Stadt aus Glas

Paul Auster

Der Krimiautor Daniel Quinn kann kaum noch tiefer sinken. Nach dem Tod seiner Frau und seines Sohnes sieht er keinen Sinn mehr im Leben und isoliert sich zunehmend von seiner Umwelt. Doch da klingelt eines Nachts das Telefon. Quinn übernimmt die Rolle eines Privatdetektivs und legt sich zur Tarnung den Namen Paul Auster zu. Seine Mission besteht darin, den verrückten Religionsforscher Peter Stillmann zu observieren, der nach dreizehn Jahren psychiatrischer Klink entlassen worden ist. Dessen Sohn fürchtet sich davor, dass sein verwirrter Vater ihm nach dem Leben trachten könnte. Quinn folgt Stillman kreuz und quer durch New York, doch kann er sich einfach keinen Reim auf dessen Handlungen machen. Da verschwindet Stillman plötzlich.

 

Mit diesem Klappentext ist der 175 seitige Roman erzählt. Quasi. Der Autor beschreibt einen Autor, der Kriminalromane schreibt und dessen Protagonisten, einen Kommissar, in dessen Rolle Austers Protagonist nur zu gern schlüpfen würde und dies im Gedanken schon tut. Doch mit einem fehlgeleiteten Anruf wird aus dem Autor tatsächlich ein Detektiv. Dieser nimmt nicht nur Paul Austers Namen an, er verschafft diesem Namen eine Identität und mit dieser verfolgt er Stillman Senior, der nach seiner Freilassung anscheinend wahllos durch New York irrt. Als Quinn irgendwann aus Verzweiflung den echten Paul Auster aufsucht, den es tatsächlich gibt, muss er feststellen, dass dieser gar kein Privatdetektiv ist, sondern Schriftsteller wie er selbst. Ab da entgleitet Quinn nicht nur sein Fall, sondern auch sein Leben.

 

In diesen kurzen Roman hat Auster so unglaublich viele Ideen und Ansätze gesteckt, dass man als Leser denkt, ihm folgen zu können, aber dann doch sehr aufpassen muss, welchem Faden man noch sieht und welche man längst verloren hat. Die Geschichte geht sehr gut und spannend an, bis zu dem Zeitpunkt als die Observation von Stillmans Vater beginnt. Ab da folgen Dialoge, die den Leser etwas ratlos zurücklassen, nicht des Inhalts wegen, sondern bezüglich des Zusammenhangs.

Philosophische Ansätze, zuweilen sogar etwas schräg, psychologische Fragetechniken, historische und biblische Begebenheiten sowie deren theologische Interpretationen und das alles immer wieder unterbrochen von Beschreibungen wer wann wie welche Straßen entlangläuft. Dazu schafft der Autor immer mehr Gemeinsamkeiten zwischen dem Verfolgten und seinem Verfolger, als gingen die Figuren ineinander über. Das gelingt hervorragend, doch dann kommt wieder eine harte Wendung. Das letzte Fünftel des Buches beschäftigt sich mit der Auflösung des Falles, lässt aber am Schluss viele Dinge offen.

Tatsächlich überzeugt dieses Buch hauptsächlich durch einen hervorragenden Schreibstil und ein Wortgefühl, das beim Lesen wirklich Freude bereitet. Auster schafft es, sehr komplexe Aussagen in wenigen Sätzen so klar abzubilden, dass richtige Bilder entstehen und Geschichten in der Geschichte entstehen. Das ist wirklich perfektes Handwerk und ein Genuss. Inhaltlich hingegen ist es eine Ansammlung vieler Themen, allerdings ist keins genau ausgearbeitet, außer die Verstrickungen zwischen dem Schaffenden und seinem Werk. Zwischen dem was wir sind und den Rollen, die wir annehmen, aber selbst in diesen Punkten kann man sich nicht sicher sein, ob das tatsächlich vom Autor gemeint war. Viele Anspielungen auf Don Quijote, die Bibel, Alice im Wunderland, die Henne-Ei-Problematik, Sprachgebrauch und Wortschöpfung sowie der Sinn des Lebens werden in diesem dafür viel zu kurzen Roman zwar aufgegriffen, aber nicht fortgeführt. So bleibt man am Ende nur ein Achselzucken.

 

 

Eigene Meinung

Nur selten hat mich ein Buch so verwirrt zurückgelassen. Entweder bin ich noch zu jung für das Buch, zu blöd oder es ist einfach nicht mein Ding.

Auster schreibt wirklich genial. Das Lesen an sich, die Formulierungen, der Aufbau der Stimmungen im Buch, das alles ist wirklich perfekt und man kann aus solchen Bücher wirklich viel lernen. Doch dann kommt der Inhalt und ich zweifle daran, verstanden zu haben, was der Autor ausdrücken wollte und ob überhaupt. Zwar lesen sich viele Interpretationen sehr plausibel und schön, aber erfassen sie auch nur einzelne Aspekte der Buches.

 

Fazit: Ein hervorragend geschriebenes Buch, das so unglaublich viel Platz für Interpretationen lässt, dass wohl jeder etwas anderes für sich herauslesen kann. Sowas ist Geschmackssache. Für mich war es eine interessante, wenn auch seltsame Abwechslung von meiner üblichen Lektüre. Dennoch habe ich das Buch gerne gelesen. Seine Zeit verschwendet man mit Auster auf keinen Fall.

 

„…Das Problem ist die Geschichte selbst, und ob sie etwas bedeutet oder nicht, muss die Geschichte nicht sagen…“

 

 „…Denn wenn man den Menschen, den man vor sich hat, nicht als menschlich betrachtet, kennt das Gewissen nur wenige Hemmungen im Verhalten ihm gegenüber…“

 

„…Dann kamen wie auf Befehl die Zweifel und füllten seinen Kopf mit spöttischen, eintönigen Stimmen…“

 

„…Herren über die Wörter werden, die wir sprechen, die Sprache unseren Bedürfnissen anpassen…“

 

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