Archiv Oktober, 2007

Schreibe nicht über mich!

Okt
16

„Schreibe nicht über mich, ich mag das gar nicht!“
Er hatte sehr schlechte Laune, redete ziemlich schnell und unruhig. Ihm gefiel die Situation nicht.
„Aber wieso denn nicht? Jeder kennt dich, jeder denkt an dich und jeder weiß, wer du bist.“
Ich tat mein Bestes, um ihn von dem bescheuerten Gedanken abzubringen, diese Geschichte zu löschen. Es erweckte fast den Eindruck, als sei er schüchtern. Seltsam, ich glaube diese Eigenschaft traut ihm kaum einer zu, vor allem wenn man bedenkt, wie er manchmal mit den Menschen umging. Direkt, unverhofft, sadistisch, manchmal nur verachtend.
„Du stellst dich einfach nur an!“, spöttelte ich.
„Mich kennt jede Sau, mich hasst jede Sau und wenn man mich nicht gerade hasst, dann fürchtet man mich!“
Langsam fing er an sauer zu werden und mir wurde mulmig. Ich hatte mir das viel einfacher vorgestellt.
„Die Menschen sind doch alle gleich. Erst wenn es ihnen so richtig dreckig geht, sehnen sie sich nach mir, als sei ich das einzig wahre Glück im Leben. Purer Sarkasmus des Göttlichen! Ironie! Eigentlich Blasphemie.“
Ich schluckte schwer, er fing an mir Angst zu machen.
„Im Mittelalter hätten sie mich für so einen Satz verbrannt. Dummerweise hätten sie mich nicht gekriegt, wäre damals zu beschäftigt gewesen, im Job. Und wenn ich den ein oder anderen besuche, der gerade mitten im Leben steht und anscheinend alles genießt, bin ich wieder der Böse, wenn es mal einen Schlag auf den Hinterkopf gibt. Ihr schimpft das dann immer Schicksal oder Unglück. Dreck!“
Worauf hatte ich mich da eingelassen? Leicht pikiert ließ ich den Stift sinken. Er schien sich gerade selbst in Rage zu reden und ich suchte krampfhaft nach einer Ausrede, um glimpflich aus der Sache raus zu kommen.
„Ja, so ist es nämlich! Das solltest du schreiben und nicht dieses Gefasel über Sein und Nichtsein. Geblubber über Geburt und Reinkarnation. Irgendwelche schwachsinnigen Texte über erfülltes Leben und Leben im Augenblick“, schrie er mir ins Gesicht.
„Hm, okay.“
Das war das einzige, was ich noch raus brachte. Sichtlich eingeschüchtert rutschte ich in meinem Sessel Richtung Boden. So hatte ich mir das alles wirklich nicht vorgestellt. Ich dachte, man könnte das Thema von der positiven Seite beleuchten.
Eine sehr unangenehme Stille machte sich breit.
„Also, ich will das nicht. Schreibe es nicht. Sie werden es nicht lesen, weil sie es nicht wollen. Keiner will es. Wenn ich Du wäre, würde ich es auch nicht wollen, mich mit mir beschäftigen müssen, meine ich.“
Ich war verwirrt.
„Ja, aber…“, versuchte ich ein letztes Mal ein vernünftiges Argument für meinen Text zu finden.
Doch wieder unterbrach er mich.
„Nichts aber! So ist es nun mal. So ist es schon immer gewesen. Es wird sich auch nicht ändern. Mein Job macht mich zu dem was ich bin. Also höre auf damit, hier irgendwas schön zu reden oder schreiben. Es bringt nichts und mir ist das unangenehm. Und um genau zu sein, ist es mir ziemlich peinlich!“
Sein Tonfall hatte sich geändert. Er schien nachdenklicher, was aber an der Bedrohlichkeit nichts änderte, die er seit je her ausstrahlte.
„Was glaubst Du, wie es wäre, wenn ich mir mal erlauben würde so über Euch zu schreiben?“
Ich schwieg verblüfft. Auf so eine Frage war ich nicht vorbereitet. Sie schien mir zu abwegig. Er versuchte doch nicht etwa mich zu überrumpeln? Ein Anflug von Panik machte sich in mir breit. Mit einem tiefen Atemzug rang ich um Fassung. Meine Stimme sollte ruhig klingen.
„Also, ich denke, das wäre sehr interessant.“
Kaum ausgesprochen, bereute ich meine Äußerung.
„Interessant ist einzig und allein die Tatsache, dass ihr Vollidioten auch noch meint mit mir spielen zu müssen oder dürfen und dann darf ich auch noch so einen Scheiß über mich lesen, den eigentlich keiner lesen will. Falls das deine Auffassung von Humor ist. Ich finde es nicht witzig.“
Jetzt war er richtig wütend und machte Anstalten zu gehen. In einem Anflug von Größenwahn wurde ich mutig.
„Wohin gehst Du?“
„Keine Sorge, Kleines. Ich komme wieder. Irgendwann!“
„Wieso soll ich nicht über dich schreiben?“

„Ich bin der Tod!“


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Über…

Okt
15

Jo sind nur die ersten zwei Buchstaben der hanna.

 
Jo ist eine ziemlich eingebildete Zicke, die immer und zu aller erst an das eine denkt: An sich. Das wäre im Grunde genommen nicht so schlimm, denn die meisten Menschen denken an sich. Andere oft noch mehr.

Wirklich anstrengend ist Jo, wenn sie grübelt und damit Familie und Freunden auf die Nerven geht. Entweder mit Fragen oder dummen Antworten. Ihre Mitmenschen treibt das zuweilen entweder in den Wahnsinn, tiefes Nachdenken oder unkontrollierbare Lachkrämpfe.

Ansonsten ist Jo eher durchschnittlich, manchmal etwas grau bis hin zu absolut unauffällig. Sie langweilt sich schnell und ist andauernd auf der Suche nach Neuem, aber mit Sicherheit immer nach diesem verdammten Sinn, der anscheinend so gut versteckt ist, dass selbst die klügsten Köpfe der Menschheit, seien sie schon längst verstorben oder noch am Leben, entweder behaupten es gäbe ihn gar nicht oder sich in kompliziert formulierte Texte retten, die bei genauer Betrachtung mehr oder weniger phantasievolle Ausreden sind.

Sie mag Philosophie, wenn diese verständlich und alltäglich ist. Doch vor Kant hat sie Angst und macht einen großen Bogen um ihn, wohl wissend nicht um ihn herum kommen zu können.

Sie liebt ein kühles Bier mit guten Freunden. Auf dem Nachttisch findet man Terry Pratchett. In den Hosentaschen hat sie meist Hundeleckerlis für den liebsten Hund der Welt (“Hey da. Sie, Sie mit dem gelben Rüden. Der hört ja gar nicht!”). Ein Leben ohne ihren Mann kann sie sich nicht mehr vorstellen.


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Serientäter

Okt
13

Ein leichter Würgreiz stieg in mir hoch, als ich die Überreste fand. Angeekelt starrte ich auf die Teile. Man konnte hier und da etwas erkennen. Ein Bein, ausgerissen. Der Oberkörper seltsam entstellt. Die Körperflüssigkeiten ineinander vermischt ergaben ein rotbraun.
Ich drehte mich angewidert weg. Wie konnte er nur so was tun?
Da stand er wieder. Neben mir. Emotionslos.
Starrte auf sein Opfer herunter. Auf seine Tat. Sein Kunstwerk. Seine Jagdbeute.
In solchen Augenblicken ist er mir unheimlich, denn es passt gar nicht zu seiner ruhigen und ausgeglichenen Art.
Diesmal war er gründlich. Die Spuren waren deutlich zu sehen. Das Opfer hatte lange gelitten und er hatte seinen animalischen Spaß, hatte jede Sekunde genossen.
„Was für eine Schweinerei!“, platze es aus mir heraus.
Seine Blicke wandten sich einen Moment ab, trafen meine. Seelenruhig blieb sein Blick in meinem ruhen. Schweigen.
Wie immer.
Teilnahmsloses Schweigen.
Dastehen.
Nichts tun.
Kein Anflug von Reue, geschweige denn Schuld.
Er ist ein eiskalter Mörder.
Seine Strategie ist simpel, aber wirkungsvoll: Warten auf den richtigen Moment und dann zuschlagen. Die Opfer können sich nicht wehren. Er ist mit seinem Körperbau, seiner Schnelligkeit und seiner Klugheit ihnen allen überlegen. Es scheint ein Instinkt zu sein.
Die Gründe sind unverständlich. Er tut es einfach. Ein Spiel. Aus Spaß, vielleicht aus Langeweile, manchmal aus Frust.
Mordgelüste.

Angewidert drehe ich mich weg. Nun ist es wieder an mir, die Reste seines Massakers aufzuräumen, den Kriegsschauplatz wieder zu dem zu machen, was er ist.
Keiner wird es je erfahren und ein weiteres Mal wird er ungeschoren davon kommen. Wo kein Kläger, da kein Richter und eine Rache hat er nicht zu fürchten.
Er folgt mir schweigend, während ich alle Mittel zur Beseitigung zusammen suche. Hält sich hinter mir, wie immer. Doch helfen wird er nicht. Es ist unser Ritual. Er tötet und ich beseitige. Jedes Mal das Gleiche und jedes Mal ekelt es mich vor dem Anblick der Überreste seiner Opfer.
Ich ziehe Gummihandschuhe an. Auf keinen Fall will ich die rotbraune Flüssigkeit auf meiner Haut spüren. Mit starken Chemikalien bewaffnet kehre ich an den Leichenfundort zurück.
Ruhig und gleichgültig setzt er sich hin und schaut zu, wie ich mich an die Arbeit mache. Der Geruch der Reinigungsmittel steigt auf und mit gerümpfter Nase sammle ich die leicht angetrocknete Flüssigkeit und die Reste des Leichnams ein, bis nichts mehr zu sehen ist. Alles wie neu, als sei nie was gewesen. Nichts ist passiert.
Ich schaue ihn an, seine grünen Augen erwidern meinen Blick. Er steht auf und geht. Die Show ist vorbei.
Er wird es wieder tun. Es dauert nur seine Zeit, aber ich weiß er wird es wieder tun.
Und ich? Auch ich werde wieder die Überreste eines toten Käfers wegräumen, nachdem der Kater ihn zerlegt hat.

lucky_augen


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