Archiv Juni, 2007

Samstags im Supermarkt

Jun
03

Letzten Samstag hat mich der Teufel geritten und ich habe gedacht ich müsste am Nachmittag doch noch mal kurz in den Supermarkt, um ein paar Dinge einzukaufen. Schließlich ist Morgen Sonntag und dann wieder die ganze Woche arbeiten, da findet man eh nicht die Zeit um Einkaufen zu gehen, also noch schnell am Samstag erledigen. Dachte ich. Mal eben so. Ganz kurz nur. Geht ja schnell. Einmal durchlaufen, an die Kasse und fertig. Eine Sache von höchstens 10 Minuten. Denkste! Wie kann man nur so naiv sein! Das ist Samstags Nachmittag noch nie gut gegangen. Egal in welchem Supermarkt ja! Ich also rein in den Supermarkt bei uns um die Ecke, dann muss ich ja nicht so weit tragen und aus der Stadt kommend war ich schon mit einigen Einkaufstüten beladen. Keinen Einkaufswagen, erstens ist es mir schon zu blöd nach einen Euro-Stück zu suchen und zweitens brauche ich ja nur ein paar Sachen, die kann ich ja auch so nehmen. Hätte ich einen Einkaufswagen nehmen wollen, wäre mir zumindest das erste Warnsignal nicht entgangen, denn erst bei rausgehen und einem Fast-Todes-und-Nerven-Kampf ist mir aufgefallen, dass keine Einkaufswagen mehr dastanden, wo sie sonst immer stehen. Ich sollte erfahren warum nicht:

Frohen Muts rein in die Obst und Gemüseabteilung und fast wäre ich schon wieder rückwärts raus, als ich sah was sich da tat, aber da war es bereits zu spät. Eine Oma mit Einkauftrolli und Krückstock hatte mir den Rückweg versperrt. Vor mir ein grausames Bild. überall Einkaufswagen und Leute, die um die letzten Tomaten und Salate kämpften. Es gab kein rankommen an die Früchte und das Gemüse. Alle Stände und Auslagen mit Einkaufswagen zugestellt.

„Verdammt! Scheiß Idee!“ dachte ich bei mir und kämpfte mich zwischen einem Einkaufswagen und einem Kinderwagen mit brüllendem Inhalt zu dem Plastiktütenhalter durch. Ich nahm gleich drei dieser dünnen und durchsichtigen Tüten mit, aus Angst, dass keine mehr da ist, wenn ich es schaffe mich zu den Tomaten durch zu schlagen und dann doch noch Äpfel ergattere. Ich also zu der Tomatenkiste. Da standen schon zwei genervte Mütter und sortierten wild in den Tomaten rum. Ich bin ja auch so ein Betaster und Drücker von Obst und Gemüse, aber die Damen haben bereits an der Stelle hausgemachtes Ketchup produziert. Nachdem ich mir die Sache genau 10 Sekunden angeschaut hatte, entschloss ich mich auf die Strauchtomaten zu verzichten und abgepackte Bio-Tomaten zu kaufen, die mich ein Vermögen kosten würden, aber immer noch besser, als später einen abgebrochenen Fingernagel irgendeiner irren Mami in der Tomaten zu finden. Der Inhalt des Kinderwagens brüllt die ganze Gemüseabteilung zusammen. Wo ist denn die Mutter von dem Kind? Drückt wahrscheinlich an den Erdbeeren rum oder so, anstatt mal nach dem Kind zu schauen. Ich mit der Packung überteuerter Bio-Tomaten drehe ich mich nach rechts und hechte zu den Äpfeln rüber. Das ging glatt. Schnell packe ich vier Äpfel in die tolle Tüte und ab zu Waage. Auch hier habe ich mich mal wieder zu früh gefreut. Vor der Waage steht ein älterer Herr so um die 70 oder 80 und starrt auf die Zahlen. Auf der Waage liegen 2 Bananen. „Sie Fräulein, was muss ich denn da jetzt drücke? Da sind ja gar keine Bilder drauf nur Zahlen. Also in den anderen Supermärkten sind da immer die netten Bilder von dem Obst drauf.“ Na vorher soll ich denn wissen was für eine Zahl die dummen Bananen haben .Ich habe mir doch gerade die 21 für meine Äpfel gemerkt und das andere Zeug kann ich ja auch nicht auswendig. Aber man ist ja freundlich. „Da müssen Sie unten bei dem Schild an den Bananen schauen, da steht immer die Nummer drauf.“ antworte ich freundlich und versuche zu lächeln und frage mich wie viel Zeit es wohl dauern wird, bis der Mann seine Bananen abgewogen hat. „Die Bananen haben die 1.“ krächzt es hinter mir. Gerettet durch die Oma mit dem Einkaufstrolli. Es dauert genau eine Minute, bis die 1 gefunden ist auf der Tastatur. Wir lesen doch immer von links nach rechts und von oben nach unten oder? Warum denken die Leute, dass die Nummerierung auf diesen Waage von diesem Prinzip abweichen sollten und suchen die 1 irgendwo in der Mitte und nicht links oben. Dann noch das Etikett drauf. Die Bananen von der Waage und schauen was es kostet und dabei auch ja nicht ein Stück zur Seite gehen, damit andere rankommen, an die Waage. Aber irgendwann wars geschafft. Ich Kleber drauf und weiter durch das Horrorlabyrinth. Gekonnt weiche ich den Omis mit Ihre Spazierstöcken aus und versuche auch keins von den plärrenden Kids zu erwischen, die kreuz und quer in dem Supermarkt rumdüsen und andauernd komisches buntes Zeug in den Händen haben. Ich habe mich zu den Kühlregalen durchgekämpft und schon 10 mal den Satz gehört:

„Kann ich das haben Mami?“

„Nein, leg das bitte wieder zurück!“

„Bitte, bitte, bitte!“ „Nein habe ich gesagt.“

„Uahhhhhhhh.“

Es ist immer wieder das gleiche. Es endet im Gebrüll. Ich also vor dem Wurstregal. Zwei Packungen Aufschnitt müssen mit und auch Käse brauchen wir noch. Hier geht alles glatt. Ab zu Regal neben an. Eier. Taktischer Fehler. Drei Taschen aus der Stadt, die Biotomaten und die Tüte Äpfel, zwei Packungen Salami. Verdammt, wie soll ich nun in die Eierpackung reinschauen. Kurz entschlossen alles in die eine Tüte gepackt und zum Eierkarton gegriffen. „Die klaut!“ eine Stimme hinter mir. Fast hätte ich die guten Eier fallen gelassen. Neben mir eine rotzfreche Göre die mich anstarrt und auf die Tüte zeigt. Dahinter ein 35 Jahre alter Papa mit einem 250 EUR Designer Einkaufskorb, der mich streng anschaut. Was will man schon in so einer Situation tun? Ich überlege gerade, warum ein Mann um 15:30 Uhr am Samstag mit dem schicksten Fummel und seiner Tochter in so einem gewöhnlichen Supermarkt einkaufen geht. Den Daimler-Schlüssel in der Hand. Hat der Böhm Samstags zu oder hat er an der Markthalle keinen Parkplatz gefunden? Ich will ein Kommentar ablassen, mir fällt aber nichts ein. Ich konzentriere mich wieder auf die Eier und der Papa meint nur.

„Komm Anna-Katrin, die Dame wird schon wissen was sie tut.“

„Ja. Die Dame weiß, dass auch teures Parfum stinken kann wie Katzenpisse, blöder Sack!“ denke ich, als er an mir vorbei läuft und ich einen Hustenanfall unterdrücken muss, als sein Duftwässerchen meine Nase erreicht.

Nach unzähligen Kartons mit jeweils einem ramponierten Ei entschließe ich mich zu einer Umsortierungsaktion und weiter geht es zu den Knabbersachen. Eine Tüte Chips geht immer und weiter durch das Chaos aus Einkaufswagen, abgestellten Wasser- und Bierkisten. Schon sehe ich die Kassen von weitem und denke ich sei am Ziel, als ein fürchterlicher Schmerz meinen linken Fuß durchzuckt.

„Aua!“ sage ich laut.

Da ist tatsächlich so ein Blödmann mit seinem Wagen über meinen Fuß gerollt.

„Oh Verzeihung. Das tut mir schrecklich Leid. Ich habs so eilig.“,versucht ein Mittzwanziger sich bei mir zu entschuldigen.

„Nicht so schlimm.“,sage ich nur und versuche einem weiteren Gespräch zu entkommen. „Ihnen ist auch wirklich nichts passiert?“

„Nein, nein, alles in Ordnung. Nur der Schreck.“

Darauf habe ich wirklich keine Lust, nachher will er mich noch zum Kaffee einladen oder so. Ich sehe die Kasse.

Meine Rettung.

Gelogen!

Ich sehe die drei Schlagen vor den Kassen. In diesem Augenblick verfluche ich die Menschheit. Das wird dauern. Ich zur scheinbar kürzesten Schlange. Hier sammelt sich alles. Ich muss feststellen, dass die meisten der Einkäufer am Samstag Nachmittag ältere Herrschaften und Mütter mir Kindern sind. Ich frage mich was die eigentlich den Rest der Woche so machen. Haben die keine Zeit am Montagmorgen einkaufen zu gehen oder am Freitagmorgen, für das Wochenende? Nein, da sitzen sie dann beim Arzt und nehmen uns Arbeitenden die guten Termine weg und wenn wir dann am freien Samstag auch noch einkaufen gehen wollen, dann verstopfen sie auch noch die Kassen.

Wenn ich alt werde, dann mache ich das ganz anders. Das ist ja auch nichts für so ein schwaches Herz in dem Alter. Dieser Stress hier. Ist ja schlimmer, als bei der Arbeit mit den Kollegen zu streiten. Hier stehe ich also nur und warte, dass es voran geht. Es erscheint einem immer wie eine Ewigkeit. Die Omis packen ihre zwei Kompotts und die Packung Toastbrot aufs Band, dann die zwei Äpfel und das Bund Suppengrün und fangen an in ihren Taschen nach dem Geldbeutel zu suchen.

Die erste ist schnell abgefertigt. Hurra! Hoffnung keimt in mir hoch. Das könnte ja vielleicht gut gehen.

Dann ein junger Mann: Tiefkühlpizza, Yoghurt und ne Flasche Rotwein. Single, ist doch klar. Das geht auch schnell. Ich schaffe es vor 16:00 Uhr hier raus! Mutter mit Kind als nächstes und dann noch eine Oma und dann ich. Das wird gut ausgehen.

Die Mama packt ihre ganzen Krempel aufs Band und die junge Kassiererin macht ihren Job und wird mittendrin ausgebremst von: Wer hätte es gedacht? Einer Tüte nicht gewogener Tomaten. Das ist bestimmt eine von den Ketchup-Tanten denke ich noch und schon ist die Kassiererin aufgesprungen und auf und davon.

Hinter mir steht irgendein Typ mit starkem Körpergeruch und schnauft vor sich hin. Ich frage mich was schlimmer ist. Das Katzenpisse-Parfum oder dieser Schweißgeruch?

Ich entscheide mich doch für diesen Schweißgeruch und rücke der Oma auf die Pelle. Wie das Schicksal es so will spielt das blöde Kind mit einem Glas Marmelade, als die Mutter nicht hinschaut und schon passiert es. Runter vom Band mit dem Scheiß, Erdbeermarmelade schmeckt so oder so nicht und schon macht es klirr. Das darf nicht wahr sein!

Das Marmeladenglas auf den Boden die Mutter sauer, das Kind plärrt und ich stehe da und erlebe den Weltuntergang im Supermarkt!

Kurz vor einem Nervenzusammenbruch stehe ich da und kann es nicht fassen, als die Mutter weg rennt um ein neues Glas zu holen.

Kind flennt.

Oma in Aktion um es zu beruhigen.

Kassierern kommt zurück. Sieht das Desaster. Springt wieder auf und verschwindet in den Weiten der Regale.

Mutter kommt zurück mit neuer Marmelade.

Kind schon fast blau angelaufen im Gesicht.

Oma verzweifelt.

Alles schaut zu unserer Kasse und ich das Stinktier im Rücken.

HILFE!

Denke ich nur. Mutter entschuldigt sich tausendmal. Kind heult, als würde man es aufs schlimmste behandeln. Mutter schimpft, was die Sache nicht besser macht. Oma kriegt gleich Herzschlag und ich einen Wutanfall. Endlich taucht die Kassiererin auf mit Eimer und Lappen. Sie fängt an zu wischen und die Scherben aufzusammeln.

Ich denke nur: „Lass doch die Mutter machen und kassiere endlich weiter. War doch ihr Kind, was hier die Sauerei veranstaltet hat!“

Aber nein. Sie wischt und wischt und die Schlange hinter mir wird länger und ich fange mit Atemübungen an, während ich versuche jeden Kommentar runter zuschlucken, was mir auf der Zunge liegt. Nach etlichem Gewische ist das meiste der Marmelade weg und endlich geht’s weiter. Mutter mit Heulboje abgefertigt, Oma ist endlich dran und ich kann mein Zeug aufs Band legen. Noch ‘ne Schachtel Kippen und dann raus hier. Ich also einmal Marlboro Lights gedrückt, an diesen neuen Zigarettenautomaten, wo die Schachteln dann so raus geschossen kommen, wenn die Kassiererin es freigibt. Das Patent ist ja ganz toll, bloss kommt die Schachtel mit so einem Tempo da raus, dass sie in 90% aller Fälle über das Band hinausschießt und man sie fangen muss, wenn man kann. Ich konnte nicht und die Schachtel landet natürlich in den Marmeladenresten.

Ich wollte schon immer Kippen mit Erdbeergeschmack. Wäre ich bloß in den Großmarkt gefahren, dann könnte ich jetzt eine saubere nehmen, stattdessen habe ich eine klebrige. Geil. Oma zählt Kleingeld. Ist nicht so einfach, wenn man die Brille nicht dabei hat. Ich ersticke hier im Männerschweiß und die zählt seelenruhig Kleingeld. Unfassbar! Sie kapituliert und kippt das Münzgeld der Kassiererin in die Hände. Jetzt darf die suchen. Die findet wenigstens die Münzen auf Anhieb. Oma packt in Zeitlupe ihren Kompott ein. Ich bin dran. Unkonzentriert gehe ich freudig ein Schritt vor und stehe mit beide Schuhen in den Erdbeermarmeladenresten. Klasse jetzt kleben auch noch die Schuhsohlen. Was soll’s.

Ich will hier nur noch raus oder ich fange an zu schreien.

Vielleicht heule ich auch ein bisschen, wie die Kids hier drin.

Zahlen und raus. Bloß weg von dem Müffel-Mann, den Kindergeschrei und die Omas.

Das ist eine Nervenprobe.

Alles eingepackt.

Die Kippenschachtel nur widerwillig. Es trennen mich nur noch wenige Schritte vom Ausgang. Bei jedem Schritt machen meine Schuhe komische Geräusche und mit der tollen Marmelade dran sammle ich auch den ganzen Dreck vom Boden. Die vor der Haustüre ausziehen, denke ich noch und bin endlich frei und am Ende. Das ist schlimmer als ein Acht- Stunden Tag im Büro. Nie wieder Samstagnachmittags im Supermarkt. Zumindest die nächsten Samstage nicht.

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Beim Zahnarzt

Jun
03

Zehn Jahre hatte ich Glück mit meinen Zähnen und damit auch mit dem Zahnarzt. Kein einziges Loch und keine Schmerzen haben mir das Leben schwer gemacht. Erst bei der letzten Kontrolluntersuchung musste ich mich der knallharten Realität stellen und meinem Doktor gestehen: Der Backenzahn links oben bereitet mir Probleme, da ist wohl ein Loch drin.

Mit den zehn lochfreien Jahren ist auch die Gesundheitsreform spurlos an mir vorbei gegangen und so war nicht nur das Loch sondern auch die gesamte Behandlung der Schritt in die neue Welt unseres hoch gepriesenen Gesundheitssystems.

Sie wissen ja, wenn ich da nun was mache, dann werden die EUR 10,00 Gebühr fällig.“ meinte mein Doc Stirn runzelnd. Ich nickte betreten. Mir ist es schon komisch vorgekommen, dass die nette junge Arzthelferin mir vorher die Zähne poliert hatte. Auch das bisschen Zahnstein hatte sie entfernt mit dem Kommentar: „Das sollten wir wegmachen. Es macht aber EUR 1,00 pro Zahn, da wir bereits im Frühjahr schon geputzt haben.“ Achselzuckend nahm ich es hin. Was soll das? EUR 6,00 für die vorderen Zähne ist nicht die Welt und halt eine Schachtel Zigaretten weniger. Mir hätte bereits zu diesem Zeitpunkt dämmern sollen was nun folgte:

Frau K., da müssen wir aber bohren. Das Loch ist zwar nicht so tief, aber die Stelle ist recht schwer zugänglich und es könnte sich eine Entzündung bilden.“ erklärte mein Doc weiter und wieder blieb mir nichts anderes übrig als zustimmend den Kopf zu bewegen.

Kaum das ich mich versah hatte ich bereits drei Spritzen in den Oberkiefer gerammt bekommen ohne jegliche Vorwarnung. Ich glaube, dass Zahnärzte auf ihren Lehrgängen Überraschungsangriffe üben, um Patienten schnell außer Gefecht zu setzen bevor diese protestieren oder weglaufen können.

So, nun müssen wir einen Augenblick warten!“

Mit diesem Satz verschwand er ins andere Behandlungszimmer und ich blieb mit einem merkwürdigen Geschmack im Mund zurück. Nach wenigen Sekunden fühlte sich die linke Mundhälfte an wie tiefgekühlt, wahrscheinlich hätte ich mir nun auch einen Nagel in den Gaumen schlagen können ohne auch nur das Geringste zu spüren und mit der Zeit merkte ich, dass ich aus dem linken Mundwinkel sabberte, denn die Betäubung reichte bis zu den Lippen. Ein mulmiges Gefühl stieg in mir hoch. Was hatte er vor? Den ganzen Oberkiefer aufreißen? War doch nur ein kleines Loch.

Die Tür zum Nebenraum sprang auf und ich hörte ihn noch sagen: „Das mit der Krone müssen wir noch mal machen Herr Müller, die sitzt noch nicht richtig. Da muss der Zahntechniker nochmals ran.“ Er bekam ein gequältes Murren als Antwort und ich fing an unruhig auf meinem Stuhl rumzurutschen.

Spüren Sie noch was?“ bevor ich etwas machen konnte, hatte ich schon seine in Latexhandschuhen steckenden Finger im Mund und wusste noch nicht mal wie er das gemacht hatte. In Handumdrehen folgte der Bohrer. Schon wollte er loslegen, da hielt er inne.

Da kommt man aber ganz schwer ran Frau K.. Ich glaube da muss ich nun den Mundwinkel ein bisschen hochziehen. Haben Sie sich schon über die Füllung Gedanken gemacht?“ sagte er während der Bohrer erneut in meinem Mund verschwand. Ich schaute ihn ein bisschen irritiert an. Wieso sollte ich mir Gedanken über die Füllung machen? Das Geräusche des Bohrers und des Speichelsaugers ließen mich so oder so keinen klaren Gedanken fassen. Ich vertraue der Wirkung dieser Spritzen nicht so ganz und wartete auf den ersten Schmerz. Nichts geschah, ich hatte lediglich das Gefühl, dass er meinen linken Mundwinkel an das linke Ohr gezogen hatte.

Nein so geht das nicht, ich komme da einfach nicht ran. Drehen Sie sich zu mir. Nicole, kannst du da bitte halten.“ forderte er von der Helferin.

Nun hatte ich drei Finger und einen Bohrer im Mund. Die Helferin versuchte mit aller Gewalt meinen Mundwinkel nun hinter mein linkes Ohr zu ziehen. Die Betäubung hielt, konnte aber meine Augen nicht täuschen und Tränen liefen über meine Wangen.

Ist gleich vorbei.“ versuchte mein Doc mich zu beschwichtigen. Sein Glück das er erfahren ist und die ruhige Stimme eines Großvaters besitzt, sonst wäre ich schon längst auf zu davon gewesen. Nach wenigen Minuten war der Spuk auch Gott sei Dank vorbei.

Was ist denn nun mit der Füllung?“ wollte er wissen.

Biwe keiwn Amagawn.“ hörte ich mich sagen. Das mit dem Sprechen konnte ich vergessen. Die Betäubung hielt und ich hatte zudem das Gefühl, das ich die ganze Zeit schief grinste, da mein linker Mundwinkel hinter dem Ohr klemmte.

Das kostet aber extra Frau K., Sie wissen ja das die Kasse das nicht mehr zahlt.“ kam zurück. Natürlich hatte ich keinen Plan. Woher denn auch. Was interessieren mich denn Zahnfüllungen. Ich bin froh wenn ich keine brauche.

Wir können zwei- oder dreiflächig machen.“ versuchte er zu erklären, was ziemlich sinnlos war, da ich weder ordentlich nachfragen konnte was der Unterschied war noch die Vor- und Nachteile kannte, vom Preis ganz zu schweigen. Das ist so, als ob ich ihn fragen würde ob er nun ein mattes oder glänzendes Make Up für den Alltag bevorzugt.

Wir machen zweiflächig Frau K., an den Backenzähnen langt das, da sieht es keiner.“ Er hatte die Ratlosigkeit in meinem Blick erkannt und traf die Entscheidung. Wieder blieb mir nichts anderes übrig als zu nicken.

Erneut hatte ich zwei Finger der Arzthelferin im Mund. Die Kieferknochen machten merkwürdige Geräusche und das linke Auge tränte fröhlich vor sich hin. Zu guter Letzt stopfte er das Loch im Backzahn und einen Stab mit Blaulicht zum aushärten hinterher. Ich hatte das Gefühl das Ding kommt gleich wieder zum Ohr hinaus wenn er es noch weiter reindrücken würde, aber die Betäubung hielt, allerdings nicht am Kieferknochen, so entschloss sich auch das rechte Auge nun den Tränen freien Lauf zu lassen. Nach einer qualvollen Weile gehörte mein Mund wieder mir.

Na, war doch nun nicht so schlimm oder?“ wollte mein Doc wissen. „An der Anmeldung erhalten Sie Ihre Rechnung Frau K. und lassen sie sich einen Termin zur nächsten Kontrolle geben.“

Owkayw.“ gab ich zurück und versuchte zu lächeln. Schon eilte er zum Empfang und gab der Sprechstundenhilfe Anweisungen zu meiner Rechnung. Mit einem Händedruck verabschiedet er sich und verschwand wieder in dem Kronenzimmer.

Innerhalb von wenigen Sekunden hatte ich zwei Dokumente zur Unterschrift vorliegen: Einmal EUR 6,00 für die sauberen Zähne. Diese sollte ich sofort bezahlen. Dann eine Quittung für die Praxisgebühr, auch die sofort fällig und dann noch mein Füllung. Die sollte ich am besten überweisen.

Das iwst jaw wiew in dew Buwhaltwung hiew.“ sagte ich zu der netten Dame, die mir die letzte Rechnung zur Unterschrift vorlegte.

Wem sagen Sie das Frau K., der reinste Papierkrieg und alles muss getrennt abgerechnet und abgeführt werden. Ein Heiden Aufwand und die Beiträge sinken nicht wirklich.“ entgegnete diese mit einem zerknirschten Lächeln. „Sie können aber eine Zusatzversicherung abschließen.“

Entschlossen hielt sie mir ein Werbeprospekt entgegen. Ich winkte ab, unterschrieb die letzte Rechnung, ließ mir einen Termin in sechs Monaten geben und verließ die Praxis. Ich hatte Angst noch was zu fragen, nachher würde das auch noch was extra kosten.

Im Auto rechnete ich dann zusammen: Ein bisschen Zahnstein, Praxisgebühr und eine Füllung hatte mich nun insgesamt knappe EUR 60,00 gekostet. Ein teurer Spaß für ein bisschen Betäubung, Bohren und Schmerzen, vor allem wenn man nicht masochistisch veranlagt war.

Vielleicht sollte ich mich gleich privat versichern, dann hat sich die Sache mit den drei Rechnungen gleich erledigt. Ich bekomme dann nur eine, die über EUR 200,00 geht. Ich muss mir allerdings nicht mitten in der Behandlung Gedanken über Füllungen und andere Dinge machen, die Praxisgebühr zahle ich nicht und alle meine Zähne werden anstandslos von Zahnstein befreit.

Eins muss man der Gesundheitsreform zu Gute halten. Sie kurbelt auf jeden Fall die Konjunktur an. Jede Zahnarztpraxis verbraucht nun mehr Papier, Druckerpatronen oder Toner, Wartung der Geräte, Strom und Kugelschreiber, wahrscheinlich auch noch Ordner. Die Banken freuen sich über das entstehende Transaktionsvolumen durch die Überweisungen und wahrscheinlich hat die eine oder andere Praxis schon eine neue Kraft eingestellt, die nichts anders macht, als die Zahlungseingänge zu kontrollieren und Mahnungen an die säumigen Patienten zu schreiben, da freut sich auch gleich noch die Post. Will gar nicht erst wissen was der Steuerberater der Praxis zusätzlich bekommt um alles zu kontrollieren.

Ich mache meinem Doc einen Vorschlag, er soll doch bitte in seinem Warteraum einen Katalog auslegen mit Bestellzetteln, da können dann Kassenpatienten ankreuzen was gemacht werden soll und die Rechnungen kann man bereits vordrucken lassen. Vielleicht so wie bei OTTO. Dann habe ich wenigstens ein bisschen Spaß im Vorfeld der Behandlung. Ist ja dann fast wie einkaufen.

Wenn er schlau ist, macht er es wie die Supermärkte oder Teleshopping: „Lassen Sie die Zahnsteinentfernung an zehn Zähnen vornehmen und zahlen Sie nur acht!“ oder „Nur noch diesen Monat: Zwei dreiflächige Füllungen zum Preis von einer!“ Das ist doch die Idee und dann könnte man sich gleich noch was aussuchen, wenn man eine Rundumbehandlung als Kassenpatient nimmt. „Lassen Sie die Vorderzähne vollständig überkronen und Sie erhalten dieses tragbare Miniradio gratis zur Behandlung, damit es sie von den Schmerzen ablenkt!“ Da öffnen sich doch ganz neue Horizonte! Vielleicht sollten Zahnärzte in Zukunft so Schnellkurse im Verkauf machen. Hoffentlich kommt mein Doc nicht auf die Idee in seinen Katalog Schuhe aufzunehmen. Das könnte für die eine oder andere Patientin böse enden….

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Die Mücke

Jun
03

Kurz vor 0:00 Uhr und draußen immer noch die Hitze. Stehende 27 Grad. Dieser Sommer ist mehr als ein Rekordsommer. Es ist mittlerweile eine Heimsuchung.

Schweißgebadet liege ich auf der Bettdecke und versuche mich einfach nicht zu bewegen, denn die kleinste Bewegung bedeutet einen Wasserfall aus Schweiß.

Großstädte im Sommer sind furchtbar. Alles steht, kein Luftzug! Da kann man alle Fenster aufreißen, Türen offen stehen lassen, nichts! Der aufgeheizte Asphalt lässt die Wärme des Tages schön langsam aufsteigen. Die Wände des Hauses fühlen sich an wie frisch aus der Spülmaschine, heiß und trocken. Alles steht und ich liege.

Ich versuche einzuschlafen. Mit geschlossenen Augen lausche ich den Geräuschen auf der Straße. In der Ferne fahren Autos. Irgendwas bewegt sich immer. Ich denke an einen Eimer kalter Cola mit viel Eis und an eine kühle Dusche. Die Gedanken werden schwammig, ich bin kurz vorm Einschlafen.

Ein hoher Ton direkt neben meinem linken Ohr lässt mich die Augen wieder öffnen. Ich starre an die Decke. Mein Wecker, der die Uhrzeit in roter Schrift an die Wand schmeißt zeigt 0:01. Es surrt mal etwas weiter weg dann wieder näher und schon sitze ich hellwach und kerzengerade im Bett. Eine Mücke! Das fehlte jetzt noch! Bereits die letzten drei Nächte haben die Viecher sich an mir satt getrunken. Mit insgesamt 6 Stichen führte ich bereits bei den Arbeitskollegen die Rangliste, allerdings war ich so gar nicht glücklich mit dieser Top-Platzierung.

Ich fasste also sofort einen Entschluss: in dieser Rekordsommernacht würde diese Mücke kurz nach Mitternacht sterben! Mit einem Sprung war ich auf den Beinen und am Lichtschalter, mit einem zweiten wieder am Bett und ergriff den Spiegel. Die Zeitung zu einem Schlagstock zusammenrollend inspizierte ich die weißen Wände des Schlafzimmers. Die Suppe lief mir zu diesem Zeitpunkt bereits die Achseln runter. Rechte Wand, linke Wand waren sauber. Die offene Tür auch. An die Decke geschaut, vielleicht bei der Lampe oder auf den Bilderrahmen. Wahrscheinlich auf dem Fernseher oder am Fenster, an der Balkontür sicherlich.

Nachdem ich einmal quer durch das Zimmer geturnt war und aufs Bett kletterte um die Deckenlampe besser sehen zu können, standen mir nun Schweißperlen auf Stirn und Oberlippe. Keine Mücke. Das Tier hat die Gefahr gewittert und ist durch die Balkontür geflohen. „Ihr Glück!“ denke ich bei mir. Der Spiegel landet auf dem Nachttisch und ich wieder im Bett. Licht aus und nicht bewegen, Ruhe. Vor meinen geistigen Augen schwimme ich Richtung Nordpol und winke Eisbären zu. Von weitem kommt ein hohes Summen von rechts.

Der Verstand ist diesmal schnell da, ich nehme den Lichtschalter direkt am Bett und der Spiegel liegt griffbereit. In Sekunden bin ich auf den Beinen und suche das blutrünstige Monster! Es hat sich sofort versteckt bei dem ersten Lichtstrahl. Es kostet mich eine Ewigkeit die Mücke auf dem Bilderrahmen zu finden. Doch als ich sie erblicke kennt mein Gewissen keine Gnade. Die Zeitung schlägt zu, die Mücke flieht, ein schwarz-blauer Streifen wird auf der weißen Wand sichtbar. Fluchend steige ich vom Bett ab und suche erneut die Wände nach dem Blutsauger ab. Kein Tropfen bekommt diese Bestie von mir! Nach einer Weile entdecke ich sie neben dem Bücherregal an der Wand. Langsam und lautlos pirsche ich mich an die Ahnungslose heran. Es wird ein kurzer und schmerzloser Tod werden, verspreche ich ihr, als auch schon der Spiegel das zweite Mal auf das Tier niedergeht. Er trifft und das Opfer hinterlässt einen roten Fleck an der Wand, dem ein schwarzer Streifen folgt. Die schlimmsten Schimpfwörter darf man in der Nacht benutzen, da hört ja keiner zu und so verfluche ich die Mücke im Tod und den Spiegel, das beide nun meine weißen Wände ruiniert haben. Doch der Triumph lässt mich den Ärger schnell vergessen. Endlich kehrt Ruhe ein. Die Uhr zeigt 0:20 Uhr und jagen macht müde.

Doch schon nach wenigen Minuten der Stille höre ich ein Unheil verkündendes Geräusch aus der Dunkelheit auf mich zukommen. Es scheint Stereo zu sein. Wahrscheinlich sind es zwei. Die kommen um sich zu rächen, schießt es mir durch den Kopf. Das ist ja furchtbar. Licht an, Spiegelbewaffnung und los geht’s. Ich halte inne und betrachte den Blutfleck meines ersten Opfers, dann die zwei Streifen an den Wänden und resigniert sinkt die Zeitschrift in meiner rechten Hand zu Boden. Wegen Mücken das Zimmer neu streichen? Aber die Nacht über sich stechen lassen? Schwerwiegende Entscheidungen zu später Stunde. Mir kommen die Tränen. Ich will keine weiteren Stiche. Der eine im Gesicht ist schon schlimm genug. Sieht aus wie ein Riesenfurunkel und juckt wie sau. Ich höre die Beiden lachen. Bestimmt sitzen sie auf einem Buch und überlegen an welcher Stelle sie mich wohl zuerst anzapfen. Vielleicht am Hals oder am Arm, also klassisch. Die Wade und der Oberschenkel. Wahrscheinlich wird die Rache aber furchtbar und sie nehmen die Füße oder Hände oder wieder das Gesicht. Ich bekomme Panik und überlege kurzfristig im Wohnzimmer zu schlafen, bis mir einfällt, dass da ebenfalls der Balkon offen stand. Ich fühle mich allein, umzingelt und wehrlos. Wieder kommen mir die Tränen. Die gesamte Situation scheint aussichtslos. Unter der Decke verstecken geht nicht, da bekomme ich einen Hitzeschlag. Mir wird schlecht. Der Verzweiflung nahe schleppe ich mich ins Bad um mein Gesicht mit kaltem Wasser zu waschen und wieder einen klaren Gedanken zu fassen. Das Wasser bringt mich wieder zur Ruhe und im Spiegel betrachte ich meinen Mückenstich an der Wange. „So sehen dann die Opfer dieser Untiere aus!“ sage ich mir und blanke Wut steigt in mir hoch, als mein Blick im Spiegel auf den Schrank hinter mir fehlt. Was ist denn das? Durch das Milchglas schwer erkennbar sehe ich eine kleine weiße Flasche. Hoffnung durchfährt mich und die Erinnerung an den letzten Urlaub lässt mich erahnen was dieses Gefäß sein könnte: AUTAN!

Ich reiße die Tür des Schränkchens auf und finde die Überreste des Autan-Family-Sprays vom letzten Jahr. Das ist die Rettung! Ohne nachzudenken verteile ich die Reste der Flüssigkeit auf den schweiß- und wassernassen Händen, Beinen, Hals und Armen. Klatsche mir den Rest ins Gesicht und steht klebend, stinkend aber zufrieden im Bad. Man braucht eben nur die richtige Rüstung.

Mit einem fetten Grinsen betrete ich mein Schlafzimmer, lösche seelenruhig das Licht, lege mich bequem hin und schließe die Augen Schon wenige Augenblicke später höre ich das mittlerweile vertraute surren an meinen Ohren, aber es entfernt sich immer wieder und wieder. Der Sieg ist meiner für diese Nacht.

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