelevant geworden, wie die Welt da draußen, außerhalb dieses Autos, in dem wir nun sitzen und unsere Herzen einander ausschütten.
Manche Dinge ändern sich nicht. Vor mehr als zehn Jahren haben wir so die Nächte verbracht. Haben geredet, die Welt bestaunt, die Menschen in ihr und meistens auch uns.
Was hat sich geändert? Eigentlich nichts.
Damals haben wir gedacht, dass uns das Leben noch alles bringen wird, damals haben wir gedacht, dass das Leben krass ist. Damals haben wir gedacht, dass wir später alles verstehen werden.
Wir stellen Fragen und haben keine Skrupel ehrlich zu antworten. Ich schaue auf die Straße, keine Geschwindigkeitsbegrenzung. Wir sind allein um zwei Uhr morgens auf der Autobahn und ich gurke mit 120 km/h Richtung Stuttgart, denn in meinem Kopf herrscht Gedankenchaos.
Du erzählst mir Sachen, die ich nicht verstehe und so frage ich dich immer wieder und wieder das gleiche und keine Antwort macht wirklich Sinn.
Wir fahren in eine Baustelle, ich muss langsamer werden, bin dummerweise auf die Spur mit Gegenverkehr gefahren. Die wenigen Autos, die uns entgegenkommen blenden mich und so sehe ich nicht wie meine Worte deine Augen mit Tränen füllen. Ich sage was meine Seele, mein Herz und mein Verstand befiehlt. Selten sind sie sich so einig, wie in diesem Augenblick.
Deine Tränen bemerke ich zu spät. Es tut mir so leid!
Wir kommen am Eifelturm vorbei. Er liegt links von der Autobahn. Nett wie sie ihn so beleuchten, um zwei Uhr nachts.
In meinem Kopf herrscht Frieden. Ich habe mir selbst wieder ein Stück weit verziehen und ich sehe eine Sache wieder klarer vor mir.
Für einen Moment möchte ich dich anschreien, ich will toben, es aus Dir herausprügeln, damit du wieder zu dir kommst bis ich feststelle, dass dies nicht meine Aufgabe ist. Es ist nicht an mir und ich kann dir nicht helfen, noch nicht mal deine Tränen kann ich trocknen. Es ist alles an dir dies zu tun. Alles ist in dir!
Es scheint manchmal wie verflucht. Jedes Mal, wenn ich denke nichts zu verstehen, schießen mir Gedanken klar und rein durch den Kopf, ich spreche sie aus oder schreibe sie nieder. Es passiert das Gegenteil, ich treffe ungewollt ins Schwarze. Verstehe es erst recht nicht, stehe da wie der letzte Idiot und versuche zu begreifen was passiert ist. Fühle mich schuldig Sachen gesagt und getan zu haben, die andere unglücklich, nachdenklich oder traurig machen. Bin ich ein Narr? Keine gute Freundin?
Mein Fuß drückt das Gaspedal durch. Freiheit ist wunderbar. Was sollen wir mit ihr tun?
Stellen lachend fest, dass sich manche Dinge tatsächlich niemals ändern werden, sie werden nur anderes. Bei manchen Dingen werden wir wohl immer siebzehn bleiben. Wir werden die Welt neu erfinden.
Glaube einige Dinge verstanden zu haben, aber dem ist nicht so, denn je länger ich darüber nachdenke umso weniger verstehe ich was geschieht. Ich habe selbst mal geschrieben, dass es keine Zufälle gibt. Dinge passieren, weil sie passieren müssen. Sie passieren.
Mein bescheuertes Kartenhaus. Meine Welt, die Sinn macht für den Bruchteil einer Sekunde.
In dieser Nacht wurden mir zwei Karten gereicht, die ich verbauen soll und der Bruchteil war schneller vorbei, als dass ich eine Chance gehabt hätte sie zu erkennen, diese Welt. So sitze ich nun da, mit deiner und meiner Karte. Was soll ich damit tun, sie scheinen nicht wirklich zu passen, aber sie gehören dazu.
Wir schießen über die leere Autobahn. Geschissen auf Begrenzungen oder Regeln. Was soll’s! Diese Nacht ist einfach nur krass. Ich könnte ewig weiterfahren und es ist schön von dir zu hören, dass du ewig mitfahren willst, egal was ich sage, egal was du sagst.
Keiner kann uns was, wir sind allein und unsere Seelen kotzen sich abwechselnd aus und alles bleibt hinter uns, entschwindet durch den gottverdammten Auspuff des Wagens in die Dunkelheit und wir lachen.
Warum sind wir nun angekommen? Wir wollten doch weiter. Wann geht es denn weiter? Sind wir denn nun überhaupt angekommen?
Ich stehe da und freue mich, auch wenn ein Teil von mir weint, aber ich freue mich! Auf die nächste Nachtfahrt.


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Gefühle

Mrz
26

Habe ich sie selbst geschaffen? Vielleicht ist es mir nur nicht aufgefallen, als sie mich banden.
War ich blind? Wieso sehe ich jetzt?
Es war alles so schön, so einfach, hat funktioniert. Und jetzt?
Jetzt stehe ich hier, schaue mich um und habe Angst auch nur einen Schritt zu tun. Wieso?
Habe ich nicht früher genau das gewollt, was ich nun habe?
Nein, Ketten wollte ich nicht. Niemals.
Ich hatte doch früher alles, was ich wollte. Konnte frei bestimmen. Nicht immer, nur manchmal. Aber ich war frei. Zu tun was man will. Keine Rechtfertigung, keine Kontrolle und keine Fragen. Sein.
Was ist geschehen? Wer hat sie angelegt?
Sie sind bequem, vielleicht zu bequem. Wahrscheinlich ist das der einzige Grund, warum sie mich binden konnten.
Sie haben es geschafft, sie haben es tatsächlich geschafft.
Immer und immer wieder haben sie mir ins Ohr geflüstert, mich umgarnt und beschenkt.
Gaukelei. Ein Spiel. Welch amüsantes Spiel ist es und für wen?
Wer ist nun Puppenspieler und wer die Puppe? Keiner, denn es gibt nur den Schmied!
Ein Rollenspiel, das seines gleichen sucht. Zug um Zug, wie Dame und Schach. Ich will nicht spielen!
Eine Hand voll Schlüssel um meinen Hals, der Nächste in meiner Hand und kein Einziger passt, um selbst die Freiheit zu erlangen. Wessen Schlüssel halte ich? Wer hält die meinen?
Ohnmächtige Macht, welch ein Absurdum, nicht zu wissen, aus was man sich zu lösen hat um zu gehen, wenn man nicht gehen will.
Wer hat angefangen und wann? Es spielt keine Rolle mehr, schließlich geht es immer weiter. Die einzige Frage, die sich stellt, ist doch letztendlich, ob eine neue Kette hinzukommt oder ob ich einen Weiteren binde, an mich und an dieses Spiel.
Ein weiterer Unbekannter, der so vertraut ist. Oder bin ich es? Er ahnt es noch nicht mal. Keiner ahnt es. Sie wissen es, denn sie tragen ihre Schlüssel um ihren Hals.
Wäre es nicht schön die Augen zu schließen um nicht zu sehen, sondern zu spüren? Gespür lässt sich täuschen, genau wie das Auge und ehe man sich versieht, hält man den nächsten Schlüssel in der Hand, der einen bindet an jemanden, der eben noch bedeutungslos war.
Es ist wunderschön. Die Welt ist wunderschön. Es ist nicht meine Welt. Nichts mehr gehört mir und doch alles. Ich bin diese Welt und will sie doch gar nicht sein, obwohl ich sie liebe. Und der nächste Schlüssel zu einer weiteren Kette hängt um meinen Hals.


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Morgen dann!

Mrz
26

„Kommst du heute wieder später?“ Die Frauenstimme kam aus der Küche. Er stand bereits, die Hand an der Klinke, an der Haustüre. „Ne, heute wird es nicht so spät!“, gab er seiner Frau zurück. Sie kam im Eilschritt aus der Küche und drückte ihm einen Kuss auf die Wange, strich über den schwarzen Anzug und warf einen prüfenden Blick auf seine Schuhe. Perfekt wie immer. Sie lächelte. Nach so vielen Jahren liebte sie es immer noch ihn morgens im Anzug zu sehen, mit weißem Hemd, gerade gebundener Krawatte und parfümiert.
„Bis heute Abend!“ Mit diesem Worten und einem selbstbewussten Grinsen verließ er die Eigentumswohnung. Mit dem Fallen der Tür ins Schloss fiel auch seine Maske. Das selbstbewusste Grinsen verzog sich schmerzhaft zu einer Grimasse. Schnell lief er die Treppen zur Tiefgarage runter. Kein Nachbar sollte ihn so sehen. Das Auto war die Rettung. Mit ernster Miene durchquerte er das Treppenhaus, betrat die Garage, öffnete die blank polierte Limousine. Wieder eine Tür, wieder ein Schloss, dann Ruhe und Dunkelheit. So saß er da und starrte im Dämmerlicht der Tiefgarage auf die kahle Betonwand seines Stellplatzes.
Wie sollte er es ihr bloß sagen? Wie würde sie reagieren? Was soll dann mit den Kindern werden? Dem Studium vom Ältesten und mit den Reitstunden der Jüngsten? Was werden die Nachbarn sagen und die Freunde? Die Familie, vor allem ihre Mutter? Was würde aus der Urlaubsreise werden?
Werden sie ihm die Schuld geben? Ihn als Versager beschimpfen? Als Nichtsnutz? Vielleicht werden sie behaupten, dass er schlichtweg faul ist! Wahrscheinlich wird sich seine Frau von ihm trennen. Die Kinder werden ihn hassen. Freunde werden sich abwenden, weil er nicht mehr mit ihnen auf Reisen gehen kann. Die Nachbarn zerreißen sich sicherlich das Maul. An seine Schwiegereltern wollte er nicht mal denken.
Wieso muss ihm das passieren? Wieso ausgerechnet er? Er hatte doch über zwölf Jahre hinweg die beste Arbeit geleistet, Überstunden geschoben, Wochenenden geopfert und ist um die Welt gereist. Wofür? Für eine akzeptable Abfindung. Für ein „Es tut uns Leid, wir müssen Ihnen betriebsbedingt kündigen und wünschen Ihnen alles Gute für die Zukunft.“.
Seit nun mehr drei Wochen saß er jeden Morgen im Auto, in der Tiefgarage, starrte die Betonwand an und stellte sich dieselben Fragen. Jeden Morgen erzählt er seiner Frau, dass er pünktlich Heim käme oder später. Jeden Abend erzählte er von Problemen, Erfolgen, Besprechungen und Mittagessen, die nicht stattfanden, zumindest nicht mit seiner Anwesenheit. Jeden Morgen das gleiche Spiel. Weißes Hemd, Anzug, Krawatte und das teure Parfüm, sowie die sauberen Schuhe. So war es seit Jahren. Warum sollte es sich ändern?!
Mit beiden Händen griff er nach dem Lenkrad. Er musste losfahren. Nachher kommt noch ein Nachbar oder gar seine Frau und sehen ihn. Er war mal wieder spät dran. Der Schlüssel drehte sich im Zündschloss. Mit der gewohnten Geschwindigkeit, so als sei er wirklich spät dran, preschte er aus der Tiefgarage. In der Einfahrt musste er stark bremsen. Das Seniorenpaar Schneider ging gerade zum einkaufen. Herr Schneider zog den Hut und verbeugte sich leicht. Aus Reflex nickte Hartmut automatisch zurück. Beim Anblick des Alten wäre er am liebsten aus dem Auto gesprungen und hätte ihn gewürgt. Der hatte keine solchen Sorgen! Der hatte schon alles hinter sich. Wut und Verzweiflung stiegen in Hartmut auf. Was sollte er denn heute wieder machen um den Tag rum zu bekommen und nicht gesehen zu werden? Wieder 30 Kilometer in die nächste Stadt fahren oder besser 50? Wieder stundenlang durch den Wald laufen in Anzug und Krawatte? Wieder zwei Bücher kaufen und diese durchlesen?
Er konnte einfach nicht mehr. Die vergangenen Wochen hatte er alle Kraft darauf verbraucht seiner Frau, seinen Kindern und seiner gesamten Umwelt vorzugaukeln, dass er immer noch voll im Berufsleben steht. Dass er immer noch gebraucht wurde, dass er immer noch gut verdiente, dass seine Position immer noch die gleiche war. Dass sich nichts geändert hatte und ändern würde.
Jetzt fuhr er die Straße entlang, bog automatisch links Richtung Autobahn ab, wie die letzten Jahre auch.
Irgendwann musste er es seiner Familie sagen. Irgendwann würden sie es herausfinden oder irgendjemand würde ihn sehen, ein Freund würde anrufen oder ein dummer Zufall würde es ans Tageslicht bringen.
Wie gewöhnlich bog er auf die Autobahnauffahrt ab. Der Wagen schien die Strecke zu kennen. Vor sich hin stierend überlegte er nun, wie er den Tag rum bringen sollte, bis 19 Uhr war eine Menge Zeit sinnlos totzuschlagen. Sollte er nicht einfach zurück fahren und es ihr sagen? Jetzt sind die Kinder außer Haus. Sie wären alleine. Sie hätten mindestens fünf Stunden Zeit die Dinge zu klären, bevor die Jüngste aus der Schule käme. Vielleicht würde seine Frau es sogar verstehen. Ein kleiner Funken Hoffnung stieg in Hartmut auf. Dann bräuchte er sich nicht mehr zu verstellen.
„Ja!“, schrie er sich innerlich zu. „Ich fahre wieder zurück. Schluss mit der Heimlichtuerei! Ich werde ihr alles sagen. Sie ist meine Frau. Sie liebt mich. Sie wird es verstehen!“ Er gab Gas, konnte nicht schnell genug zu der Ausfahrt kommen um zurück zu fahren. Die Ausfahrt kam in Sichtweite und der Wagen wurde nicht langsamer, der Blinker ging nicht, der Wagen blieb auf der linken Spur und die Ausfahrt zog vorbei. Heute sollte die Welt nochmals in Ordnung bleiben für seine Familie. Nur noch diesen einen Tag, so wie immer.
„Ich sage es ihnen schon noch rechtzeitig. Morgen dann!“


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An der Ampel

Mrz
14

Während meiner Ausbildung fuhr ich einen alten Ford Sierra Stufenheck. Mein erstes Auto. Eine echte Schrottmühle, aber Metall auf vier Rädern, was sich vorwärts bewegt. Keine Servolenkung, keine automatischen Fensterheber und natürlich keine Klima. Kein Luxus, aber meins. Heute vermisse ich die Kiste sogar ein bisschen.
Irgendwann im Sommer bin ich mit meinem Dicken, Spitzname meiner Rostlaube, an der Ampel gestanden und zwar oben an der neuen Weinsteige, da wo man zum Haigst abbiegen kann. Okay, sagt nur den Stuttgartern was, ich weiß.
Es war so gegen 17:30 Uhr an einem Freitag und ich war schon ziemlich spät dran, denn die Schulung mit unserer Ausbilderin hatte länger gedauert als erhofft, was natürlich meine ganze Planung durcheinander gebracht hatte und nun musste ich auf dem schnellsten Weg nach Hause, um pünktlich zu einer Verabredung zu kommen und duschen wollte ich also auch noch, denn bei 30 Grad im Schatten muffelt man doch dann ein bisschen und das schöne heiße Auto versetze meinem Deo einfach den Todesstoss.
Die Fenster waren bis zum Anschlag unten und auch das Schiebedach stand offen. Das ich nicht damals andauernd eine Ohrenentzündung oder so was hatte, verwundert mich heute noch, außerdem frage ich mich, wie ich das mit meiner Frisur immer hinbekommen habe. Kann mich echt nicht erinnern. Also ich raus aus dem Büro, rein ins Auto und wie schon gesagt, bis zu dieser Ampel lief es eigentlich ganz gut mit dem Verkehr obwohl es Freitagnachmittag war. Kriechend, aber man ist vorangekommen.
Vor mir an der Ampel stand ein großer, fetter, nagelneuer Daimler. Ich kann mich nicht erinnern, was für ein Modell, aber ziemlich groß und lang auf jeden Fall. Schwarz und auf Hochglanz poliert. Alle Fenster oben. Klar, der hat ne Klima, habe ich mir gedacht. So standen wir nun an der Ampel. Um ehrlich zu sein stauten wir uns an der Ampel, denn wir standen nicht richtig davor, wir sahen sie halt nur von weitem.
Ich schaute immer wieder nervös auf die Uhr und ging meinen Plan, wie ich noch einigermaßen pünktlich zu meiner Verabredung komme, im Kopf durch.
Ampelphase um Ampelphase kamen wir der Kreuzung näher und ich wusste wenn die Ampel rum ist, dann läuft der Verkehr und ich bin so gut wie zu Hause. Bei jeder grünen Ampelphase rollte der dicke Daimler gemütlich ein paar Meter vor, ließ noch ein paar weitere Fahrzeuge in unsere Spur und der Fahrer schien sich einen schönen Nachmittag in seiner Proletenkarre zu machen. Ich presste mich an seine Stoßstange und wurde von Minute zu Minute ärgerlicher.
“Jetzt lass die doch nicht alle rein, du Depp!”, dachte ich bei mir. “So kommen wir nie vorwärts.”
Kleine Schweißperlen bildeten sich in meinem Nacken und ich merkte wie mir die Suppe den Rücken runter lief. Richtig lecker!
Nach vier Ampelphasen hatten wir es dann geschafft. Bei der nächsten würden wir drüber kommen. Noch war alles möglich. Ich lag gerade noch so in der Zeit.
Mit bereits eingelegtem Gang lauerte ich auf das Grün der Ampel. Die Spannung stieg und ich zählte die Autos vor mit: Ein Kombi, ein Golf, irgendwas Japanisches, noch mal Golf, BMW, wieder was Komisches in gelb, ein Fiat und dann der Daimler vor mir und dann ich. Das schaffe ich!
Die Ampel wurde grün. Ich von der Kupplung runter und schon leicht angefahren, wieder auf die Kupplung und zwei Zentimeter nach hinten gerollt, wieder von der Kupplung runter.
“Nun macht schon!”, sagte ich leise vor mich hin.
Der erste ist schon über die Ampel, der zweite rollt, der dritte auch, einer nach dem anderen fährt an. Jetzt der dicke Daimler. Ich gebe Gas. Das war ein Fehler, denn der Daimler nicht. Ich bremse mit aller Gewalt und bin wahrscheinlich einen Millimeter vor seiner Stoßstange zum Stehen gekommen.
“Wieso fährt der nicht?”, sage ich zu mir.
Was macht der Fahrer? Er schaut nach unten und fährt nicht. Ich hinten schon halber am durchdrehen und hupe. Er schaut hoch und gibt endlich Gas, aber in diesem Augenblick schaltet die Ampel wieder auf gelb und der rollt lediglich zur Haltelinie vor. Super, das war’s. Wieder drei Minuten warten.
Am liebsten wäre ich ausgestiegen und hätte den Menschen gefragt, ob er eigentlich nichts besseres zu tun hat, so kurz vor dem Wochenende, außer die Leute davon abzuhalten nach Hause zu kommen. Der kann doch am Sonntag spazieren fahren, oder wenn er schon so gerne in seiner Schwanzverlängerung sitzt, dann soll er sich doch auf den Parkplatz stellen und dort an den Armaturen rumspielen! Scheiße, war ich sauer!
Die Ampel wurde wieder gelb und grün. Aber jetzt! Ich wieder von der Kupplung runter, aber der Typ fährt immer noch nicht.
“Jetzt gib doch endlich Gas, du Arschloch!”, platzt es laut aus mir raus.
Im gleichen Augenblick höre ich links neben mir zwei Männer lachen. Ich drehe mich um und neben dran sitzen in einem Cabrio zwei junge Geschäftstypen mit blauen Hemden und lachen mich aus. Na ja, wohl mehr darüber was ich gesagt habe und dann fahren sie los.
Gott war das peinlich! Der Daimler fuhr an und ich tuckerte brav hinter ihm her, denn ich traute mich nicht das Cabrio zu überholen und der Beifahrer hatte sich schon einmal umgedreht und geschaut. Wenn mein Kopf nicht schon vorher rot von Hitze und Ärger gewesen war, dann eben jetzt vor Scham. Man sollte beim Autofahren nie vergessen, dass die Fenster unten sind im Sommer und zuerst nach links schauen, bevor man was sagt…


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So schnell kann es gehen

Mrz
14

Ich frage mich ernsthaft, wozu ich den ganzen Scheiß überhaupt noch mitmache! Es ist doch immer wieder das Gleiche und recht machen kann man es so oder so keinem. Dann auch noch dieser Befehlston:
“Schau zu, dass genügend zu Essen da ist!”
“Hörst Du nicht, dass die Kinder schreien?”
“Geht das nicht ein bisschen schneller?”
“Merkst Du nicht, dass Du im Weg stehst?!”
“Jetzt schau aber zu, dass Du hier fertig wirst!”
“Ist das alles?”
Muss ich mir das alles bieten lassen? Die sind doch alle nicht besser als ich! Alle gleich!
Und dann auch noch jeden Tag dasselbe, als gebe es nichts anderes im Leben: Aufstehen, saubermachen, Essen besorgen, die Kinder füttern, wieder saubermachen und irgendwann schlafen, nur damit man am nächsten Tag das Gleiche machen darf!
Zum Kotzen!
Zum allem Überfluss auch noch die Chefin. Diese blöde Trulla! “Ich kann nichts dafür, ich bin schwanger! Kinderkriegen ist so anstrengend, da kann ich mich um nichts anderes kümmern.” Tut gerade so als wäre sie die erste, die Kinder in die Welt gesetzt hätte, aber da waren schon tausende vor ihr dran! Wozu das Ganze? Es ist so frustrierend. Ist das alles, was das Leben zu bieten hat? Muss da nicht mehr sein? Das kann es doch nicht schon gewesen sein! So kann ich nicht bis an mein Lebensende weitermachen. Da muss es doch noch irgendwas anderes geben!
Vielleicht gehe ich einfach nicht mehr zurück?! Ich sage einfach, dass ich Essen hole und dann komme ich einfach nicht mehr wieder. So schnell werden die es gar nicht merken, dass ich weg bin. Gibt ja genügend andere, die den Job machen können. Ich bin es einfach leid. Wahrscheinlich werden sie mich nicht mal vermissen. Wieso denn auch. Jeder ist ersetzbar! Den Job kann auch eine andere machen. Vielleicht sogar eine Jüngere. Die kann sich dann das Gemecker und Genörgel anhören. Ich bin dessen überdrüssig.
Ich werde mir einfach was Neues suchen. Erstmal ein neues Zuhause und dann einen neuen Job. Vielleicht selbständig. Kinder will ich nicht. Wozu auch. Ich will die Welt sehen, nicht nur das alte Einzugsgebiet. Vielleicht reisen. Neue Leute, fremdes Essen, andere Sitten. Neue Aufgaben und Herausforderungen. Lernen will ich! Keinen Alltagstrott!
Die Entscheidung steht. Ich gehe! Jetzt sofort. Nur noch diese letzte Ladung abliefern und dann gehe ich! Kein “Auf Wiedersehen” sondern ein “Lebt Wohl”! Möge Euch alle der Schlag treffen.

Mit einem leisen Knacken zerbarst der Körper der Biene auf dem Glas. Mit zornigem Gesicht musterte der Autofahrer den großen gelben Fleck auf seiner frisch gewaschenen Frontscheibe. Mit einem Fluch auf den Lippen und das Gaspedal durchdrückend setzte er den Linksblinker um das vor ihm fahrende Auto zu überholen.
“Ich frage mich ernsthaft, wozu ich den ganzen Scheiß überhaupt noch mitmache!” zischte er vor sich hin. “Es ist doch immer wieder das Gleiche und recht machen kann man es so oder so keinem! Dann auch noch dieser Befehlston: “Schauen Sie zu, das Sie pünktlich zum Termin kommen. Der Kunde soll nicht warten!” Sein rechter Fuß trat das Gaspedal durch.


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