Emotionen

Ignorier mich!

Mrz
26

Fast verloren stand sie in der Halle des Flughafens und wartete. Nervös ließ sie das Band ihres Handys immer wieder durch die Finger gleiten.
Würde er wirklich kommen oder hatte er sie nur auf den Arm genommen?
Plötzlich kam sie sich vor wie ein junges Mädchen, wie damals mit fünfzehn, als sie zu ihrer ersten Verabredung ging.
Jetzt stand sie am Flughafen im teuren Business-Anzug und wartete auf einen Mann, den sie nicht wirklich kannte.
Sie wusste noch nicht mal den wahren Grund, warum sie hier war und noch weniger verstand sie, warum er kommen sollte.
Die Erinnerung an ein kurzes Gespräch schoss ihr durch den Kopf.
„Heute erzähle ich nur Mist“, hatte sie gesagt. „Ignoriere mich einfach.“
Doch noch bevor er überhaupt antworten konnte, hatte sie „Oder küss mich.“ angehängt.
Seine Antwort war einfach und direkt: „Ich nehme das zweite Angebot an.“
Allein beim Gedanken an diesen Gesprächsfetzen musste sie schmunzeln. Hier stand sie nun schon seit 15 Minuten und wartete auf einen Fremden.
Sollte es die pure Neugier sein? Warum rief er nicht an?
Wahrscheinlich war es wirklich nur ein Scherz gewesen und sie hatte sich auf ein Jugendspiel eingelassen. Kopfschüttelnd stand sie da und musste über sich selbst lachen.
Sie wandte sich einem der Hauptausgänge zu. Ein junger Mann erschien in ihrem Blickfeld, der geradewegs auf sie zukam, ohne zu schauen, wohin er lief, er tippte irgendwas in sein Handy, schon wollte sie ihm ausweichen, als sie erkannte, dass er es war und in dem Augenblick klingelte das Telefon in ihrer Hand und ihre Blicke trafen sich.
Beide blieben stehen, in die Augen des Anderen versunken, während er sein Handy ans Ohr hielt und ihres immer wieder eine Melodie spielte, leerte sich die Abflughalle des Flughafens, kein Geräusch war zu hören außer dem Klingeln ihres Telefons.
Er fing an zu schmunzeln.
„Willst Du nicht rangehen?“, fragte die ihr bekannte Männerstimme.
„Willst Du nicht auflegen?“
Nun wusste sie, dass er sie nicht belogen hatte. Er war tatsächlich spontan vorbei gekommen um sie endlich einmal zu sehen.
Geschäftsleute und Reisende liefen an ihnen vorbei, während in regelmäßigen Abständen Durchsagen der Flughafeninfo zu hören waren. Der Flughafen platzte vor Leben, Hektik und Geschäftigkeit an diesem Freitagnachmittag. Jeder wollte nach Hause oder weg.
Ihr Handy verstummte, während sie dastand und seine Augen mit ihrem Blick nicht losließ. Kurz musste sie wegschauen und erneut kopfschüttelnd leise lachen.
„Was ist los?“, wollte er wissen.
„Nichts!“, gab sie ihm vertraut zurück. „Ignorier mich einfach.“
„Deswegen bin ich aber nicht hergekommen.“
Seine Blicke wurden herausfordernd. Er kam ihr näher, sodass sich ihre Gesichter zu berühren schienen, als sie wieder zu ihm aufschaute.
In seine Augen blickend kamen die Worte fast flüsternd über ihre Lippen.
„Dann küss mich!“
Sanft berührten sich ihre Lippen. Sie konnte die Kälte des Herbstes auf ihnen spüren, die er mitgebracht hatte, sie verband sich mit der Wärme ihrer eigenen. Für einen kurzen Moment hielten sie inne und mussten beide lächeln, bevor sich ihre Lippen ein zweites Mal trafen. Erst kaum spürbar, dann mit leichtem Nachdruck. Beide forderten einander heraus, bis sie in einem innigen Kuss versanken, der sie für einige Momente die Welt vergessen ließ, bis sie sich lösten und einander klar in die Augen sahen.
„Ich muss los“, sagte er mit ruhiger Stimme, während er eine Haarsträhne vorsichtig aus ihrem Gesicht nahm.
„Ja. Ich weiß. Muss auch weiter“, gab sie leicht schüchtern und doch verschmitzt zurück.
Sie lösten sich voneinander und verließen nebeneinander die Halle. Die kalte Luft dieses Oktoberabends brachte sie in die Wirklichkeit zurück.
„Wirst du mich nun das nächste Mal ignorieren, jetzt da du weißt, wie es ist?“, wollte sie von ihm wissen.
Noch einmal kam er auf sie zu, berührte liebevoll ihren Mund mit seinen Lippen, bevor er sich endgültig verabschiedete.
„Ich werde dich immer küssen.“


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