Pforten der Nacht

Apr
05

Brigitte Riebe

1338: Als Kinder schworen sie sich ewige Freundschaft: Esra, Neffe eines Rabbiners, und Johannes, Sohn eines wohlhabenden Kaufmanns. Beide begehren gegen ihre Familien auf: Esra wehrt sie gegen die engen Fesseln des Gettos, Johannes will Mönch werden. Aber die Freundschaft droht zu scheitern – denn beide kämpfen um die Liebe derselben Frau: Anna, die Halbwaise aus dem Färberviertel. Doch die Pest bricht aus, und das Schicksal kettet die Rivalen auf tragische Weise aneinander…

In 15 Kapiteln erzählt Brigitte Riebe nicht eine sondern unzählige Geschichten. Nämlich die Ihrer drei Protagonisten, die wohl gleichzeitig Antagonisten sein sollen und die ihrer Familien. Die Inhalte des Buches sind hervorragend recherchiert. Sie schafft es immer wieder einen Spannungsbogen aufzubauen, sodass man trotz unzähliger Charaktere das Buch weiter liest. Sehr schön sind die historischen Ereignisse und Erfindungen dieser Zeit in die Erzählungen eingearbeitet. Die Erzählungen umfassen mehrere Jahre der Geschichte Kölns und ihrer Bürger. Die knapp 500 Seiten lassen sich schnell und einfach durchlesen, das ist angenehm. Trotz der vielen Personen kann man sehr gut den Überblick behalten. Der erzählte Alltag des Mittelalters ist sicherlich authentisch dargestellt. Keine Frage, das ist in diesem Buch sehr gelungen.

Eigene Meinung – Über dieses Buch kann man sicherlich streiten

Schon lange habe ich mich über ein Buch nicht so aufgeregt wie über dieses. Das kann Frau Riebe nun als Kompliment oder Beleidigung auffassen. Das erstere ist wohl zutreffend!

Entweder hat irgendjemand anderes die Rückseite dieses Buches verfasst oder die Autorin stand einfach neben sich oder aber ich habe es vollständig missverstanden. In diesem Buch geht es um Alles mögliche, aber garantiert nicht nur um drei Freunde. Denn die Freundschaft wird zeitweise zur Nebenhandlung, selbst die Pest wird in genau zwei Kapiteln abgehandelt und wie alles in diesem Buch etwas oberflächlich. Zwei Sachen fallen auf, die sich wie blutrote Fäden durch dieses Buch ziehen, es sind Sex und das Judentum. Durchaus interessante Mischung.

Trotz ausführlicher Beschreibung der einzelnen Personen bleiben alle irgendwie einfache Nebendarsteller einer Schilderung, die letztendlich nur die Zustände der Zeit beschreibt. Oft auf eine Sache reduziert: Wer, wann und wieso jemanden besteigt und mit welchen Folgen.

Alles läuft auf ein und die selbe Sache hinaus: Sex, Sex und Sex im Mittelalter und es bleibt dem Leser nichts erspart: die Liebesnacht, die Vergewaltigung durch wen auch immer, Inzest, der flotte Dreier, Sex zum eigenen Vorteil, Geliebte, Sex gegen Gefälligkeit, verschmähte Ehefrauen und Lebensgefährtinnen zweiter Wahl, Huren und Ehebruch, der schnelle Fick bei einem heidnischen Fest, dem selbstverständlich nur Christen beiwohnen.

Das ganze getränkt mit der Religion von Christen und Juden und irgendwo dazwischen das alltägliche Leben.

Gegen Religionen soll es auch nicht gehen. Die waren sicherlich ein sehr großer, wenn nicht sogar der Bestandteil des damaligen gesellschaftlichen Lebens. Das sei hier nicht zur Diskussion gestellt.

Erstaunlich hierbei, dass es nur auf Seiten der Christen „schlechte“ Menschen und Verfehlungen gibt. Ja, wirklich Tatsache in diesem Buch. Juden sind anscheinend von Grund auf gut. Es gibt keine Verfehlungen, abgesehen von Esra, der in Wirklichkeit dann doch kein wahrer Jude ist, sondern von einer christlichen Mutter stammt, das erklärt dann alles.

Dieses Buch ist verurteilend. Ein Lob an Brigitte Riebe, wie sie indirekt Seitenhiebe verteilt. Das gelingt der Autorin sehr gut. Gewollt oder ungewollt schreibt sie weiblich.

Viele Ideen sind hier in einer Erbsensuppe verrührt worden und ich weiß nicht, ob ich ein zweites Buch lesen will. Vielleicht doch, aus purer Neugier.

Falls ich zwei Fragen an Frau Riebe zu diesem Buch frei hätte, würde ich die Folgenden stellen:

 

  • Warum sind viele entscheidende Ereignisse nur so kurz und nahezu emotionslos abgehandelt?

  • Ging es im Mittelalter tatsächlich in zweiter Linie nur um Beischlaf?

 

Empfehlen oder nicht? Bei diesem Buch kann ich die Frage nicht beantworten. Dieses Buch ist auf jeden Fall eins: Eine Überraschung!

Für Liebhaber von historischen Romanen und Erzählungen auf jeden Fall lesenswert.

Kommentare ( 4 )

4 Comments to “Pforten der Nacht”

  1.  Brigitte Riebe

    Seltsam, dass Sie den “Sex” so herausstellen, wo doch andere historische Romane nur um dieses Thema gestrickt sind!
    Nein, ich habe meinen Roman nicht so komponiert, aber vielleicht ist es doch in Ihren Augen ein wenig zuviel “Sex” geworden, weil “Sex” für mich Leben bedeutet – in einem Roman, wo so viel gestorben wird.
    Die Große Pest bedeutete das “Aus” für rund ein 1/4, manche sagen sogar ein 1/3 der Gesamtbevölkerung Europas. Bis ins 18. Jahrhundert konnten diese “Lücken” nicht aufgefüllt werden.
    Wer war schuld an der Pest?
    Sicherlich nicht die Juden, die dafür ermordet wurden, sondern die jämmerlichen hygienischen Verhältnisse jener Zeit – und das Unwissen. Vielleicht habe ich deshalb in diesem Buch keine “bösen” Juden erzählt, weil sie ohnehin genug zu erdulden hatten. Ich erzähle aber auch nicht von “den” Juden, sondern von einer besonderen Familie, und wenn Sie genau lesen, versteht man – so hoffe ich wenigstens – auch, was die “Bösen” (auch nur Individuen) zum Böse-Sein getrieben hat.
    Meine Lieblingsfigur ist Guntram/Wolf, der geniale Erfinder, den die Hasenscharte entstellt, und der zwischen alle Stühle fällt, obwohl sein Messinstrument für die Zeit genau das sein wird, das die Epoche nach der Pest so dringend braucht …

    Emotionslos sagen Sie?
    So habe ich nicht erzählt, finde ich. Und viele Ereigenisse?
    Ja, es kam in der Tat so einiges zusammen in dieser dunklen Zeit …

    Und zur Rückseite: Die machen in der Tat die Leute im Verlag (nicht die Autoren) und ich finde, sie haben sie gut gemacht: Anna, Johannes und Ezra können nicht zusammen, aber auch nicht ohne einander. Ihre Schicksale sind verbunden.
    Die Szene am Fluss ist übrigens meine persönliche Lieblingsszene – für mich kein flotter “Dreier”, sondern mit viel Gefühl und eher zart in meinen Augen …

    Herzlichst
    Ihre Brigitte Riebe

    DAS wollte ich erzählen.

  2.  Jo

    Liebe Frau Riebe,

    erst einmal möchte ich mich sehr herzlich und aufrichtig für Ihren Kommentar und die Beantwortung der Fragen bedanken. Nicht jeder Autor macht sich so eine Mühe. Das weiß ich sehr zu schätzen.

    Durchaus, meine Kritik ist herb. Allerdings geht es hierbei um eine subjektive Meinung. Mit Sicherheit haben Sie viele Aspekte der damaligen Zeit aufgezeigt, trotzdem sind mir persönlich diese Punkte besonders aufgefallen.

    Bitte werfen Sie einen kurzen Blick auf den Beitrag zum Buch „Hexenmal“ unter http://www.jos-truth.de/2011/02/das-hexenmal/ und hier den Absatz „…Ich habe bereits Pforten der Nacht stark kritisiert, muss meine Meinung hierzu wohl aber ein bisschen revidieren, denn Riebe schreibt um einiges besser als Zinßmeister, auch wenn…“

    Mir persönlich hat die Liebesszene am Fluss überhaupt nicht gefallen und hierbei spreche ich überhaupt nicht von der Umsetzung, die ist gut. Mir gefällt das Ereignis als solches nicht. Für einen Moment sind alle drei glücklich und haben das bekommen, was sie sich am meisten gewünscht haben. Ja, okay. Verstehe ich. Ein durchaus schönes Ende, allerdings nicht für jeden Geschmack. Vielleicht ist mit „flottem Dreier“ meine Wortwahl nicht passend. Mag sein.

    Und um ganz ehrlich zu sein: Lieber lese ich ein Buch, welches mir zu denken gibt, als eins, das ich nach einiger Zeit vergessen habe.

    Viele Grüße
    Jo

  3.  Brigitte Riebe

    Liebe Jo,

    danke, dass Sie sich bei mir gemeldet haben!
    Und vielleicht versuchen Sie es ja noch einmal mit einem anderen meiner Romane. Sex ist allerdings immer dabei (gehört für mich zum Leben), aber wenn Sie was ganz Spannendes mögen (mit wenig Sex), kann ich Ihnen meinen neuesten Roman “Die Braut von Assisi” empfehlen oder meinen persönlichen Lieblingsroman “Die Hüterin der Quelle”, unter anderem eine Hommage an “Die rote Zora und ihre Bande”, ein Buch, das ich als Kind verschlungen und geliebt habe …

    Bleiben Sie mir gewogen!

    Herzlichst
    Brigitte Riebe

  4.  Jo

    Liebe Frau Riebe,

    Sie können auf jeden Fall davon ausgehen, dass ich sehr gerne einen weiteren Roman aus Ihrer Feder lese. Ich habe bereits geschmökert.

    Nochmals Viele Grüße
    Jo

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