Archiv Juli, 2007

Einsamkeit

Jul
24

Party, Volksfest, Disco, ein Grillfest mit Freunden oder der gemütliche Abend in der Stammkneipe. Der Ort und die Zeit sind egal. Sie kommt!

Da sitzt du nun und bist von einer Menge Menschen umgeben.

Stimmen um Dich herum wie Fliegen. Die Gespräche werden zum nervtötenden Summen.

Es wird geredet, geflüstert, gemeckert und gejammert. Mal zusammen gelacht und dann wieder gestritten.

Plötzlich ergeben die Worte keinen Sinn mehr und du sitzt einfach nur da. Dein Blick wandert von einem zum anderen Gesicht.

Der eine nickt, die andere schüttelt den Kopf. Einer redet, ein andere ruft nach dem Kellner. Jemand neben Dir lacht und hinter Dir wird hitzig diskutiert. Du schaust dich um und der Raum scheint vor Geräuschen zu platzen.

Die drei Frauen dir gegenüber lästern im Flüsterton über eine Bekannte, die heute nicht kommen konnte. Die Gehässigkeit ist in ihre Gesichter geschrieben. Sie fühlen sich so sicher und unbeobachtet in einen Raum voller Menschen. Lärm macht anscheinend anonym. Die Kneipe ist verraucht und die Luft abgestanden. Die Typen hinter ihnen schauen belustigt herab. Wohl nicht anonym genug!

Der Mann links von dir führt eine Debatte über Weltpolitik und du fragst dich bereits jetzt, wer ihm überhaupt zuhört. Er klingt sehr überzeugend und aus der Melodie seiner Stimme hörst du die Arroganz eingebildeter Überlegenheit.

Das Pärchen rechts von dir ist mit sich selbst beschäftigt. Wahrscheinlich erzählt sie ihm gerade, dass sie ihre Eltern am Sonntag zum Essen eingeladen und die Waschmaschine mal wieder komische Geräusche gemacht hat. Vielleicht unterhalten sie sich aber auch nur über das Tagesgeschehen. Wen interessiert das?

Ein weiteres Pärchen gegenüber sitzt nur da und schweigt. Manchmal schauen sie sich an und lächeln. Wahrscheinlich halten sie unterm Tisch Händchen oder sie haben nichts zu sagen. Nichts mehr? Vielleicht auch nicht mehr. Sieht nett aus. Schweigen muss man können. Sie verstehen sich wohl ohne Worte. Schade!

Von den Gesprächen nimmst du immer weniger wahr. Zuerst sind es noch halbe Sätze die du hörst, dann nur noch Fetzen. Einzelne Worte. Ein lautes Lachen, das dich selbst zum schmunzeln bringt. Am Schluss ist alles nur noch ein fernes Rauschen.

Dein Kopf ist leer und es herrscht Stille. Das Lachen der Gesellschaft verliert sich auf dem Weg zu deinen Ohren. Du starrst an den Leuten vorbei und fragst Dich, was sie eigentlich die ganze Zeit miteinander reden.

Die Zeit scheint still zu stehen und du hast das Gefühl, dass um dich herum ein Glaskasten steht. Die Menschen sind da, aber so weit weg. Keinen scheint aufzufallen, dass du noch nicht mal mehr an der Runde teilnimmst.

Und dann kommt sie von hinten, packt und durchfährt dich. Für einen Augenblick spürst du sie in allen Fasern deines Körpers. Einsamkeit.

Du hörst deinen Namen und der Glaskasten platzt wie eine Seifenblase, lautlos und schnell. Eine Frage reißt dich aus sekundenlanger scheinbarer Taubheit.

Die Stimmen klingen klar und deutlich in deinen Ohren und dein Gesprächspartner schaut dir geradewegs in die Augen. Das Gespräch dauert an und du schaust zur Seite. Die Bekannte gegenüber starrt auf ihr Weinglas herab. Warum sollte es ihr anders ergehen?


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Blicke

Jul
05

Die Fußgängerzone war übersät mit Menschen an diesem Samstagvormittag. Das schöne Wetter schien die Kauflust der Leute geweckt zu haben. Auch die der beiden jungen Frauen, die sich aufgeregt unterhielten, während sie versuchten sich einen Weg durch die entgegen kommenden Menschen zu bahnen.

So schenkten sie auch der alten Frau keine Beachtung, die sich langsam durch das Gedränge bewegte, obwohl ihre Erscheinung deutlich aus der Menge hervorstach. Ein runzeliges, braungebranntes Gesicht. Die schwarzen Haare mit weißen Strähnen zu einem Dutt zusammengebunden. Der lange, bunte Rock und das ebenso farbenreiche Tuch um ihre Schultern machten sie völliger, als sie war. Lange, silberne Ohrringe mit Perlen und unzählige Ketten ließen die Alte wie einen Fremdkörper in der Innenstadt wirken. An ihrer Seite ein junges Mädchen, vielleicht acht, höchstens zehn Jahre alt, in einem abgetragenen Kleid mit leicht zerzausten Haaren. Zigeuner.

Ins Gespräch vertieft und lachend schoben sich Patricia und Jessica weiter Richtung Schlossplatz durch Grüppchen aus Jugendlichen, wichen Kinderwagen aus und überholten Paare. Fast unbemerkt und wie durch Zufall kreuzte die Alte mit dem Mädchen den Weg der jungen Frauen, sodass Patricia stehen bleiben musste, damit sie die Alte nicht überrannte.

„Entschuldigung“, sagte sie höflich lächelnd zur Alten und wollte weiter, ihrer Freundin bereits zugewandt, als die Alte sie am Arm festhielt.

„Junge Frau, ich sehe in Ihrer Zukunft große Veränderung. Lassen Sie mich aus ihrer Hand lesen. Unheil kann man abwenden.“

Die Stimme der Alten klang rauchig und tief. Die Aussprache zeugte von fremder Herkunft. Vielleicht Rumänien.

Patricia drehte sich verdutzt der Frau zu.

„Was?“, brachte sie erstaunt hervor.

„Komm, lass und weiter gehen, Pat. Die erzählt Dir nur, dass etwas Furchtbares passieren wird und dann will sie Geld“, meinte Jessica und wollte weiterlaufen, doch Patricia blieb beharrlich stehen, genau wie die Alte.

Die Zigeunerin griff nach der Hand der jungen Frau und schaute zu ihr hoch. Sie war um einiges kleiner. Die Blicke trafen aufeinander. Braune Augen der Alten und die blaugrünen der jungen. Sekunden vergingen.

Starr, kalt und klar.

Schweigen.

Nur langsam neigte sich der Kopf von Patricia, während sie sich mit ihrem Gesicht den Augen der Alten näherte. Ihre Augen schienen den Anblick der Frau zu mustern, doch sie ruhten die ganze Zeit in ihren. Diese hingegen riss merklich mehr und mehr die Augen auf, sodass das Weiß einen starken Kontrast zum Braun der Pupille bildete.

Jessica wurde unruhig.

„Los, Pat. Lass die Alte. Gehen wir weiter!“

Doch die junge Frau schien wie ausgewechselt und stierte der Alten ins Gesicht, die zunehmend unruhiger wurde und langsam, kaum merklich, begann den Kopf zu schütteln. Das kleine Mädchen hielt sich am Rock der Alten und vergrub das Gesicht im Stoff.

„Nama, Nama“, nörgelte sie, während sie am Rock zog.

Die Stimme der Kleinen klang verängstigt. Sie wollte weiter.

„Patricia, was ist denn los? Komm jetzt.“

Auch Jessica gefiel die Situation nicht mehr, denn beide Frauen standen sich wie versteinert gegenüber und ließen nicht voneinander ab. Die eine lächelnd, die andere immer mehr eingeschüchtert.

Patricia reagierte nicht auf ihre Freundin. Ihre Blicke blieben in den Augen der Alten und sie wiegte ihren Kopf leicht hin und her. Ihre Hand hatte die der Alten gepackt und drückte vorsichtig zu.

Die Alte wollte sich befreien, doch Patricias Griff wurde stärker und ein bedrohliches Grinsen, welches Jessica noch nie an ihrer Freundin gesehen hatte, erschien auf ihrem Gesicht.

Patricia wandte sich kurz der Freundin zu, lachte und war wieder mit dem Blick bei der Alten, die nun mit der anderen Hand versuchte sich zu befreien, doch konnte sie dem Blick Patricias nicht widerstehen und blickte in eiskalte funkelnde Augen.

Jessica stockte der Atem, als sie plötzlich die Stimme ihrer besten Freundin hörte, die nun zu der Alten sprach. Patricia schien zu flüstern, doch sie hörte die Worte der Freundin so deutlich, als würden deren Lippen an ihrem Ohr sein. Die Stimme war tief, gefühllos und unverständlich alt.

„Was willst du junges Ding mir erzählen, was ich nicht bereits seit Langem weiß?“

Das Kind neben der Alten begann zu weinen.

Patricia ließ langsam von der Frau ab. Diese begann sofort in einer für Jessica unverständlichen Sprache zu reden und machte seltsame Gesten, die eine Mischung aus Bekreuzigung und Fächeln waren. Dann verbeugt sich die Alte vor Patricia, packte das Kind bei der Hand und zog es mit sich in die Menschenmenge.

Lachend wandet sich Patricia ihrer Freundin zu.

„So, der habe ich nun ordentlich Angst gemacht. So ein Scheiß mit dem Wahrsagen.“

Die Stimme war wieder recht hoch, leicht schrill und voller Leben.

„Du hast nicht nur der Alten Angst gemacht, Pat!“, entgegnete Jessica ein wenig verwirrt und als sie ihrer Freundin in die Augen schaute, glaubte sie ein silbernes Funkeln zu sehen.


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