Puppenmord

Tom Sharpe

Henry Wilt ist Berufsschullehrer in der englischen Provinz. Seit zehn Jahren versucht er nun schon, Gasinstallateuren, Metzgern und Maurern die höhere Literatur beizubringen – vergeblich. Auch die Ehe mit seiner Frau Eva erfüllt ihn nicht. Eva scheint es umgekehrt genauso zu gehen, denn sie sucht ihr Glück in allerlei Ersatzbeschäftigungen wie Töpfern, Judo und Meditation. Doch auf einer Party der Pringsheims lockt ein wenig Abwechslung. Obwohl die Hausherrin Sally sich sehr offen gegenüber Henry zeigt, ist es Judy, die ihn in eine wirklich prekäre Situation bringt. Allein, Judy ist eine Gummipuppe…

 

Jeden Tag erträgt Hilfslehrer Henry Wilt die ungebildete Jugend an der Berufsschule. Die ersehnte Beförderung bleibt auch dieses Jahr aus. Ein gefundenes Fressen für seine korpulente Ehefrau Eva: wieder ein Grund mehr, um betonen zu können, dass er kein richtiger Mann sei. Als Eva durch Zufall Sally Pringsheim kennenlernt und von ihr auf eine Grillparty eingeladen wird, hofft sie, dies würde endlich wieder Schwung in ihr und Henrys Leben bringen. Denn Sally und ihre Freunde sind mondän, intellektuell, reich und schön. Eigentlich ist Sally alles, was Eva insgeheim gerne wäre. Zudem ist sie wohl mit einem klugen und reichen Mann verheiratet, der aus den Staaten stammt.

Während Henry recht widerwillig auf diese Grillparty mitkommt, dort von Sally regelrecht abgefüllt und dann in ein Zimmer gelockt wird, schmeißt Eva die Küche und ist begeistert vom Lebensstil der Pringsheims und ihrer Gäste. Doch die geniale Party endet sehr abrupt, als Gäste Henry nackt, besoffen und mit einer Gummipuppe im Badezimmer der Pringsheims finden. Am nächsten Mocover_puppenmordrgen verlässt er still und heimlich das Haus und wartet auf Evas Rückkehr. Doch sie kommt nicht. Stattdessen findet er am Abend ein Paket und einen Brief, in dem Eva ihm mitteilt, er möge sich weiter mit der Puppe amüsieren. Genau da beschließt Wilt an dieser verdammten Gummipuppe den Mord an seiner Ehefrau zu üben. Allerdings fällt die Übung so lebensecht aus, dass Henry sich nach kurzer Zeit auf dem Polizeirevier wiederfindet, wo ihn Inspektor Flint und Sergeant Yates in die Zange nehmen. Eva hingegen strandet mit den Pringsheims auf einer Sandbank und lernt die wahren Gesichter der beiden kennen, ohne zu wissen, dass sie schon längst Opfer eines bestialischen Mordes geworden ist. An der Berufsschule hingegen kämpfen nach Wilts Verhaftung der Direktor und die anderen Lehrer um den Ruf der Berufsschule und die eigenen Posten.

Tom Sharpe erzählt die Geschichte zweier frustrierter Eheleute, die einander lieber umbringen als verlassen würde
n. Dabei spielt er mit klassischen Motiven und Persönlichkeiten. Auf der einen Seite haben wir den resignierten Henry Wilt, der still und zurückhaltend ist. Auf der anderen Seite seine Frau, die gerne zu den Reichen und Schönen gehören würde, wobei sie sich von dem ersten Eindruck schnell blenden lässt und kaum hinterfragt, was die Menschen darstellen. Mit den Pringsheims führt Sharpe das genaue Gegenteil der Wilts in die Geschichte ein. Was tatsächlich hinter der Fassade und ihrem Leben steckt, erfährt der Leser nach und nach.

Mit diesem Roman liefert der britische Autor ein schönes Stück Gesellschaftssatire ab und nimmt auch kein Blatt vor den Mund, wenn es um Emanzipation, Vorurteile und Sex geht. Der Humor ist britisch und damit an vielen Stellen sehr herb, aber gut. Obwohl das Buch bereits 1976 erschien, sind die darin behandelten Themen und Charaktere auch heute noch sehr aktuell. Die Erzählung könnte tatsächlich auch im Jahr 2016 spielen. Erschreckender- und zugleich belustigenderweise auch die Gültigkeit der Argumente und Sichtweisen. Mit den überspitzt dargestellten Figuren vom unsicheren Berufsschullehrer, der dominanten, aber erfolglosen Ehefrau, den angeblich so erfolgreichen und glücklichen Pringsheims hat Tom Sharpe Personen geschaffen, wie wir sie in unserem näheren oder weiteren Bekanntenkreis treffen oder bereits in zahlreichen Filmen kennengelernt haben.

 

Eigene Meinung

Ganz unten in meinem SuB lag dieser Roman und reifte ca. 12 Jahre vor sich hin, bis ich ihn endlich hervorgezogen habe. Es hat sich gelohnt, denn Sharpe kann den Leser schnell begeistern. Mit Wilt hat er wohl den absoluten Durchschnittsbürger geschaffen, der von sich, seinem Job und eigentlich von seinem ganzen Leben frustriert ist. Eine einzige dumme Party, auf die er gar nicht gehen wollte, bringt seinen Alltag und seine Gedanken ordentlich durcheinander.

Erstaunt hat mich bei Tom Sharpe die Freizügigkeit mit der er über Sex und Emanzipation schreibt. So übt Sally an Eva ihre Tast-Therapie, was eigentlich nichts anderes ist, als schamloses Begrapschen. Das typische „mehr Schein als Sein“ stellt er ebenfalls an Pringsheims Sexualleben dar. Auch lässt er mit der Figur Wilts kein gutes Haar an den ermittelnden Beamten, die Wilt über Tage mit seiner Geduld und Redegewandtheit aus der Fassung bringt, wobei dieser auf Dialoge mit seinen Schülern oder Passagen aus den Büchern zurückgreift, die er seit Jahren mit ihnen durchkauen muss.

Etwas gestört hat mich beim Lesen lediglich die Übersetzung. An einigen Stellen ist sie nicht ganz gelungen. Das mag daran liegen, dass hier wohl versucht wurde, englische Redewendungen eins zu eins ins Deutsche zu übernehmen. Sowas funktioniert nicht immer.

Wer die Erzählweise ähnlich der von Terry Pratchett mag und zudem englischen Humor, der wird an diesem Roman sehr viel Spaß haben. Mich hat Sharpe sehr positiv überrascht und gut unterhalten.

 

„…„Was heißt eigentlich ‚Transsexuelle Diversifikation‘?“…..“

„…Jetzt verstand er, wieso Terroristen bereit sein konnten, sich zum Besten irgendeiner Sache zu opfern. Hätte er eine Bombe und einen Grund gehabt, er hätte sich und alle unschuldigen Leute drumherum mit Freuden ins Jenseits gesprengt, bloß um für einen herrlichen, wenn auch kurzen Augenblick zu beweisen, dass er von wirklicher Bedeutung ist…“

„…Dies und die Wirklichkeitsfremdheit der Literatur, mit der er sich hatte plagen müssen…“

„…Er liest oder redet ständig über Bücher. Ich habe zu ihm gesagt, er weiß nicht, wie die Welt wirklich ist…“

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