FUTU.RE

Dmitry Glukhovsky

Europa in der Zukunft. Seit der Tod mit technischen Mitteln besiegt wurde, ist der Kontinent völlig übervölkert und zu einer gewaltigen Metropole aus hoch in den Himmel ragenden Türmen zusammengewachsen. Während die Reichen und Mächtigen ein unbeschwertes Leben in den obersten Etagen führen, vegetiert die Mehrheit der Menschen auf den unteren Ebenen dahin. Doch schon die Geburt eines einzigen Kindes reicht aus, um die totalitäre Gesellschaftsordnung ins Wanken zu bringen…

 

Europa besteht aus riesigen Türmen, die durch Tubes – einer Art Schnellbahnen, die sämtliche Länder in kurzer Zeit erreichen – verbunden sind. Man ernährt sich hauptsächlich von Heuschrecken und Grashüpfern als Proteinlieferant und jeder Menge Tabletten gegen Depression und Langeweile. Wasser, Strom und vor allem Wohnraum sind knappe und wertvolle Wirtschaftsgüter. Der Tag-Nacht-Rhythmus besteht nicht mehr. Die Menschen leben eher in drei Schichten, damit die übervollen Städte logistisch überhaupt dieser Flut an Leuten Herr werden. Hinzukommt: Wer in Europa lebt und angemeldet geboren wird, hat ein Recht auf ewiges Leben. Doch dafür muss ein Elternteil sterben.

In genau diese Welt wirft Glukhovsky seine Leser und macht sie gleich mit dem Protagonisten Jan bekannt, der durch die Einladung bei dem höchsten Senator, Erich Schreyer, die Möglichkeit auf eine schnelle Beförderung bekommt. Doch der Auftrag, der ihn hier unterbreitet wird, hat es in sich. Er soll einen der meistgesuchtesten Männer Europas finden und unschädlich machen. Dabei handelt es sich um Rocamora, einen Führer der Partei des Lebens und Staatsfeind per se. Und um Jan so richtig unter Druck zu setzen, macht Schreyer aus diesem Auftrag gleich einen Wettbewerb. Denn erscheint Jan, als Unsterblicher und Mitglied der Sondereinheit Phalanx, die eigentlich nur für die Geburtenkontrolle zuständig ist, nicht zu dem Einsatz, wird sein Erzfeind, Nr. 503, seine Position als Einsatzleiter übernehmen. Bei diesem Köder beißt der junge Mann sofort an.
Obwohl der Einsatz für Jan und seine Gruppe gut beginnt, läuft ab einem Punkt alles schief. Rocamora entkommt, seine schwangere Freundin wird von Mitgliedern seiner Gruppe vergewaltigt und in der Wohnung zurückgelassen. Schreyer gibt Jan noch eine Chance und befiehlt ihm, die Zeugin zu töten. Dankbar über diese letzte Chance macht sich der Unsterbliche auf den Weg zu der jungen Frau. Dort angekommen, überschlagen sich die Ereignisse und sein bisheriges Leben, seine Überzeugungen und Ideale geraten nach und nach ins Wanken.
Als die junge Frau ihn zu einer Reise in die „freie“ Stadt Barcelona überredet, in der alles anders ist, als im Rest Europas, fängt er an, über sich und seine eigene Herkunft und Kindheit, die er in einer Art Internat verbracht hat, nachzudenken. Schon bald aber holt ihn sein bisheriges Leben und damit auch Schreyer wieder ein. Denn der hat mehr Einfluss, als Jan je geglaubt hätte. Trotzdem gibt es immer einen Weg, das etablierte System aus den Angeln zu heben. Man muss sich nur selbst fragen, ob man bereit ist, den entsprechenden Preis dafür zu zahlen…

In FUTU.RE erzählt Glukhovsky die Geschichte eines jungen Mannes, der als Kind in einem Internat für illegal geborene Kinder aufgewachsen ist. Dort erhalten die Jungen anstatt Namen eine Nummer und lernen, dass ihre Eltern Kriminelle waren und werden unter harten Maßnahmen zu neuen Mitgliedern der Phalanx herangezogen. Die wiederrum sind dafür zuständig genau diese illegalen Kinder aufzuspüren, sie ihren Eltern wegzunehmen und dem Internat zuzuführen, somit besteht ein ewig währender Kreislauf.
Die Kapitel wechseln zwischen Jetzt und Internatszeit, so dass eigentlich zwei Geschichten erzählt werden. Je weiter man in der Geschichte vorankommt, umso mehr versteht man aber das Handeln des Protagonisten, der zuweilen unsympathisch und dumm rüberkommt, dafür aber ausgesprochen menschlich. Glukhovsky schreibt einfach und treibt die Handlung schnell voran. Dennoch schafft er es, eine Stimmung zu erzeugen, die den Leser in die beschriebene Zukunft entführt. Zudem sind die Figuren des Romans alle so angenehm fehlbar und verwundbar. Das lässt einen als Leser mitfühlen und die 925 Taschenbuchseiten durchhalten. Dies liegt allerdings auch an den teilweise sehr gut aufgebauten Spannungsbögen, da sich die Kapitel, wie bereits erwähnt, zwischen Vergangenheit und dem Jetzt abwechseln. Man möchte erfahren, was als nächstes passiert. Dies hilft aber nicht immer über Logikfehler und auffallende Zeitsprünge hinweg, die beim Lesen auffallen.

Obwohl der Autor viele Themen aufgreift, verstrickt er sich nicht in Anschuldigungen oder Belehrungen, dafür aber in deren Komplexität, was besonders im letzten Drittel des Buches und anhand der amazon-Rezensionen im Hinblick auf die Liebesgeschichte zwischen dem Protagonisten und Annelie deutlich wird.
Die Intension gleicht mehrere Konflikte zwischen vorhandenen und nicht vorhandenen Generationen darzustellen, mag ja löblich sein, auch die Andeutung eines Quasi-Ödipus-Komplex, der aus dem Ewigjungen resultiert, sind ersichtlich und können gut hineininterpretiert werden.
Die Manipulation der Massen durch Politik und der durch sie gesteuerten Medien ist ein genial eingebetteter Punkt, der im Verlauf der Handlung immer weiter verblasst und gegen Ende nochmals kurz aufglimmt und als Leser man muss schon aufmerksam sein, um ihn zu erkennen.
Ob die Darstellung dem Autor tatsächlich gelungen ist, sei dahingestellt.

Tatsächlich ist es dem Autor gelungen, allgegenwärtige Probleme in die Zukunft zu projizieren, um sie unter dem Aspekt der Unsterblichkeit auf die Spitze zu treiben. Genannt seien an der Stelle die Absurdität der Religionen, wenn man selbst gottgleich ist. Auswüchse bzw. Veränderungen der Gesellschaft in Hinblick auf Aussehen, Verhalten, Sexualität, Werte, der Suche nach Sinn im eigenen Dasein und Zerfall der bekannten Institution Familie.

Eine interessante und unterhaltsame Mischung aus Sci-Fi, Gesellschaftskritik und Aktion, die gerne kontrovers diskutiert werden darf.

Eigene Meinung

Zugegeben, ich habe etwas anderes erwartet, als ich dieses Buch gekauft habe. Die Metro-Bücher des Autors kannte ich nur in Zusammenhang mit dem Computerspiel und freute mich auf eine Abwechslung fernab der amerikanischen, britischen und deutschen Autoren. Ich wurde gleich mehrfach überrascht. Glukhovsky schreibt sehr leicht. Zudem schreibt er in Bezug auf gesellschaftliche Einstellungen, Gewalt und Sexualität [das letztere betreffend schreibt er für einen Mann einigermaßen erträgliche Szenen] für die heutige Zeit politisch unkorrekt, wenn man diesen Begriff verwenden mag, um auszudrücken, dass ein gewisser Grad an Brutalität, Diskriminierung und Egoismus ebenso zum Leben gehören wie Toleranz, Gleichberechtigung und Gerechtigkeit. Das soll nicht heißen, dass das Buch in Bezug auf diese Themen ausartend oder vulgär wäre, sondern die Menschheit und Gesellschaft einfach so darstellt, wie sie ist. Das war wirklich angenehm anders.

Auch wenn man bei Glukhovsky das Russische deutlich erkennt, hat die Geschichte einige Hollywood-Einschläge, bei denen ich schon beinahe laut loslachen musste. Es passt aber doch zum slawischen Humor und gewiss zur Mentalität.

Die Schilderungen des Internatlebens der Jungen haben mich lange beschäftigt. Die Szenen sind ungeschönt, dafür präzise und knallhart geschildert. Die Strafen scheinen zeitlos bewährt, lediglich die Gründe, warum eine Bestrafung erfolgt, ändern sich. Auch die menschliche Grausamkeit wird somit durch Unsterblichkeit nicht überwunden. Ob es unbedingt notwendig war, einen Deutschen an die Spitze des futuristischen Europas zu setzen und das Internat der Kinder mit KZs zu vergleichen, bleibt Geschmackssache.

Besonders in den letzten fünf Kapiteln beweist der Autor aus meiner Sicht sein Können, auch wenn für mich die Auflösung zu offensichtlich war. Hier möchte ich einfach nicht mehr verraten, da es sonst zum Spoiler wird.

Auch wenn die Geschichte in der Zukunft spielt, so packt Glukhovsky die Leser in der Gegenwart und dem, worum es in dem Buch eigentlich geht: Was fangen wir mit der Unsterblichkeit an und sind wir überhaupt dafür gemacht? Denn das ist für mich die Kernfrage des Buches.

 

Fazit: Interessante Unterhaltung, die sowohl zum Schmunzeln als auch Nachdenken bringt, auch wenn die Geschichte einige Schwachstellen hat. Eine Abwechslung war es allemal. Ich überlege TEXT zu lesen. Auch weil an dem Buch ein anderer Übersetzer gearbeitet hat.

 

 „…Das Schöne liebt den Schatten, denn jeder Schatten ist eine Versuchung…“

 

„…Vielleicht will ich an diesem letzten Abend einfach nicht allein sein, und da ist mir selbst der schlimmste Judas als Freund willkommen…“

 

„…Wer hat das Märchen in die Welt gesetzt, dass es leicht sei, die Wahrheit zu sagen?…“

 

„…Weißt du, ein System ist nur so lange stabil, solange alle daran glauben…“

    Schreibe einen Kommentar

    Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.