Kurze Philosophie

Gefühle

Mrz
26

Habe ich sie selbst geschaffen? Vielleicht ist es mir nur nicht aufgefallen, als sie mich banden.
War ich blind? Wieso sehe ich jetzt?
Es war alles so schön, so einfach, hat funktioniert. Und jetzt?
Jetzt stehe ich hier, schaue mich um und habe Angst auch nur einen Schritt zu tun. Wieso?
Habe ich nicht früher genau das gewollt, was ich nun habe?
Nein, Ketten wollte ich nicht. Niemals.
Ich hatte doch früher alles, was ich wollte. Konnte frei bestimmen. Nicht immer, nur manchmal. Aber ich war frei. Zu tun was man will. Keine Rechtfertigung, keine Kontrolle und keine Fragen. Sein.
Was ist geschehen? Wer hat sie angelegt?
Sie sind bequem, vielleicht zu bequem. Wahrscheinlich ist das der einzige Grund, warum sie mich binden konnten.
Sie haben es geschafft, sie haben es tatsächlich geschafft.
Immer und immer wieder haben sie mir ins Ohr geflüstert, mich umgarnt und beschenkt.
Gaukelei. Ein Spiel. Welch amüsantes Spiel ist es und für wen?
Wer ist nun Puppenspieler und wer die Puppe? Keiner, denn es gibt nur den Schmied!
Ein Rollenspiel, das seines gleichen sucht. Zug um Zug, wie Dame und Schach. Ich will nicht spielen!
Eine Hand voll Schlüssel um meinen Hals, der Nächste in meiner Hand und kein Einziger passt, um selbst die Freiheit zu erlangen. Wessen Schlüssel halte ich? Wer hält die meinen?
Ohnmächtige Macht, welch ein Absurdum, nicht zu wissen, aus was man sich zu lösen hat um zu gehen, wenn man nicht gehen will.
Wer hat angefangen und wann? Es spielt keine Rolle mehr, schließlich geht es immer weiter. Die einzige Frage, die sich stellt, ist doch letztendlich, ob eine neue Kette hinzukommt oder ob ich einen Weiteren binde, an mich und an dieses Spiel.
Ein weiterer Unbekannter, der so vertraut ist. Oder bin ich es? Er ahnt es noch nicht mal. Keiner ahnt es. Sie wissen es, denn sie tragen ihre Schlüssel um ihren Hals.
Wäre es nicht schön die Augen zu schließen um nicht zu sehen, sondern zu spüren? Gespür lässt sich täuschen, genau wie das Auge und ehe man sich versieht, hält man den nächsten Schlüssel in der Hand, der einen bindet an jemanden, der eben noch bedeutungslos war.
Es ist wunderschön. Die Welt ist wunderschön. Es ist nicht meine Welt. Nichts mehr gehört mir und doch alles. Ich bin diese Welt und will sie doch gar nicht sein, obwohl ich sie liebe. Und der nächste Schlüssel zu einer weiteren Kette hängt um meinen Hals.


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So schnell kann es gehen

Mrz
14

Ich frage mich ernsthaft, wozu ich den ganzen Scheiß überhaupt noch mitmache! Es ist doch immer wieder das Gleiche und recht machen kann man es so oder so keinem. Dann auch noch dieser Befehlston:
“Schau zu, dass genügend zu Essen da ist!”
“Hörst Du nicht, dass die Kinder schreien?”
“Geht das nicht ein bisschen schneller?”
“Merkst Du nicht, dass Du im Weg stehst?!”
“Jetzt schau aber zu, dass Du hier fertig wirst!”
“Ist das alles?”
Muss ich mir das alles bieten lassen? Die sind doch alle nicht besser als ich! Alle gleich!
Und dann auch noch jeden Tag dasselbe, als gebe es nichts anderes im Leben: Aufstehen, saubermachen, Essen besorgen, die Kinder füttern, wieder saubermachen und irgendwann schlafen, nur damit man am nächsten Tag das Gleiche machen darf!
Zum Kotzen!
Zum allem Überfluss auch noch die Chefin. Diese blöde Trulla! “Ich kann nichts dafür, ich bin schwanger! Kinderkriegen ist so anstrengend, da kann ich mich um nichts anderes kümmern.” Tut gerade so als wäre sie die erste, die Kinder in die Welt gesetzt hätte, aber da waren schon tausende vor ihr dran! Wozu das Ganze? Es ist so frustrierend. Ist das alles, was das Leben zu bieten hat? Muss da nicht mehr sein? Das kann es doch nicht schon gewesen sein! So kann ich nicht bis an mein Lebensende weitermachen. Da muss es doch noch irgendwas anderes geben!
Vielleicht gehe ich einfach nicht mehr zurück?! Ich sage einfach, dass ich Essen hole und dann komme ich einfach nicht mehr wieder. So schnell werden die es gar nicht merken, dass ich weg bin. Gibt ja genügend andere, die den Job machen können. Ich bin es einfach leid. Wahrscheinlich werden sie mich nicht mal vermissen. Wieso denn auch. Jeder ist ersetzbar! Den Job kann auch eine andere machen. Vielleicht sogar eine Jüngere. Die kann sich dann das Gemecker und Genörgel anhören. Ich bin dessen überdrüssig.
Ich werde mir einfach was Neues suchen. Erstmal ein neues Zuhause und dann einen neuen Job. Vielleicht selbständig. Kinder will ich nicht. Wozu auch. Ich will die Welt sehen, nicht nur das alte Einzugsgebiet. Vielleicht reisen. Neue Leute, fremdes Essen, andere Sitten. Neue Aufgaben und Herausforderungen. Lernen will ich! Keinen Alltagstrott!
Die Entscheidung steht. Ich gehe! Jetzt sofort. Nur noch diese letzte Ladung abliefern und dann gehe ich! Kein “Auf Wiedersehen” sondern ein “Lebt Wohl”! Möge Euch alle der Schlag treffen.

Mit einem leisen Knacken zerbarst der Körper der Biene auf dem Glas. Mit zornigem Gesicht musterte der Autofahrer den großen gelben Fleck auf seiner frisch gewaschenen Frontscheibe. Mit einem Fluch auf den Lippen und das Gaspedal durchdrückend setzte er den Linksblinker um das vor ihm fahrende Auto zu überholen.
“Ich frage mich ernsthaft, wozu ich den ganzen Scheiß überhaupt noch mitmache!” zischte er vor sich hin. “Es ist doch immer wieder das Gleiche und recht machen kann man es so oder so keinem! Dann auch noch dieser Befehlston: “Schauen Sie zu, das Sie pünktlich zum Termin kommen. Der Kunde soll nicht warten!” Sein rechter Fuß trat das Gaspedal durch.


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Als Hexe verbrannt?!

Mrz
14

Man schreibt das Jahr 1505.
Ich habe rotblondes, langes Haar. Seit Monaten trage ich nun Kopftücher, seit jenem Tag auf dem Markt, als ein Junge mir hinterher schrie: “Schaut doch, Haare wie Feuer. Das ist eine Hexe!”
Meine beste Freundin kam heute zu mir und bat um einen Rat. Sie ist Magd bei unserem Bürgermeister und dieser holt sich bei ihr, was seine Alte ihm schon lange verwehrt. Nun ist ihre Blutung ausgeblieben und sie weiß nicht, was jetzt werden soll. Ein uneheliches Kind bedeutet Ausschluss aus der Gemeinde. Das wäre schrecklich, nicht nur für sie, ich würde meine Freundin verlieren. Soll ich das Geheimnis preisgeben und ihr erzählen welche Beeren sie benötigt, um die Leibesfrucht im Mutterleib absterben zu lassen?
Ich werde wohl in nächster Zeit nicht mehr zum Hufschmied gehen. Die zwei neuen Knechte haben schon gelästert. Sie finden, dass ich mich dort nicht mehr rumtreiben sollte. Pferde sind die schönsten Geschöpfe, die Gott schuf, ich liebe sie einfach. Nur das ist der Grund warum es mich immer wieder dort hinzieht. Sogar der Schmied selbst sagt, dass die Tiere ruhiger sind, wenn ich da bin. Nun aber ärgern mich die Knechte und wenn der Schmied mal nicht hinschaut, wollen sie an meinen Rock.
Gestern ist das Schwein unserer Nachbarn tot umgefallen, nachdem die Jungs es über eine Stunde lang im Hof herum gehetzt haben. Wahrscheinlich haben sie es zu Tode gehetzt. Jetzt ist die Situation nicht so schön. Der Winter kommt bald und das Schwein sollte eigentlich die Familie ernähren. Wird hart für sie werden.
Bald muss ich los zur Abendmesse. Ich weiß eigentlich gar nicht mehr, warum ich hin soll. Mein Glaube an Gott wurde in den letzten zwei Jahren immer wieder auf die Probe gestellt. Erst ist Vater gestorben, dann auch noch Hans, mein kleiner Bruder. Nun müssen wir versuchen alleine über die Runden zu kommen und die meisten Leute meiden uns. Wieso muss ich jedes Mal zur Beichte? Bereits letztes Mal war Vater Antonius böse und hat mir offenbart, dass ich meine Seele in Gefahr bringe, wenn ich nicht regelmäßig beichte.
Mutter hat es immer schwerer als Hebamme. Sie hofft bei jeder Geburt, dass das Kleine lebend zur Welt kommt, nur damit es kein Gerede gibt. Es gibt nichts Schlimmeres, als eine Todgeburt und man erlaubt noch nicht mal die Kleinen in geweihter Erde beizusetzten. Die letzen Ernten waren katastrophal. Die Frauen und Kinder hungern teilweise. Es ist nicht verwunderlich, dass die Kleinsten als erste sterben, wenn die Mutter nicht mal genügend Milch hat. Schuld an dieser Sache tragen seit geraumer Zeit die Hebammen. Soll es verstehen, wer will. Ich tue es nicht! Ich weiß nur, dass ich Angst habe meiner Mutter in der Berufswahl zu folgen.
Mein einziger Lichtblick ist Michel. Immer wenn ich an ihn denke, wird mir ganz anders. Letzten Monat beim Stadtfest hat er mir ein buntes Band gekauft, seit diesem Tag kann ich sein Gesicht nicht mehr vergessen. Wenn er doch bloß nicht der Sohn eines Ratsherrn wäre. Er bleibt wohl für alle Zeiten ein Traum für mich. Stattdessen will Mutter mich Richard zur Frau geben, Sohn des Schneiders. Ich hasse ihn!
Hoffentlich hört das mit der Hexerei und den Hexenverfolgungen bald wieder auf. Ich habe Angst.

Man schreibt das Jahr 2005.
Ich färbe meine Haare in rotblonde Strähnen. Den meisten Freunden gefällt das. Vielleicht ein bisschen ausgefallen, aber auf jeden Fall auffällig. Mal was anderes. In meinem Job kann ich mir das auch erlauben. Die männlichen Arbeitskollegen haben mich bereits in ihrer Domäne akzeptiert, also akzeptieren sie auch meine Haarfarbe.
Es gibt nur wenige Frauen mit denen ich mich wirklich gut verstehe. Männer sind einfacher, nicht so nachtragend und es gibt keinen Zickenterror. Bin ich mannstoll?
“Wenn Blicke töten könnten!”, “Kannst Du Gedanken lesen?”, “Woher hast Du das gewusst?” Sprüche die ich immer und immer wieder zu hören bekomme. Sind das Gaben Gottes oder des Teufels?
Gott existiert, aber nicht so, wie die Kirchen ihn darstellen. Ich glaube auch nicht, dass er in Kirchen präsenter ist als außerhalb. Ich glaube nicht an den Sündenablass. Mit weltlichem Geld kann man sich nicht von seinen Vergehen freikaufen. Lästere ich Gott?
Die Erde dreht sich um die Sonne! Wir wissen nicht was nach dem Tod passiert! Lästere ich erneut gegen Gott?
Pflanzen haben heilende Wirkungen und durch mentale Kraft kann man Krankheiten bekämpfen, wenn nicht sogar heilen. Ist das Magie?
Wenn eine Frau vergewaltigt wird und daraus eine Schwangerschaft folgt, dann hat sie ein Recht auf Abtreibung, wenn es ihre freie Entscheidung ist. Befürworte ich Mord?
Es ist nicht die Lebensaufgabe einer Frau, dem Mann untertan zu sein. Bin ich verdorben?
Ich habe ein Muttermal am Oberschenkel. Meinem Freund gefällt es, ich würde es lieber wegmachen lassen. Bin ich gebranntmarkt?
Mit wem und wann und in welcher Stellung ich Sex habe, geht nur mich und meinen Partner was an. Betreibe ich Unzucht?
Schon oft habe ich in einer Wutattacke jemanden die Pest an den Hals gewünscht oder verflucht.
Bin ich eine Hexe?


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Streitgespräch mit der Zeit

Mrz
13

Sie musste einmal zur Rede gestellt werden. So konnte es einfach nicht mehr weitergehen, also nahm ich sie mir.
„Wo bist du nur geblieben?“ fragte ich sie offen.
„Die Frage verstehe ich nicht, ich bin doch da.“ entgegnete sie recht verdutzt.
„Nein, ich meine warum bist du so schnell vergangen. Wenn ich zurück schaue, dann kann ich es kaum glauben, dass Vieles schon so weit zurück liegt.“
„Der Eindruck täuscht dich. Glaube mir.“ kam als flapsige Antwort.
„Warum bist du dann nie da, wenn ich dich brauche? Ich bin abgehetzt und schaffe es einfach nicht fertig zu werden, mit den Dingen, die ich zu tun habe.“
„Dafür kann ich doch nichts.“ gab sie zurück.
„Es gibt viele Dinge zu tun und von dir gibt es so wenig!“ fuhr ich sie an.
„Für jeden gibt es gleich viel. Der eine oder andere weiß einfach besser mit mir umzugehen. Es liegt als ganz allein an dir.“
„Du machst doch nur was du willst. Du läufst davon, manchmal scheinst du sogar zu fliegen.“ versuchte ich ihr zu erklären.
„Ich bin immer gleich und habe mich nie verändert und falls du es genau wissen willst, ich habe es auch nicht vor.“ schnauzte sie mich an.
„Das stimmt nicht. Es gibt Augenblicke an denen du einfach nicht vergehen willst. Du ziehst dich unnötig in die Länge und lässt mich warten auf wichtige Geschehnisse und auf den Bus!“ fauchte ich sie an. Warum war sie nur so unnahbar?
„Tue ich nicht. Du weißt nur nichts mit mir anzufangen in solchen Momenten!“ sagte sie seelenruhig.
„Willst du mir etwa unterstellen, ich würde dich verschwenden?“ schrie ich sie an. Mit ihrem gleichmäßigen Lauf brachte sie mich zur Weißglut.
„Ja, das tust du. Das tut ihr alle und dann beschwert ihr euch, dass ihr zuwenig von mir habt. Ihr kommt mit mir nicht klar und anstatt die Gründe und Ursachen dafür bei euch zu suchen, gebt ihr mir die Schuld.“ war ihre leicht schnippische Antwort.
„Und heilen kannst du auch nicht. Du hast es noch nie gekonnt.“ sagte ich zu ihr.
„Ich habe nie behauptet, dass ich das kann. Auch das ist wieder eine deiner Unterstellungen.“ antwortete sie.
„Warum sagt man dann solche Sachen über dich? Warum sagt man du ziehst ins Land? Warum wirst du was zeigen? Warum spricht man von den Zeichen der Zeit?“ will ich nun von ihr wissen.
„Weil ihr versucht, mit mir Dinge zu erklären. Mehr nicht!“
„Was fällt dir eigentlich ein? Du kommst und gehst wann und wie du willst. Du bist da wenn du unnötig bist und vergehst wenn du man dringendsten gebraucht wirst. Dir ist alles egal und dann behauptest du auch noch wir seien an allem Schuld?!“ Ihre Antworten machten mich rasend.
„Ihr seid diejenigen, die mich in Jahre, Monate, Wochen, Tage, Stunden, Minuten und Sekunden spaltet. Ihr seid es, die mich vermessen und anhand von Stücken meiner beurteilen, was ich tue oder nicht tue. Wie ich mich bewege und was ich anscheinend bin und kann.“ sagte sie.
„Wie sollen wir es denn sonst machen?“ wollte ich von ihr wissen, doch sie verrann mit dem letzten Sandkorn in das untere Glas.
„Und wo bist du nun schon wieder geblieben?“ fragte ich verzweifelt.
„Ich bin doch gar nicht weg gewesen.“ entgegnete sie schmunzelnd.


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