Speedwatching – wie wir selbst unsere Freizeit optimieren

Mitte März tauchte bei SPIEGEL ONLINE ein Artikel über das Speedwatching [Speed watching] auf. Es gibt anscheinend einen Trend Serien in höherer Geschwindigkeit anzuschauen, um mehr Folgen anschauen zu können. Dies ist keine ganz neue Sache. Bereits 2016 berichtete auch die TAZ darüber und einige andere Online-Magazine. Doch was soll das?

 

Wir haben Smartphones, die uns jederzeit erreichbar machen, als Kalender und Navi dienen, den Fotoapparat und die Kamera bereits vollständig ersetzt haben. Wir binden uns Smart Watches um, die unseren Herzschlag messen, den Kalorienverbrauch hochrechnen und höchstwahrscheinlich auch bald unseren Blutzuckerspiegel messen werden. Wir nutzen Apps wie Tinder, bei denen man im Schnelldurchlauf Bilder anderer Singles anschauen kann und fanden Speeddating irgendwann mal eine ganz amüsante Sache.

Zum Speed Reading muss man sich tatsächlich noch ein paar Techniken aneignen und die Sache eine Weile üben. Zum Speedwatching hingegen braucht es lediglich eine App im Browser oder einen Klick am Fernseher. Tatsächlich bieten heute Browser (z.B. Google Crome den Speed Controller) die Möglichkeit Serien und Filme in 1,2- bis 2-facher Geschwindigkeit anzuschauen, wobei es empfohlen wird, die Geschwindigkeit erst sanft zu erhöhen, bis sich Augen und Gehirn daran gewöhnt haben. Auch geben Profis den Tipp, die Untertitel einzublenden, d.h. man sollte vorher Speed Reading wohl doch üben.

 

Wie sich unser Verhalten geändert hat

Zugegeben, ich bin ein Fernsehkind. Ich habe es früher geliebt, am Nachmittag Star Trek auf ZDF zu schauen, wenn die Eltern noch bei der Arbeit waren. Später habe ich ganze Samstagnachmittage vor dem Fernseher verbracht, um Knight Raider, Beverly Hills 90210, der Prinz von Bel Air etc. zu schauen. Später kamen Serien wie Buffy und Akte X hinzu.

In den 80ern hat sich die gesamte Familie einmal die Woche abends vor dem Fernseher versammelt und die nächste Folge von Denver Clan verfolgt. Bereits Anfang der 2000er verbrachten wir fast jeden Abend vor der Flimmerkiste, denn mit den privaten Sendern kamen auch immer mehr Serien hinzu. Heute bieten uns amazonPrime, NETFLIX, maxdome und Co. mehr Serien an, als Zeit zum Schauen bleibt.

Tatsächlich werden mittlerweile mehr Serien produziert als früher. Zum einen ist die Nachfrage gestiegen, zum anderen die Konkurrenz. Neben den privaten Sendern ist auch amazon in die Serienproduktion eingestiegen und hat mit z.B. „Hand of God“ und „The Man in the High Castle“ bewiesen, dass es den Branchenriesen in nichts nachsteht.

Spätestens mit Serien wie „Breaking Bad“, „Game of Thrones“ und „The Walking Dead“ wurden neue Zielgruppen an die Fernseher und Rechner gelockt. Diese sind nun auf der Suche nach vergleichbaren weiteren Serien und die Marketingmaschinerie läuft, genau wie die Zeit, die wir uns Tag für Tag dafür nehmen, sogar freischaufeln, wenn nicht sogar opfern.

Warum also nicht das Hobby Serien schauen optimieren?

 

Wie uns der Überfluss dazu zwingt unser Konsumverhalten zu ändern

Wir sind schon eine sehr witzige Spezies. Schließlich sind wir die einzigen, die es schaffen, im vollen Bewusstsein unser Konsumverhalten an den Überfluss anzupassen: wir konsumieren mehr. Eigentlich fallen wir auf einen alten Marketingtrick herein: Wenn man schon eine monatliche Gebühr zahlt, will man auch was davon haben. Es ist ein bisschen so wie die All-you-can-eat-Geschichten. Man ist satt, hat aber das Gefühl den Einsatz noch nicht reinfressen zu haben. Das Angebot steigt, der Wille ebenfalls, doch die einzigen knappen Ressourcen sind und bleiben die Zeit und unser geistiges Fassungsvermögen. Begriffe wie Zeitmanagement und Work-Life-Balance sind uns geläufig. Vielleicht sollten wir anfangen über eine Life-Life-Balance nachdenken.

Wozu wollen wir einen so gemütlichen und unterhaltsamen Zeitvertreib wie das Anschauen von guten Serien beschleunigen? Es geht doch darum, die freie Zeit angenehm zu gestalten. Haben wir viel mehr Angst davor, etwas zu verpassen? Wollen wir mehr, als wir bewältigen können? Ist Quantität doch wichtiger als Qualität?

Alle diese Fragen drängen sich auf, denn schließlich geht es doch bei den guten Serien darum, sich mit den Charakteren und der Story auseinander setzen zu können, den Witz in der Handlung zu verstehen, Ideen und Gedanken zu hinterfragen, sich mit dem Gesehenen zu identifizieren. Dies stelle ich mir beim Speedwatching sehr schwer vor. Auch der Nutzen ist mir nicht ganz klar, außer dass man sich damit brüsten kann, diese oder jene Anzahl von Folgen an einem Wochenende geschaut zu haben.

Die richtigen Serienfans schaffen es irgendwie, an den freien Tagen alle Verpflichtungen zu erledigen – d.h. Einkaufen, Putzen, Waschen und sogar noch Freunde treffen – und zusätzlich eine Staffel der gerade angesagtesten Serie durchzuschauen. Da frage ich mich schon manchmal, ob die nicht doch sich die Nächte um die Ohren schlagen oder zumindest die eine oder andere Sache vernachlässigen.

Und ich frage mich, ob es überhaupt noch ein Zeitvertreib ist oder nicht bereits ein gewisser Leistungsdrang, den wir uns selbst auferlegen und der zum Teil auch schon gesellschaftlich bedient ist. So wird Serien schauen langsam zum medialen Fitness-Studio, dort steigert man schließlich sein Trainingspensum.

Müssen wir in einer Leistungsgesellschaft auch in unserer Freizeit so viel wie möglich leisten? Und wenn ja, wozu?

 

Der Zwang bei allem was wir tun, auf dem Laufenden bleiben zu wollen

Geht es am Ende nur darum, dass wir mitsprechen können, wenn im Bekannten- oder Kollegenkreis das Thema auf Serien fällt? Schließlich gilt es heute mehr denn je, stets Up to date zu sein. Wer nicht mitreden kann, ist raus, altmodisch zumindest komisch. Wer nicht bei maxdome ist, hat NETFLIX oder amazonPrime. Wer alle drei nicht hat, ist bei YouTube zuhause und kennt dort alle angesagten Kanäle. Fernsehen ist sowieso schon eher etwas für die ältere Generation, aber gerade noch so akzeptabel.

Wir selektieren gar nicht mehr, was uns gefällt. Wir konsumieren, was die Mehrheit und die Anbieter diktieren. Und die Mehrheit scheint alles und jedes zu kennen und bereits alles gesehen zu haben.

Dieser Trend zum schnellen Konsum ist auch in andern Bereichen zu erkennen. Schaut man sich bei Buchbloggern um, so berichten diese von hohen Stapeln ungelesener Bücher (SuB), einige schreiben bereits in den Blogs, dass sie keine Rezensionsexemplare annehmen. Die Verlage verlangen nach Rezensionen in einem bestimmten Zeitraum nach Erhalt des Buches. Ob Lesen da noch ein Genuss ist und ob da tatsächlich noch gelesen wird, was man wirklich mag, bezweifle ich mittlerweile ganz stark. Doch auch hier gilt: Wer dabei sein will, muss mithalten. Schade!

 

In diesem Sinne:

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