Nichts – was im Leben wichtig ist

Janne Teller

„Nichts bedeutet irgendetwas, deshalb lohnt es sich nicht, irgendetwas zu tun.“

Mit diesen Worten schockiert Pierre Anthon seine Mitschüler und verlässt den Unterricht. Was er damit in seiner Klasse auslöst, beginnt harmlos und entwickelt sich schnell zu einer Spirale aus Angst, Hass, Wut und Ohnmacht. Die Geschichte einer dramatischen Eskalation…

 

cover_nichts was im leben wichtig ist

Zuerst denken die Klassenkameraden, dass Pierre Anthon irgendwann von seinem Pflaumenbaum heruntersteigen muss, nachdem er das Klassenzimmer zu Beginn des Schuljahres verlassen hatte, und obwohl sie ahnen, dass er irgendetwas begriffen hat, was sie alle längst im tiefsten Inneren spüren, wollen sie ihm nicht klein beigeben. Außerdem nervt er, wenn sie an ihm und dem Baum vorbeikommen und er sie mit seinen Aussagen nicht nur verwirrt, sondern auch verärgert. Andauernd will er ihnen, so glauben sie, etwas weismachen, nämlich, dass nichts von Bedeutung ist. Er macht sie so wütend, dass sie versuchen, ihn mit Steinen vom Baum zu holen, aber dann besinnen sie sich und haben eine bessere Idee: Sie wollen einen Berg der Bedeutung im alten und stillgelegten Sägewerk erschaffen, der Pierre Anthon endlich vom Gegenteil überzeugt, dass es doch sehr viele Dinge gibt, die Bedeutung haben. Und weil es mit dieser Bedeutung nicht ganz so einfach ist, wie sie dachten, muss immer ein Klassenkamerad für einen anderen bestimmen, was auf diesen Berg gehört und von Bedeutung ist. So landen die Lieblingsschuhe, das teure Fahrrad und Boxhandschuhe auf dem Haufen. Doch von Wahl zur Wahl werden die Forderungen härter und schon bald geht es nicht nur um Bedeutung, sondern um Hass, Rache und Genugtuung.

Auf nur 144 Seiten schildert Janne Teller eine Geschichte über Jugendliche, die nicht nur versuchen, etwas zu beweisen, sondern auch zu begreifen und dabei immer radikaler vorgehen. Erzählt wird die Geschichte von der Schülerin Agnes in der Ich-Perspektive. Die Sätze sind einfach, die Handlung knapp und ausgesprochen nüchtern geschrieben, dafür ausdrucksstark und emotional komprimiert. Vielleicht macht aber genau dieser Stil einen großen Teil der Erzählung aus, denn die geschilderten Ereignisse sind berührend, brutal und gehen an die Schmerzgrenzen.

Erstaunlich anders ist auch der Schluss der Geschichte, wobei man fast sagen möchte, dass es mehrere Enden gibt. Es gelingt der Autorin hervorragend, immer wieder noch eins drauf zu satteln, wenn man als Leser gerade an dem Punkt ist: „Okay, das war jetzt hart, aber das war‘s jetzt.“ Bei diesem Buch nicht.

Zudem schafft es Teller neben der krassen Gesellschaftskritik einen Bogen zu Tabuthemen zu schlagen. Sie kommt mit einer geballten Ladung wie Vergewaltigung, Grabschändung, Verstümmelung, Gruppenzwang, Erniedrigung und Tötung daher.

 

Eigene Meinung

Mich hat dieses Buch sehr beschäftigt. Vor allem auch, nachdem ich viele Rezensionen dazu gelesen habe. Es wird sehr kontrovers diskutiert sowohl bei jüngeren Lesern als auch bei Erwachsenen. Einige finden es erschreckend, andere können gar nichts damit anfangen, wieder andere behaupten, es enthielte einen „philosophischen“ Denkfehler, was ich persönlich für Unfug halte. Das Buch ist in sich vollkommen schlüssig, allein schon aus dem Grund, wie die Geschichte dann ihren Verlauf nimmt. Hier möchte ich aber nicht weiter ausführen, es sollte jeder selbst und unvoreingenommen lesen.

Dann aber gibt es auch Stimmen, die das Buch als sehr gut bewerten, aber dennoch kritisch sind, ob es für Jugendliche geeignet sei. Dies mag sicherlich ein nachvollziehbarer Diskussionspunkt sein, allerdings nur unter dem Aspekt, die Jugendlichen schützen zu wollen oder aber erst gar nicht auf ähnliche Gedanken kommen zu lassen. Denn tatsächlich handelt das Buch von Dingen, mit denen alle Jugendlichen mehr oder weniger ständig in Berührung kommen, mit denen sie sich auseinandersetzen müssen und zwar bereits in jüngeren Jahren, also 13+. Ob da der Schutz noch die richtige Strategie ist, wage ich zu bezweifeln und Verbotenes ist umso interessanter.

Sehr oft taucht auch der Vorwurf auf, dieses Buch würde den Jugendlichen den Mut zum Leben nehmen und den Sinn infrage stellen, nach dem es sich lohnt, etwas erreichen zu wollen, etwas zu werden und zu sein. Dies sehe ich nicht so. Es ist genau das Gegenteil der Fall. Denn es geht gar nicht um den Sinn des Lebens, sondern um Illusionen, Lügen, Schein und das Hinterfragen von Systemen, der Realität und der Welt.

Auch wird dem Buch angekreidet, dass die Einsicht der Jugendlichen fehle, etwas Unrechtes getan zu haben. Diese kann gar nicht Bestandteil der Erzählung sein. Der Autorin geht es am Schluss nicht um eine Moralpredigt, nicht um den zurechtweisenden Zeigefinger, es geht gar nicht um Richtig oder Falsch, nicht um Gut oder Böse, denn genau da lässt sie die Grenzen plötzlich verschwimmen. Dass ausgerechnet Erwachsene sich damit so unglaublich schwer tun, ist schwer nachvollziehbar. Es geht um Erkenntnis, nicht um Ethik oder Moral. Hier wird sie wohl sehr oft missverstanden.

Des Öfteren findet auch ein Vergleich mit „Die Welle“ statt. Mir persönlich will er aber nicht ganz passen. So wird bei Rhue ein Experiment beschrieben, bei Teller ist es eine „reale“ Begebenheit, d.h. die Schüler werden eben nicht von einem Lehrer zu einer Sache motiviert. Ihr Projekt entsteht aus eigenem Antrieb, sie erleben die Gruppendynamik, die Verschiebung von Kräften, die aus ihrem Handeln resultieren. Den Wechsel zwischen dem Starken und Schwachen und wie die Dinge ihren Lauf nehmen. Zudem bekommen sie Bestätigung für ihr Tun von außen ohne genau zu wissen, ob das nun richtig ist, was sie getan haben oder falsch. Die Frage stellt sich nicht. Wenn Erwachsene es als wichtig und wertvoll ansehen, also die Masse, dann kann es nicht falsch sein! Hier geht es um die Option des Hinterfragens des eigenen Tuns und Verantwortung. Darum, wie andere die Dinge sehen, nicht wie sie vielleicht in Wirklichkeit sind.

Tatsächlich bin ich der Meinung, dass es keine leichte Lektüre ist und sie bedarf des Gesprächs, das in der Gemeinschaft einer Klasse sehr gut stattfinden kann. Dass sich Jugendliche mit dem Buch schwer tun, wenn sie es alleine und einfach so lesen, ist nachvollziehbar.

 

Fazit: Ein lesenswertes Buch. Man sollte sich auf Einiges gefasst machen und sich Zeit zum Nachdenken nehmen.

 

„…„Das Ganze ist nichts weiter als ein Spiel, das nur darauf hinausläuft, so zu tun als ob – und eben genau dabei der Beste zu sein.“…..“

„…Wir waren gerade in die siebte Klasse gekommen, und wir fühlten uns alle so modern und kannten uns im Leben und in der Welt aus, und wir wussten natürlich längst, dass sich alles mehr darum drehte, wie etwas aussah, als wie es tatsächlich war…“

„…Bei dem Gedanken, wie viele unterschiedliche Personen in ein und demselben Menschen stecken konnten, bekam ich eine Gänsehaut…“

„…Und uns war egal, wer gegen uns und die Bedeutung des Bergs aus Bedeutung war, ob in Taering oder in der Presse oder anderswo im Land oder in der Welt. Denn immer mehr waren dafür…“

    Schreibe einen Kommentar

    Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.