Tosende Stille

Janice Jakait

Im November 2011 sticht die damals 34-jährige Janice Jakait in Portugal in See. Ihr Ziel: als erste Deutsche den Atlantik in einem Ruderboot zu überqueren – allein, nur mit Muskelkraft und viel zu wenigen Zigaretten im Seesack. In Zusammenarbeit mit der Organisation OceanCare möchte sie auf den Unterwasserlärm und seine tödlichen Folgen für Meeressäuger und Fische aufmerksam machen. Aber sie will auch ihre innere Unruhe besiegen, raus aus den Sinnkrisen…

 

In vier Teilen erzählt Jakait von ihrer Überfahrt über den Atlantik in einem ca. 7 Meter langen Ruderboot, das sie alleine durch den Ozean steuert. Dabei schildert sie die großen Herausforderungen auf hoher See, erzählt von ihrer Panik bei Sturm und unter Medikamenten gegen Seekrankheit, aber auch von den kleinen Freuden, die dieses Abenteuer mit sich bringt. Von Tag zu Tag ändern sich ihre Sichtweisen auf die Dinge, obwohl die Gedanken um die gleichen Situationen und Fragen kreisen, werden immer wieder unterbrochen von dem Kampf um das Überleben und dem Vorankommen auf dem Meer. Zwischendurch erfährt der Leser, wie Janice Jakait überhaupt auf die Idee gekommen ist, über den Atlantik zu rudern, was es mit OceanCare auf sich hat, wer ihr bei der Verwirklichung des Projektes geholfen hat und lernt nebenbei einige interessante Dinge über Navigation und Seefahrt, fliegende Fische und andere Menschen, die die Weltmeere in Tankern, Fischkuttern oder Luxuslinern kreuzen. Zudem erzählt die Autorin von ihrem steten Begleiter, der Sturmschwalbe Murphy, die ihren Namen der Spider Murphy Gang verdankt und über die Probleme mit denen sie konfrontiert wird, wie z.B. nicht mehr funktionierende Pumpen, sterbenden Fischen an Board und ignoranten Fischerbooten, die ihren Funk nicht abhören. Als Leser begleitet man sie durch die schlaflosen Nächte, fiebert mit, wenn sie das Boot verlassen muss oder bei Sturm an Deck muss und hat Gelegenheit in die unwirkliche Welt des Ozeans abzutauchen. Erlebt nach und nach, wie Jakait zur Ruhe kommt und ihren Gedanken zu Konsum, Sinn des Lebens, den eigene inneren Kampf mit dem Schweinehund und den anderen Dingen, die uns alle beschäftigen freien Lauf lässt. Ihre Unternehmung gelingt und sie erreicht mit letzter Kraft Barbados. Um viel Erfahrung und Einsichten reicher.

 

Eigene Meinung

Selten habe ich ein Buch gelesen, das mich so zufrieden zurückgelassen hat. Dies mag daran liegen, dass die Autorin gleichen Jahrgangs ist wie ich selbst, 1977, und auch andere Gemeinsamkeiten bestehen. Jakait beschreibt die Erlebnisse sehr einfach, aber dennoch gefühlvoll und lässt die unangenehmen Sachen nicht aus. Jeder Autor kann sich etwas Schöneres vorstellen, als über seine wunden Arschbacken zu schreiben oder seine Nikotinsucht, die ihn dazu treibt, Tee zu rauchen. Jakait bleibt sehr ehrlich und damit wird ihr Bericht echt, einfühlsam und sehr tröstend, aber realistisch. Eine naive oder gar verklärte Abenteuerromantik entsteht hier nicht. Vielleicht ist gerade das der Grund, warum ich mich persönlich sehr in diesem Buch wiedergefunden habe und mich ihre Schilderungen an einigen Stellen zu Tränen rührten. Dies mag auch an den Themen, die Jakait aufgreift und den gelungenen Beschreibungen liegen. Denn wo sonst, wenn nicht in Extremsituationen werden wir uns bewusst wie klein und zerbrechlich wir sind? Wo, wenn nicht in unserem Kopf existiert eine andere Welt, als die, die vor uns liegt?

Sehr gefallen haben mir auch die Farbbilder in der Mitte des Buches. Sie zeigen das Boot, die Ausrüstung, fliegende Fische und die Autorin bei ihre Ankunft am Ziel. Zudem ist das Buch insgesamt sehr schön gestaltet. Hier hat sich der SCORPIO Verlag viel Mühe gegeben.

Ein hervorragendes Buch, das ich von Herzen weiterempfehle und ein interessantes Projekt noch dazu.

Za book that made you cryudem setze ich mit diesem Buch ein Häkchen in meiner Challenge 2015, das ich eigentlich nicht gedacht hätte, setzen zu können: A book that made you cry. Tatsächlich habe ich bei diesem Bericht einige Tränen gelassen. Passiert sehr selten. Wunderschön!

 

Bemerkung:

 

„Der Kontrollzwang, der nur Panik triggert, ist ein schlechter Berater, wenn es Ruhe und einen halbwegs klaren Gedanken braucht.“

 

„Wie dieser nette Herr, der sich in einer großen Online-Zeitung darüber beklagte, dass die Deutsche Lebens-Rettungs-Gesellschaft sicher schon genug mit solchen Idioten wir mir zu tun hat.“

 

„Aber wer will schon unbegreiflich, oder gar wundersam sein, der Verstand ganz sicher nicht. Dann lieber Konzept – Buchstaben und Zahlen – Teil einer berechenbaren Menge, Durchschnitt sein – bis zum Umfallen!“

 

„…solche Erlebnisse habe ich längst mit den großen Dingen, die ich plane, begehre und herankarre, ersetzen wollen und die Freiheit damit totgeschlagen.“

 

„Ich verstehe vieles, habe irgendeine Meinung darüber, aber begreife nicht wirklich viel davon.“

 

„An zwei Rudern einen Ozean zu bezwingen, ist offenbar ein Kinderspiel im Vergleich zum Bezwingen von Vorurteilen, Ängsten, Schmerzen und dem inneren Schweinehund.“

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