Was wir über soziale Utopien denken

„…und dafür ein Temporäres Ehrenamt für die Erforschung benötigten, damit wir wieder darüber nachdenken.
– ein Kunstprojekt – …“

 

 

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Stuttgart im Mai. In dem kleinen Ladengeschäft in der Stuttgarter Reinsburgstraße steht ein kleiner Schreibtisch mit zwei Stühlen, die Wände des Ausstellungs- und Veranstaltungsraums des Oberwelt e.V. sind in strahlendem Weiß gestrichen, nur hier und da ein Schriftzug. Im hinteren Raum sieht man durch die große Fensterfront die Dame, die hier für einige Zeit das Ehrenamt bekleidet. Ihr Name ist Sigrid Sandmann und sie lädt im Rahmen ihres Projektes jeden zum Interview, der über das Thema sprechen möchte: die Erforschung sozialer Utopien.

 

Ein Interview aus Neugier

Als eine Freundin mir die pinke Postkarte mit dem etwas seltsamen Schriftzug mitbrachte, war mein erster Gedanke: Oh, wieder eine lustige Werbeaktion von Edgar Freecards. Auf der Rückseite fanden sich Sprechzeiten und die Einladung von Sigrid Sandmann zum Interview. Terminvereinbarung nicht nötig und das Ganze auch noch 10 Gehminuten entfernt. Gründe genug für mich an einem Freitagnachmittag dort vorbeizuschauen, vor allem auch, weil mir zu dem Begriff „soziale Utopie“ überhaupt nichts einfallen wollte.

Lediglich ein Wort erschien vor meinem inneren Auge: Dystopie – ausgerechnet das Gegenteil!

postkarteEin Kaffee, der kleine Schreibtisch mitten im Raum und eine Menge Gedanken. So begann das Interview mit der Künstlerin. Sie erzählte über das Projekt, ihre Arbeit, das Ehrenamt sowie die Begriffe und Sätze, die bereits an den Wänden des Raumes hingen. Ich hingegen berichtete wie ich überhaupt den Weg zu ihr gefunden hatte, meine Gedanken über Dystopien und Ideen zur sozialen Utopie, die in den ersten 15 Gesprächsminuten gar nicht vorhanden waren.

So verlief unser Gespräch über Politik, Wirtschaft, soziale Ungerechtigkeit, Lebenseinstellungen, Bedürfnisse und die Entwicklung unserer Gesellschaft bis sich ein Ansatz herauskristallisierte und formulieren ließ:

Mehr Respekt voreinander – unabhängig von Herkunft und gesellschaftlichem Stand.

Nach ca. 45 Minuten hatten wir etwas, das man an die Wand hängen konnte. Am darauffolgenden Montag konnten alle Teilnehmer und Gäste den Ausstellungsraum mit den gesammelten Aussagen betrachten, doch nur für kurze Zeit, deswegen habe ich einige Fotos gemacht. Heute sind die Wände wieder weiß und stehen einem anderen Künstler zur Verfügung.

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Was ist nun mit der sozialen Utopie?

Tatsächlich hat mich dieses Thema jetzt lange beschäftigt und tut es immer noch. Zudem bin ich mit einigen Leuten darüber ins Gespräch gekommen und musste bei jedem feststellen, dass sich jeder unter diesem Begriff durchaus etwas anderes vorstellen kann. Die Facetten sind zahlreich. Sehr oft taucht die Vorstellung auf, dass ein bedingungsloses Grundeinkommen die Gesellschaft grundlegend verändern würde. Das sicherlich, aber die Richtungen, die sie dabei nehmen könnte, sind zahlreicher als die Abfahrten beim Arc De Triomphe in Paris.

Sandsmanns Projekt zeigte deutlich:

  • Es gibt soziale Utopien für die Gesellschaft
  • Es gibt persönliche Utopien über die Gesellschaft

Nicht selten handelten die Aussagen an den Wänden von finanzieller Sicherheit, dem Bedürfnis nach Toleranz und Akzeptanz sowie die Lösung einer sehr persönlichen Situation, einige waren konkret einem Lebensbereich zugeordnet und spiegelten Werte wieder wie das Freisein und die Selbstbestimmung.

Zudem musste ich mich einer interessanten Frage im Zusammenhang mit diesem Projekt stellen:

Braucht man für Utopien ein positives Menschenbild?

Wow, was für eine Frage! Dies war meine durchaus wertende Antwort:

Nehme ich die Aussagen aus dem künstlerischen Projekt, kann ich die Frage getrost verneinen. Die waren viel zu sehr auf die persönlichen Bedürfnisse der interviewten Personen bezogen, als auf eine Gesellschaft anwendbar. Zumindest viele davon. Hier ging es gar nicht um ein positives Menschenbild, sondern um eine gesellschaftliche Veränderung, die das persönliche Problem lösen würde.
Für Utopien braucht man nicht unbedingt ein positives Menschenbild, sondern eher einen unfehlbaren Menschen. Hier drängt sich doch die Frage auf: Gäbe es in der Utopie Ungerechtigkeit? Theoretisch gesehen, dürfte diese Frage gar nicht aufkommen. Die Utopie müsste sie eigentlich ausschließen, sonst wäre sie ja keine oder? Was aber, wenn sie doch auftauchen würde, z.B. Ungleichverteilung, Privilegien, Diebstahl, Mord, etc.? Wäre damit alles zunichte gemacht? Es stellen sich da so viele andere Fragen. Ist ein erzwungener Frieden überhaupt ein Frieden oder nur die andere Art der Gewalt, die sich nicht in Form von Krieg, sondern Zwang und Unterdrückung äußert?

Zumindest lässt sich sagen, dass man ein Menschenbild benötigt, das eine friedliche und autarke Gesellschaft voraussetzt – wie auch immer die dann aussieht.

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Autoren haben Schwierigkeiten mit Utopien – wie ich auf Dystopie kam

Nach Interview, Ausstellung und Gesprächen habe ich meine eigenen Gedanken nochmals betrachtet. Wie bin ich bloß auf diesen Begriff gekommen?

Schaut man die aktuelle aber auch klassische Literatur- und Belletristik-Szene an, wird man überwiegend Dystopie-Szenarien als Utopien finden.

Tatsächlich braucht eine gute Erzählung wohl eher eine kaputte, krankende und schlechte Welt – eine Dystopie – aus der sich eine bessere, gesündere entwickelt. Es muss also zuerst etwas zerstört worden sein oder zerstört werden, damit etwas anderes, zu 99% besseres, entstehen kann.

Die Motive und Handlungsstränge in der heutigen Unterhaltungsliteratur sind in den Bereichen Fantasy, Thriller und Gesellschaft alle nach ähnlichen Mustern gestrickt: WIR BRAUCHEN EINEN KONFLIKT, DER MÖGLICHST VIELE ODER ALLE BEDROHT!

  • Thriller: Seuche, Krieg, Alien-Invasion, Terror
  • Fantasy: Seuche, Krieg, Orc-Invasion, Schwarze Magie etc.
  • Gesellschaft: Sozialsysteme und Umwelt, Krieg, Migration, Terror

Hoppla!

 

Panem und The Walking Dead sind aktuelle Beispiele

Die Bücher der Autorin Suzanne Collins, die im Original „The Hunger Games“ heißen, zeichnen eine Dystopie, in der ein Mädchen zur Heldin wird, die auf tragische Weise feststellen muss, dass sie mit dem Sieg über ihren angeblichen Erzfeind nur einen neuen zukünftigen Feind an der Spitze der Gesellschaft etabliert. Erst in letzter Minute drehen sich die Verhältnisse um. Dies kann an der Trilogie die tatsächliche Utopie sein. Die Bücher und ihre Verfilmung sind weltweit ein Erfolg und wurden in Deutschland 2010 mit dem Deutschen Jugendliteraturpreis ausgezeichnet.

Der Comic und die Fernsehserie „The Walking Dead“, die 2010 startete, zeichnet die Welt nach dem Ausbruch einer Seuche, die aus Menschen fleischfressende Zombies macht. Hierbei versucht eine Gruppe Überlebender sich mit der Situation zu arrangieren und klar, zu überleben. In den Folgen tauchen Utopien auf wie Woodbury mit dem Governor, Terminus und Alexandria, aber alle halten nicht lange und das Muster wiederholt sich: Die Überlebenden kommen an, finden eine heile Welt, die sich nach kurzer Zeit Stück für Stück als Albtraum entpuppt, obwohl sie vor Tod, Hunger, Durst und Krankheit sicher scheinen.

 

Ein Paradoxon

Ausgerechnet in unserer heutigen Zeit, in der es uns eigentlich so gut geht wie nie zuvor in der Menschheitsgeschichte, erzählen wir uns und werden damit unterhalten, wie diese Welt oder ähnliche zugrunde gehen. Der Reiz an der Zerstörung des bestehenden ist größer als das Weiterspinnen der Gedanken zur Verbesserung des momentanen Systems bzw. der Gesellschaft.

 

 

Über die Künstlerin:

Bereits seit 1996 schafft Sigrid Sandmann Kunst im öffentlichen Raum. Oft spielen Worte dabei eine ausschlaggebende Rolle. Mit dem interaktiven Kunstprojekt Wortfindungsamt ist sie seit 2010 in Hamburg und Umgebung unterwegs, der pinke Bauwagen verrät ihren Standort.

Wer mehr erfahren möchte besucht am besten ihre Webauftritte unter www.wortfindungsamt.de und www.sigrid-sandmann.de – es lohnt sich reinzuschauen!

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