Archive for the ‘Geschichten’ Category

Steindrachen

Jun
29

Kasimir

Draussen im Garten schläft ein Drache. Direkt unterm Lavendelstrauch hat er sich zusammen gerollt, die Schnauze auf den Pranken liegend.


Sein Name ist Kasimir und er gehört zur Gattung der Steindrachen.


Steindrachen schlafen den ganzen Tag und lassen sich die Sonne auf die Schuppen scheinen. Das hat seinen Zweck, denn nur mit der Hitze und dem Licht der Sonne können diese Drachen in der Nacht Feuer speien.


Wenn es dunkel wird und sie sich unbeobachtet fühlen, stehen sie vorsichtig und sehr langsam auf. Oft hört man ein ganz leises Knistern und Splittern, so als würden sich kleine Steinchen von einem Felsen lösen. In Wirklichkeit sind es die Schuppen, die kaum hörbare Geräusche machen, wenn Kasimir aufwacht und sich streckt. Meistens schlägt er einige Male träge mit den Flügeln, bevor er sich in die Nacht aufmacht.


Pünktlich zum ersten Sonnenstrahl nimmt er seinen Schlafplatz ein. Was er wohl die ganze Nacht treibt? Ich sollte ihn einmal fragen.

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Der verkannte Buchstabe

Aug
24


Er ist so unscheinbar wie seine Position im deutschen Alphabet und wenn man etwas genauer darüber nachdenkt, so ziemlich der überflüssigste Buchstabe, den es gibt. Kaum ein anderer Buchstabe lässt sich mit so einer Leicht- und Vielfältigkeit ersetzten wie dieser. Die Rede ist vom Y.

Allein schon als Vorletzter genannt zu werden, macht ihn zur absoluten Nebensächlichkeit. Er fristet ein unansehnliches Dasein zwischen dem „X“ und „Z“. Das wäre nicht einmal so tragisch, viel schlimmer die Tatsache, dass dieser Buchstabe eigentlich kaum zu gebrauchen ist und vor allem sehr gut zu ersetzen durch andere, wie das gute alte „I“, das „J“ und sogar die Umlaute „Ö“ und „Ü“ lassen sich hervorragend nutzen, um ihm die Berechtigung als Buchstabe vollständig abzusprechen.

Kaum ein Buchstabe wird so wenig verwendet wie das „Y“. Schon in der Schulzeit war einem dieser Buchstabe durchaus suspekt, denn selbst Lehrer hatten Schwierigkeiten ein Wort mit diesem Konsonanten zu finden und das Einzige was einem dazu heute noch einfällt, ist ein etwas falsch anmutendes Wort Yoghurt, das man in Wirklichkeit Joghurt schreibt. Nur die wenigstens Grundschullehrer würden auf die Idee kommen, Erstklässlern zu erklären, was Yoga ist, auch wenn dies wahrscheinlich für das „Y“ mehr Sinn machen würde, als Gymnastik.

Was also stimmt nicht mit dem Ypselon, das man bekanntlich Öpselon ausspricht?

Was hat dieser Buchstabe verkehrt gemacht im Laufe der Jahrhunderte?

Konnte es sich nicht richtig in die deutsche Sprache integrieren oder muss es grundsätzlich einen Außenseiter geben, damit andere, in dem Fall die restlichen 25 besser dastehen?

Ist der Rhythmus eins der wenigen Worte, der diesem Außenseiter Asyl gewährt und warum ist es ausgerechnet das Wort Asyl in dem der Buchstabe ebenfalls eine Zuflucht findet?

Was verleitet die Lyrik zu ihrem Y? Hat sie die Schönheit erkannt, die diesem Konsonanten innewohnt?

Vermissen würde wir das Y nicht, wenn es nicht mehr wäre. Selbstverständlich wäre ein Rhöthmus etwas gewöhnungsbedürftig, auch das Asül lese sich einige Wochen schräg und die Lürik wandelt sich im Laufe der Jahrhunderte sowieso mehr oder weniger ständig und frönt lieber dem Sinneschaos, als einer ordentlichen Schreibweise.

Vielleicht ist aber das Y gerade deshalb im Zynismus anzutreffen. Ist es der Wissenschaft doch wenigsten zu einem dienlich, nämlich das eine Geschlecht vom anderen zu unterscheiden, auch wenn es sich hierbei nur um ein winziges Chromosom handelt, das bei genauer Betrachtung eben so gut ein „V“ sein könnte.

Auch die Karriere in der Mathematik ist nicht so verlaufen, wie vielleicht erhofft, denn es ist letztendlich das „X“ nach dem immer gefahndet wird und das Y mehr ein Mittel zum Zweck und ebenfalls austauschbar durch jeden beliebigen Buchstaben. Denn in Formeln macht es keinen Unterschied, ob es nun das „Y“ oder das „W“ ist, das da stehen möge, als Variable und genau so ist wohl auch sein Schicksal variabel zu sein. Denn die Y-Achse wäre ebenfalls keine andere, würde sie V-Achse heißen.

Erstaunlicherweise hat es der Buchstabe noch weiter in die Wissenschaft geschafft, was wäre die Physik ohne das gewisse etwas oder die Physiologie und selbst die Psyche wäre seltsam anzuschauen, wäre sie bloß die Psüche. Und so stellt sich die Frage, ob es die Eigenschaft der Analyse an sich ist, die das „Y“ zu dem macht, was es ist.

Wahrscheinlich ist es die Gewohnheit, die uns an diesem kleinen Buchstaben festhalten lässt, denn so selten wie das Wort Xylophon, benutzen wir auch den verkannten Konsonanten zwischen „X“ und „Z“. Den ewig Vorletzten, für den sich niemand interessiert.

Mit Recht kann man sagen, das die deutsche Sprache Y-feindlich ist, denn selbst schön klingende Worte wie Symphonie sind die Ausnahme in einem geregelten Wortschatz.

Aus Zyklen werden Kreisläufe. Von Mythen wird es weniger geben, als mehr und werden sie oft schon Märchen und Erzählungen genannt. Ein Relikt im Alltag der Sprache, nur nützlich in Worten wie Hymne, zum Aussterben verurteilt, wie die Hieroglyphen und doch so hartnäckig wie das Wissen an sich, in einer Enzyklopädie.

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Momente

Dez
03


Es passte alles zusammen. Die schwarze Kleidung ließ sie nahezu im Schatten verschwinden. Auch die Wollmütze war farblich auf das dunkle Haar abgestimmt, das ihr bis zu den Schultern reichte. Nur die Bank hob sich mit hölzernem Braun farblich von ihr und der dahinter liegenden Gebäudefront ab. Selbst die Plakate der aktuell aufgeführten Theaterstücke waren mehr schwarz als weiß. Als hätte die Lesende sich für dieses Theaterhaus zurecht gemacht, um in die Kulisse zu passen. Im Oktober scheint das Sonnenlicht am Vormittag dem Nachmittag vorzugreifen. Alles ein bisschen dunkler, in Gelb und Orange, obwohl immer noch auf blauem Grund. Ihre Hände ruhten im Schoß und hielten ein Buch mit mehreren hundert Seiten, der Blick auf den Text gesenkt.

Schwarzes Cover.

Vielleicht Absicht.

Mit zügigen Schritten nährte er sich dem Schatten, die Oktobersonne war nicht wirklich warm genug, als dass er seinen dunklen Mantel hätte daheim lassen können. Die Neuaufführung würde bestimmt sehr gut werden. Er hoffte, an diesem Morgen noch Karten für die Vorstellung am kommenden Wochenende zu bekommen.

Zielstrebig ging er auf das Kartenhäuschen zu, das Teil des Eingangs zum Theater selbst war. Ein kleines Theater der Altstadt. Daneben eine Sitzbank. Erst einige Schritte vor seinem Ziel bemerkte er die Lesende.

Ein gelbes Blatt des nahe stehenden Ahornbaums segelte zu Boden und blieb fast provokant vor ihrem rechten Lederstiefel liegen. Schwarzgelbe Kombination auf grauem Asphalt.

Ihr Blick wanderte von den Seiten des Buches hinab zum Blatt. Als sie kurz aufblickte, sah sie zu ihm auf, wie er am Kartenhäuschen stand.

Ein freundliches Lächeln erschien auf seinem Gesicht.

Auf ihrem nicht.

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Ein Dialog

Okt
09


„Gehe jetzt nicht!“

„Ich muss gehen und ich werde gehen.“

„Nein, verlasse mich nicht. Ich weiß nicht, was ohne dich wird. Doch, eigentlich weiß ich es ganz genau. Sie werden sterben und zwar alle und mit ihnen sterbe ich. Nicht wirklich, aber doch irgendwie.“

„Du wirst nicht sterben, auch nicht ein Teil von dir. Es wird sich lediglich etwas ändern.“

„Nein, du irrst. Ich bitte dich zu bleiben. Du bist meine treibende Kraft, sonst ist da nicht mehr viel.“

„Warum glaubst du, dass ich irre?“

„Wenn du gehst, dann habe ich nichts mehr, an dem ich festhalten kann. Keine Vorstellung von dem, was sein könnte und vielleicht sein wird. Du bist diejenige, die mich nachdenken und träumen lässt. Mir ein Ziel gibt, auf das ich zuarbeiten kann.“

„Ich?“

„Ja, nur du.“

„Und du bist sicher, dass du mich nicht verwechselst, mit einem Traum, einer Illusion oder schlichtweg Phantasie?“

„Nein.“

„Die Fakten und Tatsachen sprechen gegen dich und damit gegen mich. Es gibt keinen Grund, warum ich noch hier sein sollte. Bin überflüssig geworden. Es geht auch ohne mich.“

„Es sind genau die gleichen Fakten, die dein Dasein definieren. Sie sind es, warum ich dich brauche.“

„Vielleicht brauchst du mich nur als Vorwand. Damit es weitergehen kann, so wie es momentan ist. Damit es nicht endgültig ist. Wenn eine Entscheidung getroffen ist, wird nach mir keiner mehr fragen und du am wenigsten. Wirst du dann dastehen und sagen – Dich habe ich niemals und zu keinem Zeitpunkt aufgegeben? – oder eher – Es war mit dir doch alles umsonst?“

„Du bist grausam!“

„Nein, du machst mich grausam für dich selbst.“

„Das ist nicht wahr!“

„Doch, in gewisser Weise schon. Ich habe keine Macht über die Dinge, die passieren. Nicht die geringste. Ich kann sie weder vorantreiben, noch kann ich sie stoppen. Du verwechselst mich mit dem eigenen Willen, schiebst mich vor, um eine Entscheidung nicht treffen zu müssen und versuchst diese auf was abzuwälzen? Die Zeit?“

„Das reicht jetzt!“

„Nein, tut es nicht. Es ist ein Warten. Es ist immer warten. Ihr wartet und lasst mich mitwarten. Du auch. Das ist kein Vorwurf, verstehe mich nicht falsch. Es ist einfach so. Ihr wartet immer. Mal auf ein Wunder, ein Zeichen, sogar auf besseres Wetter.“

„Du vergleichst meine Situation mit dem Wetter?“

„Ich vergleiche das Prinzip mit dem Wetter!“

„Wenn das so ist, dann schere dich doch einfach zum Teufel!“

„Schon wieder?“

„Du findest das komisch?!“

„Irgendwie schon, ja.“

„Es ist einfach hoffnungslos. Lasse es gut sein. Ich komme auch ohne dich klar. Los, verschwinde. Will mich nicht auch noch mit dir auseinander setzen müssen, bei all den anderen Sachen, die anscheinend auch ohne dich früher oder später passieren werden oder auch nicht.“

„Dann scheinst du also doch kein hoffnungsloser Fall zu sein. Einsicht ist der erste Weg zu…“

„Halt doch einfach die Klappe!“

„Ich bin dann mal weg.“

„Hoffentlich bald!“

„Ja, schon gut. Bis zum nächsten Mal. Und denke immer daran: Nie die Hoffnung verlieren!“

Sie ging lachend davon. Es machte den Eindruck, sie lache einen aus.


(Für D.H. immer wieder eine Inspiration)

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Neulich im Stadtpark

Okt
07


Schon von weitem war zu sehen, dass der Kinderwagen in einem Affenzahn den Hügel runterkam. Wo war denn Mutter oder Vater? Hatte jemand dem Kinderwagen einen kräftigen Stoß gegeben und das arme Würmchen rollte jetzt seinem Unheil entgegen?

In Bruchteilen von Sekunden erschienen Horrorbilder vor meinem Auge: Das Kind, die Berge, der künstlich angelegte See paar hundert Meter weiter unten, das Kind, der Rausch von Geschwindigkeit und Tiefe. Mich ergriff Panik. Doch hinter dem Kinderwagen tauchte eine große Gestalt auf.

Der Wagen und die Person nährten sich meinem Standpunkt weiterhin mit ungebremstem Topspeed und kamen in deutliche Sichtweite. Das Kind schien zu schlafen, das Köpfchen zur linken Seite geneigt und den Schnuller im Mund.

Der Lenker des Wagens verschwand erneut hinter der Karosserie und tauche mit einer Trinkflasche auf. Sie schienen bereits länger unterwegs zu sein und mussten das Gelände kennen, denn genau im richtigen Augenblick setze der Lenker die Flasche ab.

Schon hatte das Vorderrad des Kindergeschosses den Pflasterstein berührt und nun hoppelten Gefährt samt Vater am Naturkundemuseum entlang.

Schlagartig war der Wageninhalt wach. Erst folgen die Augen auf, dann der Schnuller im hohen Bogen aus dem Mund. Doch das Team schien auf diesen Ernstfall vorbereitet, denn der Schnullerflug wurde von einer Plastikkette gesteuert, sodass der Verlust nahezu unmöglich war und der Nuckel wehte im Fahrtwind. Gekonnt griff der Kleine an die optimal gepolsterte Halterung des Kinderwagens und stabilisierte damit seine Position mit festem Handgriff. In geduckter Haltung, von rechts nach links schleudernd, hüpfend und springend raste der Knirps gefolgt vom angehängten Vater auf Rollerblades an mir vorbei.

Im letzten Augenblick erkannte ich, dass beide Fahrradhelme trugen. Lag daran dass alles farblich aufeinander abgestimmt war: dunkelblau-metallic, bis hin zur Sonnenbrille des Wagenlenkers.

In eine Staubwolke gehüllt blieb ich an der Rennstrecke zurück und blickte ihnen nach, wie sie die Pflastersteinschikane verließen und auf dem glatten Asphalt wieder Geschwindigkeit aufnehmend Richtung Rosengarten davon preschten. Vielleicht wird es eine neue Bestzeit.

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