Rammstein Interpretationen – Asche zu Asche

Der vollständige Spruch, der ursprünglich aus der Beisetzungszeremonie, einem üblichen kirchlichen Begräbnis bekannt ist, lautet eigentlich: Erde zu Erde, Asche zu Asche und Staub zu Staube. Er wird vom Priester gesprochen und dieser streut dabei eine Schaufel Erde in das offene Grab. Dienten diese Worte als Inspiration für diesen musikalisch doch harten Song?
Oder sind in diesem Song wieder einige Chiffren versteckt, die Lindemann schon so lange Zeit nachgesagt werden und die ich bereits in der Interpretation von „Mann gegen Mann“ versucht habe zu finden? Zwei Zeilen sind zumindest verdächtig. Wir werden sehen…

Asche zu Asche
(Till Lindemann – Rammstein – Album Herzeleid)

 

Warmer Körper

Nur ein Lebender besitzt einen warmen Körper. Ein Toter oder selbst Untoter, sogar ein Geist sind nicht nur in unserer Vorstellung sondern tatsächlich kalt. Dies gilt zumindest für den wahrlich toten Körper.

Heisses Kreuz

Etwas Heißes tut einem weh, vor allem stellen wir uns ein Kreuz in erster Linie aus Holz oder Metall vor. An etwas Heißem verbrennen wir uns, tun uns weh oder uns wird damit Schmerz zugefügt.

Falsches Urteil

Ein Urteil ist in dem Fall falsch, wenn jemand zu Unrecht für eine Sache beschuldigt wird. Oder aber für etwas verurteilt wird, worüber gar nicht zu urteilen ist bzw. geurteilt werden kann oder sollte, z.B. eine Überzeugung. Man soll laut Bibel auch kein falsches Zeugnis ablegen. Die Lüge als falsches Urteil?

Kaltes Grab

Eine interessante Zeile und genau das Gegenteil vom vorgenannten heißen Kreuz. Zwangsläufig auch das Gegenstück zu einem warmen Körper. Das Grab als Ende einer Folge und dieser Vers als absolutes Ende der vorhergehenden und der Abschluss der ersten Strophe.

Kein Reim.

Auf dem Kreuze lieg ich jetzt

Das Urteil steht kurz bevor.

sie schlagen mir die Nägel ein

Mit dem Einschlagen der Nägel wird es endgültig vollstreckt. Will man den zwei folgenden Zeilen vorgreifen, kann man sich auf die Redensart „jemanden auf etwas festnageln“ beziehen. Abgesehen davon, dass es Sinn zur vorhergehenden Zeile macht, kann von dem Verurteilten auch eine klare Aussage, quasi sein Wort, gefordert werden. Eine endgültige Entscheidung.

das Feuer wäscht die Seele rein

Auch diese Zeile sollte man nicht zu schnell überlesen. Obwohl der Text sehr stark an die Kreuzigung von Jesus angelehnt scheint, existiert zu dieser Zeit die Vorstellung eines Fegefeuers, in dem die Seele von ihren Sünden „reingewaschen“ wird, überhaupt noch nicht. Dieses Fegefeuer ist eine viel spätere Erfindung der Kirche. Trotzdem gelingt hiermit ein plausibler Übergang zu den Worten „Asche zu Asche“ und damit zur folgenden Zeile.

Auch kann man sich hier vergegenwärtigen, dass das Feuer sowieso nur den sterblichen Körper läutern kann, nicht aber die unsterbliche Seele. Wird also ein gesprochenes Wort verbrannt, ist das Resultat:

und übrig bleibt ein Mund voll Asche

Der Mund als Symbol für die Sprache und das Wort. Alles was gesagt wird und wurde, vergeht wie das Leben selbst. Endet. Das Gesprochene, vielleicht sogar das Versprechen, das Versprochene wird zu Staub, Asche und zu einem Überbleibsel ohne Wirkung. Der Mund mit dem fahlen Nachgeschmack des toten Wortes? Zumindest ein schönes, wenn auch trauriges Bild, was hier gezeichnet wird.

Asche zu Asche

Hier folgen also die Worte der Beisetzungszeremonie.

Ich komm wieder

Alles holt uns irgendwann einmal ein. Schuld, Gewissen oder Menschen, die wir verletzt oder sogar geschädigt, sogar geliebt haben. Entweder um Rache zu nehmen oder uns zur Rede zu stellen. Manchmal vielleicht auch nur, damit wir nicht vergessen.

in zehn Tagen

Die Parallele zur Auferstehung von Jesus Christus will hier sehr schnell gezogen sein. Es klingt im gesamten Zusammenhang auch sehr plausibel, allerdings ist Jesus bereits nach drei und nicht erst nach zehn Tagen auferstanden. Warum also zehn? Sind hier vielleicht die zehn Tage als der Bruch der zehn Gebote zu sehen. Jedes für einen Tag.

als dein Schatten

Das einzige, was einen selbst immer als Schatten verfolgen kann, ist der eigene Schatten und das eigene Gewissen, die Erinnerungen und Gedanken. Dazu braucht der Verfolger noch nicht einmal tatsächlich tot oder auferstanden sein.

und werd dich jagen

Eine Flucht oder ein Versteck gibt es nicht. Diese Zeile ist bereits ein Versprechen oder eine Drohung an sich.

Heimlich werd ich auferstehen

Das Heimliche als das Unerwartete. Wer rechnet damit, dass eine verbrannte Person in welcher Form auch immer wieder aufersteht? Der Mythos von den auferstehenden Toten ist in fast jeder großen (auch vergangenen) Religion fest verankert. Wenn nicht die Auferstehung, dann aber die Wiedergeburt, die ebenfalls einer Rückkehr gleichkommt. Mit dem Wort „heimlich“ wird es aber schon zu einer bereits geplanten geheimen Aktion und Drohung, vielleicht sogar zu einem neuen Versprechen, denn das erklärt die darauf folgende Zeile:

und du wirst um Gnade flehen

Was nach der Auferstehung passieren wird, fürchtet der Gejagte, egal ob nun eine Rache folgt oder nicht. Derjenige, der die Kreuzigung und das Urteil herbeigeführt hat, muss und soll sich fürchten. Tut es sogar bereits.

dann knie ich mich in dein Gesicht

Diese Zeile ist wohl entweder als Metapher gemeint, die nur sehr schwer zu interpretieren ist oder tatsächlich wieder eine der Chiffren.

Als Interpretationsversuch sei hier nur ein seichter genannt. Sollte es sich tatsächlich um den Racheakt des Verurteilten handeln, dann ist das ein Akt der Erniedrigung. Das Knien auf dem Gesicht als Respektlosigkeit vor dem bereits bezwungenen Gegner, Verräter oder Peiniger. Denn der Protagonist kniet mit seinem gesamten Gewicht IM Gesicht seines Opfers. Eine Demütigung und ein Machtbeweis, wenn auch ein nachträglicher.

Und steck den Finger in die Asche

Eigentlich steckt man den Finger doch in die Wunde. So zumindest die Redensart. Damit erfolgt der Hinweis auf ein Nachteil, ein begangenes Unrecht, eine Schwäche, ein Laster, etwas Übles. Man kann Menschen aber auf das Gesprochene festnageln. Vielleicht verbrennen hier im übertragenen Sinne falsche Aussagen, Versprechen, Eide und Schwöre, die jemand abgegeben hat.

Betrachtet man allerdings die vorherigen Zeilen, muss den Gejagten genau dasselbe Schicksal ereilt haben, wie den Gepeinigten. Denn es blieb doch nur ein Mund voll Asche…

Bestraft sich derjenige also letzten Endes nur selbst? Auch diese Zeile kann, muss aber nicht eine Chiffre enthalten.

Asche zu Asche
Und Staub zu Staub

Es folgen die abschließenden Worte wie in einer Beisetzungsfeier und damit das Ende dieses Songs. Ein passender Abschluss.

 

Interessanterweise ist die Bibel immer voll von Dreier-Aufzählungen. Nicht umsonst spricht man auch von der Dreifaltigkeit (Vater – Sohn – heilige Geist), drei heilige Könige und am dritten Tag auferstanden von den Toten. Im Song sind es jedoch zehn Tage. Ein Fingerzeig auf die zehn Gebote, die wir im Leben doch nicht alle einhalten? Sicherlich töten nur die wenigsten von uns einen anderen Menschen. Alle anderen sind schnell gebrochen. Die Verse sind in diesem Lied aber immer vier. Bestimmt nur ein Zufall und dem Fluss des Liedes geschuldet. Es ist naheliegend, dass die Leidensgeschichte von Jesus Christus oder zumindest eine Predigt oder ein Begräbnis die Inspiration bzw. Idee zu diesem Song sind.

Doch wem gilt die ausgesprochene Drohung und in welcher Form erfolgt die Bestrafung? Wer wird überhaupt bestraft?

Wieder einmal ein interessanter Text, über den ich sehr gerne mit Till Lindemann sprechen würde. Vielleicht aber wäre seine Antwort an vielen Stellen trivial: Es sollte sich reimen, aber auch das wäre eine zufriedenstellende Erklärung.

Hinweis: Der hier wiedergegebene Songtext ist urheberrechtlich geschützt. Sämtliche Rechte liegen bei der Band Rammstein bzw. den gesetzlichen Vertretern.

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