Archiv Oktober, 2008

Ein Dialog

Okt
09


„Gehe jetzt nicht!“

„Ich muss gehen und ich werde gehen.“

„Nein, verlasse mich nicht. Ich weiß nicht, was ohne dich wird. Doch, eigentlich weiß ich es ganz genau. Sie werden sterben und zwar alle und mit ihnen sterbe ich. Nicht wirklich, aber doch irgendwie.“

„Du wirst nicht sterben, auch nicht ein Teil von dir. Es wird sich lediglich etwas ändern.“

„Nein, du irrst. Ich bitte dich zu bleiben. Du bist meine treibende Kraft, sonst ist da nicht mehr viel.“

„Warum glaubst du, dass ich irre?“

„Wenn du gehst, dann habe ich nichts mehr, an dem ich festhalten kann. Keine Vorstellung von dem, was sein könnte und vielleicht sein wird. Du bist diejenige, die mich nachdenken und träumen lässt. Mir ein Ziel gibt, auf das ich zuarbeiten kann.“

„Ich?“

„Ja, nur du.“

„Und du bist sicher, dass du mich nicht verwechselst, mit einem Traum, einer Illusion oder schlichtweg Phantasie?“

„Nein.“

„Die Fakten und Tatsachen sprechen gegen dich und damit gegen mich. Es gibt keinen Grund, warum ich noch hier sein sollte. Bin überflüssig geworden. Es geht auch ohne mich.“

„Es sind genau die gleichen Fakten, die dein Dasein definieren. Sie sind es, warum ich dich brauche.“

„Vielleicht brauchst du mich nur als Vorwand. Damit es weitergehen kann, so wie es momentan ist. Damit es nicht endgültig ist. Wenn eine Entscheidung getroffen ist, wird nach mir keiner mehr fragen und du am wenigsten. Wirst du dann dastehen und sagen – Dich habe ich niemals und zu keinem Zeitpunkt aufgegeben? – oder eher – Es war mit dir doch alles umsonst?“

„Du bist grausam!“

„Nein, du machst mich grausam für dich selbst.“

„Das ist nicht wahr!“

„Doch, in gewisser Weise schon. Ich habe keine Macht über die Dinge, die passieren. Nicht die geringste. Ich kann sie weder vorantreiben, noch kann ich sie stoppen. Du verwechselst mich mit dem eigenen Willen, schiebst mich vor, um eine Entscheidung nicht treffen zu müssen und versuchst diese auf was abzuwälzen? Die Zeit?“

„Das reicht jetzt!“

„Nein, tut es nicht. Es ist ein Warten. Es ist immer warten. Ihr wartet und lasst mich mitwarten. Du auch. Das ist kein Vorwurf, verstehe mich nicht falsch. Es ist einfach so. Ihr wartet immer. Mal auf ein Wunder, ein Zeichen, sogar auf besseres Wetter.“

„Du vergleichst meine Situation mit dem Wetter?“

„Ich vergleiche das Prinzip mit dem Wetter!“

„Wenn das so ist, dann schere dich doch einfach zum Teufel!“

„Schon wieder?“

„Du findest das komisch?!“

„Irgendwie schon, ja.“

„Es ist einfach hoffnungslos. Lasse es gut sein. Ich komme auch ohne dich klar. Los, verschwinde. Will mich nicht auch noch mit dir auseinander setzen müssen, bei all den anderen Sachen, die anscheinend auch ohne dich früher oder später passieren werden oder auch nicht.“

„Dann scheinst du also doch kein hoffnungsloser Fall zu sein. Einsicht ist der erste Weg zu…“

„Halt doch einfach die Klappe!“

„Ich bin dann mal weg.“

„Hoffentlich bald!“

„Ja, schon gut. Bis zum nächsten Mal. Und denke immer daran: Nie die Hoffnung verlieren!“

Sie ging lachend davon. Es machte den Eindruck, sie lache einen aus.


(Für D.H. immer wieder eine Inspiration)


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Neulich im Stadtpark

Okt
07


Schon von weitem war zu sehen, dass der Kinderwagen in einem Affenzahn den Hügel runterkam. Wo war denn Mutter oder Vater? Hatte jemand dem Kinderwagen einen kräftigen Stoß gegeben und das arme Würmchen rollte jetzt seinem Unheil entgegen?

In Bruchteilen von Sekunden erschienen Horrorbilder vor meinem Auge: Das Kind, die Berge, der künstlich angelegte See paar hundert Meter weiter unten, das Kind, der Rausch von Geschwindigkeit und Tiefe. Mich ergriff Panik. Doch hinter dem Kinderwagen tauchte eine große Gestalt auf.

Der Wagen und die Person nährten sich meinem Standpunkt weiterhin mit ungebremstem Topspeed und kamen in deutliche Sichtweite. Das Kind schien zu schlafen, das Köpfchen zur linken Seite geneigt und den Schnuller im Mund.

Der Lenker des Wagens verschwand erneut hinter der Karosserie und tauche mit einer Trinkflasche auf. Sie schienen bereits länger unterwegs zu sein und mussten das Gelände kennen, denn genau im richtigen Augenblick setze der Lenker die Flasche ab.

Schon hatte das Vorderrad des Kindergeschosses den Pflasterstein berührt und nun hoppelten Gefährt samt Vater am Naturkundemuseum entlang.

Schlagartig war der Wageninhalt wach. Erst folgen die Augen auf, dann der Schnuller im hohen Bogen aus dem Mund. Doch das Team schien auf diesen Ernstfall vorbereitet, denn der Schnullerflug wurde von einer Plastikkette gesteuert, sodass der Verlust nahezu unmöglich war und der Nuckel wehte im Fahrtwind. Gekonnt griff der Kleine an die optimal gepolsterte Halterung des Kinderwagens und stabilisierte damit seine Position mit festem Handgriff. In geduckter Haltung, von rechts nach links schleudernd, hüpfend und springend raste der Knirps gefolgt vom angehängten Vater auf Rollerblades an mir vorbei.

Im letzten Augenblick erkannte ich, dass beide Fahrradhelme trugen. Lag daran dass alles farblich aufeinander abgestimmt war: dunkelblau-metallic, bis hin zur Sonnenbrille des Wagenlenkers.

In eine Staubwolke gehüllt blieb ich an der Rennstrecke zurück und blickte ihnen nach, wie sie die Pflastersteinschikane verließen und auf dem glatten Asphalt wieder Geschwindigkeit aufnehmend Richtung Rosengarten davon preschten. Vielleicht wird es eine neue Bestzeit.


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