So lernt man sich kennen
Mai
22
Jetzt sitzt du da und erzählst mir, wie interessant ich doch sei. Ich würde dich faszinieren. Ich sei so anders als die anderen. Und die Worte verlassen deinen Mund, schlagen auf in meinem Kopf und mein Gehirn kann sich das Lachen kaum verkneifen.
Was willst du mir damit sagen? Hast gerade an der Oberfläche meines Wissens gekratzt, meine Identität beschnuppert, meinen Worten zugehört, dich über meine Ansichten gewundert. Mehr auch nicht.
Nicht einen Abgrund meiner Seele kennst du. Nicht die kleinen und großen Grausamkeiten, die ich erschaffe und wieder vernichte um nach außen hin den Eindruck von Normalität vorzutäuschen.
So stehst du nun da und bist schockiert über die eine oder andere Überzeugung. Hingerissen von der ein oder anderen Argumentation und fragst mich nach Moral.
Moral?
Ja, wir sind doch alle liebe Menschen. Wissen, was Moral und Ethik sind. Anstand. Gute Erziehung und die korrekte Einstellung. Fleißig, sauber und immer zuvorkommend.
Schön. Ganz schön langweilig.
Weshalb würdest du sonst hier sitzen und so was von dir geben ohne eine Sekunde darüber nachgedacht zu haben, was du sagst.
Ich höre mich lachen und bin doch stumm, lächle dir ins Gesicht.
Willst du in diese Abgründe reisen?
Willst du hinabtauchen und sehen, wie hässlich ich bin?
Glaubst du, du erträgst meine Wahrheit zu hören?
Willst du tatsächlich wissen was ich denke?
Das einzige Interesse, dem du Aufmerksamkeit schenkst, ist der Spiegel, in den du gerade schaust, wenn sich unsere Blicke treffen und das Spiegelbild ist so wunderschön hässlich. Wie beruhigend es scheint, dass man nicht sein Gegenüber ist.
Die Menschen sind so geil. Sie sind geil auf Macht, Geld, Sex und alles, was mit Macht, Geld und Sex zu tun hat. Macht ist Geld und Geld kauft Sex und alles endet in Schmerz. Irgendwie. Einfaches Prinzip.
Nicht du, immer nur die anderen.
Gaffen, nicht schaffen.
Und doch wäre man gern selbst der Spiegel und nicht das Spiegelbild. Lieber Täter als Opfer.
Das arme Opfer, aber wen interessiert schon das Opfer, wenn man Täter ist.
Im Kopf. In den Augen. In der Seele.
So stehst du da und schaust in meine Augen und hoffst, dass keiner erkennt, was du tatsächlich denkst. Verbirgst deine Phantasien unter dem braven Bürger, bist ein funktionierender Teil der Gesellschaft, hoffst sie endlich von meinen Lippen lesen zu können. Die Unmoral.
Lieber du als ich. Ich will es ja nicht, aber erzähle du mir, wie es ist, du zu sein, damit ich weiß, dass es so ist, wie ich es mir vorstelle sein zu können, wenn ich nicht wäre, was ich sein muss, um sein zu können. Ein Feigling. Du bist die Gesellschaft.
Stellst mir Fragen, wie ich nur solche Sachen denken und sagen kann. Es sei grausam und ungerecht. Entspricht nicht der allgemeinen Meinung. Ist nicht gesellschaftsfähig. Anrüchig und primitiv, vielleicht menschenverachtend? Man könne es als pervers bezeichnen.
So sei es denn, wenn du es so willst.
Und es funktioniert.
Sonst würdest du nicht hier sitzen und mir erzählen, wie faszinierend ich sei, wie interessant meine Ansichten doch wären und wie anders meine Meinung.
Und so sitze ich da und lasse dich an der Oberfläche meiner Persönlichkeit kratzen, bis deine Nägel blutig sind und du glaubst, gefunden zu haben, was du glaubst verstehen zu wollen.
Dummdreist sitze ich dir gegenüber und frage mich ernsthaft, ob du mich tatsächlich kennen lernen willst.
„Ich habe schon gestandene Männer zum Weinen gebracht.“ So deine Worte.
Ich muss schmunzeln.







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