Helle Barden

Terry Pratchett
Helle Barden

In der größten Stadt der Scheibenwelt sorgen verschiedene Gilden dafür, dass sich das Verbrechen in geregelten Bahnen bewegt. Daher ist die Bestürzung groß, als der Assassinengilde das „Gfähr“ gestohlen wird, eine Waffe mit noch unbekannter Wirkung. Offenbar ist jemand freischaffend unterwegs. Und ziemlich schnell bekommen die mehr oder minder unbescholtenen Bürger von Ankh-Morpork das auch zu spüren. Allen voran der Zwerg Björn Hammerhock, den man mit einem Loch in der Brust aus dem Fluss fischt…

Es brechen neue Zeiten an. Nicht nur für Hauptmann Mumm, der endlich seine Lady Käsedick heiraten soll, sondern auch in den Ruhestand geschickt wird. Doch was soll aus der Stadtwache werden? Korporal Karotte ist noch zu unerfahren, die anderen wollen gar nicht und die neuen Rekruten, die aus einem Zwerg, Troll und einer Frau bestehen, eignen sich erst Recht nicht. Wer soll also Mumm nachfolgen? Wäre es nicht schon schlimm genug, dass der Patrizier die Wache dazu gezwungen hatte, gesellschaftliche Minderheiten der Stadt in die Wache aufzunehmen, wird ausgerechnet in der Assassinengilde eine Waffe geklaut. Das Gfähr! Bereits kurz darauf ist nichts mehr gut. Denn das erste Mal seit langer Zeit geschieht ein Mord in Ankh-Morpork. Ein sehr ungewöhnliches Ereignis, denn an den meisten Toden in der Metropole sind die Verstorben selbst schuld. Kein Wunder also, dass die Aufregung umso größer ist, als eins der Opfer ausgerechnet ein Zwerg ist. Das kann nur ein Troll gewesen sein! Recht schnell kommt es zu ersten Unruhen in der Hauptstadt.
Während Korporal Karotte versucht den Fall zu lösen, verfolgt die einzige weibliche Angehörige der Nachtwache gemeinsam mit Gaspode, dem sprechenden Streuner, ganz andere Spuren. Nach und nach muss Karotte feststellen, dass diese Frau ein Geheimnis hat, das wohl auch mit dem kleinen dreckigen Hund an ihrer Seite zusammenhängt.

Pratchett liefert mit diesem Scheibenweltroman einen witzigen Krimi ab. Vom depressiven Hauptmann bis hin zu den wildesten Verstrickungen und einer spektakulären Verfolgungsjagd ist alles dabei, was ein klassischer Krimi benötigt. Viele Verdächtige, unerfahrene Ermittler, die mehr Glück als Verstand haben, eine Romanze und ein Showdown. Das alles verpackt er in die Komik und die eigenen Gesetze der Scheibenwelt. Denn wo sonst gibt es einen Fluss, der so eigenwillig fließt, dass Leichen an seiner Oberfläche bleiben?
Zudem setzt sich Pratchett mit dem Rassenhass, Vorurteilen gegen einzelne Volksgruppen, Lobbyismus, Schusswaffen und einer Art Herrscherprinzip auseinander. Eine geniale Idee hat er mit dem Charakter der Angua entwickelt, denn sie ist nicht nur die einzige Frau bei der Nachtwache, sondern auch Werwolf. Wenn das mal keine Randgruppe ist! Interessant auch die Herangehensweise an die Problematik der Schusswaffen. Pratchett verleiht dem einzigen Gewehr, das selbstverständlich nie so bezeichnet wird, einen eigenen Willen. So richtig durch den Kakao zieht er Lobbyarbeit und in gewisser Weise das Streben nach Macht, denn in Ankh-Morpork gibt es sogar eine Hundegilde, deren Anführer sich zur Aufgabe gemacht hat, alle Hunde aus der Sklaverei durch die Menschen zu befreien und zeitgleich dieses Rudel fanatisch und diktatorisch führt.

Eigene Meinung
Auch dieser Roman gehört zu denjenigen, die man leider nicht einfach so lesen kann. Die Hauptcharaktere werden im zuvor erschienenen Roman Wachen! Wachen! richtig vorgestellt. Helle Barden knüpft an vielen Stellen an diese Handlung an. So wird es für alle Leser, die den Wachen-Roman nicht gelesen haben, schwer nachvollziehbar sein, was es mit Lady Käsedick und den Sumpfdrachen auf sich hat oder warum andauernd von einem Schwert die Rede ist, das aus einem Stein gezogen wurde. Diese Einzelheiten erklären aber einen Teil der Handlung im Zusammenhang mit Korporal Karotte und den anderen Mitgliedern der Wache.
Unglaublich gut gefallen, hat mir Pratchetts Idee mit der einzigen Schusswaffe der Scheibenwelt, dem Gfähr. Für uns gar nicht mehr vorstellbar. Wie muss es aber ausgesehen haben, als die ersten Gewehre im Kampf eingesetzt wurden? Was für eine Überlegenheit gegenüber der Armbrust oder dem Bogen! Ein absolutes Machtgefühl. Dies kombiniert Pratchett auch noch mit der Personifikation der Waffe, d.h. es ist das Gfähr, das schießt und tötet, nicht die Personen, die es in den Händen halten. Eine Ansicht, die bestimmte Waffenfanatiker garantiert unterschreiben würden. So liefert Pratchett auch die Ausrede, die wohl viele Personen benutzen, wenn sie plötzlich sehr viel Macht erhalten, nämlich nicht zu wissen, warum sie sich plötzlich anders verhalten und Dinge tun, die sie ohne eine Waffe oder eine andere erhaltene Macht, nicht getan hätten. Schönes Gedankenspiel und ein toller Scheibenweltroman, der sehr nachdenklich stimmt.
helle Barden altes cover

Zu guter Letzt muss ich doch noch ein paar Worte zum Cover loswerden: Es mag ja sein, dass der Manhatten Verlag meint, dass mit den modischen Covern sich die Scheibenweltromane besser verkaufen, aber ich werde mit diesen Motiven einfach nicht warm. Die alten waren so schön. Muss man denn immer alles verbessern müssen? Außerdem, wer bitte soll das links neben Karotte sein? Ein Assassine? Mum? Bescheuert!

„…Es begann, wie so viele Dinge, mit einem Todesfall…“

„…Nimm mich zum Beispiel. Ich leide an chronischer Intelligenz. Was kann ein Hund damit anfangen…“

„…‚Fehlt irgendwas?‘
‚Schwer zu sagen. Es ist nicht hier‘
‚Was?‘
‚Das Fehlende‘, antwortete Karotte pflichtbewusst…“

„…Er verdient eine Menge Geld, indem er Zwergenrestaurants mit so genannten Glücksratten beliefert. Du weißt schon: Ratten mit kleinen Zetteln drin, auf denen die Zukunft geschrieben steht…“

Zur Rezension von Wachen! Wachen!

    Schreibe einen Kommentar

    Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.