Wir lieben wohl die Dystopie

Damals, als die Welt noch in Ordnung war…

Erdbeben, Vulkan, Urzeitmonster, Seuchen oder Meteoriteneinschläge. Wenn es um den gepflegten Weltuntergang geht, kennt unsere Phantasie keine Grenzen. Man muss auch zugeben, dass wir in der eigenen Vernichtung ziemlich viel Übung haben. Geht es um Krieg, Zerstörung und Unterdrückung, macht uns Menschen keiner so leicht etwas vor. Mit Massenvernichtungswaffen der chemischen Sorte kennen wir uns genauso gut aus, wie mit psychischer Folter. Bloss die Natur mit ihrer ungebändigten Gewalt ist noch besser. Vor allem gründlicher.

Wir stellen uns gerne fremde und phantastische Welten vor. Unser Untergang oder zumindest die Zerstörung einer bestehenden Gesellschaftsform sind begehrte Themen für viele erfolgreiche Bücher und Filme. Die Vernichtung von etwas Bestehendem hat bei uns Menschen Tradition, denn selbst alte Schriften wie die Bibel prophezeien den Tag des Jüngsten Gerichts und der Apokalypse. Wir wissen das uralte Kulturen und ganze Städte im Laufe der menschlichen Geschichte ausgelöscht worden sind. Rührt daher unser großes Interesse an einem spektakulären Niedergang der Menschen? Einem richtigen Showdown?
Eigentlich will doch keiner von uns leiden oder sterben. Wir geben uns sogar sehr gerne dem Jugendwahn hin und die Forschung ist auf der Suche nach dem Geheimnis des ewigen Lebens. Trotzdem entwickeln wir eine unglaubliche Vorstellungskraft, wie es sein könnte, wenn sich unsere Welt von heute auf morgen drastisch verändert. Im Vordergrund steht meistens ein Szenario, das die bestehenden Regeln, Werte und Moralvorstellungen aushebelt. Meistens werden große Teile der Welt durch Krieg oder eine Naturkatastrophe zerstört. Gerne bricht auch eine Krankheit bricht aus, nicht selten ein misslungenes menschliches Experiment, die den Menschen oder die Umwelt so stark verändert, dass ein Bestehen der jetzigen Zivilisation nicht mehr möglich ist. Oft verlieren gesellschaftliche Strukturen, Geld und Aussehen vollständig ihren altbekannten Wert. Die überlebenswichtigen Dinge, wie die Suche nach Nahrung, einer sicheren Unterkunft und einer Gruppe Gleichgesinnter rücken hauptsächlich in den Vordergrund.
Im Gegensatz zur früheren Zeit ist unser heutiger Alltag geradezu langweilig. Das Essen kommt aus dem Supermarkt, sauberes Wasser aus der Leitung, Wärme kommt aus den Heizkörpern und Kälte aus dem Kühlschrank. Wir werden auf dem Weg zur Schule, Arbeit oder Freunden weder von wilden Tieren angefallen, noch müssen wir irgendwelche Schluchten überwinden und nur in ganz wenigen Fällen werden wir unterwegs ausgeraubt oder müssen uns einer körperlichen Auseinandersetzung stellen. Wir haben alle möglichen Arten der Unterhaltung und des Zeitvertreibs und geben unser Geld für Dinge aus, die in vielen Fällen nicht lebensnotwendig sind. Unser Überlebenskampf beschränkt sich mittlerweile sehr oft auf den Erhalt des Jobs und eines gewissen Lebensstandards. Wir wollen eine Wohnung, einen gefüllten Kühlschrank und einige Annehmlichkeiten. Wenn diese Sachen soweit erfüllt sind, wird uns scheinbar langweilig.

Ist das der tatsächliche Grund, warum wir uns so gerne eine Dystopie vorstellen oder uns zumindest bei diesem Thema gut unterhalten fühlen? Vielleicht sehnen wir uns insgeheim danach, wieder um das nackte Überleben kämpfen zu müssen. Wir stellen uns gerne eine anders geordnete Gesellschaft mit neuen Gesetzen vor, in der Geld oder Titel keine primären Rollen mehr spielen.

Eine ins Chaos gestürzte Welt bietet für jeden von uns einen Neuanfang. Ist es insgeheim das, was diese Vorstellung so reizvoll macht?

Oder ist es am Ende doch nur der kleine Wunsch und die oft zu romantische Betrachtung etwas Anarchie ausleben zu können?

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