Rammstein Interpretationen – Morgenstern

Im Jahr 2010 habe ich meine erste Interpretation eines Rammstein-Songtextes veröffentlicht. Damals wurde das Thema Chiffre im Zusammenhang mit den Texten Lindemanns gerne diskutiert und wird es immer noch, wenn ich die Kommentare unter meinen Artikeln lese oder in anderen Foren stöbere.

 

 

Jetzt, neun Jahre später, möchte ich mich einem meiner liebsten Lieder der Band widmen, in dem – aus meiner Sicht – so viel drinsteckt, dass man nicht jede Zeile analysieren muss, sondern einfach den Kontext betrachten darf.

Zudem will ich mit einigen Falschübersetzungen, die im Web rumgeistern aufräumen. Sie resultieren aus Unkenntnis der deutschen Sprache, werden aber ausgerechnet von Google angezeigt, wenn man nach den Lyrics dieses Songs sucht (siehe auch Ende dieses Artikels). Peinlich! Allerdings ist das ein wunderbares Beispiel, wie Fehler in die Welt gesetzt werden und dass man Dr. Google und Co einfach nicht immer trauen darf. Die falschen Stellen sind in eckige Klammern gesetzt und farblich nochmals hervorgehoben. An dieser Stelle möchte ich erwähnen, dass ich die neue deutsche Schreibweise gewählt habe, also das „ß“ durch „ss“ ersetzt habe. Man sieht schon, es tut sich viel in einem Jahrzehnt. Die Zeichensetzung entspricht dem Originaltext.

 

Hier also meine Gedanken zu Morgenstern. Wie immer freue ich mich auf Eure Meinungen, Ideen sowie Kritikpunkte. Habt Spaß beim Lesen.

 

Morgenstern
(Till Lindemann – Rammstein – Album Reise,Reise)

 

Sie ist hässlich dass es graut
Wenn sie in den Himmel schaut
Dann fürchtet sich das Licht
scheint ihr von unten ins Gesicht

Man darf sich bei den Zeilen fragen, wer eigentlich mit „sie“ gemeint ist. Ist es die Liebste oder eher eine Kreatur, die hier als hässlich beschrieben wird? So klar ist es nicht. Denn eine Unmöglichkeit ist es, dass einem das Licht verkehrt herum ins Gesicht scheint oder aber, es ist gar nicht das Gesicht gemeint. Was aber, wenn hier ein Nachtwesen ähnlich einer Fledermaus besungen wird oder eine Person – und das ist wahrscheinlicher –, deren Identität nur bei Nacht existiert.

 

So muss sie sich am Tag verstecken
[Wer] Will das Licht doch nicht erschrecken

Korrektur: Das „Wer“ existiert im Originaltext nicht. Es wird aber bei vielen Seiten und selbst bei Google angezeigt.

 

Lebt im Schatten bis der Schein vergeht,
Sieht einen Stern [sie nicht] im Zwielichtprangen und fleht

Korrektur: Tatsächlich könnte man annehmen, dass Lindemann „Sie nicht“ anstatt „im Zwielicht“ singt, was aber überhaupt keinen Sinn machen würde.

 

[Meine] Mal mir Schönheit auf die Wangen

Bereits seit Jahrhunderten verstecken sich Menschen, die ein Makel haben, vor der Öffentlichkeit oder werden ungewollt zur Schau gestellt. Auch Kinder mit Behinderung oder Fehlbildungen wurden lange in die Neuzeit hinein aus Scham versteckt und werden es in vielen Ländern heute noch. Nur in der Nacht oder am Abend trauen sich diese Leute nach draußen. Oder Frauen, die einem bestimmten Gewerbe nachgehen müssen.

Das Flehen zum Himmel und vor allem die Bitte um Schönheit ist zu menschlich. Der Wunsch wie die anderen zu sein und geliebt zu werden oder zumindest die Chance auf ein normales Dasein zu erhalten, sind in uns allen begründet.

Korrektur: Die Songzeile wird auf vielen englischsprachigen Seiten falsch wiedergegeben, bei Google auch. Die besungene Person oder das Wesen bittet um Schönheit. Das Licht des Morgensterns soll Schönheit auf die Wangen des hässlichen Gesichts malen, sie/es soll nicht mehr hässlich erscheinen. Das „Meine“ ist ein falsch gehörtes „Mal mir“.

 

Morgenstern ach scheine
Auf das Antlitz mein
Wirf ein warmes Licht
Auf mein Ungesicht,
Sag mir ich bin nicht alleine
Hässlich du bist hässlich

Die ersten fünf Zeilen des vermeidlichen Refrains geben das Flehen oder die Bitte der Person wieder, die, wie sich weiter im Text herausstellt, doch die Liebste ist. Beendet wird der Refrain mit einem Ausruf, der genau das besagt, was wohl alle anderen von ihr denken, dass sie nämlich hässlich ist.

 

Ich bin allein zur Nacht gegangen
Die späten Vögel nicht mehr sangen
Sah Sonnenkinder im Gewimmel und so
[Und so lief ich in den gestörten Himmel] Rief ich in den gestirnten Himmel

Korrektur: Okay, hier ist an den Übersetzungen fast alles schief gegangen, was auch nachvollziehbar ist. In den Himmel kann man weder laufen, noch ist hier der „gestörte“ Himmel gemeint, sondern der gestirnte, also der mit Gestirnen – Sternen – behangene Himmel. Das Wort ist nicht besonders geläufig und auch nicht gerade im alltäglichen Sprachgebrauch genutzt. An dieser Stelle hätten die Übersetzer wirklich einen Nativspeaker zu Rate ziehen sollen. Mittlerweile kann ich mir gut vorstellen, was es mit diesem Mythos der Chiffre auf sich hat: Es sind falsch verstandene Songtexte. Hier zumindest wäre ein gutes Beispiel.

Ob mit Sonnenkindern tatsächlich die in der Esoterik oft als „auserwählt“ bezeichneten Personen gemeint sind, will hier gut passen, zumal „die Nacht“ personalisiert wird. Die Nacht ist sicherlich etwas Dunkles und Geheimnisvolles, vielleicht sogar eine Hexe oder Magierin, an die sich der Verehrer, der von allen als hässlich bezeichneten Person, wendet. Es würde dahingehend Sinn ergeben, da der Morgenstern gerne als Synonym für den Teufel herangezogen wird. Luzifer ist schließlich der lateinische Name des Morgensterns, also der Venus, die in der Mythologie für Schönheit schlechthin steht und am frühen Morgen vor Sonnenaufgang am Himmel erscheint.

 

Morgenstern ach scheine
Auf die Liebste meine
Wirf ein warmes Licht auf ihr Ungesicht
Sag ihr sie ist nicht alleine

Hier erscheint der Refrain, – der eigentlich kein echter ist, weil immer abgewandelt –, allerdings ist das nicht mehr die Bitte der Liebsten, sondern ihres Geliebten, der zur Nacht gegangen ist und ebenfalls den Morgenstern bittet, sie in einem wenn schon nicht schönen dann aber warmen, vielleicht sogar herzlichen Licht erscheinen zu lassen und ihr auch das Gefühl zu geben bzw. ihr sogar zu sagen, dass sie nicht alleine ist. Dass da jemand ist, der für sie bittet und an sie denkt. Vielleicht weiß die Person noch nicht mal von demjenigen.

 

Morgenstern ach scheine
Auf die Seele meine
Wirf ein warmes Licht
Auf [sein] ein Herz das bricht,

Korrektur: Im Originaltext lautet es korrekterweise „ein“ nicht „sein“. Es ist hier nicht zwingend von dem Herzen des Mannes/Verehrers die Rede. Es ist wahrscheinlich, kann aber es kann genauso gut das Herz der Liebsten oder gar beider gemeint sein.

Sag ihr dass ich weine
Denn du, du bist hässlich
Du bist einfach hässlich
Der Mensch ist doch ein Augentier
Schöne Dinge wünsch‘ ich mir
Doch du, du bist nicht schön, nein

Hier wird es kniffelig. Ist es vielleicht gar nicht ein Verehrer, sondern vielleicht sogar ein Ehemann, womöglich der Verlobte, der eine „hässliche“ Frau ehelichen muss oder musste und nun darum bittet, dass ein Wunder geschehe und sie hübscher wird, weil man als Mensch den optischen Reizen unterliegt? Schöne Dinge schauen wir gerne an, mit schönen Dingen und Personen umgeben wir uns gerne. Wir sind auf den ersten Blick alle sehr oberflächlich. Denn wir urteilen zuerst nach dem, was wir sehen. Es stellt sich hier natürlich erneut die Frage, wessen Herz bricht? Das eines Ehemannes, eines heimlichen Verehrers, der trotz der Hässlichkeit in die Frau verliebt ist oder gar das der Frau? Zumindest gibt es genügend Personen, die wegen einer unglücklichen Liebe oder Lebenssituation weinen möchten. Ob das hier wirklich gemeint ist, wird nicht aufgelöst.

 

Morgenstern ach scheine
Auf die Liebste meine
Wirf ein warmes Licht
Auf ihr Ungesicht
Sag ihr sie ist nicht alleine

Und der Stern will scheinen
Auf die Liebste meine
Wärmt die Brust mir [weht] bebt

Korrektur: Die Brust weht nicht, sie bebt. An dieser Stelle musste ich herzlich lachen. Ich stelle mir gerade wehende Plastik-Möpse am Strand vor. Die haben manchmal etwas Wehendes an sich. Wobei, ein echter großer Busen im vollen Lauf…das überlasse ich nun dem Kopfkino jedes einzelnen.

 

Wo das Leben schlägt
Mit dem Herzen sehen
Sie ist wunderschön

Hier kommt dennoch eine Auflösung und zwar aus der Sicht des Verehrers! Die Bitten wurden bzw. werden erhört. Die Liebste erscheint als Schönheit und dem Liebsten will das Herz in der Brust übergehen vor Glück, Liebe und gar Begierde. Die letzten Zeilen sind dann die wahre Betrachtung und ein Apell zugleich, nämlich den Menschen bzw. das Gegenüber mit dem Herzen zu betrachten, also mehr sehen als nur die Äußerlichkeiten und diese „mehr“ ist für den richtigen Betrachter wunderschön.

 

 

Für mich vereint dieses Lied viele Gedanken und Ideen in sich. Es ist eine echte Erzählung, ein gesungenes Märchen. Dabei fällt mir immer Andersens Märchen vom hässlichen Entlein ein oder Aschenputtel, wenn die Stiefschwestern und die Stiefmutter ihr sagen, dass sie dreckig und hässlich ist und sich ein Prinz für sie niemals interessieren wird. Aschenputtel trifft den Kern des Liedes nicht, da es um Äußerlichkeit geht, aber spiegelt wider wie andere Menschen ihre Mitmenschen betrachten. Auch an das Märchen vom Kleinen Prinzen und seiner Rose erinnert vor allem die letzte Strophe des Liedes, denn in jener Geschichte heißt es schließlich „Man sieht nur mit dem Herzen gut.“

 

Ob der Morgenstern hier doppeldeutig ist, lasse ich dahingestellt. Diese Wortwahl lädt zu Spekulationen ein, allerdings meint Lindemann hier sicherlich die Venus und nicht den Teufel. Wobei ein Pakt mit dem Teufel ebenfalls eine charmante Auflösung sein könnte. Der Verkauf der Seele für äußerliche Schönheit. Abwegig und ein neuer Gedanke wäre das jedenfalls nicht.

 

Mir persönlich gefällt die Vorstellung einer Dreiecks-Beziehung oder die einer unglücklichen Liebe. Eine Frau, die dem ersten Anschein nach keine Schönheit ist, aber charakterlich oder vom Wesen her bezaubernd, ist an einen Mann gebunden, der nur auf Äußerlichkeiten aus ist. Ein anderer hingegen verehrt das, was auf den ersten Blick unerkannt bleibt und schmachtet sie heimlich an ohne, dass sie es weiß. Sie hingegen findet sich selbst hässlich, wegen der offiziellen Bindung. Hach, ein Stoff für eine emotionale Liebesgeschichte. Schade, dass ich selbst keine schreibe.

 

Funfact: Falsch übersetzter Songtext wird bei Google angezeigt und mit Copyright versehen. So entstehen Mythen und Legenden der Neuzeit. Manchmal bin ich sehr froh, dass ich CDs besitze mit Papier, auf dem die Liedertexte abgedruckt sind.

Quelle: Google

 

Hinweis: Der hier wiedergegebene Songtext und die Bilder von diesem Songtext sind urheberrechtlich geschützt. Sämtliche Rechte liegen bei der Band Rammstein bzw. den gesetzlichen Vertretern.

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