Der Ketzer und das Mädchen

Petra Gabriel

Konstanz 1414. Auf der Flucht vor einem Kinderfänger gelangt Ennlin mit ihrem kleinen Bruder nach Konstanz. Könige, Fürsten und Gelehrte aus aller Herren Länder wollen dort beim großen Konzil die Kirche reformieren. Ennlin findet Freunde und begegnet einem Mann, der sie tief beeindruckt – Jan Hus, der Ketzer aus Böhmen. Fassungslos erlebt sie mit, wie er zum Spielball von Intrigen wird. Und auch Ennlin gerät in die Mühlen der Mächtigen und muss um Leib und Leben fürchten…

 

Als Ennlin die Flucht vor dem Kinderhändler „Gelber Hans“ gelingt, landet sie gemeinsam mit ihrem kleinen Bruder in den Straßen von Konstanz. Völlig mittellos schließt sie sich der Kinderbande des „Lächelnden Otts“ an, einem Jungen, der selbst vom Gelben Hans im Gesicht verstümmelt wurde und nun mit einer Fratze leben muss. Ennlin muss ihren Beitrag zur Gruppe leisten und stehlen. So beklaut sie eines Tages Benedikt, den Sohn der Pfisterin, die in der Stadt gute Geschäfte macht, unter anderem mit der Nobelhure Constanzia. Vom Hunger getrieben geht Ennlin zur Armenspeisung, wo ihr Hennslin, der Neffe eines Ritters auflauert und ihr zusammen mit Freunden an den Rock will. Benedikt greift ein, doch in diesem Tumult verschwindet Jakob, Ennlins kleiner Bruder, denn der Gelbe Hans ist ebenfalls in Konstanz und will Rache.

Durch eine Verkettung „interessanter“ Zusammenhänge landet Ennlin ausgerechnet als Dienstmagd im Hause der Pfisterin, wo auch Hus, der Ketzer aus Böhmen Quartier nimmt. Zudem gerät Ennlin immer wieder in Schwierigkeiten, da sie ihren Bruder aus den Fängen des Gelben Hans befreien will, dabei bekommt sie Hilfe von sehr einflussreichen Gönnern unter denen ihr Lehenherr und ein englischer Graf sind. Diese helfen ihr aus der Not, dem Kerker und so weiter und so fort. Dies alles passiert natürlich immer während des Konstanzers Konzils.

Die Autorin erzählt in diesem Buch ein ziemlich einfaches und nettes Märchen für Erwachsene. Ennlin, das tapfere junge Mädchen, dem viel Unglück zustößt, aber das immer viele Retter und Ritter um sich schart, die sie immer im letzten Moment retten, bevor ihr tatsächlich etwas zustößt. Die Erzählung wird zudem durch die Schilderungen und Begebenheiten des Konzils unterbrochen. Zwar schafft es die Autorin schöne Intrigen und Zusammenhänge in die Geschichte zu spinnen, doch bleibt die Erzählung ohne Spannungsbogen und Gefühl. Zugute halten muss man der Autorin, dass sie der Zeit entsprechend eine hervorragende Wortwahl nutzt und auch viele Tatsachen über das tägliche Leben in der Zeit, die Sitten, Gesetze und Bräuche einfließen lässt. Auch der Schreibstil ist angenehm und flüssig. Dennoch plätschert die Handlung über 356 Seiten dahin und endet doch überraschend und wohl sehr realistisch. Dies kann allerdings die trivial aufgebauten Charaktere und die oft sehr harmlose und teilweise etwas absurde Handlung nicht aufwiegen.

Sehr schön und ausführlich ist der großzügige Anhang im Buch, der sowohl Informationen zu den wichtigen Persönlichkeiten in der Erzählung und während des Konzils liefert. Ebenfalls enthalten sind Erklärungen zu Begriffen und dem damaligen Alltag. Leser, die sich für das Mittelalter interessieren, werden daran sehr viel Freude haben.

 

Eigene Meinung

Dieser Roman war schnell durchgelesen. Dies lag an der angenehmen Schreibweise von Petra Gabriel und den recht kurzen Kapiteln. Überzeugen konnte mich die Erzählung aber nicht, gleiches gilt für die Charaktere und vor allem die Protagonistin. Da kommt eine Unfreie vom Land nach Konstanz und freundet sich nach und nach mit dem Jungen an, den sie zuerst bestiehlt und dann mit einem, der sie fast vergewaltigen wollte. Jepp! Das klingt sehr nach einer Heldin, die dann auch noch alle Jungs ihre Ritter nennt. Natürlich verliebt sie sich in einen, selbstverständlich den anständigen aus bürgerlichem Haus und natürlich kommt es, wie es kommen muss, nämlich, dass sie doch keine so Unfreie ist, sondern…ach ja…Als dann Ennlin durch ihre Gönner zur einflussreichsten Person in der Erzählung wird, verliert die Handlung vollkommen an Plausibilität, vor allem wenn man erfährt, dass das Mädchen erst 13 Jahre sein soll.

Besonders beeindruckt hat mich dieser eine Satz:

„Der See, dessen Oberfläche sich an schönen Tagen kräuselte wie die Nase eines lustigen Mädchens, klang in dieser Nacht träge wie ein alter Mann.“

Ja, nun. Vielleicht verkenne ich an dieser Stelle die Schönheit dieser außergewöhnlichen Formulierung. Oder ich verstehe den Vergleich nicht oder wie kann zuerst etwas aussehen und dann klingen. Ich war so verwirrt, dass es mich aus der Handlung gerissen hat.

Fazit: Kann, muss man aber nicht lesen. Ein schöner Roman für Mittelalter-Fans.

 

„…Ennlin wusste ganz tief in ihrem Inneren, dass er diesen Schwur halten würde. Denn der Lächelnde Ott war ein guter Mensch, obwohl er raubte und mordete …“

„…Ennlin lächelte den drei jungen Männern durch die Tränen zu, zog die Nase hoch und wischte sich das Gesicht mit dem Ärmel ab. ‚Danke. So habe ich dann drei Ritter?‘ Drei Köpfe, ein blonder, ein dunkler und ein fuchsroter nickten…“

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