„Nach der Wirtschafts- und Finanzkrise zwischen 2008 und 2010 hat mein Vater nach neuen Ideen gesucht.“, war die kurze Antwort von Thomas Eigner.
Lässig saß der Mittdreißiger in dem bequemen Ledersessel des Vorstandsbüros und nippte an einer Tasse Tee. Recht ungewöhnlich für einen Mann in seiner Position, wie auch sein Äußeres. Kein teurer Anzug, keine Krawatte und keine auf Hochglanz polierten schwarzen Schuhe. Einfaches weißes Hemd, blaue Jeans und Timberlands. Einzig die Steinhart am Handgelenk ließ erahnen, dass Thomas Eigner zu den wohl Besserverdienenden gehört. Ansonsten unterschied er sich nicht von seinen Angestellten.
„Nun ja, damals war es üblich in Gold zu investieren oder andere Metalle. Nachdem die Kreditblase platzte, wollten die Menschen wieder in greifbare Güter investieren. Ihre Angebote sind genau das Gegenteil davon.“, argumentierte sein Gesprächspartner, seines Zeichens Journalist.
„Können Sie mir zustimmen, Herr Droste, wenn ich sage, dass die damalige Situation ziemlich absurd war? Wie die aufgescheuchten Hühner haben die Leute damals ihr Gold entweder verkauft oder in Massen gekauft. Teure Erbstücke und billigen Schmuck mit geringem Goldanteil haben sie zu Ankäufern getragen. Per Post haben sie es an irgendwelche Firmen geschickt, um einige Hundert Euro zu erhalten. Erinnern Sie sich?“, warf Eigner schmunzelnd ein.
Das würzige Aroma des Tees breitete sich langsam im Raum aus. Es erinnerte an Weihnachten. Vielleicht Zimt oder Orange.
„Durchaus.“, erwiderte Droste kurz und nickte zustimmend, als der Vorstand der Tenseconds AG seine Teetasse zum zweiten Mal füllte. Jakob Droste hatte sich diesen Manager anders vorgestellt, obwohl er ihn bereits bei einer Pressekonferenz persönlich erlebt hatte. Jetzt, da er ihm gegenüber saß, wirkte dieser Mensch normal und langweilig. Eine beinahe unpassende Beschreibung für einen Menschen, der im Jahre 2031 den Weltmarkt revolutioniert hatte.
„Sie werden mir vielleicht ebenfalls zustimmen, wenn ich behaupte, dass der Handel mit Emissionsrechten in den 20er Jahren ebenfalls nicht sinnvoll war.“, fuhr Eigner fort, während er seinen Gesprächspartner anlächelte.
„Es gab unzählige Skandale bezüglich der Emissionsrechte, das stimmt. Allerdings ging es hierbei tatsächlich um etwas, das an der einen Stelle zu viel, an einer anderen zu wenig vorhanden war.“
„Und das ist bei unseren Produkten und Angeboten nicht der Fall?“
Jakob Droste schwieg. Genau diese Diskussion wollte er nicht führen. In einigen Minuten würde das Interview beendet sein. Damit hätte er bereits den zweiten belanglosen Beitrag in dieser Woche abgeliefert. Die Zeiten waren hart in der Branche und die Konkurrenz groß. Zwei Jahre hatte Jakob als Journalist gekämpft, um heute vor einem der wichtigsten Köpfe der Finanzwelt zu sitzen. Seine Bemühungen, die gute Recherche und letztendlich seine Hartnäckigkeit haben ihm 2049 den Arbeitsplatz bei einer der wichtigsten Nachrichtenagenturen eingebracht. Heute ging es nicht mehr um Nachrichten, sondern um Inhalte. Bereits Anfang des 21. Jahrhunderts verloren Printmedien an Bedeutung und die Verbreitung von Neuigkeiten und Informationen über das Internet und mobile Medien setzte sich schleichend aber schnell und unaufhaltsam durch. Eine neue Meldung war so kurzlebig wie ein Atemzug. Wer Beachtung finden wollte, musste in wenigen Sekunden viel Aufmerksamkeit erregen und vorallem eine Botschaft transportieren, auf die man reagierte. Jakob Droste gelang dieses Kunststück zuweilen. Es waren seine Interviews, die er mit bekannten Persönlichkeiten aus der Wirtschaft führte, die ihn zu einem gelesenen Journalisten der heutigen Zeit machten.
Seit Eigners letzter Frage schwieg Jakob. Die Antwort musste gut überlegt sein, damit das Interview nicht vorzeitig ein ungewolltes Ende fand.
„Haben Sie jemals Aktien besessen, Herr Droste?“, durchbrach Eigner das Schweigen.
„Selbstverständlich, ich besitze selbst heute noch welche.“
„Nein, ich meine, hatten Sie jemals welche daheim, auf Papier in einer Schublade oder in einem Bankschließfach, vielleicht sogar im Bücherregal zwischen die Seiten ihres Lieblingsbuches geklemmt?“
Jakob stutzte und schaute dem jungen Mann gegenüber fragend ins Gesicht.
„Ich glaube nicht.“
„Und Ihre Mutter? Vielleicht Ihr Großvater?“
„Ich habe wirklich keine Ahnung.“, gab Jakob achselzuckend zu.
„Verstehen Sie worauf ich hinaus will, Herr Droste?“, war die nächste Frage des Firmenchefs.
„Durchaus. Es macht keinen Unterschied ob die Waren bzw. die Werte greifbar sind.“
Jakob nickte zustimmend und war gleichzeitig sehr erleichtert, dass Thomas Eigner den Gesprächsfaden aufgenommen hatte.
„Trotzdem, Herr Eigner. Es ist doch ein Unterschied, ob man mit den Werten produzierter Güter handelt oder einer Einheit.“
Der Mann begann sich im Sessel hin und her zu wiegen. Seine Hände ruhten auf den Lehnen, während er über Jakob Droste hinweg sah.
„2027 haben Amerika und China angefangen mit Wasserrechten zu handeln. Zehn Jahre zuvor musste Ihre eigene Branche erfahren, was es heißt einen Artikel zu veröffentlichen und die Rechte darauf zu halten, sie selbst handeln mit Ihrem Wissen. Informationen wurden schon vor Jahrhunderten gehandelt. Insidertipps haben Geld gekostet. Die Menschheitsgeschichte ist gespickt mit delikaten Geschäften. Moralischen und unmoralischen Angeboten. Bereits in den alten Kulturen haben Frauen ihre Körper verkauft, Männer im Übrigen auch. Während der Kolonialzeit haben wir mit Menschenleben gehandelt. Russland hat zwei Drittel des Uralgebirges verkauft und seit Monaten diskutieren die Nationen darüber wie und nach welchem Prinzip die Grundstücksrechte auf Mond und Mars zu vergeben sind. Ende des 20. Jahrhunderts blühte der Handel mit Organen, bis die Reproduktionstechnologie soweit fortgeschritten war, dass man jetzt eine Leber per E-Mail bestellen kann.“, referierte Eigner weiter, während er sich auf dem Schreibtisch abstützte.
„Herr Eigner, Sie sagen es selbst. In all ihren Aufzählungen wird aber mit einem Gut gehandelt oder einer Dienstleistung, auch wenn ich Menschen nur ungern als ein Wirtschaftsgut bezeichne.“
Der Firmeninhaber lachte.
„Also gut, Herr Droste. Ich möchte Ihnen eine andere Frage stellen. Wenn Sie heute die Aktie einer Bank kaufen, welches Wirtschaftsgut erwerben Sie? Kaufen Sie wirklich einen Teil des Unternehmens? Ein Stück des Gebäudes? Erwerben Sie den Tresor, in dem die Goldvorräte lagern?“
„Natürlich nicht.“
Eigner nickte zufrieden.
„Herr Eigner, Sie und Ihr Unternehmen. Sie handeln mit Zeit. Das ist durchaus ein Unterschied.“, merkte Jakob an. Sie saßen bereits eine Weile zusammen und der Tee wurde kalt.
„Wo es Nachfrage und Bedarf gibt, wird es auch immer ein Angebot geben und zwar solange, wie unsere Wirtschaft funktioniert.“
„Da möchte ich gar nicht widersprechen.“
„Sehen Sie, das Prinzip war ein Einfaches. Irgend ein Unternehmer ist vor über 100 Jahren auf die glorreiche Idee gekommen, seinen Mitarbeitern anstatt Geld Zeit zu geben. Damals nannte man es noch Arbeitszeitkonto. Mitarbeiter sammelten damals Überstunden an, um früher in Rente gehen zu können. Sie arbeiteten quasi nicht mehr für Geld, sondern für Zeit und zwar Ihre eigene Lebenszeit, denn das ist die Frage, die Sie mir sicherlich als nächstes stellen werden.“
Jakob nahm einen großen Schluck Tee und nickte, sodass Eigner mit der Geschichte fortfuhr.
„Als die Unternehmen durch die erste Krise Anfang des 21. Jahrhunderts selbst in finanzielle Schwierigkeiten kamen, suchten sie nach Geldwerten in den einzelnen Firmen. Es dauerte eine Weile, aber zu einem bestimmten Zeitpunkt oder durch den doofen Einfall eines Wirtschaftsprüfers wurde man auf die Arbeitszeitkonten aufmerksam. Der Rest ist Mathematik, wie Sie sich denken können. Wie viel ist die Arbeitszeit eines Angestellten wert und zwar heute und in zehn Jahren, wenn er befördert wird oder nur die normalen Gehaltserhöhungen bekommt. War einmal der Wert geschätzt, so hing auch ein Preis an dem Arbeitszeitkonto und Dinge die einen Preis haben, den fehlt nur selten ein Händler.“
Jakob begann zu begreifen.
„Es war eine Art Kapitalbeschaffung der Unternehmen selbst…“, begann er.
Wieder einmal musste Eigner lachen und er tippt mit dem Kugelschreiber auf seinen Schreibtisch.
„Genau das ist der Punkt, Herr Droste. Es musste sich nur noch jemand finden, der mit diesem Wert in irgend einer Form etwas anfangen konnte. Der Gedanke meines Vaters war folgender, was dem einen recht, ist dem anderen billig. Er kaufte also die Arbeitszeitkonten eines großen IT-Unternehmens auf, zu einem damals hohen Preis. Doch in all ihrem Kalkül haben die Consultants und Rechenkünstler der Unternehmen eins vergessen…“
„..den Wert für den Angestellten selbst.“, vollendete Jakob den Satz.
„Das zum einen, aber auch für andere Firmen. Ich brauche nicht weiter zu erklären, dass die Mehrheit der Angestellten einen Vorteil in diesem Vorgehen sahen. Höhere Abfindungen, bessere Altersvorsorge, Spekulationsgewinne und das Übliche halt. Geld oder Zeit, das war ab diesem Zeitpunkt die Frage.“, brachte Eigner seine Ausführung zu Ende.
„Gut, aber wie ging es weiter?“, wollte Jakob wissen.
„Gleiches Prinzip, nur für die Gegenwart. Jeder Angestellte konnte nun ausrechnen, was sein Marktwert war und damit seine Arbeitskraft auf den Tag und die Stunde herunter gebrochen. Die ersten fingen an mit Ihrem Urlaub zu spekulieren. Es gab Anfragen zu 10 Tagen, 20 Tagen bis hin zum gesamten Jahresurlaub.“
Jakob runzelte die Stirn.
„Also spekulierten die einen auf eine bessere Marktsituation in 12 Monaten, verkauften ihre Urlaubstage, als Anlage, um dann anstatt z.B. 30 Tagen nur 15 für das gleiche Geld arbeiten zu müssen.“, mittlerweile sprach der Journalist mehr mit sich selbst, als seinem Gegenüber.
„So die Idee.“, bestätigte Eigner.
Beide Männer schauten sich an.
„Ich danke Ihnen vielmals für die Antworten und die Zeit, die Sie sich hierfür genommen haben, Herr Eigner.“
„Es war mir ein Vergnügen.“
Jakob Droste stoppte den Livestream über sein Netbook, das auf dem Schreibtisch stand. Die Männer standen auf und verabschiedeten sich.
„Darf ich eine letzte Frage stellen, Herr Eigner?“
Jakob konnte sich diese eine Sache nicht verkneifen.
„Nur zu!“
„Was sind die besten Deals in dieser Branche?“
Der Manager schaute kurz zu Boden, bevor er antwortete.
„Die besten Deals sind immer noch die, bei denen die Angestellten ihren klaren Menschenverstand einsetzen und anstatt der Gelder ihre verdiente Zeit einfordern.“
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