1984 – eine Meinung, keine Rezension

George Orwell

London, 1984. Winston Smith, Geschichtsfälscher im Staatsdienst, verliebt sich in die schöne und geheimnisvolle Julia. Gemeinsam beginnen sie, die totalitäre Welt infrage zu stellen, als Teil derer sie bisher funktioniert haben. Doch bereits ihre Gedanken sind Verbrechen, und der Große Bruder richtet seinen stets wachsamen Blick auf jeden potenziellen Dissidenten. George Orwells Vision eines totalitären Staats, in dem Cyberüberwachung, Geschichtsrevisionismus und Gedankenpolizei den Alltag gläserner Bürger bestimmen, hat wie keine andere Dystopie bis heute nur an Brisanz gewonnen.


Dies ist keine Rezension, vielmehr der Versuch zu verstehen, warum dieses Buch als Lese-Muss genannt und seit Jahrzehnten als Meisterwerk gefeiert wird. Wo der innovative Gedanke steckt, den Orwell in dieser Geschichte 1949 hervorgebracht haben soll.

Gewiss, die Geschichte ist hervorragend erzählt, hat authentische Figuren und eine mittreißende Handlung, die den Leser an vielen Stellen zum Nachdenken zwingt, auch wenn Längen und einige Wiederholungen enthalten sind.


Meine eigene Meinung

Betrachten wir kurz das Leben des Autors: Er wurde in einer Kolonie geboren, erlebte seit Kindheit die Welt im Krieg, darunter zwei Weltkriege, die von Europa ausgingen und Millionen Menschenleben gekostet hatten. Selbst war er in den Spanischen Bürgerkrieg gezogen. Wie also hätte er sich eine Zukunftswelt ohne Krieg denken sollen? Welche Optionen gab es aus seiner Sicht?

So steckt sein Protagonist, Winstonin, in eben so einer Welt, wo Krieg mehr der Normal- als Ausnahmezustand ist.

Gleiches gilt für Begriffe wie Säuberungen, Faporisieren etc. – die Parallelen zum zweiten Weltkrieg, die Verfolgung bestimmter Menschengruppen und deren systematische Vernichtung ist ebenso eine Verarbeitung der Geschehnisse auf dem europäischen Kontinent, wie auch der vorherrschenden Gesellschaftsstrukturen und der politischen Strömungen. Der Engsoz, Kinder, die parteikonform erzogen werden, der ständige Mangel an Alltäglichem, die Verteufelung des Kapitalismus einhergehend mit Revolutionen, die in Diktaturen enden. Orwell beschreibt nichts Innovatives, er verpackt in extrahierter Form Ereignisse seiner Zeit und schmeißt sie in die Zukunft.


Dem eigenen Zeitgeist geschuldet

Ob zum heutigen Lese-Muss und ggf. zur Allgemeinbildung gehören muss, dass Frauen anfälliger für Ideologien sind, leichter zu beeinflussen und schneller zu begeistern, wage zu bezweifeln. Hier sieht man deutlich, dass in Orwells Erzählung nicht eine Weiterentwicklung der Gesellschaft als solche stattfindet. Vielmehr ist es die gesellschaftskritische Betrachtung seiner eigenen Gegenwart. Die Rollen von Mann und Frau sind klar getrennt. Sie werden eindeutig von der Partei vorgegeben und diese sieht in der Frau eher eine pflichterfüllende Geburtsmaschine. Das Proletariat als solches bringt entweder Dauerschwangere oder Huren hervor. Ein innovatives Frauenbild? Zukunftsweisend? Eher nicht.

Das Frauenbild ist in 1984 simpel: Winstons Julia schläft jedes Mal nach dem Sex ein, wenn er über Politik und die Partei, den Großen Bruder, eben die wichtigen Themen spricht. Das interessiert seine Geliebte nicht. Wie man Kaffee organisiert und Schminke, das kann sie prima, um für ihn – Winston, den Checker – hübsch zu sein. Sie weiß in dem Konstrukt zu überleben. Allein das ist ihre Stärke, abgesehen von ihren Reizen.

Vielleicht ist in den politischen Botschaften etwas Neues? Schauen wir mal hin.

Der Sozialismus als Maske für totalitäre Staaten, der Ein-Parteien-Staat mit kommunistischen Ideen. Eine Herrscherklasse, die durch Revolution irgendwo in grauer Vorzeit die Aristokratie oder den Kapitalismus stürzte, um ein Abklatsch selbiger unter dem Begriff „Die Partei“.
Ich habe lange nachgedacht, was also neu sein soll, was zukunftsweisend? Nichts!
Auch hier brilliert Orwell mit guten Zusammenfassungen und seinem Wissen um Politik, Staatstheorie, allen Vor- und Nachteilen ihrer Formen, kann die Auswüchse beschreiben, das Verhalten von Parteimitgliedern und anderen Bevölkerungsschichten.

Der Kapitalismus als vergessene Formgebung für die Welt?

Selbst da irrt Orwell gewaltig!
Wir waren noch nie so nahe an Konsum, Überfluss und Globalisierung inkl. all ihrer Schattenseiten der Ausbeutung, modernen Sklaverei und Sinnsuche wie heute. Totalitäre Staaten überleben durch den Konsum und nicht, weil sie ihn verhindern.

Und ob die Reduktion des Menschseins auf den Sex als Triebfeder der Gesellschaft eine heilsbringende Erkenntnis sein soll, bleibt mir persönlich ein Rätsel. Ficken für den Weltfrieden – denn nicht ausgelebter Sexualtrieb führt zur Hysterie und genau die war 1984 erwünscht, so der Autor.


Das Innovative?

Der Monitor. Hier mag ihm etwas gelungen sein, was faktisch im Begriff ist einzutreten. Betrachtet man heute Staaten wie China, dann sind diese der Grundidee Orwells schon sehr nah. Dennoch ist hier Wirtschaft und ausgerechnet der Kapitalismus das Opium fürs Volk. Denn wer konsumiert und konsumieren kann, so viel er will, akzeptiert die Partei und ihre Enscheidungen. Es ist genau das Gegenteil von dem, was Orwell seinen Protagonisten durchleben lässt.

Tatsächlich leisten die Sozialen Medien ihren eigenen Beitrag zur Gleichschaltung und Überwachung. Auch hier sind Orwells Gedanken nicht eingetreten. Denn der Verrat an sich selbst findet freiwillig und ganz ohne Folter mit viel schlimmeren und so menschlichen Mechanismen statt: Der Belohnung! Seien es die Daumen auf Facebook, die Herzen auf Insta oder Twitter. Die Sucht zu gefallen und gemocht zu werden, begehrenswert zu sein, ist uns wesentlich vertrauter als Abstinenz. Dazugehörigkeit, Schönheit, Reichtum sind weiterhin starke Werte, die unsere Gesellschaften formen.

Das echt Innovative, aber nicht Neue, ist in seiner Erzählung, dass Geschichte und Vergangenheit sich ändern bzw. nicht existieren – aufhören zu existieren. Genau das ist der wahre und wirklich beängstigend reale Gedanke in 1984. Noch während ich diesen Beitrag verfasst habe, erschien ein Artikel zum Verbot des Buches in Belaruss im Jahr 2022!

In der heutigen Zeit, in der gedruckte Bücher im Begriff sind auszusterben, wird es immer einfacher geschichtliche Ereignisse in kürzester Zeit zu ändern oder verschwinden zu lassen.

Das Internet vergisst nie!

Wieder ein Irrtum! Das Internet vergisst sofort, auf Knopfdruck, wenn man zu einer ganz bestimmten Riege der Gesellschaft gehört. Noch nie war es so einfach, Nachrichten schnell zu verbreiten, egal ob wahr oder Fake. Noch nie war es möglich mit legalen Mitteln Deepfakes in Umlauf zu bringen, und die Wahrheit anders darzustellen, als sie vielleicht ist – wenn es die eine Wahrheit gibt.

Die Vereinfachung der Sprache, das sich nicht Ausdrücken können, weil Worte für bestimmte Tatbestände aus dem Wortschatz gestrichen werden, gehört ebenfalls zu dem, was man zu recht als innovativ an 1984 bezeichnen kann. Die Sprache als Maßstab für das eigene Denken. Was man nicht ausdrücken kann, wird nicht gedacht. Was nicht gedacht wird, kann nicht Form und Gestalt annehmen. Fortschritt wird – wie auch von Orwell beschrieben – zum Stillstand gebracht. Keine Wissenschaft, keine Forschung.
Wird heute mit dem Gendern und unterschiedlichen Vorwürfen der Diskriminierung versucht, Benachteiligungen auszugleichen, bedient man per Gesetz uralte Regeln: Verstoß wird bestraft, und sei er auch nur sprachlich. Hier ist der Weg zum reinen Denken nicht weit. Eine Veränderung an sich findet nicht statt.

Vielleicht liegt genau hier das Erschreckende an Orwells Werk – die Aktualität der Erzählung – , dass alles darauf hinausläuft, dass wir doch nicht so verdammt gleich sein sollten. Dass es andere geben muss, die politisch nicht in Schemen passen. Dass Revolutionen dafür gemacht sind, Dinge immer wieder zu hinterfragen. Und dass wir nicht alles glauben sollten, nur weil die Masse, es für richtig hält.

Fazit: Kann man lesen, muss man nicht unbedingt. Gleiche Themen und Botschaften wie in 1984 werden in vielen anderen Büchern unterhaltsamer und bildgewaltiger behandelt. An dieser Stelle sei Die Tribute von Panem genannt. Die Szenarien sind sehr gut vergleichbar.


„…Warum nur erhoben sie ihre Stimme nie derart für etwas von Bedeutung?“

„…Ich hasse Unschuld. Ich hasse Güte. Für mich soll es nirgendwo mehr irgendwelche Tugend geben. Ich will, dass alle abgrundtief verdorben sind…“

„…Die Annahme war, dass Männer ihren Sexualtrieb weniger im Griff hatten als Frauen und daher stärker Gefahr liefen, von dem Schmutz, mit dem sie es zu tun hatten, selbst verdorben zu werden“

„…Solange die Mittelklasse um die Macht kämpfte, hatte sie immer mit Begriffen wie Freiheit, Gerechtigkeit und Brüderlichkeit hantiert…“

„…Deliktstopp bedeutet, kurz gesagt, schützende Dummheit.“

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