Wie ich mit bento und ze.tt lernte, bei Sailor Moon an Nietzsche zu denken

Was dem SPIEGEL ONLINE bento ist ZEIT ONLINE ze.tt. Beides Online-Magazine mit klar abgegrenzter Zielgruppe: junge und gebildete Leser zwischen 18 und 39, die emotionale Inhalte lieben und von den großen Helden des Alltags erfahren möchten.
So zumindest beschreiben es die einzelnen Vermarkter der Portale SPIEGEL QC und iqdigital.

 

Hier sitze ich also, mit meinen knapp 40 Jahren und hänge gerade noch so in der Zielgruppe von ze.tt fest, bevor ich in die bereits sehr volle Zielgruppen-Kiste „altes Eisen“ gestoßen und gezwungen sein werde, die Rentnerportale FOCUS ONLINE und BILD.de lesen zu müssen.

Nein, als einigermaßen „gebildete“ werde ich wohl auf andere umsteigen.

Vielleicht Cicero oder FAZ. Nein, sicher nicht! Das kommt mit 50 oder 60.

BÄÄÄM! Ich bin Randgruppe einer Zielgruppe. Aber was bedeutet das eigentlich?


Digital bereits zu alt für den Scheiß!

Ich musste mir eingestehen, dass ich ze.tt gar nicht mal kannte. Erfahren habe ich über das Online-Magazin von einem 60 jährigen und staunte nicht schlecht, als er mich über Emotionen und Gefühle der jungen Generation aufklärte. Mir blieb nichts anderes übrig, als zu lauschen.

Und mit dieser Erkenntnis des absoluten Unwissens fing das ganze Schlamassel an. Beginnt so der digitale Alterungsprozess? Werde ich in den kommenden drei Jahren absolut den Überblick verlieren? Werde ich weltfremd, ängstlich und überholt sein?

Allein eine Tatsache half mir nicht in die erste „Du bist zu alt für den Scheiß“-Depression zu stürzen: bento ist mir seit dem Launch bekannt.

 

Queers. WTF?

Skeptisch beäugte ich die Home von ze.tt, diese auf mobile Geräte optimierte Site und fragte mich nach Aufklappen der Navigation, was „Queer“ bedeuten möge und wo ich eigentlich die letzten fünf Jahre meiner digitalen Präsenz verbracht habe, ohne jemals über dieses Wort gestolpert zu sein. Dank Wikipedia müssen selbst wir Online-Pioniere nicht mehr dumm sterben, wenn es um die jüngeren Generationen geht: Queer als Ausdruck bzw. Begriff ist zwar alt, wurde aber neu belegt und wenn man sich nicht mit einer bestimmten Szene identifiziert hat logischerweise unbekannt.

Zu meiner Überraschung fand ich diesen Begriff auch bei bento und kam gleich zur zweiten Erkenntnis: Die Navigation von bento hatte mich noch nie interessiert, ich habe selektiv einzelne Artikel gelesen.

 
Zwischen „Fühlen“ und „Style“ „Auf Glückssuche“ nach dem „Feminismus“ und „Gerechtigkeit“

Ich starre auf zwei nebeneinander angeordnete Browserfenster mit den jeweils anderen Magazin und weiß nicht so recht, welche der Kategorien ich anklicken soll. Zugegeben, einige Punkte wie „Reisen“, „Kultur“ und „Food“ erscheinen normal, aber sind sie dies auch, wenn sie zwischen „“Liebe & Sex“, „Queer“, „Retro“ und „Klimawandel“ stehen?

Ich verfalle in alte, antrainierte Muster und suche nach Horoskop, Rezepten und Prominews. Denkste! Das lesen die jungen gebildeten Leute von heute nicht mehr. Die suchen die Alltagshelden. Die kleinen Dinge, die zuerst die eigene, dann die ganze Welt verändern. Sie durchbrechen verkrustete Denkmuster und gesellschaftliche Zwänge. Wer nichts wagt, wird nichts verändern. Also los!

Meine Reise beginnt mit dem ersten Klick.

Auf Queer.

Dort schlägt mir auch schon ein riesiges Image der aus den 90ern bekannten Trickfilmserie „Sailer Moon“ entgegen. Mondstein, flieg und sieg!, denke ich noch und lese nahezu zeitgleich: In Japan bekämpft Sailor Moon jetzt einen neuen Feind: Syphilis. Verwirrt überfliege ich den knappe Artikel über die Zahl der Neuinfektionen in Japan, der Werbekampagne und dem Hinweis, dass auch in Deutschland die Zahl an Syphilis-Infektionen steigt. Abgegebene Kommentare zu dem Artikel: Null. Auch ich bin sprachlos und frage mich, was ich mit dieser Information nun anfangen soll, außer vollkommen verstört auf eine weibliche Trickfilmheldin aus meiner Jugend zu glotzen und dabei an Nietzsches Ende zu denken. In dem Moment spüre ich wie sich in meinem Gehirn einige Synapsen verknüpfen, die es eigentlich niemals vorhatten. Ich übrigens auch nicht.

Also ab zu bento und der gleichen Kategorie und wow wow wow…. ich beginne zu verstehen.

Das ist „Liebe, Sex und Zärtlichkeit“.

Für Erwachsene!

Alle Verwirrung fällt mit einem Schlag von mir ab und ich surfte QUER durch beide Magazine.

 
Wenn BRAVO, Bunte, Gala und Hörzu sterben ist Platz für Online-Shit

Jetzt kann mich nichts mehr bremsen. Ich lese Headlines wie „Ich sage, ich hätte eine Plastikallergie“: Wie Hannah es schafft, keinen Müll zu produzieren und Der Bachelor: Warum wir mit „Sebastians Mädels“ solidarisch sein sollten, gefolgt von Der Modetrend 2017: Feminismus in sexy, dann Die besten Kundenfragen zu Fertiggerichten und Wie mir Comedy half, zu meinen Depressionen zu stehen. Den Schluss bilden Start-up baut Stift, der mit Feinstaub malt und So hat Social Media unser Essverhalten verändert.

Geil! Ich bin im Wartezimmer meiner Jungend zurück und lese eine Zeitschrift nach der anderen nur halt digital und mit anderen Logos. Die haben einfach verstaubtes Print mit neuem Namen versehen, in Blogform gepresst und jubeln es den Usern in der jetzt etablierten Du-Form unter. Ein genialer Marketing-Trick, der vor allem eins bringt: Wahrscheinlich Geld!

 
Du bist frei, du bist so individuell, aber dazu musst du so und so sein

Mir flirren die Augen, mein Gehirn versucht zu verstehen und die vielen Widersprüche in Einklang zu bringen. Nicht von den langen und komplexen Artikeln, im Gegenteil, die sind meistens sehr kurz und eher mit Unmengen von Bildern aus anderen sozialen Netzwerken gespickt. Aber die mir entgegenspringenden Headlines und Texten vermitteln den Eindruck, dass es heutzutage keine normalen Menschen mehr gibt.

Entweder bist du Veganer oder pansexuell. Und wenn du dir sowas nicht leisten kannst, dann bist du eben im Bett optimierungswürdig oder hast zumindest eine Angststörung. Ohne eins dieser Merkmale kannst du gar nicht ein Alltagsheld werden, wahrscheinlich hast du noch nicht mal einen Alltag. Wenn man nicht auf irgendeine Weise verschroben oder anders ist, zählt man nicht mehr. Normale Sorgen und Nöte sind das, was die anderen Generationen hatten bzw. haben. Die heutigen jungen Gebildeten haben gleich mal eine so anders geartete sexuelle Orientierung, dass es zwar dafür ein Wort, aber keine Definition gibt. YEAH!

Sicherlich, früher haben wir in der BRAVO auch über Jungs, die auf Jungs stehen gelesen oder eben Mädchen. Natürlich nicht so offen, wie es vielleicht heute der Fall ist. Auch ist die Gesellschaft an sich offener geworden, aber garantiert nicht durch Magazine wie bento und ze.tt. Was also wollen mir diese Plattformen verkaufen, wenn sie sich von ihrem Vermarkter wie folgt beschreiben lassen: Die Redakteure greifen „trending topics“ auf, kuratieren dazu die besten Inhalte aus dem Netz und sorgen mit eigenen Videos und Texten für Aufmerksamkeit.?

Trendet jetzt Schwulsein? Muss man heute vegan leben? Soll das heißen, die jungen Leute von heute beschäftigen sich liebend gerne mit Minderheiten, Kuriositäten und glitzernden Belanglosigkeiten? Und beschäftigt man sich tatsächlich damit oder ist es gerade eben mal trendy, einfach mal die anderen etwas genauer anzugaffen, bevor nächste Woche wieder etwas anderes noch hipster wird?

Anscheinend geht es nur noch darum, auf welche Art auch immer bespaßt zu werden. Denn schon wieder muss ich die Erwartungshaltung meines Gehirns enttäuschen unter dem Titel „So stelle ich mir das Jenseits vor“: Was junge Menschen aus Aleppo jetzt berichten einen inhaltlich sinnvollen Artikel zu finden. Erfreulicherweise besteht er aus mehr als 30 Sätzen und zwei Bildern, was ihn deutlich und positiv von den Publikationen auf ze.tt abhebt. Immerhin beschäftigt man sich auf den Portalen auch mit dem tatsächlichen Weltgeschehen. Über Darstellung, Ausführlichkeit und Relevanz darf gerne gestritten werden.

 
Was bin ich froh, so alt sein zu dürfen

Nach all den Artikeln und Themen bin ich sehr froh, dass ich heute nicht mehr 18, 23 oder 29 bin. Es interessiert mich nicht die Bohne, ob es ein Panini-Heftchen von den angesagtesten YouTubern gibt oder wie Instagram mein Essverhalten beeinflusst. Ich bin glücklich, nicht darüber nachdenken zu müssen, ob ich absolut unvollkommen bin, weil ich hetero, Fleischesser und frei von Phobien bin.

Ich bin aber sehr froh, herausgefunden zu haben, dass ich mich weiterhin über all diese beknackten Artikel auf den beiden Portalen amüsieren kann. Nun in dem Wissen, dass hier wie früher auch schon, jungen Leute ein Haufen Scheiß in die Birnen geprügelt und nebenbei Geld verdient wird. Danke Springer und Co!

 

Nur Sailer Moon und Nietzsche, die bleiben jetzt wohl auf ewig miteinander verknüpft. Das aber ist ganz und gar mein persönliches Problem.

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