Der Zementgarten

Ian McEwan

Jack und seine Geschwister scheinen zunächst ein ganz normales Leben in einer ganz normalen englischen Vorortsiedlung zu führen. Doch dann stirbt der Vater – nicht ohne Zutun des 15-jährigen Jack – und schließlich auch die krebskranke Mutter. Da ihnen jetzt das Waisenhaus droht, beschließen die Kinder, die Leiche der Mutter in einem Privatbegräbnis im Keller zu verbergen. Jack und seine Schwester Julie bilden nun das neue Elternpaar, das sich in einer gespenstischen Szene schließlich auch sexuell vereinigt.

 

Jacks sechsköpfige Familie lebt in einem Haus mit Garten. Nach dem Herzinfarkt des Vaters beginnt dieser, das Grundstück nach und nach einzuzementieren, da er nicht mehr in der Lage ist, Hecken zu schneiden oder Rasen zu mähen. Seinen Frust und eine unterschwellige Aggression lässt er an seinen Kindern aus. Als Jack ihm bei einem weiteren Zementvorhaben helfen darf, passiert es: der Vater kippt vornüber in den nassen Zement. Jede Hilfe kommt zu spät. Schon bald geht es auch der Mutter nicht gut, schleichend wird ihr Zustand schlechter, bis sie im eigenen Zimmer stirbt.
Um nicht getrennt zu werden, schmieden die drei ältesten Geschwister einen morbiden Plan: Sie zementieren in einer nächtlichen Aktion die Leiche der Mutter in einer Kiste im Keller ein.
Für die darauffolgenden Wochen nimmt das Leben der Kinder und Jugendlichen einen seltsamen Lauf. Während Jack sich weder wäscht noch frische Sachen anzieht, sonnt sich seine älteste Schwester Julie ausgiebig im Garten, hat plötzlich einen Freund und kauft sich neue teure Schuhe.
Teilnahmslos nimmt Jack alles hin, auch als die Schwestern den kleinen Bruder Tom auf seinen Wunsch hin als Mädchen verkleiden. Alles ändert sich, als Julies Freund Derek die Kellertür öffnet.

In diesem kurzen Roman geht McEwan zwischenmenschliche Themen an, komprimiert sie und setzt sie beklemmend, teils düster in Szene. Seine Figuren agieren in einem Haus, das von der restlichen Welt losgelöst zu sein scheint. Irgendwo existieren andere Menschen, weit entfernt stehen Häuser, manchmal kommt jemand vorbei, aber niemals ins Haus.
Aus der Perspektive des Teenagers Jack zeigt der Autor, wie die heranwachsenden Geschwister versuchen, das Leben zu meistern und zudem jeder unabhängig von den anderen den Tod beider Eltern verarbeitet. Zusätzlich gibt der Autor mit den Beziehungen, die die Geschwister zueinander aufbauen, der Erzählung etwas Skurriles, beinahe Bedrohliches, wenn nicht sogar Krankhaftes.

Das Begräbnis der Mutter bzw. ihr Einbetonieren bleibt das Hauptereignis, seine Botschaften transportiert der Autor eher unterschwellig. Alles scheint seinen gewohnten Gang zu gehen, dennoch entwickeln sich die Figuren, obwohl sehr wenig passiert. Die Stimmung baut McEwan durch zuerst unwichtig wirkende Beschreibungen auf. So zerfällt nach und nach der Steingarten des Vaters und wächst mit Unkraut zu, das ungewaschene Geschirr stapelt sich in der Küche, die älteste Schwester bleibt plötzlich über Nacht weg.

Der Autor schreibt komplex, vor allem die Gedanken seines Protagonisten machen die Erzählung an einigen Stellen zur schweren Kost. Versteckte Andeutungen und zuerst nebensächlich wirkendes Geplänkel bauen das hervorragende Gesamtbild dieser Geschichte auf. Auch wenn der Schreibstil nicht jedem zusagen wird, so ist der Aufbau von Figuren, Atomsphäre und Handlung ein Lesegenuss.

 

Eigene Meinung

Ich bin nicht sicher, ob ich alle Themen dieses Buches verstanden und korrekt erfasst habe. Es ließ mich etwas verwirrt zurück, dafür sehr nachdenklich. Emanzipation, Erwachsenwerden, Einsamkeit, Selbstfindung, Selbsterkenntnis, Verantwortung etc. Es sind sehr viele Themen, die angeschnitten, aber nicht ausgeführt werden. Dafür driften andere in beinahe absurde Handlungen ab.

Tatsächlich ist McEwan ein talentierter Erzähler. Für mich erschließt sich allerdings nicht, was er erzählen will. Es kommt sicherlich vor, dass in abgeschiedenen Gemeinschaften Geschwister inzestuös werden, doch das ist in dem Roman eigentlich nicht der Fall, schließlich hat die älteste Schwester einen Freund. Warum dieses Thema Bestandteil der Geschichte sein musste, erschließt sich mir bis zum Ende nicht.
Der Tod des Vaters wird von allen, selbst der Mutter, als Befreiung gesehen. Der Tod der Mutter hingegen führt zu einer Zwangsgemeinschaft, das hoch gepriesene Familienleben entwickelt sich zum Gefängnis. Der kleinste Bruder flüchtet sich in Rollen, zuerst als Mädchen und zum Schluss wird er zum Baby, das gehalten werden will. Und man wird das Gefühl nicht los, dass alle Geschwister ausschließlich für den Protagonisten Jack eine Art heile Welt aufrechterhalten, da in Wirklichkeit er derjenige ist, der mit der Situation nicht klarkommt.

Fazit: Ein sehr anstrengendes, aber lesenswertes Buch. Wer mit Themen wie Tod, Inzest und Psychologie keine Schwierigkeiten hat, findet hier eine interessante Mischung, die auf seltsame Weise unterhält. Nicht für jedermanns Geschmack.

 

 „…Über Vater wurden keine Witze gerissen, denn sie waren nicht komisch…“

„…Aber wenn ein Junge wie ein Mädchen aussieht, ist es entwürdigend, wie du sagst, weil du heimlich meinst, es ist entwürdigend, ein Mädchen zu sein…“

„…Es war, als träten wir in ein altes Foto von Mutters Schlafzimmer ein…“

„…Die Unmöglichkeit, irgendetwas sicher zu wissen oder zu fühlen, erzeugte in mir einen starken Drang zu onanieren…“

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