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Archiv April, 2007

Der Anfang – Teil 2

Apr
19

Abrupt blieb Christopher stehen. Er war also noch da!
„Dafür, dass du mich seit Jahren suchst, gibst du dich aber recht schnell geschlagen!“, die Stimme kam näher.
Christopher wusste nicht, was er tun sollte. Er hatte Angst erneut eine voreilige Antwort zu geben. Wie viele Versuche würde der Meister ihm wohl noch geben? Mit dem Rücken an die Säule gelehnt stand er da und starrte in das Schwarz der Kirche, in dem nur nochdas Ewige Licht einen Orientierungspunkt bot. Nach Minuten des Schweigens nahm Christopher seinen Mut zusammen.
„Ich weiß, dass da mehr ist. Ich weiß, dass die Welt mehr ist als das, was man täglich sieht! Es ist nicht nur das Leben und das Sterben und die Zeit dazwischen.“
„Was du nicht sagst. Da scheinst du ja mehr zu wissen als ich!“ Das Flüstern, das nun an sein rechtes Ohr gedrungen war, hinterließ einen Schmerz in seinem Kopf. Er stand direkt neben ihm und seine Anwesenheit war doch nicht wahrzunehmen. Völlig irritiert machte Christopher einen Schritt nach links um Abstand zu gewinnen.
„Ich weiß es nicht, aber ich glaube daran und du bist der Beweis!“ setzte Christopher erneut an.
„Was beweise ich denn?“
„Dass es eben doch mehr gibt als die Menschen.“
„Es wird immer besser. Ich bin also kein Mensch. Dann doch ein Monster oder ein Dämon?!“
„Nein. Ich meine, vielleicht! Nein, ich weiß es nicht! Ich weiß gar nichts!“ Christopher rutschte an der Säule hinab in die Hocke. Er hatte wieder mal nur dummes Zeug geredet.
„Schau an, schau an! Die erste weise Einsicht in dieser Nacht. Zumindest scheinst du kein vollkommener Dummkopf zu sein!“
„Es tut mir leid!“
„Und die zweite folgt so gleich. Ich staune!“
„Bitte schick mich nicht fort. Ich werde alles tun, was du sagst. Ich werde dein fleißigster Schüler. Ich werde dein loyalster Diener und dein bester Krieger.“
Christophers Worte verklangen im Kirchenschiff. Die einkehrende Lautlosigkeit ließ ihn aufs Neue bange werden. Ohne Vorwarnung packten ihn zwei Hände von hinten am Hals und rissen ihn in die Höhe, sodass das Gewicht seines Körpers den Kopf, über dem Griff, nach hinten fahren ließ. Er spürte seine Wirbelsäule, wie sie sich in seinem Inneren bog. Er wollte schreien, aber aus dem offenen Mund drang kein Ton. Er wurde in die Luft geschleudert und versuchte mit beiden Händen den Griff um seinen Hals zu lockern, der ihm die Luft nahm. Wild mit den Beinen strampelnd versuchte er wieder seinen Rücken in eine normale Position zu bringen, wobei die jetzige ihn immer noch ins Hohlkreuz zwang. Vergeblich! Todesangst ergriff ihn und die Tatsache, dass er in der Luft schwebte, nahm er nicht wahr. Die Schmerzen an der Kehle raubten alle anderen Gedanken. Er hatte das Gefühl, sein Kehlkopf würde jeden Moment zerquetscht und mit einem Mal wurden seine Arme taub und fielen an den Körper. Die Augen weit aufgerissen starrte er in die Dunkelheit. Ein brennender Schmerz durchfuhr seine Eingeweide und er verlor das Bewusstsein.

Als er wieder zu sich kam, lag er auf den Stufen zum Altar. Er hatte keine Ahnung wie lange er ohnmächtig gewesen war, aber die Finsternis der Kirche ließ ihn erahnen, dass die Nacht noch nicht vorbei war. Stechender Schmerz ließ ihn zusammenzucken, als er versuchte zu schlucken und ein kurzer Schrei entfuhr ihm, dem erneut Schmerz folgte.
„Nun, wie hat Dir die Vorstellung gefallen?“ Die Stimme war ganz nahe und als Christopher seinen Blick nach oben richtete konnte er die Umrisse des Mannes, auf dem Altar sitzend, sehen. Drei Kerzen brannten auf dem Altar. Im Hintergrund konnte man die schwachen Farben der Ikonen erkennen. Sie schienen im tanzenden Schein der Flammen zu weinen.
„Bin ich nun einer….?“
„Nein. Bei weitem nicht. Nicht mal ein ganz kleines bisschen!“
„Aber,…“
„Das war nur ein kleiner Vorgeschmack auf das, was sein wird, wenn du immer noch das sein willst, was du sein willst!“ Der Mann stand vom Altar auf und kam zu Christopher. Mit einem Griff an die Kehle stellte er den jungen Mann wieder auf die Beine. Dieser unterdrückte den Schmerzensschrei. Er hatte das Gefühl, eine heiße Eisenstange hätte seinen Hals durchbohrt. Tränen schossen in seine Augen wie Wasserfälle und der Magen wollte seinen Inhalt loswerden.
Nach Luft ringend ging Christopher in die Knie. Mit beiden Händen versuchte er seinen Hals abzutasten um zu schauen, ob da eine klaffende Wunde war, die diese Schmerzen verursachte. Er konnte nichts fühlen.
„Bitte! Ich will es immer noch!“, brachte er mit letzter Kraft heraus.
Eine Hand packte seine Haare und drückte sein Gesicht gegen seinen Brustkorb. Er bekam fast keine Luft mehr. Die Kniescheiben schienen ihm zu brechen, denn ein schweres Gewicht fuhr auf seinen Rücken herab. Er versuchte zu schreien. Die Augen weit aufgerissen konnte er nur die tanzenden Schatten der Kerzen auf dem Steinboden sehen. Von Panik ergriffen versuchte er sich aufzurichten, doch diese Bewegung wurde durch einen härteren Druck auf seinen Rücken bestraft. Die Flammen der Kerzen begangen einen unheimlichen Tanz. Christopher hörte nichts, seine eigenen Atemgeräusche, die mal röchelnd und mal winselnd seinen Mund verließen. Eine andere Hand riss seinen Mantelkragen ab und er spürte die kalte Luft des Raumes in seinem Nacken. Die Haare stellten sich sofort auf und machten die glatte Haut zu Schmirgelpapier. Christopher wollte schreien. Die Schmerzen im Rücken ließen ihn fast wahnsinnig werden. Er versuchte den Kopf zu heben, aber auch dieser Versuch wurde durch eine unmenschliche Kraft vereitelt und stattdessen die Wirbel seines Nackens überspannt, sodass sein Kinn in seinem Brustkorb eindrang. Nun konnte er nicht mehr schreien, auch wenn die Haut am Nacken zum Zerreißen gespannt war. Das Blut schien sich im Kopf zu stauen und er wollte nur noch, dass es endlich vorbei war. Wann kam der erlösende Augenblick, an dem er wieder das Bewusstsein verlor? Der Augenblick wollte nicht kommen, stattdessen zogen sich die Sekunden wie eine Ewigkeit dahin, als plötzlich eiskalte Spitzen in seinen Nacken drangen und die Wirbelsäule von beiden Seiten zu umschließen schienen. Er spürte wie seine Körpersäfte aus seinem Leib gezogen wurden und mit ihnen seine Lebenskraft. Seine Glieder wurden schwer. So schnell wie sie gekommen waren, wurden die Spitzen aus seinem Fleisch gezogen und der Kopf nach hinten gerissen. Christopher schrie auf vor Entsetzen, als er auf den Altar starrte. Der Raum war hell erleuchtet und die Flammen der Kerzen rot.
„Aus meinem Blute sollst du hervorgehen!
Deine Körperhülle wird nie vergehen!
Deine Seele wird nun mein!
Von meiner Sippe sollst Du sein!
Das ewige Leben sei nun Dein!
So wolltest Du’s!
So soll’s nun sein!“
Die Stimme des Meisters verklang und mit ihr verschwanden die Griffe an Christophers Körper. Das Gewicht am Rücken ebenfalls. Christopher fiel vorne über und übergab sich. Er schien alles Leben auszukotzen. Magensäure und Blut mischten sich vor ihm und Krämpfe schüttelten seinen Körper. Unbekannte Kälte kroch in seine Blutbahnen. Er wollte weinen, aber es ging nicht. Er wollte schreien, aber jedes Mal wenn er den Mund öffnete, kam erneut ein Schwall Blut und Magensäfte aus seinem Inneren und flutete die Treppen des Altars. Die Kerzen erloschen und Christopher fiel in die Lache seiner Körpersäfte.
Aus dem Dunklen der Kirche tauchten zwei Gestalten auf. Sie traten rechts und links neben den leblosen und verdreckten Körper vor dem Altar und brachen bei seinem Anblick in Gelächter aus. Nach einer Weile nahm jeder einen von Christophers Armen und so zogen sie ihn erst auf die Beine und dann mit sich in die Höhe um den Dom durch den Glockenturm zu verlassen.


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Der Anfang – Teil 1

Apr
19

Das Ewige Licht links vom Altar brannte und das alte Gemäuer ließ die Winterkälte passieren, sodass der Atem als kleine Wolken sichtbar gewesen wäre, wenn der Kirchenraum in voller Pracht ausgeleuchtet werden würde. Der letzte Schlag der Glocken war vor Sekunden verklungen, aber die Schwingungen in der Luft noch spürbar. War das das Ziel?
„Nun also hast du mich doch noch gefunden?“
Die Stimme kam direkt aus der Dunkelheit. Er musste vor dem Altar stehen. Nicht mal seine Umrisse waren zu erkennen, aber seine Anwesenheit spürbar.
„Ja!“, entfuhr es Christopher. Mit letzter Kraft hatte er den Dom auf dem Berg erreichen können bevor die Glocken verstummten.
„Endlich habe ich dich gefunden. Nach so vielen Jahren.“, stieß er, völlig außer Atem, hervor.
„Seit Jahren warte ich auf dein Kommen. Seit Jahren warte ich nun auf diesen Augenblick, der mir seit Deiner Geburt prophezeit wurde.“
Die Stimme kam immer näher aus der Dunkelheit. Christopher trat unwillkürlich einen Schritt zurück.
„Wieso hast du Angst? Seit nunmehr zwölf Jahren bist Du auf der Suche und nun hast Du Angst vor mir?“
Auf einmal stand er vor Christopher und die Blicke beider trafen sich zum ersten Mal im schwachen Lichtschein der rot schimmernden Kerze. Christopher stockte der Atem. Unzählige Male hatte er sich diesen Augenblick vorgestellt. Tausendfach hatte er von ihm geträumt. Immer und immer wieder hatte er sich vorgestellt wie es sein würde, diesem Wesen gegenüber zu stehen, das er seit seinem zehnten Lebensjahr suchte. Und nun, da dieser Moment gekommen war, schien er nicht mehr sicher zu sein, ob es tatsächlich dies sein sollte, was seit zwölf Jahren sein Lebenstraum schien.
„Du zögerst?“, wollte sein Gegenüber wissen.
Es war ein Mann. Genau so wie es ihm erzählt worden war, aber das war auch die einzige Übereinstimmung mit all den Recherchen. Er war weder hager, noch hatte er lange Haare oder einen weiten Umhang. Seine Augen waren nicht rot. Das schlimmste aber war, dass er noch nicht einmal alt war.
„Nein, tue ich nicht!“, brachte Christopher nach einer Weile heraus. „Es ist nur dein Anblick.“
„Mein Anblick?! Was stimmt denn nicht mit meinem Anblick?“, wollte die Stimme wissen. „Du hast doch nicht wirklich in all den Jahren diesen Märchen Glauben geschenkt, die über mich verbreitet werden von unwissenden, alten Greisen und jungen, dummen Mädchen?“
Beschämt starrte Christopher zu Boden. Was hätte er denn sonst glauben sollen? Bis vor einer Stunde hatte er noch gedacht, dass die Informationen, die er in Prag erhalten hatte, wieder mal in einer Sackgasse enden würden. Er wollte bereits mittags abreisen, aber die Flüge waren ausgebucht. Nur aus diesem Grund war er dieser ominösen Erzählung gefolgt und hatte es geschafft, vor dem letzten Glockenschlag zur elften Stunde im Veitsdom zu Prag zu sein, um ihn zu treffen. Das Haupt der Sippe.
„Seit Jahren versuche ich dich zu mir zu führen, da mir deine Ankunft vor 22 Jahren angekündigt wurde und nun bist du hier und zögerst!“, setzte der Mann erneut an.
„Ich kann es nur noch nicht fassen, dass es passiert.“ Christopher hatte wieder Atem gefunden nach dem Lauf. Die Treppen zum Dom waren nicht steil, aber lang gezogen und glatt. Er hatte sich durch das novemberliche Schneetreiben gekämpft.
„Was hast du erwartet? Einen alten Greis? Ein Skelett? Eine wunderschöne Frau? Ein Monstrum? Einen fetten König? Einen schrumpeligen Zwerg? Ein Ungeheuer!?“
„Ich weiß nicht was ich erwartet habe, aber mit Sicherheit von allen etwas.“ Endlich hatte er wieder seinen Mut gefunden und streckte sich.
„Sieh an! Wir schreiben das Jahr 2011 und die Welt da draußen glaubt immer noch ich sei ein Ungeheuer! Ich denke, ich mache immer noch einen guten Job.“
Ein tiefes Lachen wurde im Kirchenraum hörbar und schallte von den hohen Wänden wider. Christopher schaute sich um, aber das Lachen schien aus allen Teilchen des Kirchenschiffs zu kommen.
„Was sollte ich denn glauben oder nicht glauben. Du bist ein Märchen! Seit Jahrhunderten werden Geschichten von dir erzählt, Bücher über deine Untaten geschrieben und Filme über dein Dasein gedreht. Nur Beweise gibt es nicht! Die wenigen, die es gibt, werden mit den heutigen Methoden nahezu widerlegt. Was blieb mir also übrig!“, schrie Christopher in die Dunkelheit. Die Wut war gekommen, ohne dass er es gemerkt hatte. Zu oft war er seit Kindesalter an verspottet worden, weil er an die Existenz dieser Kreaturen geglaubt hatte.
„Hör auf zu schreien. Ich bin alt, aber nicht taub!“
Vor Schreck machte Christopher einen Satz nach links, denn der Mann stand plötzlich neben ihm und flüsterte in sein Ohr. Er hatte ihn nicht bemerkt.
„Kommen wir zur Sache. Ich erzähle dir was ich weiß und dann erzählst du mir was du willst.“ Mit einem Satz war er unter dem Ewigen Licht und zum ersten Mal konnte Christopher das Gesicht seines Gesprächspartners sehen. Nichts schien an diesem Gesicht ungewöhnlich. Noch nicht einmal die Augen. Alles schien normal. Wohlgeformt die Nase, eine nicht zu hohe Stirn mit geraden Augenbrauen. Maskuline Gesichtszüge eines vierzigjährigen gut aussehenden Mannes mit makelloser Rasur und schwarzem, kurz geschnitten Haar. Das Weiß des Hemdes war durch den Lichtschein rötlich gefärbt.
Christopher nickte unmerklich. Endlich sollten alle Fragen geklärt werden, auf die er schon so lange Antworten suchte. Vergessen schienen alle Erinnerungen an die Anstalten in denen er seit seinem 15. Lebensjahr bis zur Volljährigkeit eingesperrt worden war, weil alle dachten er sei schizophren. Vergessen auch die Hänseleien und der Spott der Mitmenschen, die ihn alle für einen Träumer und Verrückten hielten, weil er immer behauptete, es würde sie geben.
Heute Nacht sollte er nun endlich die Wahrheit erfahren. Nach Jahren der Suche in ganz Europa schien er endlich am Ziel zu sein. Heute Nacht.
„Setz dich!“, befahl die Stimme Christopher. Wie ein kleiner Junge nickte dieser und nahm in einer der Bänke Platz. Die Erwartung und Aufregung ließen ihn nicht lange still sitzen und der Erzähler ließ sich Zeit mit dem Anfang der Geschichte.
„Vor fast zweiundzwanzig Jahren kam eine alte Bekannte zu mir. Sie war sehr in Sorge und wollte mir unbedingt etwas erzählen. Also saßen wir zusammen und sie erzählte von meiner Zukunft, wie sie es bereits als kleines Mädchen getan hatte.“ Er machte eine lange Pause und musterte Christopher, der ihn nun anstarrte und an seinen Lippen hing.
„Ich kann nicht glauben, dass du derjenige sein sollst!“, meinte er plötzlich.
Entsetzt sprang Christopher von der Bank auf.
„Seit Jahren suche ich dich, um das zu werden, was du bist. Ich habe mich verspotten und einsperren lassen, nur weil ich an deine Existenz glaubte! Ich bin durch ganz Europa gereist. Ich habe mich zum Narren gemacht, um an Informationen über dich zu gelangen! Ich habe fast einen Menschen getötet nur um dich zu finden!“ Erneut war die Wut da und er spürte den Druck der Zwangsjacke auf seinem Rücken, als ihn jemand von hinten zurück auf die Bank drückte. Die Kraft der Hände trieb ihm Tränen in die Augen.
„Lass mich aussprechen, Mensch! Du weißt ja nicht einmal, warum du hier bist!“ Die Stimme an seinem rechten Ohr stach in seinem Gehörgang und er konnte nichts mehr sagen. Die Augen starr auf das Ewige Licht gerichtet, saß Christopher da und beim nächsten Augenzwinkern stand der Mann schon wieder unter der einzigen Lichtquelle.
„Sie sagte, dass ein Knabe geboren wird. Er wird vom ersten bis zu seinem letzten Atemzug wissen, dass ich existiere. Er wird mich suchen und er wird mich finden. Er wird mich zwingen ihn in den Kreis der Meinigen aufzunehmen und ich werde ihn gewähren lassen. Er wird einen hohen Preis zahlen für die Erfüllung seines Wunsches. Doch in ihm werde ich meine Erlösung finden.“
Nach langem Schweigen wagte Christopher eine Frage zu stellen.
„Das ist alles? Was hat sie denn noch erzählt? Hat sie dich vor mir gewarnt?“
„Sie konnte nichts mehr sagen, denn sie starb.“
„Was? Aber wieso?“
„Ich habe sie getötet!“
„Du hast sie getötet? Aus welchem Grund denn?“
„Sie hatte alles gesagt, was zu sagen war. Der Zweck ihres Daseins war erfüllt!“
„Was?“, schrie Christopher auf.
„Und du willst einer der Meinigen werden?! Was hast du in den vielen Jahren über mich gelernt und über das Leben? Mir scheint, es ist nicht viel!“
„Wie sollte ich was über das Leben lernen. Man hat mich für drei Jahre in eine Anstalt gesperrt und für verrückt erklärt, weil ich mit fünfzehn von zu Hause weggelaufen bin um nachts zum zehnten Schlag der Glocke im Kölner Dom zu sein. Nur um dich zu treffen!“ brach es aus Christopher heraus. Seine zittrigen Hände hatten sich in die durchnässten Hosenbeine gekrallt.
„Ich erinnere mich. Du warst zu spät.“ Ein Grinsen wurde auf dem rot beschienenen Gesicht sichtbar, was Christopher noch mehr in Rage brachte.
„Ich will so sein wie Du! Ich will einer der Deinigen werden! Ich will nicht mehr sterblich sein! Ich will für immer leben! Tu, was du zu tun hast, und lass mich so sein wie du es bist!“
Den Schal und Kragen von seinem Hals reißend stürzte Christopher nach vorne zum Altar und fiel vor dem Mann auf die Knie. Mit beiden Händen sein Hemd runterdrückend präsentierte er seinem vermeidlichen Meister den Hals.
Zum zweiten Mal konnte man das Lachen aus allen Winkeln des Doms hören und es wollte gar nicht aufhören.
„Ich soll dir in den Hals beißen? Das ist nicht dein Ernst! Denkst du ernsthaft, dass das alles ist? Denkst du so einfach sei die Sache? Du glaubst doch nicht wirklich, dass ich dich einfach in den Hals beiße und wir haben alles erledigt.“ Die Eiseskälte der Stimme, die nun zu ihm sprach, trieb Christopher erneut die Tränen in die Augen. Sollte er jetzt scheitern. Jetzt da er ihn endlich gefunden und gebannt hatte.
„Bitte ich werde alles tun was du befiehlst! Ich will lernen, dein Schüler sein. Ich will endlich die Wahrheit wissen über das Leben. Was es auf sich hat mit Gut und Böse. Warum es euch gibt. Ich will die Fähigkeiten entwickeln, die ihr seit Jahrhunderten habt. Bitte schick mich nicht fort. Ich will nicht mehr in diese Welt da draußen. Sie ist tot für mich. Sie kann mir überhaupt nichts geben!“ Christopher verlor die Kontrolle über seine Gefühle. Die Tränen wichen einem Heulkrampf. Die Bilder der Anstalten kamen zurück. Die Zellen, die Spritzen, die Wärter und die Psychologen, die ihm andauernd erzählten, dass er schwer krank war. Er wollte das alles nicht. Er wollte nicht wieder raus in diese scheinbar normale Welt. In eine Welt, die er wie seit seinem zehnten Geburtstag gelernt hatte, aus Ignoranz, Engstirnigkeit, Stumpfsinn und Unwissenheit bestand.
„Eine Heulsuse! Man schickt mir nach 111 Jahren eine Heulsuse!“ Die Stimme war mit Zorn erfüllt und die Wände aus Sandstein schienen zu zittern.
„Du willst sterben? Warum bist Du nicht von einer Brücke gesprungen? Oder vor einen Zug? Eine Überdosis Koks ist ein schöner Tod, habe ich mir sagen lassen. Wieso kommst Du zu mir?“ Christopher wurde hoch gezogen und schwarze Handschuhe hielten seinen Mantelkragen, bis er wieder auf eigenen Beinen stand. Kalter Atem schlug ihm ins Gesicht.
„Du bist nicht tot!“ Nur durch die Zähne gepresst konnte er die Worte von sich geben, denn der hintere Teil des Mantels fing an sich immer enger um seinen Hals zu ziehen und das Atmen fiel ihm schwer. Lieber jetzt sterben als nochmals zurück.
„Na los, tue es doch! Besser als wieder da raus zu gehen.“, flüsterte er in das Gesicht des Mannes, der ihn nur noch anstarrte.
„Woher willst du wissen, was ich bin? Tot, lebendig oder untot. Keiner weiß, was ich bin! Wie willst Du es wissen und es dann auch noch selbst sein?!“
Mit einem Augenzwinkern fand sich Christopher selbst unter dem Licht wieder ohne sich bewegt zu haben. Fasziniert schaute er hinauf zur Decke. Das war es also. Das war er. Der erste Vampir und seine Macht. Er hatte ihn einfach durch den Raum bewegt, ohne das Christopher es gemerkt hatte. Vor Glück wäre Christopher fast ohnmächtig geworden.
„Ich will ein Vampir werden!“ sagt er mit fester Stimme.
„Wieso?“
„Weil es von Anfang an meine Bestimmung war und seit dem Tag meines zehnten Geburtstages weiß ich, dass es so sein soll!“
„Kein gutes Argument.“
„Wie erklärst du dir dann die Tatsache, dass ich dich gefunden habe?“
„Meine Neugier.“
„Also willst du es doch auch.“
„Ich wollte wissen, was an dir so Besonderes sein soll, dass du mein Dasein verändern sollst.“
„Und?“
„Und was?“
Nach einem kurzen Moment der Stille merkte Christopher, dass seine Füße nicht mehr auf dem kalten Stein des Kirchenboden standen. Er schwebte genau in der Höhe des ewigen Lichts und damit gute zwei Meter über der Erde. Vor Schreck schrie er los und zugleich fiel er zu Boden, was ihn erneut Aufschreien ließ, da er schmerzhaft auf dem Rücken landete. Lachen erfüllte zum dritten Mal den Raum.
„Was soll das? Ich bin doch nicht dein persönliches Spielzeug!“
„Du bist, was ich dich sein lasse.“
„Wieso lässt du mich nicht einer von euch werden? Einer mehr oder weniger macht keinen Unterschied. Du tötest täglich. Was soll es schon ausmachen, wenn eins deiner Opfer freiwillig zu dir kommt, anstatt dass du es gewaltsam nehmen musst!“ wollte Christopher wissen. Der Schmerz in seinem Rücken ließ ihn nicht aufstehen und so blieb er auf den frostigen Steinen sitzen.
„Es sind schon viele vor dir gekommen. Sie haben wie Du gebettelt, geheult und sich vor mir auf die Knie geworfen. Haben mir Geschichten über das Leben, Gut und Böse erzählt. Keiner ist einer von Meinen geworden. Kein Einziger!“
„Du schickst mich also fort wie die vor mir?“ Christophers Stimme fing an zu zittern. Er wollte es nicht wahrhaben. Das sollte schon alles gewesen sein? Eine kurze Diskussion und dann sollte er gehen? Nein, das konnte er nicht zulassen. Was sollte er denn morgen machen? Jetzt, da er sicher wusste, dass es ihn gab. Dass es sie gab. Dass sie um ihn herum waren, aber er nicht dazugehörte. Genau so wenig dazugehörte, wie in die Welt vor den Kirchenpforten, die im Schnee versank.
„Lieber sterbe ich durch deine Hand, als dass ich als Mensch diese Kirche verlasse!“ schrie er in die Dunkelheit. Ein harter Schlag traf sein Gesicht, dass er für Sekunden die Besinnung verlor.
„Ich habe dir doch schon gesagt, dass ich nicht taub bin! Die vor dir habe ich nicht weggeschickt. Das hast du dir so zurechtgelegt, in deinem kleinen Menschenhirn!“
„Was dann?“
„Es ereilte sie das gleiche Schicksal wie mein kleines Mädchen. Denn alle, die bisher kamen, wollten mich töten und nicht Meinesgleichen werden!“
Schamesröte stieg in Christophers Gesicht und er spürte wie seine Wangen heiß wurden. Er hätte nicht vorschnell urteilen sollen. Stille. Nichts rührte sich mehr im Raum. Kein Geräusch außer seinem eigenen schnellen Atem war zu hören. War er nun weg? War er gegangen und hatte Christopher zurück gelassen, damit dieser ihn erneut suchen musste? War er auf eine Probe gestellt worden und hatte kläglich versagt? Würde er ihn nochmals finden können? Würde er sich nochmals finden lassen? Christopher geriet in Panik und lief in die Dunkelheit. Er war nicht mehr Herr seiner Gedanken. Alles schien sich zu drehen. Er hatte versagt. Er hatte den Moment versaut. Was sollte nun werden? Was sollte er nun machen? Wieder von vorne beginnen oder am besten gleich von der Brücke springen, wie ihm angeraten wurde. Vielleicht einfach nur Beruhigungsmittel, bis der Tod kam. Aber vielleicht gab es doch noch eine Chance. Vielleicht konnte er sich noch beweisen und den Meister gnädig stimmen. Jemanden umbringen! Ein Opfer bringen. Ein junges Mädchen oder einen Knaben! Einen Augenblick hielt er inne. Was, wenn das alles nicht passiert war? Was wenn die Ärzte nun doch noch Recht behalten sollten. Womöglich hatte er sich das Ganze hier nur eingebildet. Mit sich selbst gesprochen. Hatte er heute Morgen Medikamente genommen? Was machte er überhaupt mitten in der Nacht in einer Kirche? Wie konnte er an Mord denken? Das konnte alles nicht normal sein. An den Bänken anschlagend suchte er den Mittelgang der Kirche und durch die Finsternis Richtung Ausgang stolpernd stieß er gegen eine Säule.
„Wo willst du hin?“ fragt die Stimme hinter ihm.


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