AUERHAUS

Bov Bjerg

Wir haben immer so getan, als ob das Leben im AUERHAUS schon unser richtiges Leben wäre, also ewig. Frieder sagte: „Du hast die Augen zu und treibst auf deiner Luftmatratze, ein sanfter Wind weht und du denkst, geil, jetzt lebe ich für den Rest meines Lebens hier in dieser Lagune, in der Südsee. Und dann machst du die Augen auf und merkst, es ist bloß ein Nachmittag am Baggersee, und zack ist der auch schon vorbei.“

 

Als Höppners Freund Frieder nach einem Selbstmordversuch in die geschlossene Psychiatrie kommt, besucht er ihn fast täglich. Zusammen büffeln sie aufs Abi und lernen dort die schöne Pauline kennen, die wegen Brandstiftung „einsitzt“. Nachdem die Ärzte Frieder anraten, von zu Hause auszuziehen, entscheidet sich Höppner ebenfalls in das alte Haus von Frieders Onkel zu kommen. So kann er zumindest dem Freund seiner Mutter entfliehen, mit dem er sich überhaupt nicht versteht. Auch seine Freundin Vera, mit der er noch nie geschlafen hat, nimmt sich in der WG ein Zimmer. Ihre gemeinsame Klassenkameradin Cäcilia, aus reichem Elternhaus, gesellt sich dazu. Irgendwann taucht Frieders Freund Harry auf, der mit Gras dealt. Das Haus ist voll.

Zwischen Beziehungsgeschichten, Lernen aufs Abi, Musterung und der Frage nach dem Selbstmordversuch Frieders versuchen die Jugendlichen ihr Leben zu bestreiten. Dabei machen sich Vera und Frieder zum Hobby, die WG mit Diebstählen über Wasser zu halten, während Höppner auf einer Hühnerfarm jobbt und Harry eine Ausbildung als Elektriker in Stuttgart macht. Alles scheint wunderbar zu laufen, bis eines Tages die Polizei in der Küche steht und Höppner nicht mehr an der Einberufung vorbeikommt.

Perspektivlosigkeit, Angst vor dem Versagen und der Einsamkeit, Suchen nach Vorbildern und wie das Erwachsenenleben tatsächlich funktioniert sind Themen dieses Jugendbuches, das in einem sehr einfachen Schreibstil gehalten ist. Zur dargestellten Altersgruppe passt es dennoch, wenn man die 80er miterlebt hat. Dies ist auch ein Grund, warum sich dieses Buch schnell durchlesen läßt.
Beinahe nebenbei und oberflächlich schildert Bjerg die Ereignisse, als seien sie gar nicht so wichtig. Ohne Gedanken an die Auswirkungen und Folgen ihres Handelns agieren seine Figuren und sind damit unwahrscheinlich nahe am wahren Leben. Eine Identifikation mit den Charakteren fällt daher nicht besonders schwer, denkt man an die eigene Jugend zurück.
Dabei bleibt der Autor ausgesprochen unpolitisch, was eigentlich gar nicht zu den 80ern passt. So macht das Buch eher den Eindruck, als würde lediglich eine Dorfidylle durch den Selbstmordversuch eines Bauernjungen etwas aus den Fugen geraten. Da hilft der kiffende und sich prostituierende Harry, der in der Großstadt Stuttgart eine Lehre macht, auch nicht weiter. Auch nicht die seltsame Beziehung zwischen dem Protagonisten und Vera. Und die wirklich verrückte Pauline, die Frieder in der Geschlossenen kennenlernt, gibt der Erzählung eher etwas Skurriles denn Tiefgründiges.

2019 ist das Buch verfilmt worden und rangiert bei IMDb bei einer Bewertung von 5,9 – das ist kurz vor mies.

 

Eigene Meinung

Ob das Buch die Tristesse schildert oder den Gedanken an Selbstmord, den fast die Mehrheit aller Jugendlichen irgendwann einmal haben, gut darstellt, mag ich zu bezweifeln. Hierbei hat mich die Bezugnahme auf Goethes Werther schon eher auf die Palme gebraucht, anstatt mich an Tiefgründigkeit denken zu lassen. Sicherlich träumen viele davon, auf tragische Weise in der Zeitung zu landen. Was werden dann Freunde und andere Bekannte, Schulkameraden und Lehrer sagen? Wer sich an das eigene Teenie-Alter erinnert, dem fallen dazu sicherlich eigene Phantasien ein. Von Depressionen und Selbstmord sind wir da jedoch sehr weit entfernt.

Unabhängig von Sensitive Reading empfinde ich bei diesem Buch zum ersten Mal das Gefühl, hier wurde ein Thema so plump behandelt, dass man es grandios abfeiern muss. Anders kann ich mir den Erfolg dieses Buches nicht erklären. Vielleicht bin ich aber einfach nur zu alt.

Nervig war beim Lesen, dass der Autor andauernd meinte, den Protagonisten denken zu lassen, irgendwelche Namen und Aussagen würden wie Bandnamen klingen. Den in manchen Rezensionen angesprochenen schwarzen Humor habe ich in diesem Buch nicht gefunden.

Eine brauchbare Botschaft habe ich nicht gefunden. Außer, dass es im Leben kein wirkliches Happy End gibt, und Menschen in einer Gemeinschaft wohl glücklicher sind, vorausgesetzt diese Gemeinschaft basiert auf Freundschaft und Wohlwollen. Ob man das Heranwachsenden in der Form mitgeben will, kann und sollte leidenschaftlich diskutiert werden.

Fazit: Ein durchschnittliches und nettes Buch für Jugendliche ab 16. Kann, muss man aber nicht lesen.

 

 „…Suizid, das klang nach einer Krankheit, dachte ich. Oder nach einer Medizin…“

„…Die klügsten und freundlichsten Frauen hatten die dümmsten Arschlöcher zum Mann…“

„…Und wenn einem auf einmal der Sinn des Lebens klar wurde, dann war das der beste Witz überhaupt…“

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