Nachgefragt bei Carolin M. Hafen

Sie hat 2017 den letzten Teil ihrer Trilogie „Das Drachenvolk von Leotrim“ herausgebracht, ist schon lange bei der get shorties Lesebühne dabei und zudem schreibt sie regelmäßig mit anderen Kollegen im Auftrag von Laufkundschaft. Das sind drei hervorragende Gründe, um etwas genauer nachzufragen, was es mit den einzelnen Projekten von Carolin M. Hafen auf sich hat.

 

Mit dem Drachenvolk von Leotrim hast Du eine phantastische Trilogie geschaffen. Wann ist Dir die Idee zu der Geschichte gekommen?

In einer Schreibwerkstatt. Eine der Aufgaben lautete: „Beschreibe einen Tag mit einem Drachen als Haustier.“ Und so wurde Norwin geboren, der in seinem Nest liegt, ganz oben in einer Linde. In diesem ersten Entwurf hatte der arme Kerl Schnupfen.
Ich mache das ein bis zwei Mal im Jahr; einen Kurs (Lektorat, Exposé, ein bestimmtes Genre) oder eben eine Schreibwerkstatt. Dort bekomme ich immer schöne Schreibanregungen, aber auch Feedback für Texte, die ich der Gruppe vorstelle. Das kann ich herzlich weiter empfehlen.

War die Geschichte von Anfang an als Trilogie geplant?

Ja. Der Verlag O´Connell Press veröffentlichte meine Kurzgeschichte „Der Kindshüter von Leotrim“ in der Anthologie „Exotische Welten“. Daraufhin kamen sie auf mich zu, fragten nach mehr; Leotrim in Romanform, als Dreiteiler. Und ich sagte sofort zu. Für mich war das ein 6er im Lotto diese Geschichte erzählen zu dürfen. Und so entstanden in drei Jahren drei Bücher. Ich habe wahnsinnig dazu gelernt, über das Schreiben, meine Stimme als Erzählerin, über mich.

 

Du bist schon sehr lange bei der get shorties Lesebühne aktiv. Um was genau geht es bei diesem Projekt?

Ich bin seit fast acht Jahren dabei, aber die get shorties Lesebühne gibt es schon seit 2001. Ingo Klopfer gründete die „get shorties“ nach Berliner Vorbild. Das heißt, wir haben einen festen Autorenstamm (ca. 8 bis 10 Autoren) und hin und wieder Gäste dabei. Wir erzählen Kurzgeschichten in der Ich-Form, jeder aus seinem eigenen Universum mit allem was dazu gehört: Die Glanzmomente des Lebens, aber auch das Scheitern auf ganzer Linie. Am Schluss kommt eine Mischung aus Kabarett und Literatur heraus. Zu jedem Termin kommen wir mit neuen Texten.

 

Wie bist Du dazu gekommen?

Mein Kollege Wolfgang Kirschner lud mich zu einer Lesung nach Tübingen ein, eigentlich ging es darum, ob er als Autor zur Lesebühne dazu stößt. Da er aber ein „Lonesome Wolf“ ist und auch bleiben wollte, habe ich mich bei Ingo Klopfer am Ende des Abends „beworben“ und der Rest ist Geschichte.
Auch hier habe ich sehr viel gelernt. Als Erstes: meine Nervosität auf der Bühne abzulegen. Anfangs dachte ich, „Oh Gott, ich sterbe im Rampenlicht“. Inzwischen bin ich aber eine ziemliche Rampensau geworden und spiele damit, wie weit ich mit meinen Texten gehen kann. Was ist zu derb? Welche Scherze & Texte funktionieren und welche nicht? Autor/innen wie ich lernen auf der Bühne und scheitern vor Publikum. Aber das ist großartig, das schafft Nähe.

 

Zu diesem Projekt gehört auch der Maringo Verlag. Hier ist eine Sammlung Deiner Kurzgeschichten unter dem Titel „Werd‘ endlich erwachsen“ erschienen. Worüber handeln die Geschichten?

Wie schon gesagt, wir schreiben in der Ich-Form. Das ist Teil der Lesebühnen-Kultur. Ich werde immer wieder gefragt, ob meine Texte autobiografisch seien. Natürlich sind alle Texte, die ich schreibe, wahr. Doch nicht alles, was ich erzähle, ist mir passiert. Und damit spiele ich. Mein „Ich“ ist lakonisch, hundsgemein und ein bisschen rotzig. Eben alles andere als erwachsen. Meine Texte handeln vom Leben im Allgemeinen, vom Finden der Liebe, und im Besonderen über Dinge, die mich wundern.

 

Wie kommst Du auf die Geschichten? Was inspiriert Dich zum Schreiben?

Das ist unterschiedlich. Ich habe einen Zettelkasten mit vielen, vielen Ideen. Ich bediene mich dort, wenn mir gar nichts einfällt. Aber oft genug schlägt einer der Kollegen ein Thema vor oder es kommen Anregungen aus dem Publikum. Beispielsweise kam Ingo zu mir, in einer Zeit als ich die einzige Autorin in der Gruppe war und meinte lapidar: „Kannst du nicht mal über ein Frauenthema schreiben? Yoga oder so? Als Gegensatz zu unserer männlichen Sicht?“ Und so sind viele Frauenthemen-Texte entstanden. Yoga und so. 🙂

Bei Facebook schrieb ich einmal, dass ich Einhorn-Hausschuhe besitze und es ging nicht lange, da wollten diverse Freunde der Lesebühne, dass ich besagte Schuhe vertexte. Das habe ich dann gemacht. Bei mir, und auch bei den Kollegen kann man sich immer Texte und Themen wünschen.

 

Sind die Kurzgeschichten mehr Deine Leidenschaft oder planst Du bereits wieder eine Reihe wie das Drachenvolk?

Da humorige Kurzgeschichten und dreiteilige Fantasy-Epen grundverschiedene Genre und Arbeitsweisen sind, was nur meinen ambivalenten Charakter ausdrückt, vergleiche ich das nicht. Ich mag das eine nicht mehr als das andere. Es sind nur unterschiedliche Ausdrucksweisen. Aktuell ist keine weitere Reihe geplant. Ich habe ein neues Projekt begonnen und versuche mich jetzt an einem Liebesroman. Ich will wissen, ob ich so etwas schreiben kann, gehe hier aber wie so oft meinen eigenen Weg nach dem Motto: „Schreib das Buch, dass du gerne lesen willst“.
Aber es wird natürlich mit Leotrim weitergehen. Allerdings werde ich Ambros Geschichte erst im nächsten Jahr erzählen können, zeitlich schaffe ich keine zwei Bücher im Jahr. Und dann schwebt mir noch ein get shorties Roman vor. Ingo weiß noch nichts von seinem Glück. Aber ich möchte gern einen Road-Trip, eine Komödie im Stil der Lesebühnenart schreiben.

 

Hast Du ein Lieblingsgenre oder eins in dem Du Dir nicht vorstellen kannst, zu schreiben, also noch nicht einmal eine Kurzgeschichte?

Ein Lieblingsgenre habe ich nicht. Auch deshalb, weil ich noch gar nicht alle Gattungen ausprobiert habe. Ich weiß, Kabarett liegt mir gut, hier habe ich meine Stimme gefunden. Offensichtlich kann ich auch das Fantasy-Genre gut bedienen. Aber es gibt ja noch mehr.
Krimis und Thriller sind überhaupt nicht meins. Ich lese selten Mord und Totschlag und mag mich hier auch nicht eindenken. Ich will nicht wissen, wie eine verwesende Leiche riecht, oder überlegen, wie man den perfekten Mord begeht. Das sollen und können andere machen.

 

Ein interessantes Projekt, dass Du mit Kollegen machst, ist eine Art Schreibbüro, welches Ihr manchmal in der Stuttgarter Bibliothek öffnet. Was genau macht Ihr da und für wen?

Die „Schreibbude“ ist ein Projekt der get shorties Lesebühne in Zusammenarbeit mit der Stuttgarter Bibliothek und dem Kulturamt. Bei gutem Wetter sitzen wir draußen, bei Schlechtem in der Bibliothek, mit unseren Schreibmaschinen und verfassen Texte auf Bestellung. Der Kollege Nicolai Köppel hatte ursprünglich die Idee und wir boten unsere Dienste bei den Literaturtagen in Ludwigsburg an. Da die Schreibbude so gut angenommen wurde, brachte Ingo Klopfer die „Schreibbude“ dann mit nach Stuttgart um das Schreiben, die Tätigkeit eines Schriftstellers sichtbar zu machen.
Wir bieten Gedichte, Limericks, Briefe und Kurzgeschichten an. Wer zu uns kommt, gibt uns drei oder vier Stichpunkte, was im Text vorkommen soll und wir haben dann eine halbe Stunde Zeit einen Wunsch-Text zu verfassen. Es klingt stressig, ist aber tatsächlich Entschleunigung. Die Schreibmaschinen erfordern gründliches Nachdenken, und die Besucher freuen sich, dass wir ihnen persönlich eine halbe Stunde Nachdenken schenken. Das, was dabei herum kommt, ist sicher nicht nobelpreisverdächtig, aber darum geht es auch nicht. Alle Beteiligten, Autoren wie Publikum, sind überrascht über die Dynamik. Die Schreibmaschinen selbst sind immer wieder Gesprächsthema, die Kunden freuen sich über Gedichte und Limericks mit ihrem Namen darin, über Unikate ohne Durchschlag, und Fehlerchen mit Tipp-Ex korrigiert. Das Leben läuft auch nicht fehlerfrei. Ich selbst betrachte es als „Schönheit des Unperfekten“.

 

Und zu guter Letzt: Wer Deine Website besucht, entdeckt Hubert. Was hat es mit diesem Hamster auf sich?

Hubert bedeutet, wenn man sich auf einer Namens-Webseite herumtreibt, „mein geistiges Ich“. Ich visualisiere viele die Dinge, um den Irrsinn um mich herum zu verstehen. Mein Schweinehund ist, als Beispiel, eine schwarze, dänische Dogge namens Bentley. Ich bin ein introvertierter Mensch, das bedeutet, ich verliere meine Grenzen manchmal aus den Augen, brauche Zeit für mich allein um nachzudenken. Von anderen Menschen, von zu viel Trubel um mich herum, fühle ich mich schnell ausgelaugt und überfordert. Bentley und ich reden dann miteinander. Er sagt: „Mach Pause, es ist zu viel gerade.“ Umgekehrt sage ich zu ihm, wenn ich finde er sei zu dominant: „Komm, lass uns eine Hunderunde laufen, draußen. Das ist gut für uns.“ Bentley regelt die Balance zwischen Aktion und Rückzug; ich betrachte mich als freundlichen Misanthropen. Und da kommt Hubert ins Spiel. Hubert wohnt in meinem Kopf. Er tauchte auf, als ich als Kind „Zwerg im Kopf“ von Christine Nöstlinger las. Hubert regelt das Chaos im Kopf. Die Balance zwischen den Dingen die rein kommen und dem, was raus muss. Allerdings ist Hubert colasüchtig, kinderriegelabhängig und nachtaktiv. „Leotrim“ habe ich praktisch nachts geschrieben. Bentley und Hubert hatten ziemlich Streit deswegen.

 

 

Ich bedanke mich sehr herzlich bei Carolin für diese ausführlichen Antworten auf meine Fragen. Wer mehr zu den Projekten erfahren möchte, findet unter get shorties Lesebühne und weitere Infos zur Autorin und ihren Büchern gibt es auf ihrer Website. Schaut auf beiden Seiten vorbei, es lohnt sich.

Wer mehr über das Drachenvolk von Leotrim wissen möchte, besucht am besten die Facebook-Seite der Bücher.

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