Archiv September, 2007

Du dummer Esel!

Sep
06

Viele Leute fragen sich, warum man ausgerechnet diesem Tier die Eigenschaft zu spricht, dumm zu sein. Hier also die Erklärung.

Es waren einmal zwei Bauern, die hatten üppige Felder und mehrten ihren Besitz und Reichtum. Da sie eigentlich sehr sparsam waren und beide Höfe nicht groß genug, um alle Ausgaben zu bestreiten, teilten sie sich einen Karren und einen Esel.

Das Tier wurde versorgt, damit es den Karren ziehen konnte und die Vereinbarung, wer wann den Esel haben konnte, war ebenfalls ausgemacht. Alles klappte prima und die Bauern waren mit sich und dem Esel sehr zufrieden und lobten das Tier.

Obwohl die Bauern die gleiche Arbeit taten, waren ihre Methoden unterschiedlich.

So fuhr der erste Bauer immer Montags und Mittwochs seine Waren auf den Markt. Er war sehr ehrgeizig und wollte immer der erste auf dem Markt sein. So belud er den Karren mit allem möglichen Zeug, je mehr desto besser, kreuz und quer lagen die Waren im Karren und schnell noch den Esel davor gespannt. Auf geht’s.

Das Tier trabte los in der für den Karren angemessenen Geschwindigkeit. Doch diese erschien dem Bauern nicht schnell genug.

„Los, Eselchen! Lauf zu, wir müssen voran kommen!“, und mit einem Peitschenschlag über den Rücken des Tiers verlieh er seinen Worten Nachdruck. Der Esel legte sich mit aller Kraft ins Zeug, um dem Kutscher gerecht zu werden. Auch wollte er die Peitsche nicht spüren, die einen schmerzhaften Striemen auf dem Rücken hinterlassen hatte. Der Bauer war letzten Endes zufrieden und lobte das Tier.

„Ich habe es richtig gemacht!“, dachte der Esel, “So bekomme ich die Peitsche nicht mehr zu spüren.“

Es wurde Dienstag und der andere Bauer belud den Karren, denn auch er wollte seine Waren zum Verkauf anbieten. Er allerdings war auf Qualität bedacht und ging die Sache sehr sorgsam an, doch wollte er dem anderen Bauern in nichts nachstehen. Auf dem Karren wurden die Waren akribisch gestapelt, sodass weder Obst noch Gemüse einen Schaden nehmen konnten, auch der Platz wurde optimal genutzt, es sollte soviel wie möglich aufgeladen werden. Das Tier davor, das Gute. Es wird ein guter Tag auf dem Markt!

Der Esel dachte, er habe nun gelernt, was zu tun ist. Die Bauern wollten schnell zum Markt. So legt er sich ins Geschirr und preschte los.

Das Entsetzen packte den zweiten Bauern und mit voller Gewalt zog er an den Zügeln.

„Esel, nicht so schnell! Die Kisten wackeln hinten auf dem Karren, so bekommen wir die Waren niemals heil zum Markt!“

Der Esel verstand nicht. Würde er doch langsam gehen, so würde wieder die Peitsche seinen Rücken traktieren. So zog er wieder an, im schnellen Tempo. Doch auch dieses Mal zwang der Zug der Zügel ihn dazu langsamer zu tun, bis das Maul wund wurde.

So ging das eine Weile, bis der Esel begriffen hatte, wann er schnell und wann langsam zu laufen hatte.

Die Bauern wurden reicher und irgendwann hatten sie es nicht mehr nötig alleine mit dem Esel zum Markt zu fahren. Sie hatten ihre Knechte und Gesellen, denen sie die Aufgaben übertrugen. Auch in den Tagen wechselten sie durch, genau wie die Knechte und Gesellen.

„Schau zu, das du Land gewinnst, bringe die Waren schnell zum Markt!“, so der eine.

„Sei ja vorsichtig und pass’ auf die Waren auf, damit kein Kunde was zu bemängeln hat!“, so der andere.

Jeder spannte den Esel vor den Karren und das Tier lief und lief. Mal zwei Tage schnell, dann wieder fünf langsam, doch dann wieder drei Tage schnell und danach einen Tag ganz langsam.

Die Striemen auf dem Rücken wurden tiefer und das verkrustete Blut war deutlich rechts und links am Maul zu sehen und so sehr sich das Tier auch bemühte, es spürte immer mal die Peitsche, mal die Zügel.

Eines Tages kam es aber nun, dass beide Bauern gleichzeitig den Esel haben wollten. Beide wollten zum Markt, um ihre Waren anzubieten. Da keiner auf sein Geschäft verzichten wollte, einigten sie sich, auf den Vorteil bedacht Gewinn zu machen.

Sie beluden den Karren und spannten den Esel davor. Das Tier trabte los. Nach den ersten Schritten gab der erste Bauer dem Tier die Peitsche.

„Auf Eselchen, schneller, wir müssen voran kommen!“, sagte der erste.

„Was tust du da?“ fragte der andere und zog kräftig an den Zügeln.

Das Tier strauchelte.

„Wir müssen vorwärts! Lass uns die ersten auf dem Markt sein, da können wir die meisten Waren verkaufen.“

Erneut fuhr die Peitsche auf den Rücken des Tiers herab und es legte sich ins Gespann, da der Schmerz es zwang.

„Nein, die Waren gehen durch das Gepolter kaputt, keiner wird sie kaufen wollen.“, entgegnete der andere Bauer und zog die Zügel, bis der Kopf des Esel sich nach hinten bog.

„Das sieht doch kein Mensch, wenn wir so früh da sind!“ – Peitsche.

„Aber dann kommen die nie wieder, um etwas bei uns zu kaufen!“ – Zügel

Die Striemen auf dem Rücken mehrten sich und das Maul riss. Obwohl der Esel sich alle Mühe gab es richtig zu machen, bekam er immer und immer wieder das eine oder andere Mittel zu spüren. Bis das Tier keine Kraft mehr hatte und so blieb es stehen. Verwundert hielten die Bauern in ihrem Streit inne.

„Eselchen, lauf zu. Die Waren müssen schnell auf den Markt!“, so der eine. Doch der Esel rührte sich nicht mehr.

„Oh Esel, bitte lauf, die Waren verderben und keiner wird sie kaufen.“, so der andere mit den Zügeln das Tier antreibend.

Der Esel stand und bewegte sich keinen Schritt mehr, mit blutigem Maul und zerrissener Haut auf dem Rücken. So sehr sich auch die Bauern mühten, der Esel wollte nicht mehr.

„Warum haben wir das Tier immer so gut gefüttert? Es will ja noch nicht mal laufen!“

„Ich weiß auch nicht, denke doch nur an das Geld und die Waren. Das können wir nun alles vergessen, nur wegen dem Tier!“

„Du dummer Esel, du bist schuld, wenn uns das Geschäft flöten geht und Geld gekostet hast du uns auch noch. Wenn wir das nur früher gemerkt hätten, was hätten wir sparen können, wie viele Waren mehr hätten wir verkaufen können. Man will ja gar nicht dran denken!“

„Unglaublich!“

„Ich glaube, der taugt nichts.“

„Wahrscheinlich hast du Recht. Lass uns einen neuen kaufen.“

Dummer Esel…


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