Geschichten

Momente

Dez
03


Es passte alles zusammen. Die schwarze Kleidung ließ sie nahezu im Schatten verschwinden. Auch die Wollmütze war farblich auf das dunkle Haar abgestimmt, das ihr bis zu den Schultern reichte. Nur die Bank hob sich mit hölzernem Braun farblich von ihr und der dahinter liegenden Gebäudefront ab. Selbst die Plakate der aktuell aufgeführten Theaterstücke waren mehr schwarz als weiß. Als hätte die Lesende sich für dieses Theaterhaus zurecht gemacht, um in die Kulisse zu passen. Im Oktober scheint das Sonnenlicht am Vormittag dem Nachmittag vorzugreifen. Alles ein bisschen dunkler, in Gelb und Orange, obwohl immer noch auf blauem Grund. Ihre Hände ruhten im Schoß und hielten ein Buch mit mehreren hundert Seiten, der Blick auf den Text gesenkt.

Schwarzes Cover.

Vielleicht Absicht.

Mit zügigen Schritten nährte er sich dem Schatten, die Oktobersonne war nicht wirklich warm genug, als dass er seinen dunklen Mantel hätte daheim lassen können. Die Neuaufführung würde bestimmt sehr gut werden. Er hoffte, an diesem Morgen noch Karten für die Vorstellung am kommenden Wochenende zu bekommen.

Zielstrebig ging er auf das Kartenhäuschen zu, das Teil des Eingangs zum Theater selbst war. Ein kleines Theater der Altstadt. Daneben eine Sitzbank. Erst einige Schritte vor seinem Ziel bemerkte er die Lesende.

Ein gelbes Blatt des nahe stehenden Ahornbaums segelte zu Boden und blieb fast provokant vor ihrem rechten Lederstiefel liegen. Schwarzgelbe Kombination auf grauem Asphalt.

Ihr Blick wanderte von den Seiten des Buches hinab zum Blatt. Als sie kurz aufblickte, sah sie zu ihm auf, wie er am Kartenhäuschen stand.

Ein freundliches Lächeln erschien auf seinem Gesicht.

Auf ihrem nicht.


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Ein Dialog

Okt
09


„Gehe jetzt nicht!“

„Ich muss gehen und ich werde gehen.“

„Nein, verlasse mich nicht. Ich weiß nicht, was ohne dich wird. Doch, eigentlich weiß ich es ganz genau. Sie werden sterben und zwar alle und mit ihnen sterbe ich. Nicht wirklich, aber doch irgendwie.“

„Du wirst nicht sterben, auch nicht ein Teil von dir. Es wird sich lediglich etwas ändern.“

„Nein, du irrst. Ich bitte dich zu bleiben. Du bist meine treibende Kraft, sonst ist da nicht mehr viel.“

„Warum glaubst du, dass ich irre?“

„Wenn du gehst, dann habe ich nichts mehr, an dem ich festhalten kann. Keine Vorstellung von dem, was sein könnte und vielleicht sein wird. Du bist diejenige, die mich nachdenken und träumen lässt. Mir ein Ziel gibt, auf das ich zuarbeiten kann.“

„Ich?“

„Ja, nur du.“

„Und du bist sicher, dass du mich nicht verwechselst, mit einem Traum, einer Illusion oder schlichtweg Phantasie?“

„Nein.“

„Die Fakten und Tatsachen sprechen gegen dich und damit gegen mich. Es gibt keinen Grund, warum ich noch hier sein sollte. Bin überflüssig geworden. Es geht auch ohne mich.“

„Es sind genau die gleichen Fakten, die dein Dasein definieren. Sie sind es, warum ich dich brauche.“

„Vielleicht brauchst du mich nur als Vorwand. Damit es weitergehen kann, so wie es momentan ist. Damit es nicht endgültig ist. Wenn eine Entscheidung getroffen ist, wird nach mir keiner mehr fragen und du am wenigsten. Wirst du dann dastehen und sagen – Dich habe ich niemals und zu keinem Zeitpunkt aufgegeben? – oder eher – Es war mit dir doch alles umsonst?“

„Du bist grausam!“

„Nein, du machst mich grausam für dich selbst.“

„Das ist nicht wahr!“

„Doch, in gewisser Weise schon. Ich habe keine Macht über die Dinge, die passieren. Nicht die geringste. Ich kann sie weder vorantreiben, noch kann ich sie stoppen. Du verwechselst mich mit dem eigenen Willen, schiebst mich vor, um eine Entscheidung nicht treffen zu müssen und versuchst diese auf was abzuwälzen? Die Zeit?“

„Das reicht jetzt!“

„Nein, tut es nicht. Es ist ein Warten. Es ist immer warten. Ihr wartet und lasst mich mitwarten. Du auch. Das ist kein Vorwurf, verstehe mich nicht falsch. Es ist einfach so. Ihr wartet immer. Mal auf ein Wunder, ein Zeichen, sogar auf besseres Wetter.“

„Du vergleichst meine Situation mit dem Wetter?“

„Ich vergleiche das Prinzip mit dem Wetter!“

„Wenn das so ist, dann schere dich doch einfach zum Teufel!“

„Schon wieder?“

„Du findest das komisch?!“

„Irgendwie schon, ja.“

„Es ist einfach hoffnungslos. Lasse es gut sein. Ich komme auch ohne dich klar. Los, verschwinde. Will mich nicht auch noch mit dir auseinander setzen müssen, bei all den anderen Sachen, die anscheinend auch ohne dich früher oder später passieren werden oder auch nicht.“

„Dann scheinst du also doch kein hoffnungsloser Fall zu sein. Einsicht ist der erste Weg zu…“

„Halt doch einfach die Klappe!“

„Ich bin dann mal weg.“

„Hoffentlich bald!“

„Ja, schon gut. Bis zum nächsten Mal. Und denke immer daran: Nie die Hoffnung verlieren!“

Sie ging lachend davon. Es machte den Eindruck, sie lache einen aus.


(Für D.H. immer wieder eine Inspiration)


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Neulich im Stadtpark

Okt
07


Schon von weitem war zu sehen, dass der Kinderwagen in einem Affenzahn den Hügel runterkam. Wo war denn Mutter oder Vater? Hatte jemand dem Kinderwagen einen kräftigen Stoß gegeben und das arme Würmchen rollte jetzt seinem Unheil entgegen?

In Bruchteilen von Sekunden erschienen Horrorbilder vor meinem Auge: Das Kind, die Berge, der künstlich angelegte See paar hundert Meter weiter unten, das Kind, der Rausch von Geschwindigkeit und Tiefe. Mich ergriff Panik. Doch hinter dem Kinderwagen tauchte eine große Gestalt auf.

Der Wagen und die Person nährten sich meinem Standpunkt weiterhin mit ungebremstem Topspeed und kamen in deutliche Sichtweite. Das Kind schien zu schlafen, das Köpfchen zur linken Seite geneigt und den Schnuller im Mund.

Der Lenker des Wagens verschwand erneut hinter der Karosserie und tauche mit einer Trinkflasche auf. Sie schienen bereits länger unterwegs zu sein und mussten das Gelände kennen, denn genau im richtigen Augenblick setze der Lenker die Flasche ab.

Schon hatte das Vorderrad des Kindergeschosses den Pflasterstein berührt und nun hoppelten Gefährt samt Vater am Naturkundemuseum entlang.

Schlagartig war der Wageninhalt wach. Erst folgen die Augen auf, dann der Schnuller im hohen Bogen aus dem Mund. Doch das Team schien auf diesen Ernstfall vorbereitet, denn der Schnullerflug wurde von einer Plastikkette gesteuert, sodass der Verlust nahezu unmöglich war und der Nuckel wehte im Fahrtwind. Gekonnt griff der Kleine an die optimal gepolsterte Halterung des Kinderwagens und stabilisierte damit seine Position mit festem Handgriff. In geduckter Haltung, von rechts nach links schleudernd, hüpfend und springend raste der Knirps gefolgt vom angehängten Vater auf Rollerblades an mir vorbei.

Im letzten Augenblick erkannte ich, dass beide Fahrradhelme trugen. Lag daran dass alles farblich aufeinander abgestimmt war: dunkelblau-metallic, bis hin zur Sonnenbrille des Wagenlenkers.

In eine Staubwolke gehüllt blieb ich an der Rennstrecke zurück und blickte ihnen nach, wie sie die Pflastersteinschikane verließen und auf dem glatten Asphalt wieder Geschwindigkeit aufnehmend Richtung Rosengarten davon preschten. Vielleicht wird es eine neue Bestzeit.


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Eingeständnis

Mrz
04

Da bist du nun, in meinen Gedanken. Zauberst mir ein Schmunzeln ins Gesicht und wenn ich die Augen schließe, stehst du vor mir und lachst. Höre deine Stimme, einzelne Sätze, nicht im Zusammenhang, völlig losgelöst. Fordere nichts und kriege zuviel. Einfach nur da sein reicht. Fühle dich am richtigen Fleck, auch wenn du nicht hier bist und sage laut und deutlich wie es ist, nur für mich, denn du weißt es sowieso und das schon lange. Warum also aussprechen. Denken tust du das gleiche. Vielleicht, aber nicht immer und das ist es, was dich ausmacht und mich zum lachen und denken bringt, damit du neu erfunden wirst, auch wenn es sich anders wiederholt. Ich bin dir rational haushoch überlegen und unterliege dir leidenschaftlich ohne Ausnahme. Deine bloße Anwesenheit macht mich zum unbesiegten Verlierer auf Platz 1.
Versetzt mich immer wieder in Erstaunen, wie oft man dich neu erfinden kann, ohne dich zu reproduzieren und doch wirst du kopiert, bis ins Unerträgliche.
Renne vor dir davon, um bei dir anzukommen und freue mich auf jeden Abschied der Wiederkehr. Kaum bist du weg, vermisse ich dich nach nur einem Augenschlag.
Ich muss lachen, über dich, ohne dich auszulachen, nur mich selbst.
Und manchmal machst du mich wahnsinnig, fast treibst du mich in ihn selbst. Verfluchen will ich dich dann, aber nicht für die Ewigkeit. Du gehst mir einfach auf die Nerven, raubst meine kostbare Zeit, um sie noch kostbarer zu gestalten.
Setzt mir Flausen in den Kopf, die Berge versetzen, wenn es sein muss und Täler fluten mit Freude. Lässt mich vergessen und erinnern. Weinen will ich über dich, ohne das Lachen zu verlernen.
Bist du die wahre Definition von Glück und Unglück?
So viele haben Visionen von dir, einige ein Leben lang die bloße Illusion.
Wie kann man mit so viel Reichtum armselig wirken und mit deinen Fanfaren glanzvoll untergehen?
Soll ich dir erzählen, wie oft ich mich wegen dir zum Affen gemacht habe und machen werde ohne auch nur einmal mit der Wimper zu zucken?
Wie viele haben sich bereits wegen und in dir verloren ohne sich jemals selbst gefunden zu haben? Ich will es gar nicht wissen!
Du bist der beste Stratege und an Erfindungsreichtum und Ideen nicht zu überbieten! Kriege führst du an ohne einen Nutzen daraus zu ziehen. Es ist unglaublich: Wie kann man gleichzeitig soviel schaffen und zerstören?

Ich verstehe dich nicht und jedes Mal, wenn ich denke nur ansatzweise etwas verstanden zu haben, beweist du mir das Gegenteil. Habe mich selten im Leben, wegen dir so unverstanden gefühlt, obgleich ich dich begreife. Habe oft an Dir gezweifelt ohne dich tatsächlich bezweifelt zu haben.
Habe dich nie gefordert, du hast mich herausgefordert, tust es täglich und unermüdlich.
Drängst dich nicht auf, obwohl du dem ein oder anderen aufgedrängt wirst, wobei ich dich verdrängen möchte. Manchmal ungewollt, doch wissentlich.
Jeder fragt nach dir, irgendwann, und es nervt mich keine Antwort zu finden, die Sinn macht, an sich. Du bist Alles und in allem wohl Nichts und davon mehr als genug und dem Ende doch zu wenig. Gebraucht um ausgenutzt zu werden, von allen und jedem. Gegeben, um maßlos genommen zu werden.
Jeder ein Lügner, der dich verleumden kann, dich nicht zu kennen und gelernt zu haben. Gefühlte Armutszeugnisse sind dein persönliches Mitleid, hierzu mein herzliches Beileid. Du bist mir zu hoch, wenn auch nicht hochnäsig.
Geheiligte Hure und verdorbener Prediger zugleich!
Deine Moral ist zuweilen unmoralisch!
An dir ist nichts Schlechtes was nicht Gut sein kann.
Und nun sagen sie zu mir: „Schreibe doch endlich mal eine Liebesgeschichte.“

Ich kann es nicht!


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Digitale Realität

Feb
15

Sie schreiben ihre Gedanken auf. In Foren, Blogs und auf privaten kostenlosen Internetseiten stehen und präsentieren sie sich, die schönen und die hässlichen Seiten in Worten, Bildern und Filmen. Chatten um die Wette. Referieren über Themen, die sie berühren und interessieren. Tippen ihre geistigen Ergüsse in Communities, treffen sich auf „Wer-kennt-wen-wie-lange-und-intensiv“-Portalen. Stellen sich in den Weiten des Internets zur Schau, um zu sehen, was passiert. Großes Kino. Schaulauf für 1 und 0. Ohne Risiko, doch wehe man wird gesehen.
Noch nie war Selbstdarstellung so unkompliziert. Fast schon kinderleicht kann man seine Kunst zeigen, ohne herbe Kritik fürchten zu müssen. Keine Buh-Rufe und nicht ein vernichtender Kommentar, wenn man nicht will.
Wir sind alle unbekannter Exhibitionist und versteckter Voyeur zugleich.
Alles ist wahr, solange es nicht hinterfragt wird. Privat und persönlich wirkende Inhalte werden präsentiert, um gesehen zu werden. Wahr ist alles und doch wahrscheinlich gelogen. Betrug und Phantasie ist, wenn man daran glaubt. Die Interpretation die beste Quelle der Informationsbeschaffung.
Jeder Text eine Erfindung.
Ein Hirngespinst.
Erdacht, um gezeigt zu werden, was nicht ist.
Ein Stück Persönlichkeit vielleicht.
Ein individueller Gedanke auf jeden Fall.
Manchmal der Teil einer Erinnerung.
Vielfach geschickt versteckt, sehr oft zu durchschaubar. Man will doch nur gefallen, zuweilen nur auffallen. Bemerkt werden in einem skurrilen System schützender Anonymität.
Was soll schon passieren bei einem Seelenstriptease im Internet? Wer soll denn einen finden, wenn noch nicht mal gesucht wird?
Von virtuellen Prinzen wird berichtet, die in Wirklichkeit dicke Frösche sind und 1001 Heidi Klums sind in jeder Community zu finden, die tagsüber durchschnittliche Frauen abgeben, wenn überhaupt, aber nicht hier.
Jeder will hinschauen, seine Neugier befriedigen und der Phantasie auf die Sprünge helfen, wenn es darum geht, in das Leben anderer einzutauchen. Für einen Moment nur, einen kleinen Augenblick.
Kennen, um zu lernen und kennen gelernt zu werden. Nicht von Angesicht zu Angesicht, sondern heimlich. Risikolos sich mit dem Gegenüber identifizieren. Ein simples Prinzip, das die wirkliche und gefürchtete Ablehnung und Zurückweisung nicht kennt. Gespräche sind anstrengend, man müsste zuhören und fragen, um zu begreifen. Vom Verstehen ganz zu schweigen.
Wer will schon zugeben, dass seine voyeuristische Ader durchkommt und wer, dass er sich gerne zeigt, wenn auch nur mental, nicht zwingend körperlich. Schüchternheit geht heute online in die Offensive und Draufgängertum hat seine Plattform gefunden, hinter einem Nickname. Fast schon mutig, wenn man die eigene Identität zu erkennen gibt. Das Reale als realistisches Risikopotential.
„Warum stellst Du diese Texte ins Web?“
„Weil sie sonst auf Papier ruhen. Sind sinnlos, wenn nicht gelesen.“
„Und wenn es mal jemand „Falsches“ liest?“
„Es gibt keine falschen Leser, nur schlechte Interpretationen und Texte.“
Die Wahrheit liegt irgendwo dazwischen, zwischen allem Geschriebenen, Gesagten und Gedachten. Naiv anzunehmen, dass alle Texte und Geschichten eine tiefere Bedeutung haben.
„Zieh dich aus! Zeige dich endlich, du willst doch gesehen werden, also was soll’s?“
„So funktioniert es aber nicht. Nicht in der realen Welt, denn sie ist zu materialistisch. Zu bewertend. Genormt und geregelt. “
„Was sind sie dann, deine Texte?“
„Alles, was du willst. Unterhaltung. Wenn du von Zeit zu Zeit schmunzeln kannst oder denkst, genau so ist es und nicht anders, dann sind sie gut.“
„Und was sind sie dann für dich?“
„Ein Funken Wahrheit.“
(Für Berion)


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