Blinkist – in 15 Minuten zum besseren Menschen werden

Schon lange bekomme ich Werbung von Blinkist angezeigt. Vielleicht liegt es daran, dass ich gelegentlich Rezensionen zu Sachbüchern schreibe und auf Twitter poste oder ich falle aus einem anderen Grund in die vermeintliche Zielgruppe. Also gut, schaue ich mir die Sache halt an.

 

Zuerst verstehen, worum es geht,…

…ist in der heutigen Zeit gar nicht so einfach. Darum klicke ich mich durch die vielen Seiten mit dem knappen, aber aussagekräftigen Content auf blinkist.com.

Die Idee ist simpel: Wer hat heute noch Zeit und Lust ca. 300 Seiten starke Sachbücher zu lesen? Sehr wenige, vor allem in den jüngeren Generationen.
Es ist durchaus eine Kunst, die Kernaussagen eines Buches auf das Minimum zu komprimieren und des trotzdem verständlich zu belassen. Genau das macht Blinkist. Dabei werden die Bücher in kurzen „Blinks“ präsentiert, die mehr oder weniger Kapitel zusammenfassen. Zwischendurch wird in einem Satz erklärt, was die folgenden Blinks erklären sollen, am Ende erfolgt ein sehr knappes Fazit.

Neben der kostenlosen Basic-Version gibt es kostenpflichtige Monats- und Jahresabos. Erst mit diesen hat man Zugriff auf die Bibliotheken der Plattform. Selbstverständlich hat man mit dem Jahresabo für 79,99 EUR den absoluten Vollzugriff auf alle Funktionen und unbegrenzten Zugang.

 

Quelle und © : https://www.blinkist.com/de/

 

Auf die Plätze, fertig, testen!

Die digitale Welt ist einfach: App runterladen, kostenlos testen und schauen was passiert. Genau das habe ich getan, nachdem ich mich durch die Blinkist-Seiten gewühlt hatte.

Mit der kostenlosen Basic-Version bekommt man täglich ein Buch präsentiert, das man entweder lesen (kann auch auf ein anderes Lesegerät gesendet werden, z.B. Kindle) oder anhören kann. Die 12 bis 21-minütigen Hörbuchfassungen lassen sich hervorragend während der Autofahrt konsumieren. Während meines Tests wurden mir unter anderem die folgenden Bücher angeboten und ich staunte doch, dass auch bekannte Autoren und Bestseller dabei waren. Hier die Titel, dahinter sind amazon-Links.

Love Hard!: Warum eine glückliche Beziehung kein Zufall ist

Wir sind das Klima!: Wie wir unseren Planeten schon beim Frühstück retten können

HOW TO – Wie man’s hinkriegt: Absurde, wirklich wissenschaftliche Empfehlungen für alle Lebenslagen

Unbox your Relationship!: Wie du Menschen für dich gewinnst und stabile Beziehungen aufbaust (Dein Erfolg) 

Das gelungene Ich: Die vier Säulen der Hirnforschung für ein erfülltes Leben

Wie meine Internet-Liebe zum Albtraum wurde: Das Phänomen Realfakes

Passend zum Autor werden die Texte von Männern oder Frauen gelesen. Die Lesegeschwindigkeit ist hoch, das Sprachniveau eher einfach gehalten, aber dennoch gut, so dass man sich nicht sonderlich konzentrieren muss, um folgen zu können.
Lediglich ein Buch fiel auf, da das Sprachniveau und die Fremdwortdichte so sehr von den anderen Titeln abwichen, dass es mir seltsam vorkam. Leider habe ich den Titel nicht mehr parat. Es ging aber um das Verzeihen und damit verbundene philosophische Aspekte, das Buchcover war grün.

 

Quelle und © : https://www.blinkist.com/de/

Das habe ich gelernt

Blinkist ist ganz klar auf eine Zielgruppe ausgelegt: Selbstoptimierer und Hilfesuchende. Alle mir angebotenen Titel behandeln Themen zu wie man ein gutes Leben führt, glücklicher wird oder mehr Erfolg und Zufriedenheit erreicht. Dabei geht es auffallend oft um Beziehungen. Der einzige Ausreißer war „How to“, aber dieser ist wohl dem vorangegangenen Werk des Autors geschuldet, der ein Bestseller war.

Selbstverständlich ist es leicht die Kernaussagen, Erklärungen und besten Beispiele eines 180 Seiten umfassenden Sachbuchs in 12 Minuten Sprechtext zu packen. Ob das bei einem Werk wie Schnelles Denken, langsames Denken (Daniel Kahneman) immer noch gut funktioniert, das in der Taschenbuchversion ca. 630 Seiten umfasst, bleibt zu bezweifeln.
Die Texte werden maximal reduziert, und auch wenn dies sehr professionell gemacht wird, so gehen bei den komplexeren Themen Aspekte und Hintergründe, wahrscheinlich auch wichtige Quellen verloren. Auch hat man als Zuhörer keine Zeit weiter über Inhalte nachzudenken, weil einfach Infos ausgelassen werden.
Bei einigen Titeln weiß man nach dem Blinkist genau, dass die Zusammenfassung vollkommen ausreicht. So wird der Buchkauf tatsächlich überflüssig. An dieser Stelle habe ich mich gefragt, wie es eigentlich um die Tantiemen steht. Schließlich werden Auszüge der Bücher Usern von Blinkist zugänglich gemacht. Wie die Plattform Geld verdienen will, ist klar: Abo. Was aber haben Verlage und letztendlich auch Autoren davon, wenn ihre Bücher dort vertreten sind?

Blinkist ist also ein hervorragendes Sieb für Sachbücher. Tatsächlich kann man nach dem Hören eines Blinkist besser entscheiden, ob es sich lohnt das Buch zu lesen oder ob die wichtigsten Aussagen reichen. Das macht den völlig überfüllten Buchmarkt und das Angebot im Ratgeber-Segment ein bisschen transparenter.
Erschreckend war allerdings, bereits nach dem Hören dieser wenigen Bücher zu merken, wie oft sich Herangehensweisen, Lösungsansätze und Ratschläge wiederholen. Die Themen werden von unterschiedlichen Seiten beleuchtet, aber die ratgebende Essenz bleibt nahezu identisch. Besonders auffallend war dies, wenn es um Beziehungen und Selbstwahrnehmung ging. Hier stellt sich die Frage, ob es für oder gegen die Auswahl der Bücher spricht oder nicht viel eher die Autoren sich alle auf dem gleichen Level bewegen.

79,99 EUR kostet das Jahresabo. Für den Preis kann man ca. sechs Bücher kaufen. Schafft man es auch diese in einem Jahr zu lesen? Und viel interessanter: Wie viele Bücher hört oder liest man in einem Jahr als Kurzfassung? Und zu welchem Zweck? Nach über einer Woche hatte ich erstmal genug von Sachbüchern. Stattdessen geistern mir andere Fragen durch den Kopf, auf die mir die Zukunft Antworten liefern wird.

Lesen wir bereits heute eine Menge unnötiger Sachen und merken es nicht einmal? Genau diese Frage hilft Blinkist zu beantworten und das ist dann auch wirklich das Alleinstellungsmerkmal: Es macht in kurzer Zeit viele Sachbücher vergleichbar. Dabei muss man immer im Auge behalten, dass die Blinkist nach einem bestimmten Muster und mit klaren Ziel erstellt werden, das dem Leser zwar nicht wirklich bekannt ist, ihm aber dennoch erlaubt, in kurzer Zeit den Inhalt eines Buches zu erfassen. Das reicht aus, um sich zumindest eine oberflächliche Meinung bilden zu können.

Wie wird sich unser Leseverhalten verändern? Blinkist ist nur auf eine Sache ausgelegt: Schnellen und häufigen Konsum. Bei einer Pay-Variante, kann man seine liebsten Blinks in Lese- bzw. Hörlisten verwalten und immer wieder anhören, nach dem Motto: „Hey, wieder Single? Dann höre Dir Deine Blinks nochmal an, wie Du mehr Freunde findest!“ oder „Na, mal wieder down, weil alle auf Instagram ein besseres Leben führen? Dann schau doch nochmal in die Lebensratgeber rein!“
Das hört sich wie ein Teufelskreis an? Erstaunlich, nicht wahr?

Brauchen wir für jeden Lebensbereich einen Ratgeber? Anscheinend herrscht in einer Zeit des Informationsüberflusses absolute Desinformation. Wie sind sonst solche Trends zu erklären, dass Jugendliche ein Buch benötigen, in dem erklärt wird, dass YOUPORN keine Aufklärungsplattform ist und Sex im realen Leben nur selten so funktioniert, wie dort gezeigt? Oder warum junge Erwachsene Ratgeber benötigen, wie sie am besten Beziehungen zueinander pflegen und herausfinden, was im Leben wirklich wichtig ist und dass man im Job eben doch fleißig sein muss und arbeiten, um Erfolg zu haben. Eine grandiose Erkenntnis und für nur 79,99 EUR im Jahr kann man sie immer und immer und immer wieder haben.

 

Fazit: Blinkist ist ein Phänomen unserer Zeit. In der Gratis-Version eine angenehme Abwechslung, wenn man zwischen Belletristik einmal etwas Sachbuch-Wissen konsumieren möchte, das mehr unterhält als hilft. Für Auto- oder Zugfahrten auf jeden Fall geeignet. Welche Auswirkungen solche Plattformen auf die Verlagsbranche haben, bleibt weiterhin spannend zu beobachten. Ähnlich wie die Musikindustrie vor einigen Jahren, so ist auch der Buchmarkt im Umbruch und muss neue Wege zu jungen Kunden suchen. Für die älteren Semester bleibt bisher das gedruckte Buch. Wie lange wohl noch?

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