Archive for the ‘Aus dem Alltag’ Category

Momente

Dez
03


Es passte alles zusammen. Die schwarze Kleidung ließ sie nahezu im Schatten verschwinden. Auch die Wollmütze war farblich auf das dunkle Haar abgestimmt, das ihr bis zu den Schultern reichte. Nur die Bank hob sich mit hölzernem Braun farblich von ihr und der dahinter liegenden Gebäudefront ab. Selbst die Plakate der aktuell aufgeführten Theaterstücke waren mehr schwarz als weiß. Als hätte die Lesende sich für dieses Theaterhaus zurecht gemacht, um in die Kulisse zu passen. Im Oktober scheint das Sonnenlicht am Vormittag dem Nachmittag vorzugreifen. Alles ein bisschen dunkler, in Gelb und Orange, obwohl immer noch auf blauem Grund. Ihre Hände ruhten im Schoß und hielten ein Buch mit mehreren hundert Seiten, der Blick auf den Text gesenkt.

Schwarzes Cover.

Vielleicht Absicht.

Mit zügigen Schritten nährte er sich dem Schatten, die Oktobersonne war nicht wirklich warm genug, als dass er seinen dunklen Mantel hätte daheim lassen können. Die Neuaufführung würde bestimmt sehr gut werden. Er hoffte, an diesem Morgen noch Karten für die Vorstellung am kommenden Wochenende zu bekommen.

Zielstrebig ging er auf das Kartenhäuschen zu, das Teil des Eingangs zum Theater selbst war. Ein kleines Theater der Altstadt. Daneben eine Sitzbank. Erst einige Schritte vor seinem Ziel bemerkte er die Lesende.

Ein gelbes Blatt des nahe stehenden Ahornbaums segelte zu Boden und blieb fast provokant vor ihrem rechten Lederstiefel liegen. Schwarzgelbe Kombination auf grauem Asphalt.

Ihr Blick wanderte von den Seiten des Buches hinab zum Blatt. Als sie kurz aufblickte, sah sie zu ihm auf, wie er am Kartenhäuschen stand.

Ein freundliches Lächeln erschien auf seinem Gesicht.

Auf ihrem nicht.

Comments ( 0 )

Serientäter

Okt
13

Ein leichter Würgreiz stieg in mir hoch, als ich die Überreste fand. Angeekelt starrte ich auf die Teile. Man konnte hier und da etwas erkennen. Ein Bein, ausgerissen. Der Oberkörper seltsam entstellt. Die Körperflüssigkeiten ineinander vermischt ergaben ein rotbraun.
Ich drehte mich angewidert weg. Wie konnte er nur so was tun?
Da stand er wieder. Neben mir. Emotionslos.
Starrte auf sein Opfer herunter. Auf seine Tat. Sein Kunstwerk. Seine Jagdbeute.
In solchen Augenblicken ist er mir unheimlich, denn es passt gar nicht zu seiner ruhigen und ausgeglichenen Art.
Diesmal war er gründlich. Die Spuren waren deutlich zu sehen. Das Opfer hatte lange gelitten und er hatte seinen animalischen Spaß, hatte jede Sekunde genossen.
„Was für eine Schweinerei!“, platze es aus mir heraus.
Seine Blicke wandten sich einen Moment ab, trafen meine. Seelenruhig blieb sein Blick in meinem ruhen. Schweigen.
Wie immer.
Teilnahmsloses Schweigen.
Dastehen.
Nichts tun.
Kein Anflug von Reue, geschweige denn Schuld.
Er ist ein eiskalter Mörder.
Seine Strategie ist simpel, aber wirkungsvoll: Warten auf den richtigen Moment und dann zuschlagen. Die Opfer können sich nicht wehren. Er ist mit seinem Körperbau, seiner Schnelligkeit und seiner Klugheit ihnen allen überlegen. Es scheint ein Instinkt zu sein.
Die Gründe sind unverständlich. Er tut es einfach. Ein Spiel. Aus Spaß, vielleicht aus Langeweile, manchmal aus Frust.
Mordgelüste.

Angewidert drehe ich mich weg. Nun ist es wieder an mir, die Reste seines Massakers aufzuräumen, den Kriegsschauplatz wieder zu dem zu machen, was er ist.
Keiner wird es je erfahren und ein weiteres Mal wird er ungeschoren davon kommen. Wo kein Kläger, da kein Richter und eine Rache hat er nicht zu fürchten.
Er folgt mir schweigend, während ich alle Mittel zur Beseitigung zusammen suche. Hält sich hinter mir, wie immer. Doch helfen wird er nicht. Es ist unser Ritual. Er tötet und ich beseitige. Jedes Mal das Gleiche und jedes Mal ekelt es mich vor dem Anblick der Überreste seiner Opfer.
Ich ziehe Gummihandschuhe an. Auf keinen Fall will ich die rotbraune Flüssigkeit auf meiner Haut spüren. Mit starken Chemikalien bewaffnet kehre ich an den Leichenfundort zurück.
Ruhig und gleichgültig setzt er sich hin und schaut zu, wie ich mich an die Arbeit mache. Der Geruch der Reinigungsmittel steigt auf und mit gerümpfter Nase sammle ich die leicht angetrocknete Flüssigkeit und die Reste des Leichnams ein, bis nichts mehr zu sehen ist. Alles wie neu, als sei nie was gewesen. Nichts ist passiert.
Ich schaue ihn an, seine grünen Augen erwidern meinen Blick. Er steht auf und geht. Die Show ist vorbei.
Er wird es wieder tun. Es dauert nur seine Zeit, aber ich weiß er wird es wieder tun.
Und ich? Auch ich werde wieder die Überreste eines toten Käfers wegräumen, nachdem der Kater ihn zerlegt hat.

lucky_augen

Comments ( 0 )

Samstags im Supermarkt

Jun
03

Letzten Samstag hat mich der Teufel geritten und ich habe gedacht ich müsste am Nachmittag doch noch mal kurz in den Supermarkt, um ein paar Dinge einzukaufen. Schließlich ist Morgen Sonntag und dann wieder die ganze Woche arbeiten, da findet man eh nicht die Zeit um Einkaufen zu gehen, also noch schnell am Samstag erledigen. Dachte ich. Mal eben so. Ganz kurz nur. Geht ja schnell. Einmal durchlaufen, an die Kasse und fertig. Eine Sache von höchstens 10 Minuten. Denkste! Wie kann man nur so naiv sein! Das ist Samstags Nachmittag noch nie gut gegangen. Egal in welchem Supermarkt ja! Ich also rein in den Supermarkt bei uns um die Ecke, dann muss ich ja nicht so weit tragen und aus der Stadt kommend war ich schon mit einigen Einkaufstüten beladen. Keinen Einkaufswagen, erstens ist es mir schon zu blöd nach einen Euro-Stück zu suchen und zweitens brauche ich ja nur ein paar Sachen, die kann ich ja auch so nehmen. Hätte ich einen Einkaufswagen nehmen wollen, wäre mir zumindest das erste Warnsignal nicht entgangen, denn erst bei rausgehen und einem Fast-Todes-und-Nerven-Kampf ist mir aufgefallen, dass keine Einkaufswagen mehr dastanden, wo sie sonst immer stehen. Ich sollte erfahren warum nicht:

Frohen Muts rein in die Obst und Gemüseabteilung und fast wäre ich schon wieder rückwärts raus, als ich sah was sich da tat, aber da war es bereits zu spät. Eine Oma mit Einkauftrolli und Krückstock hatte mir den Rückweg versperrt. Vor mir ein grausames Bild. überall Einkaufswagen und Leute, die um die letzten Tomaten und Salate kämpften. Es gab kein rankommen an die Früchte und das Gemüse. Alle Stände und Auslagen mit Einkaufswagen zugestellt.

„Verdammt! Scheiß Idee!“ dachte ich bei mir und kämpfte mich zwischen einem Einkaufswagen und einem Kinderwagen mit brüllendem Inhalt zu dem Plastiktütenhalter durch. Ich nahm gleich drei dieser dünnen und durchsichtigen Tüten mit, aus Angst, dass keine mehr da ist, wenn ich es schaffe mich zu den Tomaten durch zu schlagen und dann doch noch Äpfel ergattere. Ich also zu der Tomatenkiste. Da standen schon zwei genervte Mütter und sortierten wild in den Tomaten rum. Ich bin ja auch so ein Betaster und Drücker von Obst und Gemüse, aber die Damen haben bereits an der Stelle hausgemachtes Ketchup produziert. Nachdem ich mir die Sache genau 10 Sekunden angeschaut hatte, entschloss ich mich auf die Strauchtomaten zu verzichten und abgepackte Bio-Tomaten zu kaufen, die mich ein Vermögen kosten würden, aber immer noch besser, als später einen abgebrochenen Fingernagel irgendeiner irren Mami in der Tomaten zu finden. Der Inhalt des Kinderwagens brüllt die ganze Gemüseabteilung zusammen. Wo ist denn die Mutter von dem Kind? Drückt wahrscheinlich an den Erdbeeren rum oder so, anstatt mal nach dem Kind zu schauen. Ich mit der Packung überteuerter Bio-Tomaten drehe ich mich nach rechts und hechte zu den Äpfeln rüber. Das ging glatt. Schnell packe ich vier Äpfel in die tolle Tüte und ab zu Waage. Auch hier habe ich mich mal wieder zu früh gefreut. Vor der Waage steht ein älterer Herr so um die 70 oder 80 und starrt auf die Zahlen. Auf der Waage liegen 2 Bananen. „Sie Fräulein, was muss ich denn da jetzt drücke? Da sind ja gar keine Bilder drauf nur Zahlen. Also in den anderen Supermärkten sind da immer die netten Bilder von dem Obst drauf.“ Na vorher soll ich denn wissen was für eine Zahl die dummen Bananen haben .Ich habe mir doch gerade die 21 für meine Äpfel gemerkt und das andere Zeug kann ich ja auch nicht auswendig. Aber man ist ja freundlich. „Da müssen Sie unten bei dem Schild an den Bananen schauen, da steht immer die Nummer drauf.“ antworte ich freundlich und versuche zu lächeln und frage mich wie viel Zeit es wohl dauern wird, bis der Mann seine Bananen abgewogen hat. „Die Bananen haben die 1.“ krächzt es hinter mir. Gerettet durch die Oma mit dem Einkaufstrolli. Es dauert genau eine Minute, bis die 1 gefunden ist auf der Tastatur. Wir lesen doch immer von links nach rechts und von oben nach unten oder? Warum denken die Leute, dass die Nummerierung auf diesen Waage von diesem Prinzip abweichen sollten und suchen die 1 irgendwo in der Mitte und nicht links oben. Dann noch das Etikett drauf. Die Bananen von der Waage und schauen was es kostet und dabei auch ja nicht ein Stück zur Seite gehen, damit andere rankommen, an die Waage. Aber irgendwann wars geschafft. Ich Kleber drauf und weiter durch das Horrorlabyrinth. Gekonnt weiche ich den Omis mit Ihre Spazierstöcken aus und versuche auch keins von den plärrenden Kids zu erwischen, die kreuz und quer in dem Supermarkt rumdüsen und andauernd komisches buntes Zeug in den Händen haben. Ich habe mich zu den Kühlregalen durchgekämpft und schon 10 mal den Satz gehört:

„Kann ich das haben Mami?“

„Nein, leg das bitte wieder zurück!“

„Bitte, bitte, bitte!“ „Nein habe ich gesagt.“

„Uahhhhhhhh.“

Es ist immer wieder das gleiche. Es endet im Gebrüll. Ich also vor dem Wurstregal. Zwei Packungen Aufschnitt müssen mit und auch Käse brauchen wir noch. Hier geht alles glatt. Ab zu Regal neben an. Eier. Taktischer Fehler. Drei Taschen aus der Stadt, die Biotomaten und die Tüte Äpfel, zwei Packungen Salami. Verdammt, wie soll ich nun in die Eierpackung reinschauen. Kurz entschlossen alles in die eine Tüte gepackt und zum Eierkarton gegriffen. „Die klaut!“ eine Stimme hinter mir. Fast hätte ich die guten Eier fallen gelassen. Neben mir eine rotzfreche Göre die mich anstarrt und auf die Tüte zeigt. Dahinter ein 35 Jahre alter Papa mit einem 250 EUR Designer Einkaufskorb, der mich streng anschaut. Was will man schon in so einer Situation tun? Ich überlege gerade, warum ein Mann um 15:30 Uhr am Samstag mit dem schicksten Fummel und seiner Tochter in so einem gewöhnlichen Supermarkt einkaufen geht. Den Daimler-Schlüssel in der Hand. Hat der Böhm Samstags zu oder hat er an der Markthalle keinen Parkplatz gefunden? Ich will ein Kommentar ablassen, mir fällt aber nichts ein. Ich konzentriere mich wieder auf die Eier und der Papa meint nur.

„Komm Anna-Katrin, die Dame wird schon wissen was sie tut.“

„Ja. Die Dame weiß, dass auch teures Parfum stinken kann wie Katzenpisse, blöder Sack!“ denke ich, als er an mir vorbei läuft und ich einen Hustenanfall unterdrücken muss, als sein Duftwässerchen meine Nase erreicht.

Nach unzähligen Kartons mit jeweils einem ramponierten Ei entschließe ich mich zu einer Umsortierungsaktion und weiter geht es zu den Knabbersachen. Eine Tüte Chips geht immer und weiter durch das Chaos aus Einkaufswagen, abgestellten Wasser- und Bierkisten. Schon sehe ich die Kassen von weitem und denke ich sei am Ziel, als ein fürchterlicher Schmerz meinen linken Fuß durchzuckt.

„Aua!“ sage ich laut.

Da ist tatsächlich so ein Blödmann mit seinem Wagen über meinen Fuß gerollt.

„Oh Verzeihung. Das tut mir schrecklich Leid. Ich habs so eilig.“,versucht ein Mittzwanziger sich bei mir zu entschuldigen.

„Nicht so schlimm.“,sage ich nur und versuche einem weiteren Gespräch zu entkommen. „Ihnen ist auch wirklich nichts passiert?“

„Nein, nein, alles in Ordnung. Nur der Schreck.“

Darauf habe ich wirklich keine Lust, nachher will er mich noch zum Kaffee einladen oder so. Ich sehe die Kasse.

Meine Rettung.

Gelogen!

Ich sehe die drei Schlagen vor den Kassen. In diesem Augenblick verfluche ich die Menschheit. Das wird dauern. Ich zur scheinbar kürzesten Schlange. Hier sammelt sich alles. Ich muss feststellen, dass die meisten der Einkäufer am Samstag Nachmittag ältere Herrschaften und Mütter mir Kindern sind. Ich frage mich was die eigentlich den Rest der Woche so machen. Haben die keine Zeit am Montagmorgen einkaufen zu gehen oder am Freitagmorgen, für das Wochenende? Nein, da sitzen sie dann beim Arzt und nehmen uns Arbeitenden die guten Termine weg und wenn wir dann am freien Samstag auch noch einkaufen gehen wollen, dann verstopfen sie auch noch die Kassen.

Wenn ich alt werde, dann mache ich das ganz anders. Das ist ja auch nichts für so ein schwaches Herz in dem Alter. Dieser Stress hier. Ist ja schlimmer, als bei der Arbeit mit den Kollegen zu streiten. Hier stehe ich also nur und warte, dass es voran geht. Es erscheint einem immer wie eine Ewigkeit. Die Omis packen ihre zwei Kompotts und die Packung Toastbrot aufs Band, dann die zwei Äpfel und das Bund Suppengrün und fangen an in ihren Taschen nach dem Geldbeutel zu suchen.

Die erste ist schnell abgefertigt. Hurra! Hoffnung keimt in mir hoch. Das könnte ja vielleicht gut gehen.

Dann ein junger Mann: Tiefkühlpizza, Yoghurt und ne Flasche Rotwein. Single, ist doch klar. Das geht auch schnell. Ich schaffe es vor 16:00 Uhr hier raus! Mutter mit Kind als nächstes und dann noch eine Oma und dann ich. Das wird gut ausgehen.

Die Mama packt ihre ganzen Krempel aufs Band und die junge Kassiererin macht ihren Job und wird mittendrin ausgebremst von: Wer hätte es gedacht? Einer Tüte nicht gewogener Tomaten. Das ist bestimmt eine von den Ketchup-Tanten denke ich noch und schon ist die Kassiererin aufgesprungen und auf und davon.

Hinter mir steht irgendein Typ mit starkem Körpergeruch und schnauft vor sich hin. Ich frage mich was schlimmer ist. Das Katzenpisse-Parfum oder dieser Schweißgeruch?

Ich entscheide mich doch für diesen Schweißgeruch und rücke der Oma auf die Pelle. Wie das Schicksal es so will spielt das blöde Kind mit einem Glas Marmelade, als die Mutter nicht hinschaut und schon passiert es. Runter vom Band mit dem Scheiß, Erdbeermarmelade schmeckt so oder so nicht und schon macht es klirr. Das darf nicht wahr sein!

Das Marmeladenglas auf den Boden die Mutter sauer, das Kind plärrt und ich stehe da und erlebe den Weltuntergang im Supermarkt!

Kurz vor einem Nervenzusammenbruch stehe ich da und kann es nicht fassen, als die Mutter weg rennt um ein neues Glas zu holen.

Kind flennt.

Oma in Aktion um es zu beruhigen.

Kassierern kommt zurück. Sieht das Desaster. Springt wieder auf und verschwindet in den Weiten der Regale.

Mutter kommt zurück mit neuer Marmelade.

Kind schon fast blau angelaufen im Gesicht.

Oma verzweifelt.

Alles schaut zu unserer Kasse und ich das Stinktier im Rücken.

HILFE!

Denke ich nur. Mutter entschuldigt sich tausendmal. Kind heult, als würde man es aufs schlimmste behandeln. Mutter schimpft, was die Sache nicht besser macht. Oma kriegt gleich Herzschlag und ich einen Wutanfall. Endlich taucht die Kassiererin auf mit Eimer und Lappen. Sie fängt an zu wischen und die Scherben aufzusammeln.

Ich denke nur: „Lass doch die Mutter machen und kassiere endlich weiter. War doch ihr Kind, was hier die Sauerei veranstaltet hat!“

Aber nein. Sie wischt und wischt und die Schlange hinter mir wird länger und ich fange mit Atemübungen an, während ich versuche jeden Kommentar runter zuschlucken, was mir auf der Zunge liegt. Nach etlichem Gewische ist das meiste der Marmelade weg und endlich geht’s weiter. Mutter mit Heulboje abgefertigt, Oma ist endlich dran und ich kann mein Zeug aufs Band legen. Noch ‘ne Schachtel Kippen und dann raus hier. Ich also einmal Marlboro Lights gedrückt, an diesen neuen Zigarettenautomaten, wo die Schachteln dann so raus geschossen kommen, wenn die Kassiererin es freigibt. Das Patent ist ja ganz toll, bloss kommt die Schachtel mit so einem Tempo da raus, dass sie in 90% aller Fälle über das Band hinausschießt und man sie fangen muss, wenn man kann. Ich konnte nicht und die Schachtel landet natürlich in den Marmeladenresten.

Ich wollte schon immer Kippen mit Erdbeergeschmack. Wäre ich bloß in den Großmarkt gefahren, dann könnte ich jetzt eine saubere nehmen, stattdessen habe ich eine klebrige. Geil. Oma zählt Kleingeld. Ist nicht so einfach, wenn man die Brille nicht dabei hat. Ich ersticke hier im Männerschweiß und die zählt seelenruhig Kleingeld. Unfassbar! Sie kapituliert und kippt das Münzgeld der Kassiererin in die Hände. Jetzt darf die suchen. Die findet wenigstens die Münzen auf Anhieb. Oma packt in Zeitlupe ihren Kompott ein. Ich bin dran. Unkonzentriert gehe ich freudig ein Schritt vor und stehe mit beide Schuhen in den Erdbeermarmeladenresten. Klasse jetzt kleben auch noch die Schuhsohlen. Was soll’s.

Ich will hier nur noch raus oder ich fange an zu schreien.

Vielleicht heule ich auch ein bisschen, wie die Kids hier drin.

Zahlen und raus. Bloß weg von dem Müffel-Mann, den Kindergeschrei und die Omas.

Das ist eine Nervenprobe.

Alles eingepackt.

Die Kippenschachtel nur widerwillig. Es trennen mich nur noch wenige Schritte vom Ausgang. Bei jedem Schritt machen meine Schuhe komische Geräusche und mit der tollen Marmelade dran sammle ich auch den ganzen Dreck vom Boden. Die vor der Haustüre ausziehen, denke ich noch und bin endlich frei und am Ende. Das ist schlimmer als ein Acht- Stunden Tag im Büro. Nie wieder Samstagnachmittags im Supermarkt. Zumindest die nächsten Samstage nicht.

Comments ( 0 )

Die Mücke

Jun
03

Kurz vor 0:00 Uhr und draußen immer noch die Hitze. Stehende 27 Grad. Dieser Sommer ist mehr als ein Rekordsommer. Es ist mittlerweile eine Heimsuchung.

Schweißgebadet liege ich auf der Bettdecke und versuche mich einfach nicht zu bewegen, denn die kleinste Bewegung bedeutet einen Wasserfall aus Schweiß.

Großstädte im Sommer sind furchtbar. Alles steht, kein Luftzug! Da kann man alle Fenster aufreißen, Türen offen stehen lassen, nichts! Der aufgeheizte Asphalt lässt die Wärme des Tages schön langsam aufsteigen. Die Wände des Hauses fühlen sich an wie frisch aus der Spülmaschine, heiß und trocken. Alles steht und ich liege.

Ich versuche einzuschlafen. Mit geschlossenen Augen lausche ich den Geräuschen auf der Straße. In der Ferne fahren Autos. Irgendwas bewegt sich immer. Ich denke an einen Eimer kalter Cola mit viel Eis und an eine kühle Dusche. Die Gedanken werden schwammig, ich bin kurz vorm Einschlafen.

Ein hoher Ton direkt neben meinem linken Ohr lässt mich die Augen wieder öffnen. Ich starre an die Decke. Mein Wecker, der die Uhrzeit in roter Schrift an die Wand schmeißt zeigt 0:01. Es surrt mal etwas weiter weg dann wieder näher und schon sitze ich hellwach und kerzengerade im Bett. Eine Mücke! Das fehlte jetzt noch! Bereits die letzten drei Nächte haben die Viecher sich an mir satt getrunken. Mit insgesamt 6 Stichen führte ich bereits bei den Arbeitskollegen die Rangliste, allerdings war ich so gar nicht glücklich mit dieser Top-Platzierung.

Ich fasste also sofort einen Entschluss: in dieser Rekordsommernacht würde diese Mücke kurz nach Mitternacht sterben! Mit einem Sprung war ich auf den Beinen und am Lichtschalter, mit einem zweiten wieder am Bett und ergriff den Spiegel. Die Zeitung zu einem Schlagstock zusammenrollend inspizierte ich die weißen Wände des Schlafzimmers. Die Suppe lief mir zu diesem Zeitpunkt bereits die Achseln runter. Rechte Wand, linke Wand waren sauber. Die offene Tür auch. An die Decke geschaut, vielleicht bei der Lampe oder auf den Bilderrahmen. Wahrscheinlich auf dem Fernseher oder am Fenster, an der Balkontür sicherlich.

Nachdem ich einmal quer durch das Zimmer geturnt war und aufs Bett kletterte um die Deckenlampe besser sehen zu können, standen mir nun Schweißperlen auf Stirn und Oberlippe. Keine Mücke. Das Tier hat die Gefahr gewittert und ist durch die Balkontür geflohen. „Ihr Glück!“ denke ich bei mir. Der Spiegel landet auf dem Nachttisch und ich wieder im Bett. Licht aus und nicht bewegen, Ruhe. Vor meinen geistigen Augen schwimme ich Richtung Nordpol und winke Eisbären zu. Von weitem kommt ein hohes Summen von rechts.

Der Verstand ist diesmal schnell da, ich nehme den Lichtschalter direkt am Bett und der Spiegel liegt griffbereit. In Sekunden bin ich auf den Beinen und suche das blutrünstige Monster! Es hat sich sofort versteckt bei dem ersten Lichtstrahl. Es kostet mich eine Ewigkeit die Mücke auf dem Bilderrahmen zu finden. Doch als ich sie erblicke kennt mein Gewissen keine Gnade. Die Zeitung schlägt zu, die Mücke flieht, ein schwarz-blauer Streifen wird auf der weißen Wand sichtbar. Fluchend steige ich vom Bett ab und suche erneut die Wände nach dem Blutsauger ab. Kein Tropfen bekommt diese Bestie von mir! Nach einer Weile entdecke ich sie neben dem Bücherregal an der Wand. Langsam und lautlos pirsche ich mich an die Ahnungslose heran. Es wird ein kurzer und schmerzloser Tod werden, verspreche ich ihr, als auch schon der Spiegel das zweite Mal auf das Tier niedergeht. Er trifft und das Opfer hinterlässt einen roten Fleck an der Wand, dem ein schwarzer Streifen folgt. Die schlimmsten Schimpfwörter darf man in der Nacht benutzen, da hört ja keiner zu und so verfluche ich die Mücke im Tod und den Spiegel, das beide nun meine weißen Wände ruiniert haben. Doch der Triumph lässt mich den Ärger schnell vergessen. Endlich kehrt Ruhe ein. Die Uhr zeigt 0:20 Uhr und jagen macht müde.

Doch schon nach wenigen Minuten der Stille höre ich ein Unheil verkündendes Geräusch aus der Dunkelheit auf mich zukommen. Es scheint Stereo zu sein. Wahrscheinlich sind es zwei. Die kommen um sich zu rächen, schießt es mir durch den Kopf. Das ist ja furchtbar. Licht an, Spiegelbewaffnung und los geht’s. Ich halte inne und betrachte den Blutfleck meines ersten Opfers, dann die zwei Streifen an den Wänden und resigniert sinkt die Zeitschrift in meiner rechten Hand zu Boden. Wegen Mücken das Zimmer neu streichen? Aber die Nacht über sich stechen lassen? Schwerwiegende Entscheidungen zu später Stunde. Mir kommen die Tränen. Ich will keine weiteren Stiche. Der eine im Gesicht ist schon schlimm genug. Sieht aus wie ein Riesenfurunkel und juckt wie sau. Ich höre die Beiden lachen. Bestimmt sitzen sie auf einem Buch und überlegen an welcher Stelle sie mich wohl zuerst anzapfen. Vielleicht am Hals oder am Arm, also klassisch. Die Wade und der Oberschenkel. Wahrscheinlich wird die Rache aber furchtbar und sie nehmen die Füße oder Hände oder wieder das Gesicht. Ich bekomme Panik und überlege kurzfristig im Wohnzimmer zu schlafen, bis mir einfällt, dass da ebenfalls der Balkon offen stand. Ich fühle mich allein, umzingelt und wehrlos. Wieder kommen mir die Tränen. Die gesamte Situation scheint aussichtslos. Unter der Decke verstecken geht nicht, da bekomme ich einen Hitzeschlag. Mir wird schlecht. Der Verzweiflung nahe schleppe ich mich ins Bad um mein Gesicht mit kaltem Wasser zu waschen und wieder einen klaren Gedanken zu fassen. Das Wasser bringt mich wieder zur Ruhe und im Spiegel betrachte ich meinen Mückenstich an der Wange. „So sehen dann die Opfer dieser Untiere aus!“ sage ich mir und blanke Wut steigt in mir hoch, als mein Blick im Spiegel auf den Schrank hinter mir fehlt. Was ist denn das? Durch das Milchglas schwer erkennbar sehe ich eine kleine weiße Flasche. Hoffnung durchfährt mich und die Erinnerung an den letzten Urlaub lässt mich erahnen was dieses Gefäß sein könnte: AUTAN!

Ich reiße die Tür des Schränkchens auf und finde die Überreste des Autan-Family-Sprays vom letzten Jahr. Das ist die Rettung! Ohne nachzudenken verteile ich die Reste der Flüssigkeit auf den schweiß- und wassernassen Händen, Beinen, Hals und Armen. Klatsche mir den Rest ins Gesicht und steht klebend, stinkend aber zufrieden im Bad. Man braucht eben nur die richtige Rüstung.

Mit einem fetten Grinsen betrete ich mein Schlafzimmer, lösche seelenruhig das Licht, lege mich bequem hin und schließe die Augen Schon wenige Augenblicke später höre ich das mittlerweile vertraute surren an meinen Ohren, aber es entfernt sich immer wieder und wieder. Der Sieg ist meiner für diese Nacht.

Comments ( 0 )

Morgen dann!

Mrz
26

„Kommst du heute wieder später?“ Die Frauenstimme kam aus der Küche. Er stand bereits, die Hand an der Klinke, an der Haustüre. „Ne, heute wird es nicht so spät!“, gab er seiner Frau zurück. Sie kam im Eilschritt aus der Küche und drückte ihm einen Kuss auf die Wange, strich über den schwarzen Anzug und warf einen prüfenden Blick auf seine Schuhe. Perfekt wie immer. Sie lächelte. Nach so vielen Jahren liebte sie es immer noch ihn morgens im Anzug zu sehen, mit weißem Hemd, gerade gebundener Krawatte und parfümiert.
„Bis heute Abend!“ Mit diesem Worten und einem selbstbewussten Grinsen verließ er die Eigentumswohnung. Mit dem Fallen der Tür ins Schloss fiel auch seine Maske. Das selbstbewusste Grinsen verzog sich schmerzhaft zu einer Grimasse. Schnell lief er die Treppen zur Tiefgarage runter. Kein Nachbar sollte ihn so sehen. Das Auto war die Rettung. Mit ernster Miene durchquerte er das Treppenhaus, betrat die Garage, öffnete die blank polierte Limousine. Wieder eine Tür, wieder ein Schloss, dann Ruhe und Dunkelheit. So saß er da und starrte im Dämmerlicht der Tiefgarage auf die kahle Betonwand seines Stellplatzes.
Wie sollte er es ihr bloß sagen? Wie würde sie reagieren? Was soll dann mit den Kindern werden? Dem Studium vom Ältesten und mit den Reitstunden der Jüngsten? Was werden die Nachbarn sagen und die Freunde? Die Familie, vor allem ihre Mutter? Was würde aus der Urlaubsreise werden?
Werden sie ihm die Schuld geben? Ihn als Versager beschimpfen? Als Nichtsnutz? Vielleicht werden sie behaupten, dass er schlichtweg faul ist! Wahrscheinlich wird sich seine Frau von ihm trennen. Die Kinder werden ihn hassen. Freunde werden sich abwenden, weil er nicht mehr mit ihnen auf Reisen gehen kann. Die Nachbarn zerreißen sich sicherlich das Maul. An seine Schwiegereltern wollte er nicht mal denken.
Wieso muss ihm das passieren? Wieso ausgerechnet er? Er hatte doch über zwölf Jahre hinweg die beste Arbeit geleistet, Überstunden geschoben, Wochenenden geopfert und ist um die Welt gereist. Wofür? Für eine akzeptable Abfindung. Für ein „Es tut uns Leid, wir müssen Ihnen betriebsbedingt kündigen und wünschen Ihnen alles Gute für die Zukunft.“.
Seit nun mehr drei Wochen saß er jeden Morgen im Auto, in der Tiefgarage, starrte die Betonwand an und stellte sich dieselben Fragen. Jeden Morgen erzählt er seiner Frau, dass er pünktlich Heim käme oder später. Jeden Abend erzählte er von Problemen, Erfolgen, Besprechungen und Mittagessen, die nicht stattfanden, zumindest nicht mit seiner Anwesenheit. Jeden Morgen das gleiche Spiel. Weißes Hemd, Anzug, Krawatte und das teure Parfüm, sowie die sauberen Schuhe. So war es seit Jahren. Warum sollte es sich ändern?!
Mit beiden Händen griff er nach dem Lenkrad. Er musste losfahren. Nachher kommt noch ein Nachbar oder gar seine Frau und sehen ihn. Er war mal wieder spät dran. Der Schlüssel drehte sich im Zündschloss. Mit der gewohnten Geschwindigkeit, so als sei er wirklich spät dran, preschte er aus der Tiefgarage. In der Einfahrt musste er stark bremsen. Das Seniorenpaar Schneider ging gerade zum einkaufen. Herr Schneider zog den Hut und verbeugte sich leicht. Aus Reflex nickte Hartmut automatisch zurück. Beim Anblick des Alten wäre er am liebsten aus dem Auto gesprungen und hätte ihn gewürgt. Der hatte keine solchen Sorgen! Der hatte schon alles hinter sich. Wut und Verzweiflung stiegen in Hartmut auf. Was sollte er denn heute wieder machen um den Tag rum zu bekommen und nicht gesehen zu werden? Wieder 30 Kilometer in die nächste Stadt fahren oder besser 50? Wieder stundenlang durch den Wald laufen in Anzug und Krawatte? Wieder zwei Bücher kaufen und diese durchlesen?
Er konnte einfach nicht mehr. Die vergangenen Wochen hatte er alle Kraft darauf verbraucht seiner Frau, seinen Kindern und seiner gesamten Umwelt vorzugaukeln, dass er immer noch voll im Berufsleben steht. Dass er immer noch gebraucht wurde, dass er immer noch gut verdiente, dass seine Position immer noch die gleiche war. Dass sich nichts geändert hatte und ändern würde.
Jetzt fuhr er die Straße entlang, bog automatisch links Richtung Autobahn ab, wie die letzten Jahre auch.
Irgendwann musste er es seiner Familie sagen. Irgendwann würden sie es herausfinden oder irgendjemand würde ihn sehen, ein Freund würde anrufen oder ein dummer Zufall würde es ans Tageslicht bringen.
Wie gewöhnlich bog er auf die Autobahnauffahrt ab. Der Wagen schien die Strecke zu kennen. Vor sich hin stierend überlegte er nun, wie er den Tag rum bringen sollte, bis 19 Uhr war eine Menge Zeit sinnlos totzuschlagen. Sollte er nicht einfach zurück fahren und es ihr sagen? Jetzt sind die Kinder außer Haus. Sie wären alleine. Sie hätten mindestens fünf Stunden Zeit die Dinge zu klären, bevor die Jüngste aus der Schule käme. Vielleicht würde seine Frau es sogar verstehen. Ein kleiner Funken Hoffnung stieg in Hartmut auf. Dann bräuchte er sich nicht mehr zu verstellen.
„Ja!“, schrie er sich innerlich zu. „Ich fahre wieder zurück. Schluss mit der Heimlichtuerei! Ich werde ihr alles sagen. Sie ist meine Frau. Sie liebt mich. Sie wird es verstehen!“ Er gab Gas, konnte nicht schnell genug zu der Ausfahrt kommen um zurück zu fahren. Die Ausfahrt kam in Sichtweite und der Wagen wurde nicht langsamer, der Blinker ging nicht, der Wagen blieb auf der linken Spur und die Ausfahrt zog vorbei. Heute sollte die Welt nochmals in Ordnung bleiben für seine Familie. Nur noch diesen einen Tag, so wie immer.
„Ich sage es ihnen schon noch rechtzeitig. Morgen dann!“

Comments ( 0 )