Das Muschelessen

Das Muschelessen
Birgit Vanderbeke

Angespannt wartet die Familie am gedeckten Tisch auf den Vater. Mutter, Tochter und Sohn sitzen vor einem Berg Muscheln, die allein das Oberhaupt der Familie gerne isst. Um die zähe Wartezeit zu überbrücken, beginnen sie miteinander zu reden. Je mehr sich der Vater verspätet, desto offener wird das Gespräch, desto umbarmherziger der Blick auf den autoritären Patriarchen und desto tiefer der Riss, der die scheinbare Familienidylle schließlich zu zerstören droht.

Wie immer bereitet die Mutter in mühevoller Kleinarbeit die Muscheln für das Abendessen vor. Schließlich soll es etwas Besonderes geben, wenn der Vater von der Dienstreise zurückkommt. Doch im Grunde macht sie sich nichts aus Muscheln, genauso wenig wie die Tochter und der Sohn, die ebenfalls auf die Ankunft des Vaters warten, der pünktlich um sechs erwartet wird. Man sitzt dann gemeinsam am ordentlich gedeckten Tisch, wie es sich für eine richtige Familie gehört.

So beginnt die Erzählung von Vanderbeke mit einer harmlosen und alltäglichen Beschreibung. Während der Vorbereitungen auf das Essen erfährt man nach und nach Details aus einem Familienleben, das sich ohne weiteres hinter der Nachbarstür abspielen kann. Erst als alle am Tisch sitzen und auf den Vater warten, der sich aus unerklärlichen Gründen verspätet, wird dem Leser nach und nach die ganze Wahrheit serviert. Aus Sicht der älteren Tochter erfährt man, was es mit dieser richtigen Familie auf sich hat. Dabei setzt Vanderbeke ihre Leser mit an diesen vorbildlich gedeckten Tisch in einer nach außen hin so wunderbar scheinenden Familienidylle. Denn tatsächlich teilt man die Gesellschaft mit einer gedemütigten Frau und zwei misshandelten Kindern, die nach Jahren der Aggression, Unterdrückung und Tyrannei anfangen sich zu befreien, während sie auf ihren Peiniger, den Familienvater, warten. Dabei scheint jede Minute, die das Familienoberhaupt zu spät kommt, ihren Widerstand zu verstärken.

Birgit Vanderbeke erzählt auf eine faszinierende Weise. Die Sätze sind sehr lang und durch ständige Wiederholungen des Inhalts geprägt. In einer ruhigen und fast naiv anmutenden Art erzählt ihre Protagonistin über den Alltag unter einem autoritären und zu Gewalt neigenden Vater, der mit aller Macht seine Vorstellungen einer richtigen Familie lebt ohne Rücksicht auf die anderen Mitglieder. Dabei schafft es die Autorin eine Atmosphäre aufzubauen, dass man sich schon fast beim heimlichen Beobachten ertappt fühlt, wenn man nur weiterliest und transportiert damit genau das Gefühl des „Lange geahnt, aber nicht richtig gewusst“-Habens, das einen beschleicht, wenn man von Grausamkeiten aus der Nachbarschaft oder dem entfernteren Freundeskreis erfährt. Gewaltszenen findet man in der Erzählung nicht. Es sind mehr die Gedanken derjenigen, die diese Unterdrückung und körperliche Bestrafung erfahren, die einem Tränen in die Augen treiben lassen.

Eigene Meinung
Ein Buch, das einem etwas im Magen liegen bleibt, wie die ekeligen Muscheln, die letzten Endes auf dem Tisch in der Erzählung stehen. Was zu Beginn des Lesens als nervige Wiederholung in den Sätzen aussieht, wird sehr schnell zu dem subtilen Mittel, dessen sich Vanderbeke bedient, um den Leser in das Geschehen ihrer Erzählung zu ziehen. Um Wiederholung geht es auch. Jahrelange Quälereien, Brutalität, Demütigung und die Kunst das alles zu ertragen, um für die Öffentlichkeit ein anderes, zudem perfektes Bild abzugeben.

Das Muschelessen ist ein Genuss für ruhige Stunden mit mehreren Botschaften und einem schönen, wenn auch offen gehaltenen Ende. Es berührt und regt nicht nur zum Nachdenken, sondern zum Hinschauen an, sodass man sich unbewusst die Frage stellt, was wohl hinter der einen oder anderen Haustür tatsächlich passiert. Vielleicht weiß man es insgeheim bereits. Ausgesprochen gerne gelesen.

„…man muß doch auch Verständnis haben; uns ist aber an dem Abend das Verständnis ausgegangen und weggeblieben und nicht mehr wiedergekommen…“

„…hat er noch einen Kognac getrunken, während ich überlegt habe, was man sich bricht, wenn man vom ersten Stock runterspringt, aber die Fenster und Balkontür waren natürlich wegen der Nachbarn geschlossen,…“

„…,aha, das Jüngste Gericht fängt um dreiviertel zehn an, das hatten wir nicht gewußt, dieses Klingeln hat das Ende der Welt eingeläutet, gerade als sowieso für meine Mutter alles zusammengebrochen war…“

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