Archiv Dezember, 2007

Rentiere in der Garage

Dez
07

Als ich gestern das Auto wie gewohnt in der Garage parken wollte, war diese bereits besetzt. Bereits auf dem Heimweg hatte es angefangen richtig dicke Flocken zu schneien. Verärgert legte ich mitten im Hof eine Vollbremsung hin. Nach dem ersten Schrecken, staunte ich nicht schlecht, denn meine offen stehende Garage hatte sich in ein Weihnachtszimmer verwandelt, das trotz greller Ausleuchtung durch das Scheinwerferlicht recht gemütlich aussah. Ich rieb mir kurz die Augen und machte den Gurt los, um auszusteigen, als es auch schon an die Scheibe meiner Fahrertür klopfte. Noch während ich hochschaute, entfuhr mir ein kurzer Schreckensschrei und ich verwarf die Idee aussteigen zu wollen. Vor meinem Autofenster stand ein Rentier mit ärgerlichem Gesichtsausdruck, das mit dem Huf energisch gegen die Scheibe donnerte. Mir die Augen ungläubig reibend schüttelte ich den Kopf, doch als ich erneut hinschaute, war das Tier immer noch da. Nun stand es mit in die Hüften gestützten Hufen vor meinem Auto und schien darauf zu warten, dass ich aussteige. Ob vielleicht die Mandarine schlecht gewesen war, die ich vor drei Stunden im Büro gegessen hatte? Bei Lebensmittelvergiftungen kommt es zeitweise zu Halluzinationen. Zuerst den Motor und die Scheinwerfer ausmachen, wäre wohl das sicherste.
Kaum hatte ich die Autotür nur einen Spalt geöffnet, brach über mich ein Donnerwetter an Beschimpfungen herein: “Wollten Sie in der Karre eigentlich übernachten oder was? Wir haben keine Lightshow bestellt. Eine Unverschämtheit ist das! Und das auch noch kurz vor Weihnachten. Ich werde mich beim Vermieter beschweren!”, fauchte das Rentier mit hoher Stimme. Erst jetzt bemerkte ich die Schürze um die Hüften und den Lippenstift. Schien sich um ein Rentierweibchen zu handeln, das in Rage geraten ist. Verdutzt starrte ich sie an und versuchte einen ordentlichen Satz von mir zu geben: “Verzeihung…, äh…, aber …, nun ja…, eigentlich…, wie soll ich sagen?“ ich holte tief Luft und versuchte meine Stimme ruhig klingen zu lassen. „Also, das ist meine Garage.”

“Schatz, mit wem sprichst du denn da?”, kam es nun aus der Weihnachtsgarage und im Garagentor stand plötzlich noch so ein Tier. Es war um einiges größer und breiter, trug eine dunkelblaue Jeans und hatte eine Zeitung im Huf oder besser gesagt am Huf. “Na mit dieser schusseligen Frau hier, die fast mitten in unser Zimmer gebrettert wäre”, meinte die Rentierdame vorwurfsvoll. Die kalte Luft und der Schnee brachten nicht nur meinen Kreislauf wieder in Schwung sondern auch mein Hirn. “Jetzt mal langsam. Was zum Teufel suchen Sie eigentlich im meiner Garage?”, wollte ich wissen und nur eine Sekunde später wurde mir klar, dass ich mit einem Rentier sprach. “Hat Ihnen Ihr Vermieter denn nichts gesagt? Wir haben die Garage bis einschließlich 24.12. angemietet.”, entgegnete mir die Rentierfrau etwas freundlicher.
“Verzeihen Sie, meine Frau ist etwas aufgebracht. Es ist das erste Mal seit 50 Jahren, dass wir wieder mal in einer Großstadt sind”, sprach mich nun das Rentier an und grinste. “Kommen Sie doch rein in die gute Stube.” meinte er und trat neben mich. Er überragte mich um einen Kopf, wobei sein Geweih genau so breit schien wie ich hoch.

“W-w-was? W-w-wie?”, fing ich wieder an zu stottern. Doch bevor ich noch irgendwas sagen konnte, wurde ich schon sanft über die Schwelle geschoben.
“Aber Füße abtreten, ich habe gerade frisch gewischt. Keinen Schnee herein tragen, ja?”, hörte ich hinter mir. Ich tat wie mir befohlen und streifte meine Füße auf der “Hier wohnt Familie Rens”-Fußmatte ab. Meine Garage war zu einer Wohnküche mit Bad mutiert. An der Wand, auf die man normalerweise zufährt, stand plötzlich ein Kamin, davor zwei große Ohrensessel. Der Betonboden war jetzt zu Parket mit Flickenteppichen geworden und in der linken Ecke stand ein bunt geschmückter Weihnachtsbaum. Daneben ein alter Eisenofen auf dem eine dampfende Kanne stand. Überall an den Wänden waren Regale angebracht, die sich unter dem Gewicht von Päckchen, Büchern, Dosen und Weihnachtskrempel bogen. “Ich dachte, Ihr Vermieter hätte Ihnen Bescheid gesagt. Er meinte, er würde Ihnen einen Brief in den Briefkasten werfen. Ich bin Richard und das ist Rebecca”, erzählte das Rentier im Plauderton.
“Angenehm, aber was machen Sie eigentlich hier?”, wollte ich jetzt wirklich wissen.
“Wollen Sie einen Kakao? Habe gerade frischen gekocht”, fragte die Rentierdame und trabte zum Herd. Mir wurde warm in der dicken Jacke und mit herabhängender Handtasche an der linken Seite stand ich ziemlich verloren in der Weihnachts-Rentier-Untervermietungs-Garage und guckte blöd. “Also Frau…. ”, fing Richard wieder an und wartete wohl darauf, dass auch ich mich vorstellte.
“Anke”, entgegnete ich kurz und versuchte zu lächeln.
“Also, Frau Anke”, setzte er erneut an. Ich bekam von links einen Becker heißen Kakao gereicht, der verführerisch und leicht nach Zimt roch. “Wie Sie bestimmt wissen, startet der Weihnachtsmann jedes Jahr an einem anderen Ort der Welt mit dem Verteilen der Geschenke und dieses Jahr hat er aus der Lostrommel die Stadt Stuttgart gezogen”, erklärte Richard freundlich. “Ach so ist das”, versuchte ich ganz gelassen und entspannt zu klingen, während ich mich krampfhaft an dem Kakaobecher festhielt.
“Stuttgart ist ja so katastrophal, wenn man kurzfristig eine Wohnung sucht”, meinte Rebecca und wedelte wissend mit dem rechten Huf. Sie stand vor dem Kamin und sortierte Tannenzweige auf dem Sims.
“Ja, das ist wirklich ein Desaster. Wir sind ja auch froh, die Wohnung hier gefunden zu haben. Anstatt Wohnungen zu bauen, ziehen sie überall nur Bürogebäude hoch”, winkte ich ab und ertappt mich dabei diese total abstruse Situation, als normal zu empfinden.
“Ihr Wort in Santas Gehörgang”, meinte Richard lachend “Ricki und seine Freundin haben nur noch etwas außerhalb gefunden. Jetzt müssen sie fast ‘ne halbe Stunde mit der S-Bahn fahren, bevor sie in der Innenstadt sind.” Ich nickte wissend. “Sie sind also bis zu 24.12. hier?”
“Ja genau. Ich denke, wir werden so kurz vor Mitternacht weg sein. Ich hoffe, es macht Ihnen nicht allzu viele Umstände, die paar Tage draußen zu parken?”, fragte Richard.
“Nee ne, geht schon. Wenn ich das Auto vor der Garage stehen lassen kann, dann sollte es passen. Ich habe nämlich keinen Anwohnerparkausweis mehr”, antwortete ich und stellte meinen Becker auf den kleinen Beistelltisch am rechten Sessel.
“Kein Problem! Das war heute nur der Schreck”, meinte Rebecca in aller Freundlichkeit. Sie war jetzt wie ausgewechselt. Ja, sogar sympathisch.
“So, nun muss ich aber los. Vielen Dank auch für den Kakao”, verabschiedete ich mich und verließ die Garage.
“War nett Sie kennen zu lernen, Frau Anke. Schönen Abend noch”, sagte Richard zum Abschied und schloss hinter mir das Garagentor. Es wurde stockduster auf dem Innenhof, als sich das Tor mit einem wohlbekannten Geräusch schloss, aber es schneite immer noch. Auf meinem Auto lag bereits ein guter Zentimeter. Ich drehte mich um. Am Knauf der Garagentür hing ein kleiner Weihnachtskranz mit Holzschild „R + R Rens“. Ohne mich umzudrehen überquerte ich den Hof und lief zur Haustür. Kaum hatte ich auf geschlossen, kam mir schon mein Freund aus seinem Zimmer entgegen.
“Wo warst du denn so lange?”, wollte er wissen.
“Wusstest du, dass unser Vermieter die Garage untervermietet hat?”, fragte ich ihn.
“Ach ja, habe ich vergessen, dir zu sagen. Gestern lag ein Brief im Briefkasten. Da hat er geschrieben, dass er das Ding bis zum 25.12. gerne jemand anders überlassen würde”, meinte mein Freund. “Ist doch okay oder?”
“Ja. Passt schon”, sagte ich kurz angebunden.
“Hast Du sie gesehen?”, fragte er weiter.
“Gerade eben. Sind nett, aber nicht von hier.“
“Glaubst du, die sind wirklich nach dem 25.12. wieder weg?”, er schaute mich zweifelnd an.
“Da bin ich mir ausnahmsweise verdammt sicher!”
“Wenigstens war ein Gutschein für eine Schlittenfahrt mit echten Rentieren als Entschädigung beim Brief dabei. Wenn die am 25.12. immer noch drin sind, zahlen wir die Miete einfach nicht.”, meinte er und verschwand wieder im Arbeitszimmer. Ich ging zum Balkon, von dem man auf den Innenhof blickte. Draußen schneite es wie seit Jahren nicht mehr und die eine Garage hatte um das Tor herum einen schwachen Lichterkranz. Dieser Wohnungsmangel in Stuttgart ist wirklich eine Katastrophe.


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