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Archiv Februar, 2008

Digitale Realität

Feb
15

Sie schreiben ihre Gedanken auf. In Foren, Blogs und auf privaten kostenlosen Internetseiten stehen und präsentieren sie sich, die schönen und die hässlichen Seiten in Worten, Bildern und Filmen. Chatten um die Wette. Referieren über Themen, die sie berühren und interessieren. Tippen ihre geistigen Ergüsse in Communities, treffen sich auf „Wer-kennt-wen-wie-lange-und-intensiv“-Portalen. Stellen sich in den Weiten des Internets zur Schau, um zu sehen, was passiert. Großes Kino. Schaulauf für 1 und 0. Ohne Risiko, doch wehe man wird gesehen.
Noch nie war Selbstdarstellung so unkompliziert. Fast schon kinderleicht kann man seine Kunst zeigen, ohne herbe Kritik fürchten zu müssen. Keine Buh-Rufe und nicht ein vernichtender Kommentar, wenn man nicht will.
Wir sind alle unbekannter Exhibitionist und versteckter Voyeur zugleich.
Alles ist wahr, solange es nicht hinterfragt wird. Privat und persönlich wirkende Inhalte werden präsentiert, um gesehen zu werden. Wahr ist alles und doch wahrscheinlich gelogen. Betrug und Phantasie ist, wenn man daran glaubt. Die Interpretation die beste Quelle der Informationsbeschaffung.
Jeder Text eine Erfindung.
Ein Hirngespinst.
Erdacht, um gezeigt zu werden, was nicht ist.
Ein Stück Persönlichkeit vielleicht.
Ein individueller Gedanke auf jeden Fall.
Manchmal der Teil einer Erinnerung.
Vielfach geschickt versteckt, sehr oft zu durchschaubar. Man will doch nur gefallen, zuweilen nur auffallen. Bemerkt werden in einem skurrilen System schützender Anonymität.
Was soll schon passieren bei einem Seelenstriptease im Internet? Wer soll denn einen finden, wenn noch nicht mal gesucht wird?
Von virtuellen Prinzen wird berichtet, die in Wirklichkeit dicke Frösche sind und 1001 Heidi Klums sind in jeder Community zu finden, die tagsüber durchschnittliche Frauen abgeben, wenn überhaupt, aber nicht hier.
Jeder will hinschauen, seine Neugier befriedigen und der Phantasie auf die Sprünge helfen, wenn es darum geht, in das Leben anderer einzutauchen. Für einen Moment nur, einen kleinen Augenblick.
Kennen, um zu lernen und kennen gelernt zu werden. Nicht von Angesicht zu Angesicht, sondern heimlich. Risikolos sich mit dem Gegenüber identifizieren. Ein simples Prinzip, das die wirkliche und gefürchtete Ablehnung und Zurückweisung nicht kennt. Gespräche sind anstrengend, man müsste zuhören und fragen, um zu begreifen. Vom Verstehen ganz zu schweigen.
Wer will schon zugeben, dass seine voyeuristische Ader durchkommt und wer, dass er sich gerne zeigt, wenn auch nur mental, nicht zwingend körperlich. Schüchternheit geht heute online in die Offensive und Draufgängertum hat seine Plattform gefunden, hinter einem Nickname. Fast schon mutig, wenn man die eigene Identität zu erkennen gibt. Das Reale als realistisches Risikopotential.
„Warum stellst Du diese Texte ins Web?“
„Weil sie sonst auf Papier ruhen. Sind sinnlos, wenn nicht gelesen.“
„Und wenn es mal jemand „Falsches“ liest?“
„Es gibt keine falschen Leser, nur schlechte Interpretationen und Texte.“
Die Wahrheit liegt irgendwo dazwischen, zwischen allem Geschriebenen, Gesagten und Gedachten. Naiv anzunehmen, dass alle Texte und Geschichten eine tiefere Bedeutung haben.
„Zieh dich aus! Zeige dich endlich, du willst doch gesehen werden, also was soll’s?“
„So funktioniert es aber nicht. Nicht in der realen Welt, denn sie ist zu materialistisch. Zu bewertend. Genormt und geregelt. “
„Was sind sie dann, deine Texte?“
„Alles, was du willst. Unterhaltung. Wenn du von Zeit zu Zeit schmunzeln kannst oder denkst, genau so ist es und nicht anders, dann sind sie gut.“
„Und was sind sie dann für dich?“
„Ein Funken Wahrheit.“
(Für Berion)


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