Zum Schmunzeln

Der verkannte Buchstabe

Aug
24


Er ist so unscheinbar wie seine Position im deutschen Alphabet und wenn man etwas genauer darüber nachdenkt, so ziemlich der überflüssigste Buchstabe, den es gibt. Kaum ein anderer Buchstabe lässt sich mit so einer Leicht- und Vielfältigkeit ersetzten wie dieser. Die Rede ist vom Y.

Allein schon als Vorletzter genannt zu werden, macht ihn zur absoluten Nebensächlichkeit. Er fristet ein unansehnliches Dasein zwischen dem „X“ und „Z“. Das wäre nicht einmal so tragisch, viel schlimmer die Tatsache, dass dieser Buchstabe eigentlich kaum zu gebrauchen ist und vor allem sehr gut zu ersetzen durch andere, wie das gute alte „I“, das „J“ und sogar die Umlaute „Ö“ und „Ü“ lassen sich hervorragend nutzen, um ihm die Berechtigung als Buchstabe vollständig abzusprechen.

Kaum ein Buchstabe wird so wenig verwendet wie das „Y“. Schon in der Schulzeit war einem dieser Buchstabe durchaus suspekt, denn selbst Lehrer hatten Schwierigkeiten ein Wort mit diesem Konsonanten zu finden und das Einzige was einem dazu heute noch einfällt, ist ein etwas falsch anmutendes Wort Yoghurt, das man in Wirklichkeit Joghurt schreibt. Nur die wenigstens Grundschullehrer würden auf die Idee kommen, Erstklässlern zu erklären, was Yoga ist, auch wenn dies wahrscheinlich für das „Y“ mehr Sinn machen würde, als Gymnastik.

Was also stimmt nicht mit dem Ypselon, das man bekanntlich Öpselon ausspricht?

Was hat dieser Buchstabe verkehrt gemacht im Laufe der Jahrhunderte?

Konnte es sich nicht richtig in die deutsche Sprache integrieren oder muss es grundsätzlich einen Außenseiter geben, damit andere, in dem Fall die restlichen 25 besser dastehen?

Ist der Rhythmus eins der wenigen Worte, der diesem Außenseiter Asyl gewährt und warum ist es ausgerechnet das Wort Asyl in dem der Buchstabe ebenfalls eine Zuflucht findet?

Was verleitet die Lyrik zu ihrem Y? Hat sie die Schönheit erkannt, die diesem Konsonanten innewohnt?

Vermissen würde wir das Y nicht, wenn es nicht mehr wäre. Selbstverständlich wäre ein Rhöthmus etwas gewöhnungsbedürftig, auch das Asül lese sich einige Wochen schräg und die Lürik wandelt sich im Laufe der Jahrhunderte sowieso mehr oder weniger ständig und frönt lieber dem Sinneschaos, als einer ordentlichen Schreibweise.

Vielleicht ist aber das Y gerade deshalb im Zynismus anzutreffen. Ist es der Wissenschaft doch wenigsten zu einem dienlich, nämlich das eine Geschlecht vom anderen zu unterscheiden, auch wenn es sich hierbei nur um ein winziges Chromosom handelt, das bei genauer Betrachtung eben so gut ein „V“ sein könnte.

Auch die Karriere in der Mathematik ist nicht so verlaufen, wie vielleicht erhofft, denn es ist letztendlich das „X“ nach dem immer gefahndet wird und das Y mehr ein Mittel zum Zweck und ebenfalls austauschbar durch jeden beliebigen Buchstaben. Denn in Formeln macht es keinen Unterschied, ob es nun das „Y“ oder das „W“ ist, das da stehen möge, als Variable und genau so ist wohl auch sein Schicksal variabel zu sein. Denn die Y-Achse wäre ebenfalls keine andere, würde sie V-Achse heißen.

Erstaunlicherweise hat es der Buchstabe noch weiter in die Wissenschaft geschafft, was wäre die Physik ohne das gewisse etwas oder die Physiologie und selbst die Psyche wäre seltsam anzuschauen, wäre sie bloß die Psüche. Und so stellt sich die Frage, ob es die Eigenschaft der Analyse an sich ist, die das „Y“ zu dem macht, was es ist.

Wahrscheinlich ist es die Gewohnheit, die uns an diesem kleinen Buchstaben festhalten lässt, denn so selten wie das Wort Xylophon, benutzen wir auch den verkannten Konsonanten zwischen „X“ und „Z“. Den ewig Vorletzten, für den sich niemand interessiert.

Mit Recht kann man sagen, das die deutsche Sprache Y-feindlich ist, denn selbst schön klingende Worte wie Symphonie sind die Ausnahme in einem geregelten Wortschatz.

Aus Zyklen werden Kreisläufe. Von Mythen wird es weniger geben, als mehr und werden sie oft schon Märchen und Erzählungen genannt. Ein Relikt im Alltag der Sprache, nur nützlich in Worten wie Hymne, zum Aussterben verurteilt, wie die Hieroglyphen und doch so hartnäckig wie das Wissen an sich, in einer Enzyklopädie.


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Neulich im Stadtpark

Okt
07


Schon von weitem war zu sehen, dass der Kinderwagen in einem Affenzahn den Hügel runterkam. Wo war denn Mutter oder Vater? Hatte jemand dem Kinderwagen einen kräftigen Stoß gegeben und das arme Würmchen rollte jetzt seinem Unheil entgegen?

In Bruchteilen von Sekunden erschienen Horrorbilder vor meinem Auge: Das Kind, die Berge, der künstlich angelegte See paar hundert Meter weiter unten, das Kind, der Rausch von Geschwindigkeit und Tiefe. Mich ergriff Panik. Doch hinter dem Kinderwagen tauchte eine große Gestalt auf.

Der Wagen und die Person nährten sich meinem Standpunkt weiterhin mit ungebremstem Topspeed und kamen in deutliche Sichtweite. Das Kind schien zu schlafen, das Köpfchen zur linken Seite geneigt und den Schnuller im Mund.

Der Lenker des Wagens verschwand erneut hinter der Karosserie und tauche mit einer Trinkflasche auf. Sie schienen bereits länger unterwegs zu sein und mussten das Gelände kennen, denn genau im richtigen Augenblick setze der Lenker die Flasche ab.

Schon hatte das Vorderrad des Kindergeschosses den Pflasterstein berührt und nun hoppelten Gefährt samt Vater am Naturkundemuseum entlang.

Schlagartig war der Wageninhalt wach. Erst folgen die Augen auf, dann der Schnuller im hohen Bogen aus dem Mund. Doch das Team schien auf diesen Ernstfall vorbereitet, denn der Schnullerflug wurde von einer Plastikkette gesteuert, sodass der Verlust nahezu unmöglich war und der Nuckel wehte im Fahrtwind. Gekonnt griff der Kleine an die optimal gepolsterte Halterung des Kinderwagens und stabilisierte damit seine Position mit festem Handgriff. In geduckter Haltung, von rechts nach links schleudernd, hüpfend und springend raste der Knirps gefolgt vom angehängten Vater auf Rollerblades an mir vorbei.

Im letzten Augenblick erkannte ich, dass beide Fahrradhelme trugen. Lag daran dass alles farblich aufeinander abgestimmt war: dunkelblau-metallic, bis hin zur Sonnenbrille des Wagenlenkers.

In eine Staubwolke gehüllt blieb ich an der Rennstrecke zurück und blickte ihnen nach, wie sie die Pflastersteinschikane verließen und auf dem glatten Asphalt wieder Geschwindigkeit aufnehmend Richtung Rosengarten davon preschten. Vielleicht wird es eine neue Bestzeit.


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Digitale Realität

Feb
15

Sie schreiben ihre Gedanken auf. In Foren, Blogs und auf privaten kostenlosen Internetseiten stehen und präsentieren sie sich, die schönen und die hässlichen Seiten in Worten, Bildern und Filmen. Chatten um die Wette. Referieren über Themen, die sie berühren und interessieren. Tippen ihre geistigen Ergüsse in Communities, treffen sich auf „Wer-kennt-wen-wie-lange-und-intensiv“-Portalen. Stellen sich in den Weiten des Internets zur Schau, um zu sehen, was passiert. Großes Kino. Schaulauf für 1 und 0. Ohne Risiko, doch wehe man wird gesehen.
Noch nie war Selbstdarstellung so unkompliziert. Fast schon kinderleicht kann man seine Kunst zeigen, ohne herbe Kritik fürchten zu müssen. Keine Buh-Rufe und nicht ein vernichtender Kommentar, wenn man nicht will.
Wir sind alle unbekannter Exhibitionist und versteckter Voyeur zugleich.
Alles ist wahr, solange es nicht hinterfragt wird. Privat und persönlich wirkende Inhalte werden präsentiert, um gesehen zu werden. Wahr ist alles und doch wahrscheinlich gelogen. Betrug und Phantasie ist, wenn man daran glaubt. Die Interpretation die beste Quelle der Informationsbeschaffung.
Jeder Text eine Erfindung.
Ein Hirngespinst.
Erdacht, um gezeigt zu werden, was nicht ist.
Ein Stück Persönlichkeit vielleicht.
Ein individueller Gedanke auf jeden Fall.
Manchmal der Teil einer Erinnerung.
Vielfach geschickt versteckt, sehr oft zu durchschaubar. Man will doch nur gefallen, zuweilen nur auffallen. Bemerkt werden in einem skurrilen System schützender Anonymität.
Was soll schon passieren bei einem Seelenstriptease im Internet? Wer soll denn einen finden, wenn noch nicht mal gesucht wird?
Von virtuellen Prinzen wird berichtet, die in Wirklichkeit dicke Frösche sind und 1001 Heidi Klums sind in jeder Community zu finden, die tagsüber durchschnittliche Frauen abgeben, wenn überhaupt, aber nicht hier.
Jeder will hinschauen, seine Neugier befriedigen und der Phantasie auf die Sprünge helfen, wenn es darum geht, in das Leben anderer einzutauchen. Für einen Moment nur, einen kleinen Augenblick.
Kennen, um zu lernen und kennen gelernt zu werden. Nicht von Angesicht zu Angesicht, sondern heimlich. Risikolos sich mit dem Gegenüber identifizieren. Ein simples Prinzip, das die wirkliche und gefürchtete Ablehnung und Zurückweisung nicht kennt. Gespräche sind anstrengend, man müsste zuhören und fragen, um zu begreifen. Vom Verstehen ganz zu schweigen.
Wer will schon zugeben, dass seine voyeuristische Ader durchkommt und wer, dass er sich gerne zeigt, wenn auch nur mental, nicht zwingend körperlich. Schüchternheit geht heute online in die Offensive und Draufgängertum hat seine Plattform gefunden, hinter einem Nickname. Fast schon mutig, wenn man die eigene Identität zu erkennen gibt. Das Reale als realistisches Risikopotential.
„Warum stellst Du diese Texte ins Web?“
„Weil sie sonst auf Papier ruhen. Sind sinnlos, wenn nicht gelesen.“
„Und wenn es mal jemand „Falsches“ liest?“
„Es gibt keine falschen Leser, nur schlechte Interpretationen und Texte.“
Die Wahrheit liegt irgendwo dazwischen, zwischen allem Geschriebenen, Gesagten und Gedachten. Naiv anzunehmen, dass alle Texte und Geschichten eine tiefere Bedeutung haben.
„Zieh dich aus! Zeige dich endlich, du willst doch gesehen werden, also was soll’s?“
„So funktioniert es aber nicht. Nicht in der realen Welt, denn sie ist zu materialistisch. Zu bewertend. Genormt und geregelt. “
„Was sind sie dann, deine Texte?“
„Alles, was du willst. Unterhaltung. Wenn du von Zeit zu Zeit schmunzeln kannst oder denkst, genau so ist es und nicht anders, dann sind sie gut.“
„Und was sind sie dann für dich?“
„Ein Funken Wahrheit.“
(Für Berion)


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Rentiere in der Garage

Dez
07

Als ich gestern das Auto wie gewohnt in der Garage parken wollte, war diese bereits besetzt. Bereits auf dem Heimweg hatte es angefangen richtig dicke Flocken zu schneien. Verärgert legte ich mitten im Hof eine Vollbremsung hin. Nach dem ersten Schrecken, staunte ich nicht schlecht, denn meine offen stehende Garage hatte sich in ein Weihnachtszimmer verwandelt, das trotz greller Ausleuchtung durch das Scheinwerferlicht recht gemütlich aussah. Ich rieb mir kurz die Augen und machte den Gurt los, um auszusteigen, als es auch schon an die Scheibe meiner Fahrertür klopfte. Noch während ich hochschaute, entfuhr mir ein kurzer Schreckensschrei und ich verwarf die Idee aussteigen zu wollen. Vor meinem Autofenster stand ein Rentier mit ärgerlichem Gesichtsausdruck, das mit dem Huf energisch gegen die Scheibe donnerte. Mir die Augen ungläubig reibend schüttelte ich den Kopf, doch als ich erneut hinschaute, war das Tier immer noch da. Nun stand es mit in die Hüften gestützten Hufen vor meinem Auto und schien darauf zu warten, dass ich aussteige. Ob vielleicht die Mandarine schlecht gewesen war, die ich vor drei Stunden im Büro gegessen hatte? Bei Lebensmittelvergiftungen kommt es zeitweise zu Halluzinationen. Zuerst den Motor und die Scheinwerfer ausmachen, wäre wohl das sicherste.
Kaum hatte ich die Autotür nur einen Spalt geöffnet, brach über mich ein Donnerwetter an Beschimpfungen herein: “Wollten Sie in der Karre eigentlich übernachten oder was? Wir haben keine Lightshow bestellt. Eine Unverschämtheit ist das! Und das auch noch kurz vor Weihnachten. Ich werde mich beim Vermieter beschweren!”, fauchte das Rentier mit hoher Stimme. Erst jetzt bemerkte ich die Schürze um die Hüften und den Lippenstift. Schien sich um ein Rentierweibchen zu handeln, das in Rage geraten ist. Verdutzt starrte ich sie an und versuchte einen ordentlichen Satz von mir zu geben: “Verzeihung…, äh…, aber …, nun ja…, eigentlich…, wie soll ich sagen?“ ich holte tief Luft und versuchte meine Stimme ruhig klingen zu lassen. „Also, das ist meine Garage.”

“Schatz, mit wem sprichst du denn da?”, kam es nun aus der Weihnachtsgarage und im Garagentor stand plötzlich noch so ein Tier. Es war um einiges größer und breiter, trug eine dunkelblaue Jeans und hatte eine Zeitung im Huf oder besser gesagt am Huf. “Na mit dieser schusseligen Frau hier, die fast mitten in unser Zimmer gebrettert wäre”, meinte die Rentierdame vorwurfsvoll. Die kalte Luft und der Schnee brachten nicht nur meinen Kreislauf wieder in Schwung sondern auch mein Hirn. “Jetzt mal langsam. Was zum Teufel suchen Sie eigentlich im meiner Garage?”, wollte ich wissen und nur eine Sekunde später wurde mir klar, dass ich mit einem Rentier sprach. “Hat Ihnen Ihr Vermieter denn nichts gesagt? Wir haben die Garage bis einschließlich 24.12. angemietet.”, entgegnete mir die Rentierfrau etwas freundlicher.
“Verzeihen Sie, meine Frau ist etwas aufgebracht. Es ist das erste Mal seit 50 Jahren, dass wir wieder mal in einer Großstadt sind”, sprach mich nun das Rentier an und grinste. “Kommen Sie doch rein in die gute Stube.” meinte er und trat neben mich. Er überragte mich um einen Kopf, wobei sein Geweih genau so breit schien wie ich hoch.

“W-w-was? W-w-wie?”, fing ich wieder an zu stottern. Doch bevor ich noch irgendwas sagen konnte, wurde ich schon sanft über die Schwelle geschoben.
“Aber Füße abtreten, ich habe gerade frisch gewischt. Keinen Schnee herein tragen, ja?”, hörte ich hinter mir. Ich tat wie mir befohlen und streifte meine Füße auf der “Hier wohnt Familie Rens”-Fußmatte ab. Meine Garage war zu einer Wohnküche mit Bad mutiert. An der Wand, auf die man normalerweise zufährt, stand plötzlich ein Kamin, davor zwei große Ohrensessel. Der Betonboden war jetzt zu Parket mit Flickenteppichen geworden und in der linken Ecke stand ein bunt geschmückter Weihnachtsbaum. Daneben ein alter Eisenofen auf dem eine dampfende Kanne stand. Überall an den Wänden waren Regale angebracht, die sich unter dem Gewicht von Päckchen, Büchern, Dosen und Weihnachtskrempel bogen. “Ich dachte, Ihr Vermieter hätte Ihnen Bescheid gesagt. Er meinte, er würde Ihnen einen Brief in den Briefkasten werfen. Ich bin Richard und das ist Rebecca”, erzählte das Rentier im Plauderton.
“Angenehm, aber was machen Sie eigentlich hier?”, wollte ich jetzt wirklich wissen.
“Wollen Sie einen Kakao? Habe gerade frischen gekocht”, fragte die Rentierdame und trabte zum Herd. Mir wurde warm in der dicken Jacke und mit herabhängender Handtasche an der linken Seite stand ich ziemlich verloren in der Weihnachts-Rentier-Untervermietungs-Garage und guckte blöd. “Also Frau…. ”, fing Richard wieder an und wartete wohl darauf, dass auch ich mich vorstellte.
“Anke”, entgegnete ich kurz und versuchte zu lächeln.
“Also, Frau Anke”, setzte er erneut an. Ich bekam von links einen Becker heißen Kakao gereicht, der verführerisch und leicht nach Zimt roch. “Wie Sie bestimmt wissen, startet der Weihnachtsmann jedes Jahr an einem anderen Ort der Welt mit dem Verteilen der Geschenke und dieses Jahr hat er aus der Lostrommel die Stadt Stuttgart gezogen”, erklärte Richard freundlich. “Ach so ist das”, versuchte ich ganz gelassen und entspannt zu klingen, während ich mich krampfhaft an dem Kakaobecher festhielt.
“Stuttgart ist ja so katastrophal, wenn man kurzfristig eine Wohnung sucht”, meinte Rebecca und wedelte wissend mit dem rechten Huf. Sie stand vor dem Kamin und sortierte Tannenzweige auf dem Sims.
“Ja, das ist wirklich ein Desaster. Wir sind ja auch froh, die Wohnung hier gefunden zu haben. Anstatt Wohnungen zu bauen, ziehen sie überall nur Bürogebäude hoch”, winkte ich ab und ertappt mich dabei diese total abstruse Situation, als normal zu empfinden.
“Ihr Wort in Santas Gehörgang”, meinte Richard lachend “Ricki und seine Freundin haben nur noch etwas außerhalb gefunden. Jetzt müssen sie fast ‘ne halbe Stunde mit der S-Bahn fahren, bevor sie in der Innenstadt sind.” Ich nickte wissend. “Sie sind also bis zu 24.12. hier?”
“Ja genau. Ich denke, wir werden so kurz vor Mitternacht weg sein. Ich hoffe, es macht Ihnen nicht allzu viele Umstände, die paar Tage draußen zu parken?”, fragte Richard.
“Nee ne, geht schon. Wenn ich das Auto vor der Garage stehen lassen kann, dann sollte es passen. Ich habe nämlich keinen Anwohnerparkausweis mehr”, antwortete ich und stellte meinen Becker auf den kleinen Beistelltisch am rechten Sessel.
“Kein Problem! Das war heute nur der Schreck”, meinte Rebecca in aller Freundlichkeit. Sie war jetzt wie ausgewechselt. Ja, sogar sympathisch.
“So, nun muss ich aber los. Vielen Dank auch für den Kakao”, verabschiedete ich mich und verließ die Garage.
“War nett Sie kennen zu lernen, Frau Anke. Schönen Abend noch”, sagte Richard zum Abschied und schloss hinter mir das Garagentor. Es wurde stockduster auf dem Innenhof, als sich das Tor mit einem wohlbekannten Geräusch schloss, aber es schneite immer noch. Auf meinem Auto lag bereits ein guter Zentimeter. Ich drehte mich um. Am Knauf der Garagentür hing ein kleiner Weihnachtskranz mit Holzschild „R + R Rens“. Ohne mich umzudrehen überquerte ich den Hof und lief zur Haustür. Kaum hatte ich auf geschlossen, kam mir schon mein Freund aus seinem Zimmer entgegen.
“Wo warst du denn so lange?”, wollte er wissen.
“Wusstest du, dass unser Vermieter die Garage untervermietet hat?”, fragte ich ihn.
“Ach ja, habe ich vergessen, dir zu sagen. Gestern lag ein Brief im Briefkasten. Da hat er geschrieben, dass er das Ding bis zum 25.12. gerne jemand anders überlassen würde”, meinte mein Freund. “Ist doch okay oder?”
“Ja. Passt schon”, sagte ich kurz angebunden.
“Hast Du sie gesehen?”, fragte er weiter.
“Gerade eben. Sind nett, aber nicht von hier.“
“Glaubst du, die sind wirklich nach dem 25.12. wieder weg?”, er schaute mich zweifelnd an.
“Da bin ich mir ausnahmsweise verdammt sicher!”
“Wenigstens war ein Gutschein für eine Schlittenfahrt mit echten Rentieren als Entschädigung beim Brief dabei. Wenn die am 25.12. immer noch drin sind, zahlen wir die Miete einfach nicht.”, meinte er und verschwand wieder im Arbeitszimmer. Ich ging zum Balkon, von dem man auf den Innenhof blickte. Draußen schneite es wie seit Jahren nicht mehr und die eine Garage hatte um das Tor herum einen schwachen Lichterkranz. Dieser Wohnungsmangel in Stuttgart ist wirklich eine Katastrophe.


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Du dummer Esel!

Sep
06

Viele Leute fragen sich, warum man ausgerechnet diesem Tier die Eigenschaft zu spricht, dumm zu sein. Hier also die Erklärung.

Es waren einmal zwei Bauern, die hatten üppige Felder und mehrten ihren Besitz und Reichtum. Da sie eigentlich sehr sparsam waren und beide Höfe nicht groß genug, um alle Ausgaben zu bestreiten, teilten sie sich einen Karren und einen Esel.

Das Tier wurde versorgt, damit es den Karren ziehen konnte und die Vereinbarung, wer wann den Esel haben konnte, war ebenfalls ausgemacht. Alles klappte prima und die Bauern waren mit sich und dem Esel sehr zufrieden und lobten das Tier.

Obwohl die Bauern die gleiche Arbeit taten, waren ihre Methoden unterschiedlich.

So fuhr der erste Bauer immer Montags und Mittwochs seine Waren auf den Markt. Er war sehr ehrgeizig und wollte immer der erste auf dem Markt sein. So belud er den Karren mit allem möglichen Zeug, je mehr desto besser, kreuz und quer lagen die Waren im Karren und schnell noch den Esel davor gespannt. Auf geht’s.

Das Tier trabte los in der für den Karren angemessenen Geschwindigkeit. Doch diese erschien dem Bauern nicht schnell genug.

„Los, Eselchen! Lauf zu, wir müssen voran kommen!“, und mit einem Peitschenschlag über den Rücken des Tiers verlieh er seinen Worten Nachdruck. Der Esel legte sich mit aller Kraft ins Zeug, um dem Kutscher gerecht zu werden. Auch wollte er die Peitsche nicht spüren, die einen schmerzhaften Striemen auf dem Rücken hinterlassen hatte. Der Bauer war letzten Endes zufrieden und lobte das Tier.

„Ich habe es richtig gemacht!“, dachte der Esel, “So bekomme ich die Peitsche nicht mehr zu spüren.“

Es wurde Dienstag und der andere Bauer belud den Karren, denn auch er wollte seine Waren zum Verkauf anbieten. Er allerdings war auf Qualität bedacht und ging die Sache sehr sorgsam an, doch wollte er dem anderen Bauern in nichts nachstehen. Auf dem Karren wurden die Waren akribisch gestapelt, sodass weder Obst noch Gemüse einen Schaden nehmen konnten, auch der Platz wurde optimal genutzt, es sollte soviel wie möglich aufgeladen werden. Das Tier davor, das Gute. Es wird ein guter Tag auf dem Markt!

Der Esel dachte, er habe nun gelernt, was zu tun ist. Die Bauern wollten schnell zum Markt. So legt er sich ins Geschirr und preschte los.

Das Entsetzen packte den zweiten Bauern und mit voller Gewalt zog er an den Zügeln.

„Esel, nicht so schnell! Die Kisten wackeln hinten auf dem Karren, so bekommen wir die Waren niemals heil zum Markt!“

Der Esel verstand nicht. Würde er doch langsam gehen, so würde wieder die Peitsche seinen Rücken traktieren. So zog er wieder an, im schnellen Tempo. Doch auch dieses Mal zwang der Zug der Zügel ihn dazu langsamer zu tun, bis das Maul wund wurde.

So ging das eine Weile, bis der Esel begriffen hatte, wann er schnell und wann langsam zu laufen hatte.

Die Bauern wurden reicher und irgendwann hatten sie es nicht mehr nötig alleine mit dem Esel zum Markt zu fahren. Sie hatten ihre Knechte und Gesellen, denen sie die Aufgaben übertrugen. Auch in den Tagen wechselten sie durch, genau wie die Knechte und Gesellen.

„Schau zu, das du Land gewinnst, bringe die Waren schnell zum Markt!“, so der eine.

„Sei ja vorsichtig und pass’ auf die Waren auf, damit kein Kunde was zu bemängeln hat!“, so der andere.

Jeder spannte den Esel vor den Karren und das Tier lief und lief. Mal zwei Tage schnell, dann wieder fünf langsam, doch dann wieder drei Tage schnell und danach einen Tag ganz langsam.

Die Striemen auf dem Rücken wurden tiefer und das verkrustete Blut war deutlich rechts und links am Maul zu sehen und so sehr sich das Tier auch bemühte, es spürte immer mal die Peitsche, mal die Zügel.

Eines Tages kam es aber nun, dass beide Bauern gleichzeitig den Esel haben wollten. Beide wollten zum Markt, um ihre Waren anzubieten. Da keiner auf sein Geschäft verzichten wollte, einigten sie sich, auf den Vorteil bedacht Gewinn zu machen.

Sie beluden den Karren und spannten den Esel davor. Das Tier trabte los. Nach den ersten Schritten gab der erste Bauer dem Tier die Peitsche.

„Auf Eselchen, schneller, wir müssen voran kommen!“, sagte der erste.

„Was tust du da?“ fragte der andere und zog kräftig an den Zügeln.

Das Tier strauchelte.

„Wir müssen vorwärts! Lass uns die ersten auf dem Markt sein, da können wir die meisten Waren verkaufen.“

Erneut fuhr die Peitsche auf den Rücken des Tiers herab und es legte sich ins Gespann, da der Schmerz es zwang.

„Nein, die Waren gehen durch das Gepolter kaputt, keiner wird sie kaufen wollen.“, entgegnete der andere Bauer und zog die Zügel, bis der Kopf des Esel sich nach hinten bog.

„Das sieht doch kein Mensch, wenn wir so früh da sind!“ – Peitsche.

„Aber dann kommen die nie wieder, um etwas bei uns zu kaufen!“ – Zügel

Die Striemen auf dem Rücken mehrten sich und das Maul riss. Obwohl der Esel sich alle Mühe gab es richtig zu machen, bekam er immer und immer wieder das eine oder andere Mittel zu spüren. Bis das Tier keine Kraft mehr hatte und so blieb es stehen. Verwundert hielten die Bauern in ihrem Streit inne.

„Eselchen, lauf zu. Die Waren müssen schnell auf den Markt!“, so der eine. Doch der Esel rührte sich nicht mehr.

„Oh Esel, bitte lauf, die Waren verderben und keiner wird sie kaufen.“, so der andere mit den Zügeln das Tier antreibend.

Der Esel stand und bewegte sich keinen Schritt mehr, mit blutigem Maul und zerrissener Haut auf dem Rücken. So sehr sich auch die Bauern mühten, der Esel wollte nicht mehr.

„Warum haben wir das Tier immer so gut gefüttert? Es will ja noch nicht mal laufen!“

„Ich weiß auch nicht, denke doch nur an das Geld und die Waren. Das können wir nun alles vergessen, nur wegen dem Tier!“

„Du dummer Esel, du bist schuld, wenn uns das Geschäft flöten geht und Geld gekostet hast du uns auch noch. Wenn wir das nur früher gemerkt hätten, was hätten wir sparen können, wie viele Waren mehr hätten wir verkaufen können. Man will ja gar nicht dran denken!“

„Unglaublich!“

„Ich glaube, der taugt nichts.“

„Wahrscheinlich hast du Recht. Lass uns einen neuen kaufen.“

Dummer Esel…


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