Twitter Icon
by Custom Design

Erinnerungen

Nachtfahrt

Mrz
26

Mit beiden Händen das Lenkrad haltend, sitze ich neben dir und starre auf die unendlich scheinende Straße. Den ganzen Tag haben wir schon geredet und es wurde nicht langweilig und nun auch noch die Nacht.
Wir reden über Gott und die Welt. Eigentlich reden wir nur über die Welt, über unsere Welt. Wir reden über unsere Welten.
Zeit scheint keine Rolle zu spielen heute Nacht, sie ist irrelevant geworden, wie die Welt da draußen, außerhalb dieses Autos, in dem wir nun sitzen und unsere Herzen einander ausschütten.
Manche Dinge ändern sich nicht. Vor mehr als zehn Jahren haben wir so die Nächte verbracht. Haben geredet, die Welt bestaunt, die Menschen in ihr und meistens auch uns.
Was hat sich geändert? Eigentlich nichts.
Damals haben wir gedacht, dass uns das Leben noch alles bringen wird, damals haben wir gedacht, dass das Leben krass ist. Damals haben wir gedacht, dass wir später alles verstehen werden.
Wir stellen Fragen und haben keine Skrupel ehrlich zu antworten. Ich schaue auf die Straße, keine Geschwindigkeitsbegrenzung. Wir sind allein um zwei Uhr morgens auf der Autobahn und ich gurke mit 120 km/h Richtung Stuttgart, denn in meinem Kopf herrscht Gedankenchaos.
Du erzählst mir Sachen, die ich nicht verstehe und so frage ich dich immer wieder und wieder das gleiche und keine Antwort macht wirklich Sinn.
Wir fahren in eine Baustelle, ich muss langsamer werden, bin dummerweise auf die Spur mit Gegenverkehr gefahren. Die wenigen Autos, die uns entgegenkommen blenden mich und so sehe ich nicht wie meine Worte deine Augen mit Tränen füllen. Ich sage was meine Seele, mein Herz und mein Verstand befiehlt. Selten sind sie sich so einig, wie in diesem Augenblick.
Deine Tränen bemerke ich zu spät. Es tut mir so leid!
Wir kommen am Eifelturm vorbei. Er liegt links von der Autobahn. Nett wie sie ihn so beleuchten, um zwei Uhr nachts.
In meinem Kopf herrscht Frieden. Ich habe mir selbst wieder ein Stück weit verziehen und ich sehe eine Sache wieder klarer vor mir.
Für einen Moment möchte ich dich anschreien, ich will toben, es aus Dir herausprügeln, damit du wieder zu dir kommst bis ich feststelle, dass dies nicht meine Aufgabe ist. Es ist nicht an mir und ich kann dir nicht helfen, noch nicht mal deine Tränen kann ich trocknen. Es ist alles an dir dies zu tun. Alles ist in dir!
Es scheint manchmal wie verflucht. Jedes Mal, wenn ich denke nichts zu verstehen, schießen mir Gedanken klar und rein durch den Kopf, ich spreche sie aus oder schreibe sie nieder. Es passiert das Gegenteil, ich treffe ungewollt ins Schwarze. Verstehe es erst recht nicht, stehe da wie der letzte Idiot und versuche zu begreifen was passiert ist. Fühle mich schuldig Sachen gesagt und getan zu haben, die andere unglücklich, nachdenklich oder traurig machen. Bin ich ein Narr? Keine gute Freundin?
Mein Fuß drückt das Gaspedal durch. Freiheit ist wunderbar. Was sollen wir mit ihr tun?
Stellen lachend fest, dass sich manche Dinge tatsächlich niemals ändern werden, sie werden nur anderes. Bei manchen Dingen werden wir wohl immer siebzehn bleiben. Wir werden die Welt neu erfinden.
Glaube einige Dinge verstanden zu haben, aber dem ist nicht so, denn je länger ich darüber nachdenke umso weniger verstehe ich was geschieht. Ich habe selbst mal geschrieben, dass es keine Zufälle gibt. Dinge passieren, weil sie passieren müssen. Sie passieren.
Mein bescheuertes Kartenhaus. Meine Welt, die Sinn macht für den Bruchteil einer Sekunde.
In dieser Nacht wurden mir zwei Karten gereicht, die ich verbauen soll und der Bruchteil war schneller vorbei, als dass ich eine Chance gehabt hätte sie zu erkennen, diese Welt. So sitze ich nun da, mit deiner und meiner Karte. Was soll ich damit tun, sie scheinen nicht wirklich zu passen, aber sie gehören dazu.
Wir schießen über die leere Autobahn. Geschissen auf Begrenzungen oder Regeln. Was soll’s! Diese Nacht ist einfach nur krass. Ich könnte ewig weiterfahren und es ist schön von dir zu hören, dass du ewig mitfahren willst, egal was ich sage, egal was du sagst.
Keiner kann uns was, wir sind allein und unsere Seelen kotzen sich abwechselnd aus und alles bleibt hinter uns, entschwindet durch den gottverdammten Auspuff des Wagens in die Dunkelheit und wir lachen.
Warum sind wir nun angekommen? Wir wollten doch weiter. Wann geht es denn weiter? Sind wir denn nun überhaupt angekommen?
Ich stehe da und freue mich, auch wenn ein Teil von mir weint, aber ich freue mich! Auf die nächste Nachtfahrt.


Kommentare ( 0 )

Klassenfahrt nach Dachau

Mrz
14

Ich weiß nicht mehr ob das eine Idee von unserem Geschichtslehrer oder Politiklehrer war. Auf jeden Fall fuhren wir in der 10. Gymnasialklasse nach Dachau, um uns das Konzentrationslager Dachau anzuschauen. So tuckerte ein Reisebus mit knapp fünfzig Sechzehnjährigen der Gedenkstätte entgegen. Die Stimmung war ausgelassen. Zu diesem Zeitpunkt ist alles besser als Unterricht im Klassenzimmer.
Als wir aus dem warmen Bus stiegen kam uns die kalte Frühlingsluft entgegen, vielleicht 10 Grad und ein stahlblauer Himmel, doch die Sonne schien noch nicht genügend Kraft zu haben im März.
“Arbeit macht frei”. Das Tor ist unverändert.
Die Jacke schließend betrat ich mit meinen Klassenkameraden den Hof und vor meinen Augen erschien ein riesiger Platz. Zum Appell. Der Wind pfiff über das Gelände und durch den Stoff der Jeans. Wir fröstelten leicht.
Wie bereits von den Lehrern im Bus angekündigt, waren wir zu einer Führung angemeldet. Die Dame erklärte ruhig und sorgfältig alle Einzelheiten: Die Erbauung, der Zweck, die ersten Häftlinge, die Masseninhaftierungen, die ärztlichen Experimente, die Tötungsmaschinerie, das heutige Museum. Alles schaute geknickt zu Boden. Die Bäume, die rund um das Gelände standen hatten noch keine Blätter. Die Anlage war gänzlich von Unkraut befreit. Kein Abfall, nicht mal eine Zigarettenkippe. Klinisch rein. Baracken gibt es keine mehr. Nur die Fundamente sind mit Bordsteinen umrandet und mit Kieselsteinen aufgefüllt.
Den Nachbau einer Baracke gibt es, symbolisch. Während der Besichtigungstour werden wir durchgeführt. Im Innenraum duftet es nach frischem sauberen Holz. Alles ist steril sauber, ein bisschen Staub liegt auf den Stockbetten. Die Fenster sind ordentlich verglast und abgedichtet. Die Dielen des Barackenbodens geben keinen Laut von sich und das helle Holz wirkt golden durch die einfallende Sonne.
Die Führung geht weiter zwischen dem Kies hindurch auf dem vollständig asphaltierten Wegen, geradewegs zu den religiösen Denkmälern, die so Fehl am Platz und überflüssig wirken. Hingestellt um vergessen zu werden. Sie stehen da und scheinen einen riesigen asphaltierten Platz abzugrenzen vom Rest der Welt. Wächter der Kieselsteine schießt es mir durch den Kopf. Die Führerin erzählt irgendwas, aber ich höre längst nicht mehr zu. Stattdessen schaue ich meine Mitschüler an, die entweder ein ernstes oder bestürztes Gesicht machen oder was ganz anderes. Einer hat die Walkman-Stöpsel in den Ohren und wippt zur Heavy Metall Musik. Der Himmel scheint grau. Mir ist kalt. Die Stille dieses Ortes wäre erdrückend, wenn man alleine hier wäre. Der Wind würde um die Wächter-Denkmäler pfeifen.
Als wir das Krematorium erreichen, stoßen wir auf eine weitere Führung. Ältere Menschen. Nicht viele, vielleicht zehn. Die meisten wollen sich die Öfen gar nicht erst anschauen. Sie bleiben draußen und warten. Ich folge den fünf Mädchen aus meiner und der Parallelklasse. Die nette Dame erzählt wie hier die Leichen der vergasten Häftlinge gestapelt wurden, wie am Schluss 3 bis 4 Leichen auf die Bahre gelegt wurden, die für eine Person gebaut war. Zwei der Mädchen fangen an zu heulen. Eine dritte stimmt ein. Eine alte Dame steht da und scheint zu beten.
“Gegen Ende waren die Öfen rund um die Uhr in Betrieb. Es wurde in Schichten gearbeitet. Sie müssen sich vorstellen, was das für eine Hitze und Gestank war.” erklärte die Führungs-Dame.
“Wenigstens war es im Winter schön warm hier drin!” entfährt es mir.
Ich spürte die entsetzen Blicke auf mir ruhen. Das Schluchzen hört abrupt auf. Alles starrt mich an und keiner sagt etwas. Totenstille.
Ich verlasse den Raum ohne ein weiteres Kommentar.
Schon tuscheln die fünf Weiber hinter mir. Das Geläster ist eröffnet. Keine Träne zu sehen, nur Empörung in den Stimmen.
Wir werden in die Desinfektionsräume geführt. Es wird erklärt unter welchem Vorwand die Leute hier herein geführt wurden und wie das mit dem Gas funktionierte. Plötzlich werden die Türen geschlossen. Erneut fängt die eine oder andere an zu heulen. Was soll das?
Das Museum dürfen wir alleine anschauen. Bereits zu diesem Zeitpunkt wusste die Hälfte meiner Mitschüler was für einen Spruch ich losgelassen hatte und bald würde es der Rest wissen, alles eine Frage der Zeit.
Das Museum ist erschreckend, nein es ist schockierend. Die Bilder scheinen die Zeit zurück zu drehen. Die Beschreibungen und Kommentare sind nur schwer zu glauben. Mir wird schlecht, als ich zu der Dokumentation der medizinischen Experimente komme. Entsetzt stehe ich vor dem Foto eines kleinen Mädchens, das interniert wurde und den ausgemergelten Körper eines Mannes, kurz nach der Befreiung.
“Hey Anne, was hast denn Du für einen Spruch losgelassen im Krematorium?”
Die Gegenwart ist wieder da. Ich löse mich von den Bilder und wende mich meinem Klassenkameraden zu. Hinter mir steht ein Grüppchen Jungs aus der Parallelklasse. Er ist über einen Kopf größer und verschränkt die Arme. Stiert auf mich herab und grinst. Alle anderen auch.
“Finde ich schon krass!” meint er weiter, die anderen grinsen immer noch.
“Wo hast Du das jetzt her?” will ich wissen.
“Spricht sich halt rum. Hast halt den Mund wieder mächtig voll genommen.”
Extra laut gesprochen. Nun haben es auch die anderen mitbekommen. Alles gafft uns an, die Lehrer eingeschlossen. Drei der Heulsusen gesellen sich zu den Jungs.
Er streckt sich und wirkt noch größer. Ein selbstherrlicher Ausdruck erscheint auf seinem Gesicht.
“Findest Du das komisch oder wie?” setzt er an.
Die ach so mitfühlenden Damen aus der Parallelklasse fangen an zu kichern, was ihn nur im Handeln bestärkt.
“Wärst ein guter Nazi gewesen, damals Anne!” meint er laut.
Wut und Zufriedenheit steigen zugleich in mir hoch. Ich muss meine Fäuste ballen um nicht die Beherrschung zu verlieren.
“Ich nicht Reiner, aber Ihr alle mit Sicherheit!” versuche ich mit fester Stimme zu sagen.
Mein Blick wandert zu den Heulbojen. Keine schaut mir in die Augen, sondern weicht meinem Blick aus. Reiner stiert mich blöd an.
Ich wende mich wieder den Bildern zu und die Zeit wird zurückgedreht.
Vor meinem inneren Auge erscheint das Krematorium. Links neben den Öfen sind die Leichen gestapelt. Es stinkt. Ich trage eine Häftlingsuniform. Draußen schneit es. Minus 10 Grad. Zusammen mit einem Mithäftling fasse ich einen Leichnam an den Füssen. Sie sind leicht. Nur Haut und Knochen. Der Mund steht offen, einige Zähne fehlen. Wahrscheinlich Gold. Glatze. Nicht beschnitten. Jung. Die Nummer am Arm sieht aus wie neu auf der kalkweißen Haut. Wir legen ihn auf die Bahre und schieben die Körper in den Ofen. Der Gestank treibt mir die Magensäure in die Mundhöhle. Die Augen tränen nicht mehr. Keiner spricht. Meine Gedanken schicke ich nach Hause zu meinen Eltern, sonst werde ich noch wahnsinnig. Wieder und wieder höre ich die Stimme meiner Großmutter im Kopf: “Nur überleben! Einfach nur überleben!”


Kommentare ( 0 )