Zum Schmunzeln

Beim Zahnarzt

Jun
03

Zehn Jahre hatte ich Glück mit meinen Zähnen und damit auch mit dem Zahnarzt. Kein einziges Loch und keine Schmerzen haben mir das Leben schwer gemacht. Erst bei der letzten Kontrolluntersuchung musste ich mich der knallharten Realität stellen und meinem Doktor gestehen: Der Backenzahn links oben bereitet mir Probleme, da ist wohl ein Loch drin.

Mit den zehn lochfreien Jahren ist auch die Gesundheitsreform spurlos an mir vorbei gegangen und so war nicht nur das Loch sondern auch die gesamte Behandlung der Schritt in die neue Welt unseres hoch gepriesenen Gesundheitssystems.

„Sie wissen ja, wenn ich da nun was mache, dann werden die EUR 10,00 Gebühr fällig.“ meinte mein Doc Stirn runzelnd. Ich nickte betreten. Mir ist es schon komisch vorgekommen, dass die nette junge Arzthelferin mir vorher die Zähne poliert hatte. Auch das bisschen Zahnstein hatte sie entfernt mit dem Kommentar: „Das sollten wir wegmachen. Es macht aber EUR 1,00 pro Zahn, da wir bereits im Frühjahr schon geputzt haben.“ Achselzuckend nahm ich es hin. Was soll das? EUR 6,00 für die vorderen Zähne ist nicht die Welt und halt eine Schachtel Zigaretten weniger. Mir hätte bereits zu diesem Zeitpunkt dämmern sollen was nun folgte:

„Frau K., da müssen wir aber bohren. Das Loch ist zwar nicht so tief, aber die Stelle ist recht schwer zugänglich und es könnte sich eine Entzündung bilden.“ erklärte mein Doc weiter und wieder blieb mir nichts anderes übrig als zustimmend den Kopf zu bewegen.

Kaum das ich mich versah hatte ich bereits drei Spritzen in den Oberkiefer gerammt bekommen ohne jegliche Vorwarnung. Ich glaube, dass Zahnärzte auf ihren Lehrgängen Überraschungsangriffe üben, um Patienten schnell außer Gefecht zu setzen bevor diese protestieren oder weglaufen können.

„So, nun müssen wir einen Augenblick warten!“

Mit diesem Satz verschwand er ins andere Behandlungszimmer und ich blieb mit einem merkwürdigen Geschmack im Mund zurück. Nach wenigen Sekunden fühlte sich die linke Mundhälfte an wie tiefgekühlt, wahrscheinlich hätte ich mir nun auch einen Nagel in den Gaumen schlagen können ohne auch nur das Geringste zu spüren und mit der Zeit merkte ich, dass ich aus dem linken Mundwinkel sabberte, denn die Betäubung reichte bis zu den Lippen. Ein mulmiges Gefühl stieg in mir hoch. Was hatte er vor? Den ganzen Oberkiefer aufreißen? War doch nur ein kleines Loch.

Die Tür zum Nebenraum sprang auf und ich hörte ihn noch sagen: „Das mit der Krone müssen wir noch mal machen Herr Müller, die sitzt noch nicht richtig. Da muss der Zahntechniker nochmals ran.“ Er bekam ein gequältes Murren als Antwort und ich fing an unruhig auf meinem Stuhl rumzurutschen.

„Spüren Sie noch was?“ bevor ich etwas machen konnte, hatte ich schon seine in Latexhandschuhen steckenden Finger im Mund und wusste noch nicht mal wie er das gemacht hatte. In Handumdrehen folgte der Bohrer. Schon wollte er loslegen, da hielt er inne.

„Da kommt man aber ganz schwer ran Frau K.. Ich glaube da muss ich nun den Mundwinkel ein bisschen hochziehen. Haben Sie sich schon über die Füllung Gedanken gemacht?“ sagte er während der Bohrer erneut in meinem Mund verschwand. Ich schaute ihn ein bisschen irritiert an. Wieso sollte ich mir Gedanken über die Füllung machen? Das Geräusche des Bohrers und des Speichelsaugers ließen mich so oder so keinen klaren Gedanken fassen. Ich vertraue der Wirkung dieser Spritzen nicht so ganz und wartete auf den ersten Schmerz. Nichts geschah, ich hatte lediglich das Gefühl, dass er meinen linken Mundwinkel an das linke Ohr gezogen hatte.

„Nein so geht das nicht, ich komme da einfach nicht ran. Drehen Sie sich zu mir. Nicole, kannst du da bitte halten.“ forderte er von der Helferin.

Nun hatte ich drei Finger und einen Bohrer im Mund. Die Helferin versuchte mit aller Gewalt meinen Mundwinkel nun hinter mein linkes Ohr zu ziehen. Die Betäubung hielt, konnte aber meine Augen nicht täuschen und Tränen liefen über meine Wangen.

„Ist gleich vorbei.“ versuchte mein Doc mich zu beschwichtigen. Sein Glück das er erfahren ist und die ruhige Stimme eines Großvaters besitzt, sonst wäre ich schon längst auf zu davon gewesen. Nach wenigen Minuten war der Spuk auch Gott sei Dank vorbei.

„Was ist denn nun mit der Füllung?“ wollte er wissen.

„Biwe keiwn Amagawn.“ hörte ich mich sagen. Das mit dem Sprechen konnte ich vergessen. Die Betäubung hielt und ich hatte zudem das Gefühl, das ich die ganze Zeit schief grinste, da mein linker Mundwinkel hinter dem Ohr klemmte.

„Das kostet aber extra Frau K., Sie wissen ja das die Kasse das nicht mehr zahlt.“ kam zurück. Natürlich hatte ich keinen Plan. Woher denn auch. Was interessieren mich denn Zahnfüllungen. Ich bin froh wenn ich keine brauche.

„Wir können zwei- oder dreiflächig machen.“ versuchte er zu erklären, was ziemlich sinnlos war, da ich weder ordentlich nachfragen konnte was der Unterschied war noch die Vor- und Nachteile kannte, vom Preis ganz zu schweigen. Das ist so, als ob ich ihn fragen würde ob er nun ein mattes oder glänzendes Make Up für den Alltag bevorzugt.

„Wir machen zweiflächig Frau K., an den Backenzähnen langt das, da sieht es keiner.“ Er hatte die Ratlosigkeit in meinem Blick erkannt und traf die Entscheidung. Wieder blieb mir nichts anderes übrig als zu nicken.

Erneut hatte ich zwei Finger der Arzthelferin im Mund. Die Kieferknochen machten merkwürdige Geräusche und das linke Auge tränte fröhlich vor sich hin. Zu guter Letzt stopfte er das Loch im Backzahn und einen Stab mit Blaulicht zum aushärten hinterher. Ich hatte das Gefühl das Ding kommt gleich wieder zum Ohr hinaus wenn er es noch weiter reindrücken würde, aber die Betäubung hielt, allerdings nicht am Kieferknochen, so entschloss sich auch das rechte Auge nun den Tränen freien Lauf zu lassen. Nach einer qualvollen Weile gehörte mein Mund wieder mir.

„Na, war doch nun nicht so schlimm oder?“ wollte mein Doc wissen. „An der Anmeldung erhalten Sie Ihre Rechnung Frau K. und lassen sie sich einen Termin zur nächsten Kontrolle geben.“

„Owkayw.“ gab ich zurück und versuchte zu lächeln. Schon eilte er zum Empfang und gab der Sprechstundenhilfe Anweisungen zu meiner Rechnung. Mit einem Händedruck verabschiedet er sich und verschwand wieder in dem Kronenzimmer.

Innerhalb von wenigen Sekunden hatte ich zwei Dokumente zur Unterschrift vorliegen: Einmal EUR 6,00 für die sauberen Zähne. Diese sollte ich sofort bezahlen. Dann eine Quittung für die Praxisgebühr, auch die sofort fällig und dann noch mein Füllung. Die sollte ich am besten überweisen.

„Das iwst jaw wiew in dew Buwhaltwung hiew.“ sagte ich zu der netten Dame, die mir die letzte Rechnung zur Unterschrift vorlegte.

„Wem sagen Sie das Frau K., der reinste Papierkrieg und alles muss getrennt abgerechnet und abgeführt werden. Ein Heiden Aufwand und die Beiträge sinken nicht wirklich.“ entgegnete diese mit einem zerknirschten Lächeln. „Sie können aber eine Zusatzversicherung abschließen.“

Entschlossen hielt sie mir ein Werbeprospekt entgegen. Ich winkte ab, unterschrieb die letzte Rechnung, ließ mir einen Termin in sechs Monaten geben und verließ die Praxis. Ich hatte Angst noch was zu fragen, nachher würde das auch noch was extra kosten.

Im Auto rechnete ich dann zusammen: Ein bisschen Zahnstein, Praxisgebühr und eine Füllung hatte mich nun insgesamt knappe EUR 60,00 gekostet. Ein teurer Spaß für ein bisschen Betäubung, Bohren und Schmerzen, vor allem wenn man nicht masochistisch veranlagt war.

Vielleicht sollte ich mich gleich privat versichern, dann hat sich die Sache mit den drei Rechnungen gleich erledigt. Ich bekomme dann nur eine, die über EUR 200,00 geht. Ich muss mir allerdings nicht mitten in der Behandlung Gedanken über Füllungen und andere Dinge machen, die Praxisgebühr zahle ich nicht und alle meine Zähne werden anstandslos von Zahnstein befreit.

Eins muss man der Gesundheitsreform zu Gute halten. Sie kurbelt auf jeden Fall die Konjunktur an. Jede Zahnarztpraxis verbraucht nun mehr Papier, Druckerpatronen oder Toner, Wartung der Geräte, Strom und Kugelschreiber, wahrscheinlich auch noch Ordner. Die Banken freuen sich über das entstehende Transaktionsvolumen durch die Überweisungen und wahrscheinlich hat die eine oder andere Praxis schon eine neue Kraft eingestellt, die nichts anders macht, als die Zahlungseingänge zu kontrollieren und Mahnungen an die säumigen Patienten zu schreiben, da freut sich auch gleich noch die Post. Will gar nicht erst wissen was der Steuerberater der Praxis zusätzlich bekommt um alles zu kontrollieren.

Ich mache meinem Doc einen Vorschlag, er soll doch bitte in seinem Warteraum einen Katalog auslegen mit Bestellzetteln, da können dann Kassenpatienten ankreuzen was gemacht werden soll und die Rechnungen kann man bereits vordrucken lassen. Vielleicht so wie bei OTTO. Dann habe ich wenigstens ein bisschen Spaß im Vorfeld der Behandlung. Ist ja dann fast wie einkaufen.

Wenn er schlau ist, macht er es wie die Supermärkte oder Teleshopping: „Lassen Sie die Zahnsteinentfernung an zehn Zähnen vornehmen und zahlen Sie nur acht!“ oder „Nur noch diesen Monat: Zwei dreiflächige Füllungen zum Preis von einer!“ Das ist doch die Idee und dann könnte man sich gleich noch was aussuchen, wenn man eine Rundumbehandlung als Kassenpatient nimmt. „Lassen Sie die Vorderzähne vollständig überkronen und Sie erhalten dieses tragbare Miniradio gratis zur Behandlung, damit es sie von den Schmerzen ablenkt!“ Da öffnen sich doch ganz neue Horizonte! Vielleicht sollten Zahnärzte in Zukunft so Schnellkurse im Verkauf machen. Hoffentlich kommt mein Doc nicht auf die Idee in seinen Katalog Schuhe aufzunehmen. Das könnte für die eine oder andere Patientin böse enden….


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An der Ampel

Mrz
14

Während meiner Ausbildung fuhr ich einen alten Ford Sierra Stufenheck. Mein erstes Auto. Eine echte Schrottmühle, aber Metall auf vier Rädern, was sich vorwärts bewegt. Keine Servolenkung, keine automatischen Fensterheber und natürlich keine Klima. Kein Luxus, aber meins. Heute vermisse ich die Kiste sogar ein bisschen.
Irgendwann im Sommer bin ich mit meinem Dicken, Spitzname meiner Rostlaube, an der Ampel gestanden und zwar oben an der neuen Weinsteige, da wo man zum Haigst abbiegen kann. Okay, sagt nur den Stuttgartern was, ich weiß.
Es war so gegen 17:30 Uhr an einem Freitag und ich war schon ziemlich spät dran, denn die Schulung mit unserer Ausbilderin hatte länger gedauert als erhofft, was natürlich meine ganze Planung durcheinander gebracht hatte und nun musste ich auf dem schnellsten Weg nach Hause, um pünktlich zu einer Verabredung zu kommen und duschen wollte ich also auch noch, denn bei 30 Grad im Schatten muffelt man doch dann ein bisschen und das schöne heiße Auto versetze meinem Deo einfach den Todesstoss.
Die Fenster waren bis zum Anschlag unten und auch das Schiebedach stand offen. Das ich nicht damals andauernd eine Ohrenentzündung oder so was hatte, verwundert mich heute noch, außerdem frage ich mich, wie ich das mit meiner Frisur immer hinbekommen habe. Kann mich echt nicht erinnern. Also ich raus aus dem Büro, rein ins Auto und wie schon gesagt, bis zu dieser Ampel lief es eigentlich ganz gut mit dem Verkehr obwohl es Freitagnachmittag war. Kriechend, aber man ist vorangekommen.
Vor mir an der Ampel stand ein großer, fetter, nagelneuer Daimler. Ich kann mich nicht erinnern, was für ein Modell, aber ziemlich groß und lang auf jeden Fall. Schwarz und auf Hochglanz poliert. Alle Fenster oben. Klar, der hat ne Klima, habe ich mir gedacht. So standen wir nun an der Ampel. Um ehrlich zu sein stauten wir uns an der Ampel, denn wir standen nicht richtig davor, wir sahen sie halt nur von weitem.
Ich schaute immer wieder nervös auf die Uhr und ging meinen Plan, wie ich noch einigermaßen pünktlich zu meiner Verabredung komme, im Kopf durch.
Ampelphase um Ampelphase kamen wir der Kreuzung näher und ich wusste wenn die Ampel rum ist, dann läuft der Verkehr und ich bin so gut wie zu Hause. Bei jeder grünen Ampelphase rollte der dicke Daimler gemütlich ein paar Meter vor, ließ noch ein paar weitere Fahrzeuge in unsere Spur und der Fahrer schien sich einen schönen Nachmittag in seiner Proletenkarre zu machen. Ich presste mich an seine Stoßstange und wurde von Minute zu Minute ärgerlicher.
“Jetzt lass die doch nicht alle rein, du Depp!”, dachte ich bei mir. “So kommen wir nie vorwärts.”
Kleine Schweißperlen bildeten sich in meinem Nacken und ich merkte wie mir die Suppe den Rücken runter lief. Richtig lecker!
Nach vier Ampelphasen hatten wir es dann geschafft. Bei der nächsten würden wir drüber kommen. Noch war alles möglich. Ich lag gerade noch so in der Zeit.
Mit bereits eingelegtem Gang lauerte ich auf das Grün der Ampel. Die Spannung stieg und ich zählte die Autos vor mit: Ein Kombi, ein Golf, irgendwas Japanisches, noch mal Golf, BMW, wieder was Komisches in gelb, ein Fiat und dann der Daimler vor mir und dann ich. Das schaffe ich!
Die Ampel wurde grün. Ich von der Kupplung runter und schon leicht angefahren, wieder auf die Kupplung und zwei Zentimeter nach hinten gerollt, wieder von der Kupplung runter.
“Nun macht schon!”, sagte ich leise vor mich hin.
Der erste ist schon über die Ampel, der zweite rollt, der dritte auch, einer nach dem anderen fährt an. Jetzt der dicke Daimler. Ich gebe Gas. Das war ein Fehler, denn der Daimler nicht. Ich bremse mit aller Gewalt und bin wahrscheinlich einen Millimeter vor seiner Stoßstange zum Stehen gekommen.
“Wieso fährt der nicht?”, sage ich zu mir.
Was macht der Fahrer? Er schaut nach unten und fährt nicht. Ich hinten schon halber am durchdrehen und hupe. Er schaut hoch und gibt endlich Gas, aber in diesem Augenblick schaltet die Ampel wieder auf gelb und der rollt lediglich zur Haltelinie vor. Super, das war’s. Wieder drei Minuten warten.
Am liebsten wäre ich ausgestiegen und hätte den Menschen gefragt, ob er eigentlich nichts besseres zu tun hat, so kurz vor dem Wochenende, außer die Leute davon abzuhalten nach Hause zu kommen. Der kann doch am Sonntag spazieren fahren, oder wenn er schon so gerne in seiner Schwanzverlängerung sitzt, dann soll er sich doch auf den Parkplatz stellen und dort an den Armaturen rumspielen! Scheiße, war ich sauer!
Die Ampel wurde wieder gelb und grün. Aber jetzt! Ich wieder von der Kupplung runter, aber der Typ fährt immer noch nicht.
“Jetzt gib doch endlich Gas, du Arschloch!”, platzt es laut aus mir raus.
Im gleichen Augenblick höre ich links neben mir zwei Männer lachen. Ich drehe mich um und neben dran sitzen in einem Cabrio zwei junge Geschäftstypen mit blauen Hemden und lachen mich aus. Na ja, wohl mehr darüber was ich gesagt habe und dann fahren sie los.
Gott war das peinlich! Der Daimler fuhr an und ich tuckerte brav hinter ihm her, denn ich traute mich nicht das Cabrio zu überholen und der Beifahrer hatte sich schon einmal umgedreht und geschaut. Wenn mein Kopf nicht schon vorher rot von Hitze und Ärger gewesen war, dann eben jetzt vor Scham. Man sollte beim Autofahren nie vergessen, dass die Fenster unten sind im Sommer und zuerst nach links schauen, bevor man was sagt…


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