Die schöne Frau Seidenman

Andrzej Szczypiorski




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Warschau während der Kriegsjahre und zur Zeit des Warschauer Ghettos. Der junge Pawel ist in die schöne, aber wesentlich ältere Nachbarsfrau Irma Seidenman verliebt, die gemeinsam mit ihrem Mann, einem Radiologen, im gleichen Haus wohnt. Zugleich muss er sich um seinen besten Freund Henrik Fichtelbaum sorgen, der wie die Seidenmans Jude ist.
Denn im Jahr 1943 ist eigentlich keiner mehr in Warschau sicher. Weder der Gauner, der mit der Not der Warschauer Juden die besten Geschäfte macht, indem er für viel Geld ihre Kinder nachts aus dem Ghetto abholt und in die Hände anderer Retter übergibt noch der Schneidergeselle, der durch die Inhaftierung seines jüdischen Chefs plötzlich zum Geschäftsinhaber und gemachtem Mann wird. Ob Richter oder begabter Schüler, all diese Einzelgeschichten, die irgendwie zusammenhängen, verspinnt der Autor zu einem ruhigen Roman, der nicht nur die Tage des Krieges schildert, sondern auch die Schicksale, die in den späteren Jahren einzelne Personen ereilen.

Tatsächlich ist die schöne Frau Seidenman nur eine von den vielen Figuren, die Szczypiorski in seinem Roman aufführt. Im Original lautet der Titel des Buches „Poczatek“, was man mit Beginn oder Anfang bzw. Aufbruch übersetzen kann. Dies passt auch wesentlich besser zu der Handlung.

Sprachlich ist dieser Roman ein Genuss, auch wenn das Thema keines sein mag. Hier hat auch der Übersetzer hervorragende Arbeit geleistet. Die Schilderungen und Bilder sind sehr leise, aber wirkungsvoll. Hier und da schwingt ein bisschen Ironie des Schicksals mit, an anderer Stelle Resignation. Allerdings bleibt in allen Kapiteln ein Motiv erhalten: Verlust der Identität, seiner Selbst und zum Teil auch der Heimat.
Zudem schafft es der Autor nebenbei die polnische Mentalität darzustellen und erklärt somit die Zerrissenheit dieses Volkes, zusätzlich zu all den anderen Facetten der Gesellschaft. Vom Juden, der seine eigenen Leute verrät bis hin zur heiligen Schwester, die jüdische Kinder in gute Katholiken umerzieht, damit sie den Holocaust überleben. Eine nachdenkliche Betrachtung der damaligen Zeit aus einem anderen Blickwinkel. Sehr gut!

 

Cover – Die schöne Frau Seidenmann



Eigene Meinung



Von Szczypiorski habe ich noch kein Buch gelesen gehabt und seit vielen Jahren hatte ich auch keine Lust mehr, Bücher über den 2. Weltkrieg, den Holocaust usw. zu lesen, da ich mich eine lange Zeit damit auseinandergesetzt hatte, von Jugendbüchern, über „Die Stalinorgel“, „08/15“, „Alltag im 3. Reich“ bis hin zu Lyrik KZ-Überlebender, die auf brutalste Weise die Erlebnisse geschildert haben.

Dieses Buch allerdings hebt sich von vielen, die die Thematik behandeln ab. Szczypiorski, selbst gebürtiger Warschauer und verbotener Autor in Polen, klagt nicht an, sondern erzählt. Damit zeigt er das Leben in Warschau, wie es sich wohl wirklich zugetragen hat.

Sehr gefallen hat mir, dass er die Schicksale von Opfern und Tätern gleichermaßen aufzeigt und deutlich macht, dass der Unterschied zwischen Gut und Böse gerade in Kriegszeiten sehr schwer zu definieren ist.




Fazit: Ein hervorragendes Buch für diejenigen, die an eleganten Formulierungen und ruhigem Erzählstil ihre Freude haben, dennoch ein unschönes Thema nicht scheuen.

 

Randbemerkung: Dieses Buch hat tatsächlich keinen Kurztext, deswegen nur die „…“ zu Beginn dieser Rezension.

 

„Plötzlich dachte sie, das Leben sei nur das Vergangene. Es gebe kein anderes Leben als die Erinnerung.“

 

„…‘Lieber Gott, hilf mir!‘ Dann kletterte er hinüber, und nichts passierte ihm. Folglich vergaß er Gott.“

 

„…Die Deutschen sind schon wieder ganz und gar Deutsche, sie haben im Westen ihren Amerikanismus zur Perfektion gebracht und im Osten ihren Sowjetismus…“

 

„Wen interessiert denn, wessen Sohn du bist, wenn du nicht mehr taugst als ein Haufen Scheiße? Ich würde nicht mal auf den pissen, wenn er brennt.“

 

„…Barmherzigkeit im Krieg ist Handeln zugunsten des Gegners…“

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